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Montag, 30. Juli 2018

Wie man Konflikte berechnen und ihren Verlauf vorhersagen kann

Man stelle sich vor, die Versprechen des Predictive Policings ließen sich auf ganze Staaten, Regionen, ja einen ganzen Kontinent ausdehnen. Voilà, Willkommen bei ViEWS. 

So oder so ähnlich könnte ein Werbeteaser der Forschergruppe an der schwedischen Universität Uppsala lauten. Diese haben im Rahmen eines Projektes ein Modell entwickelt, welches - zur Zeit nur für den afrikanischen Kontinent - Konflikte vorhersagen soll. Dabei geht es um die Frage des Ob, aber auch um das Wie, also wie sich ein Konflikt entwickelt und welche Intensität zu beobachten ist. Das stellt sich dann für den Juli 2018 zum Beispiel folgendermaßen dar:


Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen möglichst viele Variablen, die Aussagen über die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts und den potentiellen Verlauf zusammenzutragen und zu systematisieren, damit diese dann ausgewertet werden können:
Nils Weidmann von der Universität Konstanz ist selbst nicht an dem Projekt beteiligt, von dessen Methodik aber ist er überzeugt: "Die Innovation in ViEWS ist, dass die Vorhersage auf die subnationale Ebene heruntergeht. Also man schaut sich nicht das Risiko für ein gesamtes Land an: Erfährt dieses Land jetzt in der Zukunft einen Bürgerkrieg, ja oder nein? Sondern es geht um ganz spezielle regionale Vorhersagen."
Grob gesagt betrachtet die Gruppe folgende Variablen: Historischer Konfliktverlauf, Politische Institutionen, Wahlen, wirtschaftliche Entwicklung, Ressourcen, Demographie und geographische Konfliktanfälligkeit (der Region).


Quelle beider Grafiken: Screenshot pcr.uu.se

Natürlich stellt sich die Frage, wie "verlässlich" das System ist und wie nützlich die Vorhersagen sein können. Die WissenschaftlerInnen geben zu, dass die Prognosefähigkeit noch beschränkt sei. Doch gebe es zwei wichtige Erkenntnisse. Zum einen reflektiere das System sehr gut die jeweiligen spezifischen geographischen Gegebenheiten. So habe beispielsweise die Gewalt in Nigeria Auswirkungen auf die Konfliktwahrscheinlichkeit in Kamerun. Zum anderen zeigt sich, wie hartnäckig Strukturen organisierter Gewalt in afrikanischen Staaten seien. Es sei davon auszugehen, dass diese "major conflict clusters" in den kommenden drei Jahren weiterhin Konflikte produzieren werden.

Sonntag, 5. März 2017

Nigeria: Fehlende Finanzierung untergräbt regionale Stabilität noch weiter

1,8 Prozent. Das ist der Anteil am Humanitarian Response Plan der UN für Nigeria, der zur Zeit finanziell gesichert ist. 1,8 Prozent. Trotz aller Debatten um die Bekämpfung von Fluchtursachen, Migrationskontrolle oder besserer Unterstützung bei der inneren Entwicklung tun sich die internationalen Geber schwer angemessen auf Krisen zu reagieren - sowohl was die rechtzeitige Bereitstellung als auch auch die Höhe angeht. 

Quelle: UN OCHA Nigeria

Aktuell sind fast zwei Millionen Menschen auf der Flucht, 200.000 haben Zuflucht in den Nachbarländern der volatilen Region gesucht.

Ist eine eine auskömmliche Ausstattung nicht gesichert, birgt das auch sicherheitspolitische Gefahren. In Nigeria zum Beispiel leben hunderttausende Menschen leben nahezu isoliert, bewaffnete Gruppen können kaum gestört agieren. Solche unkontrollierten Rückzugsräume sind besonders in der Region des Tschadsees gefährlich, weil potentiell nicht nur Boko Haram, sondern auch andere militante Gruppen (aus dem Tschad oder Niger) diese nutzen könnten. Und auch in Sachen Fluchtursachen und Konfliktvermeidung wirft die aktuelle Situation kein gutes Licht auf die internationale Diplomatie. IP (Die Zeitschrift der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.) schrieb schon Anfang 2016:
"Noch immer haben die Regierungen der Region keinerlei Strategie gegen die Ursachen der Radikalisierung. Nach Jahrzehnten politischer Korruption, schwelender Missstände und schlechter Grundversorgung haben sich viele Bürger enttäuscht von der Regierung abgewendet. Das rapide Bevölkerungswachstum und Umweltschäden verschlimmern die Lage noch, verstärken die bestehenden sozialen Spannungen und treiben viele Menschen in die Flucht."
Mehr Hintergrunde hier.

Mittwoch, 21. September 2016

Konfliktbearbeitung: Risiko Unterfinanzierung

Die Tagesschau berichtete in den vergangenen Tagen von der humanitären Situation in der Region des Tschadsees, vor allem auf der nigerianischen Seite. 
Die Sicherheitslage erlaubt es immer noch nicht, Hilfskonvois, Ärzte und Helfer dorthin zu schicken. Was an Informationen verfügbar ist, stammt zu einem großen Teil aus Erzählungen der Vertriebenen. Sie berichten von Gewalt, von Mord, Vergewaltigung, Krankheit und vor allem von Hunger.
[...]
Die humanitäre Katastrophe ist keineswegs auf den Nordosten Nigerias beschränkt. Die Nachbarstaaten Niger, Kamerun und Tschad sind ebenso betroffen. Und die Krise ist auch nicht ausschließlich Folge des Terrorismus. Der Klimawandel lässt den Tschadsee austrocknen. Dadurch fehlt Wasser auf den einst fruchtbaren Feldern, die Nahrungsmittelproduktion reicht einfach nicht mehr aus.
Die ist mittlerweile so zäh und anhaltend, dass auf UN-Ebene Vertreterinnen und Vertreter vor den Folgen warnen. Für eine angemessene und zeitnahe Reaktion ist es jedoch schon zu spät:

Das Ganze wird aufgrund der weiterhin fehlenden Aufmerksamkeit und der damit verbundenen mangelnden Bereitstellung an Mitteln besonders dramatisch. Seit der Entführung der nigerianischen Schulmädchen (die Erste!) sind fast zweieinhalb Jahre vergangen, seitdem werden das Phänomen Boko Haram und die Folgen der Gewalt durch die Milizen und durch das Militär kaum mehr medial oder öffentlich widergespiegelt. Ein Blick auf die aktuellen Finanzierungsziele der UN-Agentur OCHA macht die Folgen deutlich:


Screenshots UN OCHA

Je nachdem, welche Zahlen man betrachtet, schwanken die zugesagten Mittel zwischen 22 (Humanitärer Reaktionsplan) und 54 (Gesamtfinanzierung) Prozent der tatsächlich benötigten Höhe. Egal was man betrachtet, es ist sicher keine auskömmliche Ausstattung um mehr als das Nötigste zu leisten. Das bringt sicherheitspolitische Gefahren mit sich. Hunderttausende Menschen leben nahezu isoliert, bewaffnete Gruppen können kaum gestört agieren. Solche unkontrollierten Rückzugsräume sind besonders in der Region des Tschadsees gefährlich, weil potentiell nicht nur Boko Haram, sondern auch andere militante Gruppen (aus dem Tschad oder Niger) diese nutzen könnten. Und auch in Sachen Fluchtursachen und Konfliktvermeidung wirft die aktuelle Situation kein gutes Licht auf die internationale Diplomatie. IP schrieb schon Anfang 2016:
Noch immer haben die Regierungen der Region keinerlei Strategie gegen die Ursachen der Radikalisierung. Nach Jahrzehnten politischer Korruption, schwelender Missstände und schlechter Grundversorgung haben sich viele Bürger enttäuscht von der Regierung abgewendet. Das rapide Bevölkerungswachstum und Umweltschäden verschlimmern die Lage noch, verstärken die bestehenden sozialen Spannungen und treiben viele Menschen in die Flucht.

Dienstag, 16. Februar 2016

Africa is a country: Die Münchner Sicherheitskonferenz verharrt in alten Mustern


So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein. Zum Abschluss der Münchner Sicherheitskonferenz stand der afrikanische Kontinent im Mittelpunkt. Sollte im Mittelpunkt stehen. Doch geostrategische Erörterungen wie zu Syrien standen - wie zumeist und natürlich nicht zu unrecht - weiter oben auf der Agenda.



Dennoch kam der Tagesspiegel zu dem Schluss: "Auch wenn der Saal während der Diskussion halb leer war – am Rande der Konferenz war beispielsweise Libyens Zukunft auf höchster transatlantischer Ebene Thema. Auch für Deutschland hat das Thema mit Blick auf Terror und Flüchtlinge inzwischen hohe Priorität." Die Tagesschau zählte ebenfalls die Teilnehmer bei den Podiumsdiskussionen: "Wenn in München bei der Sicherheitskonferenz im großen Saal über Fluchtgründe in Afrika gesprochen wird, dann interessiert das allerdings kaum jemanden. Nur wenige Stühle sind besetzt."

 Eine Zahl - zwei Interpretationen. Zählt also das allgemeine Interesse? Oder ist die Qualität der Diskussionen wichtiger? Die SZ schreibt: "Zum ersten Mal bei der Münchner Sicherheitskonferenz ist Afrika Teil des Hauptprogramms. Allerdings soll es vor allem um Probleme gehen, die westliche Sicherheitsinteressen berühren: islamistischer Terror und Migration. "

Das trifft es ganz gut und verdeutlicht das gesamte Dilemma einer solchen Veranstaltung. Letztlich wird - unabhängig von den realen Notwendigkeiten - immer von den immer gleichen Akteuren über die immer gleichen Gruppen diskutiert. Es soll um Fluchtursachen und den Kampf gegen Terrorismus gehen. Dass es hier keine Fortschritte geben kann, wenn die immer gleichen Strategien und Wege besprochen werden, fällt selten auf.

Denn es gilt schon als Ausweis einer tieferen und kritischen Analyse, wenn die schlechte Regierungsführung angeprangert und deren Akzeptanz durch die westlichen Staaten nachgewiesen wird. Eine solche Einschätzung ist sicher zutreffend, geht aber an den eigentlichen, tiefer liegenden, Problemen vorbei. Nachhaltige Entwicklung, die breiten Gesellschaftsschichten dienen kann, findet nicht statt. Auch wegen Korruption und Missmanagement, aber vor allem aufgrund der anhaltenden asymmetrischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, der dauerhaften Nichterfüllung entwicklungspolitischer Zusagen, viel zu späten Reaktionen bei Hunger und Naturkatastrophen, die manche Länder um Jahre zurückwerfen, der schleppenden zivilen Konflikt(nach-)bearbeitung und dem Versuch den Problemen mit noch stärkerer Liberalisierung zu begegnen.

Eine Mischung, die zu denken geben sollte. Eine Mischung, die bei dem so oft gehörten Mantra “Bekämpfung der Fluchtursachen” im Kopf sein sollte und eine Analyse, die eigentlich zu einer echten Neuausrichtung der Politik führen müsste.

Dienstag, 2. Februar 2016

De Maizière vs. Realität: "Kein Grund, Flüchtling zu werden"



"In unsichere Gebiete solle nicht abgeschoben werden. Aber: "Wir wollen dann in sichere Bezirke diese Rückführung durchführen", betonte der CDU-Politiker. "Aber ich muss auch eines sagen: Wir wollen bleiben. Wir, ist die internationale Völkergemeinschaft. Soldaten und Polizisten. Deutsche Soldaten und deutsche Polizisten, damit die Sicherheit in Afghanistan besser wird. Und wenn wir bleiben, dann können wir auch erwarten, dass die Afghanen in ihrem eigenen Land bleiben." Insgesamt könne man nicht 150.000 Flüchtlinge aus Afghanistan in Deutschland akzeptieren. Zudem kämen viele Betroffene aus sicheren Gebieten etwa im Norden des Landes. "Es geht für diese Menschen nicht um mehr Sicherheit, sondern um mehr Wohlstand. Das ist verständlich, aber kein Grund, Flüchtling zu werden", sagte de Maizière dem heute journal."

Mali‬ soll nach dem Willen der CSU ebenso sicherer Herkunftsstaat werden wie ‪‎Nigeria‬. Es könnten ähnliche Besuche bevorstehen.

Montag, 26. Oktober 2015

Boko Haram: Eine unendliche (Leidens-)Geschichte

17.000 Tote, 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht: Boko Haram kämpft seit sechs Jahren für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias. Die Armee bekommt die Situation nicht in den Griff und ist selbst an schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Mittlerweile hat der Konflikt auch die gesamte Region in Mitleidenschaft gezogen. 

Nun wurden am vergangenen Freitag bei Anschlägen auf zwei Moscheen fast 60 Menschen getötet. Die Anschläge ereigneten sich im Nordosten Nigerias. Zuerst in Maiduguri, dort töteten Selbstmordattentäter mindestens 28 Menschen, wenige Stunden später explodierte im etwa 1.500 Kiloemter entfernten Yola, in Zentralnigeria, eine Bombe und tötete mindestens 27 Menschen.


Doch nicht nur Nigeria wird von dem mittlerweile fünf Jahre alten Konflikt gebeutelt. Die gesamte Region leidet unter der bewaffneten Gruppe, die je nach Verfolgungsdruck durch die staatliche Armee in die Nachbarländer ausweicht und Tausende Menschen in die Flucht treibt. Vor allem im Tschad ist die Situation gerade besonders schwierig und wird als am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise Afrikas bezeichnet.


Kamerun, Niger und eben der Tschad, all diese Länder wurden bereits von Selbstmordattentätern und bewaffneten Milizen angegriffen. Auch weitere Staaten Westafrikas drohen in die Auseinandersetzung hineingezogen zu werden.

Social Media-Phänomen und Ausdruck der Hilflosigkeit: Am sichtbarsten war der Konflikt in Nigeria und den Nachbarstaaten vor allem in sozialen Medien unter dem Hashtag #BringBackOurGirls - Photo Credits: See Li, via flickr.com

Mehrere Gesprächsangebote beider Seiten wurden jeweils zurückgewiesen und die Gewaltspirale dreht sich also weiter. Brunnen werden vergiftet, Frauen und Kinder entführt, Viehherden getötet: in den Nachrichten tauchen diese Ereignisse kaum noch auf. Spätestens seit der spektakulären Entführung Hunterter Kinder und dem anschließenden Social Media-Hype, ist eine umfassende Ruhe in der Berichterstattung eingekehrt.

Freitag, 2. Oktober 2015

Seit Jahresbeginn 3500 Tote durch Boko Haram

46 Menschen wurden bei einem Anschlag auf einen Markt in der Stadt Jos am 20. Mai 2014 getötet. Mehr als ein Jahr danach ist ein Ende der Gewalt nicht abzusehen. Photo Credits: Diariocritico de Venezuela, via flickr.com

Täglich angeblich neue Erfolge der Armee, dennoch steigen die Opferzahlen immer weiter. Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit kämpft die nigerianische Armee gegen die Gruppe Boko Haram, die schon lange nicht mehr nur innerhalb der Grenzen des Landes operiert. 3.500 Menschen sind den Anschlägen und bewaffneten Überfällen in diesem Jahr bereits zum Opfer gefallen. Mitte Juli wurde der bisherige Befehlshaber der Armee entlassen. Dabei ging es auch um die regelmäßigen Übergriffe von Regierungssoldaten auf die Zivilbevölkerung. Die sehen sich schon lange von der wahllosen Gewalt der Extremisten und der Rücksichtslosigkeit der Regierungstruppen bedroht. Substantielle Veränderungen gab es bisher nicht und ein Ende des Konflikts schon lange in weite Ferne gerückt.

Sonntag, 11. Mai 2014

Kosten der Piraterie vor Westafrika und Somalia





Samstag, 23. November 2013

Eskaliert der Boko Haram-Konflikt noch weiter?

Vergangene Woche wurde die nigerianische Gruppe Boko Haram offiziell vom US-Außenministerium als Foreign Terrorist Organization eingestuft. Dieser Schritt kommt nur wenige Monate nach dem die nigerianische Regierung verkündet hatte, Boko Haram sei "zerschlagen" worden. Später wurde ein Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet. Schon dies zeigt die Widersprüchlichkeit im Umgang mit dieser Sicherheitsherausforderung. Seit dem häuften sich aber die Anschläge der Extremisten. Die Klassifizierung als FTO könnte bald auch Folgen für den Anti-Terror-Kampf der USA haben:
While the US and Nigeria have said they do not expect US troops or drones to be deployed, such thinking will immediately change if Boko Haram cultivates provable links with al-Qaeda or other radical affiliates.While the US and Nigeria have said they do not expect US troops or drones to be deployed, such thinking will immediately change if Boko Haram cultivates provable links with al-Qaeda or other radical affiliates.
Die Gruppe operiert vor allem im Nordosten des Landes und kontrollierte dort ganze Landstriche. Die Armee ist nun zwar massiv vor Ort, Anschläge verhindern konnten sie jedoch auch nicht. Zwischen 2009 und 2012 verübte die Gruppe 552 Anschläge, bei denen 1932 Menschen getötet wurden.


Quelle (alle Abbildungen): START - GTD

Wie bei vielen Konflikten in Afrika, so hat auch dieser eine regionale Komponente. Die militanten Kämpfer weichen bei Offensiven der Armee einfach in schlechter zu kontrollierende Gebiete zurück, auch über Grenzen hinweg:
Für die Armee ist die hohe Flexibilität von Boko Haram ein großes Problem, so Armeesprecher General Ibrahim Attahiru: "Sie sind mobil, können sich nach Kamerun absetzen und dann wieder kommen. Man muss verstehen, wie diese Aufständischen operieren." Genau davor hatten verschiedene Beobachter in den vergangenen Monaten immer wieder gewarnt, dass sich durch die Verhängung des Ausnahmezustands das Problem nun verlagern würde.

Auch bei weiteren Aspekten lassen sich Parallelen zu anderen Konflikten ziehen. So gab es im Oktober Berichte über massive Misshandlungen von Boko Haram-Mitgliedern in Gefängnissen. Ähnlich wie bei der ägyptischen Muslimbrüderschaft in den 1950er-Jahren besteht dadurch die Gefahr einer zusätzlichen Radikalisierung und Rekrutierung von neuen Mitgliedern:
Häftlinge seien an Hunger und Erschöpfung gestorben oder in den überfüllten Einrichtungen erstickt. Andere seien in Haft geschlagen oder bei Verhören angeschossen worden und mangels medizinischer Versorgung an den Folgen der Mißhandlungen gestorben. Auch von Erschießungen berichteten ehemalige Gefangene. Einem Militärangehörigen zufolge gebe es Zeiten, »in denen jeden Tag Menschen hinausgebracht und getötet werden«. Im Durchschnitt würden täglich fünf Inhaftierte ermordet, heißt es in dem Bericht.
Die Angriffe der Gruppe richten sich mehrheitlich gegen Regierung und Armee, 45 Prozent der Angriffe hatten einen solchen Hintergrund. Doch auch Schulen und religiöse Würdenträger stehen im Visier der Gruppe, ohnehin sind die Mehrzahl der Opfer Zivilisten.


Die Chancen für einen Dialog stehen also schlecht. Die Regierung will das Problem offenbar militärisch lösen und begrüßt die Unterstützung der USA. Doch so leicht wird sich Boko Haram nicht bekämpfen lassen, auch weil ihre Finanzierungsquellen eng verknüpft sein sollen mit dem Internationalen Organisierten Verbrechen. Der World Drug Report zeigt, dass Westafrika ein bedeutender Umschlagplatz für illegale Waren aller Art ist. So verlaufen beispielsweise wichtige Handelsrouten für Kokain durch die Region

Quelle: UNODC World Drug Report, S. 70.

Hintergründe zum aktuellen Vorgehen der nigerianischen Regierung und zu Boko Haram an sich, zeigt folgende Reportage vom Mai 2013:


Donnerstag, 21. November 2013

Die tödlichsten Terrorgruppen der Welt

Bei der Frage nach den gefährlichsten terroristischen Gruppierungen tauchen erwartungsgemäß die afghanischen Taliban an erster Stelle auf. Der alltägliche Kampf mit den nationalen Sicherheitskräften und Soldaten der multinationalen Armee und regelmäßige Anschläge summierten sich im Untersuchungszeitraum von 2009 - 2012 auf mehr als eine Attacke pro Tag, bei denen im Schnitt mehr als drei Menschen getötet wurden. Zumeist Zivilisten.

In Pakistan gab es deutlich weniger Angriffe, alle fünf Tage einen, dabei wurden jeden Tag zwei Menschen getötet. Während nach diesen Zahlen in Afghanistan also bei jedem Taliban-Angriff etwa drei Menschen ums Leben kamen, waren es in Pakistan bei Attacken der TTP mehr als Sieben.


Quelle: START-GTD

Die vom US-Außenministerium neu als terroristische Organisation eingestufte Gruppe Boko Haram (inkl. der Splittergruppe Ansaru) tötete im Schnitt knapp vier Menschen pro Attacke, während Aktionen der kolumbianischen FARC jeweils "nur" etwa ein Opfer forderten. Ähnlich gefährlich wie die pakistanischen Taliban sind die militanten Gruppen, die im Irak operieren. Al Qaida im Irak und ISI töteten zusammengenommen ebenfalls knapp sieben Menschen pro Anschlag.

Insgesamt töteten die zehn aufgeführten Gruppen mit 5711 Aktionen innerhalb von drei Jahren 17766 Menschen. Damit wurden im Schnitt pro Tag etwa vier Anschläge verübt, bei denen 12 Menschen getötet wurden. Berücksichtigung fanden nur solche Gruppen, die nach der Global Terrorism-Database als terrorist group klassifiziert wurden.

Auffällig ist, dass die Gruppen allesamt in Konfliktgebieten operieren und ein bestehendes Machtvakuum für sich zu nutzen wissen. Eine gewisse Ausnahme bilden die indischen Maoisten, allerdings nutzen auch diese schlecht entwickelte Gebiete, um Sicherheitskräfte anzugreifen oder ihre Ideologie zu verbreiten. Die ideologische bzw. religiöse Orientierung spielen beim Grad der Gefährlichkeit eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn gerne das Gegenteil aus solchen Zahlen geschlussfolgert wird. Denn sieben der zehn Gruppen berufen sich auf eine islamistisch-extremistische Ideologie, fünf von zehn operieren im Nahen und Mittleren Osten.

Warum diese Sichtweise zu kurz greift, verdeutlicht folgender Artikel aus The Economist vom 18.11.2013:
Even if religion is not the main cause of conflict, nothing keeps conflict on the boil like a dose of fiery religious rhetoric.
[...]
People of broadly the same religion who disagree over theology are not doomed to fight. But if they do fight, theological difference gives their disputes an extra-sharp edge. At least in a metaphorical sense and sometimes in a physical one, rival interpretations of the same religion are competing for the same space.
Der Artikel macht auch deutlich, dass das Potential während bereits bestehenden Konflikten sehr groß ist, dass Religion instrumentalisiert wird. Oftmals sind andere Konfliktfaktoren einfach nur weniger sichtbar und lassen Beobachter dann die einfachste Erklärung für Auseinandersetzungen wählen.

Montag, 26. August 2013

Opferzahlen des Boko Haram-Konflikts in Nigeria

Seit 2009 wurden mindestens 1.700 Menschen getötet. Boko Haram kämpft mit Gewalt gegen die nigerianische Regierung und hat im Norden des Landes zahlreiche Anschläge verübt. Die fehlende Sicherheitsstrategie der Zentralregierung und starke sozio-ökonomische (als ethnisch und religiös gelabelte) Konflikte verstärken die Gewalt. Nicht nur den Extremisten, auch den nigerianischen Sicherheitskräften werden massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Alleine im Juni 2013 flohen mehr als 6.000 Menschen aus den betroffenen Regionen. Darunter befinden sich nicht nur Bürger Nigerias, sondern auch Flüchtlinge aus umliegenden Krisenregionen, die nun erneut flüchten müssen. 

Donnerstag, 24. Januar 2013

Infografik: Repräsentation von Konflikten in der medialen Berichterstattung

Infografiken sollen Big Data zugänglich und anschaulich machen. Es gibt Hunderte Beispiele gelungener Grafiken, ob die Folgende eins ist, sei mal dahingestellt.

Die Grafik soll jedenfalls auf Konflikte hinweisen, welche nicht vergessen, aber doch von den Medien in ihrer Bedeutung ignoriert werden. Denn auch wenn man von jedem Konfliktgebiet schon einmal etwas gehört hat, heißt dies nicht, dass es keine aktuellen und relevanten Nachrichten gäbe:
 

Der genaue Hintergrund ist folgender: auf conflictmap.org lassen sich aktuelle Konflikte darstellen und ein News-Feed dazu abrufen. Die Seite bewertet sowohl die Häufigkeit der Berichterstattung, als auch die Schwere des Konflikts (HIIK-Index). Bei allen oben dargestellten Länder lässt sich nach dieser Aufstellung eine Kluft zwischen Schwere des Konflikts und der medialen Aufmerksamkeit feststellen (Schwere "höher" als Berichterstattungshäufigkeit).

Der Iran nimmt mehr Raum in der Berichterstattung als alle anderen Konflikte zusammen

Um dies etwas standardisierter darzustellen, wurden alle Überschriften zum jeweiligen Konfliktgebiet vom 01. - 23. Januar 2013 erfasst und die Wörter gezählt. Auch wenn es natürlich kürzere oder längere Überschriften gibt und auch die Medienauswahl auf der Seite eine verzerrende Tendenz haben kann, lässt sich trotzdem ein Bild gewinnen.

Vergleicht man nämlich die Berichterstattung zu Mexiko, Syrien, Jemen, Nigeria, Südsudan, Darfur und Myanmar, so liegt die Gesamtzahl der Wörter in den im Untersuchungszeitraum erschienenen Überschriften unter der Anzahl der Artikelüberschriften zum Iran im selben Zeitraum. Während in allen anderen Gebieten nahezu täglich Menschen getötet werden, oder fliehen müssen, ist der Konflikt um das Atomprogramm Iran zwar kein unbedeutendes, aber eben auch kein heißes Thema (je nach Umfrage wären ca. 60 Prozent der Iraner ohnehin bereit das Programm zur eigenen Urananreicherung aufzugeben, um die internationalen Sanktionen zu beenden). 

Diese Gewichtung zeigt deutlich, dass zum einen der Neuigkeitswert (2011/2012: Syrien, Myanmar) eine Rolle spielt. Manche Konflikte werden schnell langweilig, da sie unübersichtlich sind, oder Phasen niedriger Konfliktintensität zeigen.

Zum anderen spielt die "Qualität" des Materials, im Sinne, ob es sich zuschauerfreundlich verwerten lässt, eine Rolle. Verstörende Bilder aus Pakistan von Bombenanschlägen sind nach einiger Zeit genauso schwierig zu verwerten (die Zuschauer mögen keine expliziten Gewaltdarstellungen, die Nachrichtenauswahl richtet sich danach), wie die dortigen komplexen Konfliktstrukturen. Denn die Auseinandersetzung lässt sich dort nicht nur im Rahmen der Terrorismusbekämpfung erklären, ethnische, religiöse, aber vor allem politische Faktoren spielen gemeinsam eine Rolle.

Alle Quellen auf der Seite sind englischsprachig, die Beobachtung lässt sich also für deutsche Medien nicht ohne weiteres verallgemeinern. Es ist jedoch unstrittig, dass trotz vorhandener politischer und sozialer Unterschieden hinsichtlich der Bedeutungszuschreibung für Meldungen, Medien in Demokratien überall denselben (u.a. wirtschaftlich gesteuerten) Mechanismen der Nachrichtenauswahl und -aufbereitung unterliegen.

Die Festlegung auf das Bild des Iran als Teil der Achse des Bösen und der politischen Führung als religiöse irrationale Hardliner, hat wahrscheinlich in den meisten westlichen Demokratien die Deutungshoheit erlangt.

40 Prozent aller Binnenvertriebenen stammen aus den untersuchten Ländern

Um weiter zu verdeutlichen, dass die Konfliktgebiete eine Rolle spielen (sollten), wurde der Anteil der Internally Displaced Persons (IDPs), also der Binnenvertriebenen, aus den dargestellten Ländern in Beziehung zur Gesamtzahl gesetzt. Ergebnis: In diesen acht Konfliktgebieten leben 40% aller IDPs.

Vollständig machen die Grafik einige wenige Informationen zu den jeweiligen Konfliktgebieten. Die Angaben zu Pakistan stammen aus dieser Quelle, zu Myanmar aus dieser, der Rest sind relativ bekannte Angaben oder UN-Statistiken.

Montag, 3. Mai 2010

Im nigerianischen Niger-Delta nehmen die Unruhen wieder zu - Anschlag auf Öleinrichtungen und Entführungen verdeutlichen Gefahr


Im November 2009 schien in Nigeria wenigstens ein Konflikt einer Lösung nahe zu sein. Im ölreichen Niger-Delta kämpften seit Jahren bewaffnete Gruppen gegen die Ausbeutung der ressourcenreichen Region, aber auch auf eigene Rechnung, um Gewinne aus der Kriegswirtschaft einzustreichen. Der Diebstahl von Öl, die Entführung von Mitarbeitern und Anschläge auf Pipelines gehörten zum Alltag. Eine Amnestie sollte alles ändern. Zusammen mit einem Entwicklungsprogramm, welches den dort lebenden Menschen wirtschaftliche Teilhabe an den Bodenschätzen zu ermöglichen. Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Und es wird immer deutlicher, dass sowohl fehlender politischer Wille, Korruption und zahlreiche, weiterhin existierende Rebellengruppen einen Frieden unmöglich machen.

stratfor.com

Nachdem für einige Monate relative Ruhe eingekehrt war und die größte Gruppe, das Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) einer Entwaffnung zustimmte, kommt es in den vergangenen Wochen vermehrt zu Zwischenfällen. Im Bundesstaat Rivers griffen Kämpfer des Joint Revolutionary Council (JRC), der Dachorganisation der militanten Kämpfer, am Samstag eine Einrichtung von Shell an. Dies sei nur der Auftakt einer großen Offensive, sagte ein Sprecher. Ziel sei die Unabhängigkeit des Bundesstaates. Die lokale Regierung beschuldigte im Gegenzug die Rebellen keine politischen Ziele zu vertreten. Die wahren Rebellen hätten ihre Waffen längst niedergelegt.

Doch nicht nur in Rivers wächst die Unruhe. Im Staat Delta wurden am Sonntag sieben staatliche Mitarbeiter eines Wiederaufbauprojekts entführt. Grund sollen lokale politische Streitigkeiten sein. In der Hauptstadt von Bayelsa, Yenagoa, explodierte am Sonntag eine Autobombe nahe eines Gästehauses des Vize-Gouverneurs. Auch hier geht es um die Verteilung der politischen Macht. Auch wenn kein direkter Zusammenhang zwischen den Vorfällen besteht, so zeigen sie doch, dass die Politik der Zentralregierung zur Befriedung des Gebietes bislang kaum Erfolge zeigt. Weder den Rebellen, noch den politischen Akteuren, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, wird auf diese Weise der Boden entzogen.

So könnte aus den einzelnen Vorfällen wieder ein Flächenbrand entstehen. Und die Hoffnung auf einen Neuanfang in dem afrikanischen Land mit seinen 140 Millionen Einwohnern, das trotz seines Ressourcenreichtums auf Platz 158 (von aktuell 182) des HDI-Indexes liegt, vergebens sein. Je knapper die Ressourcen werden und je weniger die lokale Bevölkerung davon profitieren kann, desto wahrscheinlicher ist die Ausweitung der Unruhen im Niger-Delta.

Dienstag, 30. März 2010

In Jos wird nun im Verborgenen getötet - Gaddafi schlägt Teilung Nigerias vor


Der Frieden in Nigeria ist brüchig. Nach Recherchen der Zeitung "This Day" werden auch knapp drei Wochen nach dem Massaker in und um Jos mit bis zu 500 Toten weiter Menschen Opfer der ethnisch-religiösen Spannungen. In der Nacht zum Montag protestierten 400 Jugendliche gegen die Ermordung eines jungen Mannes und wurden von der Armee mit Warnschüssen vertrieben. Immer wieder wurden in den vergangenen Tagen Bewaffnete festgenommen und Mordopfer gefunden. Die Behörden bringen die Fälle mit dem Massaker vom 7. März in Verbindung. Die Armee sucht weiter nach den Drahtziehern des Massenmordes und hat auch in der vergangenen Woche weiter Verdächtige verhaftet. Wenige Tage nach dem Massaker wurden mehr als 350 Menschen verhaftet, doch die eigentlichen Hintergründe bleiben unklar. Religiöse Unterschiede waren zwar für die Täter bestimmend, die Taten an sich rühren aber aus der wirtschaftlichen Ungleichheit und der mangelnden Teilhabe an politischen und wirtschaftlichen Ressourcen her, wie auch Experten bestätigen.

Libyens Führer Muammar Gaddafi schlug währenddessen vor, Nigeria in mehrere Staaten aufzuteilen. Eine bloße Teilung von dem christlichen und muslimischen Teil sei dabei nicht ausreichend. Vielmehr solle der afrikanische Staat dem Modell Jugoslawiens folgen.

Mittwoch, 24. März 2010

Wieder mehr als zwei Dutzend Tote bei Kämpfen in Nigeria


Nach dem Massaker mit Hunderten von Toten in und um Jos in der Plateau-Provinz, sind in der vergangenen Woche dort wieder mindestens 13 Menschen getötet worden. Die meisten Opfer seien Frauen und Kinder. Ein Al Jazeera-Korrespondent sagte, dass eine christliche Gemeinde angegriffen worden sei. Augenzeugen berichteten, dass die Angreifer Uniformen der Armee trugen. Dies wirft neue Fragen zur Rolle der Armee auf, die jede Schuld, oder Verwicklung von sich weist:

 


In einem anderen Teil Nigerias, in der Provinz Ebonyi wurden heute bei Streitigkeiten zwischen zwei Dorfgemeinschaften mindestens 10 Menschen getötet. Vergangene Woche starben bereits vier Menschen bei einem Anschlag. Die Auseinandersetzungen reichen weit zurück, bereits 2007 starben mehrere Hundert Menschen durch Kugeln und Macheten. Der Fehde stehen Polizei und Sicherheitskräfte bis jetzt machtlos gegenüber.

Donnerstag, 11. März 2010

Aufarbeitung in Nigeria nach Massaker beginnt - mehr als 350 Personen verhaftet


Nach den blutigen Unruhen in Nigeria haben rund 3000 Einwohner die Flucht ergriffen. Sie verließen den Teilstaat Plateau im Zentrum des Landes und suchten im benachbarten Staat Bauchi Schutz. Dies teilte Internationale Komitee vom Roten Kreuz und das Rote Kreuz in Nigeria am Donnerstag mit. Nach Ausschreitungen im Januar waren bereits 3800 Einwohnergeflüchtet. Bei schweren Ausschreitungen zwischen Muslimen und Christen waren am Sonntag in mehreren Dörfern in der Nähe der Stadt Jos mindestens 200 Personen getötet worden, die meisten von ihnen Christen. Regierungsvertreter versicherten, dass sich so etwas nie wieder ereignen werde. Angesichts der wachsenden Gewalt wirken diese Versicherungen fast hilflos.

Gouverneur Jonah Jang rief für die kommenden drei Tage eine öffentliche Trauer aus. Er warf auch der Armee vor, seine Warnungen ignoriert zu haben und so eine große Mitschuld an dem Tod vieler hundert Menschen zu tragen Er habe Warnungen erhalten, die er sofort weitergegeben habe, drei Stunden später sei er dann aber über das Massaker informiert worden. Zu den Hintergründen ein kurzes CNN-Interview mit dem Ex-Präsidenten Nigerias Olusegun Obasanjo:


Die nigerianische Zeitung "Daily Trust" schreibt in ihrer Ausgabe vom Mittwoch zu den Gründen der Gewalt:
As trite as this may sound a lasting solution can only come from having a correct understanding of the nature of the crisis. Most analysts, including occasionally this reporter I must admit, have tended to highlight the religious dimension of the crisis. This is understandable because of the overlap between the ethnic and religious identities of the two warring camps, namely the Berom Christian "indigenes" and the Hausa Muslim "settlers."
However, in spite of this overlap, the crisis on the Plateau, as with all crises the world over, is essentially about the control of society's political economy. In the case of Plateau what has since degenerated into a blood feud between the Beroms and the Hausa has been about the control of Jos as the state's capital. As usual members of other ethnic groups resident in the city have found themselves caught in the cross-fire between the two.
Ein Kommentator der NZZ schrieb:
«Im harten Kampf um Arbeitsplätze und um Land entzweit sich die Bevölkerung. Politiker stacheln diesen Kampf an, weil sie damit punkten wollen», sagt der Soziologe Ogoh Alubo. Religion und ethnische Zugehörigkeit würden benutzt, um vom echten Problem der knappen Ressourcen abzulenken. Das Hauptproblem sei die Arbeitslosigkeit. Seit der staatliche Mischkonzern Nasco, einst der grösste Arbeitgeber der Region, nach Missbrauchs- und Korruptionsvorfällen praktisch pleite sei, hätten mehr als 10 000 Personen ihre Jobs verloren. Viele Berom glaubten, dass die Haussa-Fulani ihnen die Arbeit wegnähmen, und sie fürchteten sich vor einer Zwangsislamisierung.
Umgekehrt fühlten sich die Haussa-Fulani, zum Teil schon seit Generationen in Jos ansässig, als Bürger zweiter Klasse. Alubo schildert seinen Fall: «Ich lebe seit 1983 in Jos, meine Kinder sind alle hier geboren. Aber auch sie gelten hier als Siedler. Deshalb haben sie keine Stipendien bekommen, sie können nicht in der Verwaltung arbeiten, und sie bekommen kein politisches Amt.» Alubos Tochter hat Jos deshalb verlassen. Andere, meint der Wissenschafter warnend, seien bereit, ihrer Frustration mit Gewalt Ausdruck zu verleihen. 

Volksvertreter traten nach den Vorfällen zusammen und versuchen dauerhafte Lösungen zu finden. Doch die Hinweise auf Armut und wirtschaftliche Ungleichheit, die durchaus richtig sind, wirken aus deren Mündern grotesk, findet sich doch ein großer Teil des Problems in Korruption und politischer Misswirtschaft. Währenddessen gab die Polizei bekannt etwa 350 Personen im Zusammenhang mit dem Massaker verhaftet zu haben. Außerdem soll sich auch Verantwortliche für das Massaker vom Januar befinden.

Auch zwei Tage nach der Gewalt vom Sonntag konnte man in den Dörfern Gewehrfeuer hören. Zum Zeitpunkt des Massakers galt eigentlich ein Ausgehverbot, und Soldaten hätten in der Gegend patrouillieren sollen. Nigeria ist in einen christlichen Süden und einen muslimischen Norden geteilt. Zu Zusammenstössen kommt es immer wieder im sogenannten Mittelgürtel, in dem es viel fruchtbares Land gibt. Bereits Ende Januar starben mehrere hundert Menschen, 40.000 flohen. Seit 2001 starben damit mehr als 3.000 Menschen in dem Gebiet. Das Land steht nicht nur der vermehrten Gewalt im Mittelgürtel gegenüber, sondern auch der politischen Stagnation, Armut und Gewalt im Niger-Delta. Ausführlicher zu den Hintergründen und den vergangenen Gewalttaten eine "Inside Story" vom 11. März:

Montag, 8. März 2010

Mehr als 500 Tote in Nigeria befürchtet - Hintergründe der Massaker noch weitgehend unklar - Vorwürfe gegen die Armee


Wieder bekämpfen sich die Menschen in Zentralnigeria und wieder gibt es mehrere hundert Tote. Mindestens 200, vermutlich sogar mehr als 500 Menschen starben am Sonntag. Schauplatz des Massakers war das Dorf Doho Nahawa, nicht weit entfernt von der Hauptstadt des Bundesstaates Jos. Bewaffnete hätten mit Hilfe von Maschinengewehren die Menschen aus den Häusern getrieben, dann seien die Fliehenden mit Macheten massakriert worden. Ein Vertreter des Roten Kreuzes sagte, dass auch noch zwei andere Dörfer angegriffen worden seien. Bis zum gestrigen Abend wurden 200 Leichen gezählt, ein Vertreter der Provinzregierung sagte, mindestens 500 Menschen seien getötet worden.




Der Interims-Präsident Goodluck Jonathan entsendete Truppen in das Gebiet. Die genauen Hintergründe und die Motivation der Täter ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Erste Vermutungen lassen auf muslimische Täter schließen. In Jos verläuft die Trennlinie zwischen dem muslimisch dominierten Norden und dem christlich dominierten Süden. Bereits im Januar starben in und um Jos mehr als 550 Menschen. Doch ist die Religion nicht die Ursache der Gewalt. Clan-Kämpfe und Ressourcenkonflikte, sowie politische Streitigkeiten werden aber an der religiösen Konfliktlinie ausgetragen. Ob die Morde Rache für das Massaker vom Januar sind, bei dem mehrheitlich Muslime getötet wurden, ist unklar.
 

Christliche Religionsführer werfen der Armee vor, bewusst nicht eingegriffen zu haben. So schreibt der österreichische "Standard":
In einer am Montag in der Zeitung "Guardian" veröffentlichten Stellungnahme klagte der Rat christlicher Kirchenführer, die in Jos stationierten Truppen seien benachrichtigt worden, als das christliche Dorf Dogo Nahawa von muslimischen Nomaden belagert wurde. Die Soldaten seien jedoch erst Stunden später in dem fünf Kilometer entfernten Dorf eingetroffen. "Wir haben kein Vertrauen mehr in die Armee wegen ihrer Vorbehalte gegen Christen", hieß es darin.
Die erneute Gewalt fällt in eine volatile Phase des Landes. Der amtierende Präsident Umaru Yar´Adua hat sein Amt in andere Hände gelegt, nachdem eine monatelange krankheitsbedingte Abwesenheit ein Machtvakuum im Land hinterlassen hatte. Zur Lage in Nigeria eine "Inside Story" vom 12.02.2010:



Mittwoch, 10. Februar 2010

Video von Gräueltaten der nigerianischen Armee aufgetaucht - Bilder zeigen Exekutionen von Unbewaffneten


Heute sind Bilder von außergerichtlichen Exekutionen in Nigeria von festgenommenen militanten Kämpfern und Zivilisten aufgetaucht. Sie stammen aus dem vergangenen Jahr, als im Juli und im August etwa 1.000 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen Armee und fundamentalistischen Kämpfern der muslimischen Gruppe "Boko Haram" getötet wurden. Auf dem Video sind Operationen zu sehen, die nach dem Ende der Kämpfe gestartet wurden und bei denen unbewaffnete Männer auf offener Straße exekutiert werden. Ob es sich um Zivilisten, oder Militante handelt, ist nicht zu sehen. Mindestens ein Zivilist war aber unter den Toten. Doch spielt das für die Unrechtmäßigkeit keine Rolle, schließlich hätten die Kämpfer einfach verhaftet werden können. 

Die Vereinigung, deren Name übersetzt "Westliche Bildung ist verboten" heißt, hatte schon mehrfach versucht staatliche Stellen anzugreifen, um ihre Forderungen durchzusetzen.


Folter und Gewalt von Seiten der staatlichen Sicherheitskräfte ist in Nigeria immer noch an der Tagesordnung. So dokumentierte "Human Rights Watch" folgende Arten von Folter: Das Fesseln von Armen und Beinen hinter dem Körper, Aufhängen an der Decke an Händen und Beinen, Züchtigung mit Objekten aus Holz oder Metall, Tränengas in die Augen sprühen, Schüsse in den Fuß oder ein Bein, Vergewaltigung von weiblichen Häftlingen und Verwendung von Zangen oder Elektroschocks am Penis.

Dienstag, 26. Januar 2010

Schuldfrage bei Massaker in Jos noch unklar - Religiöse Gruppen schieben sich gegenseitig die Schuld zu - aktuelle Bilder zeigen neue Leichenfunde und Massengräber


Auch wenn die Motivation der Massaker in Jos und der nahen Umgebung noch unklar sind, schieben sich die beiden großen religiösen Gruppen gegenseitig die Schuld zu. Sowohl Christen, als auch Muslime proklamieren, sich nur verteidigt zu haben. Währenddessen erhärtet sich der Verdacht, dass mehr als 550 Menschen gejagt und getötet wurden, da weitere Leichen ausgegraben worden sind. Eine ausführliche Zusammenfassung der vergangenen Tage liefert Al-Jazeera:



Zur Frage der Gründe für die Gewalt nochmals ein aktueller Bericht vom Korrespondenten der britischen Ausgabe der "Financial Times", der eher ethnische Diversität und wirtschaftliche Konflikte als Ursache ansieht:
But in Nigeria, religious differences often go hand in hand with ethnic rivalry or serve as a façade disguising it. There are more than 200 ethnic groups within the country's uneasy federation and regular if often -localised disputes among them have claimed thousands of lives in the 10 years since the military handed power back to elected civilians.

Jos, which is situated on the volatile fault-line between the predominately Muslim north and the mainly Christian south, has been among the worst affected areas. There, economic hardship and a long history of resistance to the Hausa-Fulani sultanates further north have been politically manipulated to create what one religious leader calls a "Molotov cocktail" of hatreds.
Währenddessen kam der Verdacht auf, dass auch das Militär in Gewalttaten involviert sein könnte. Dies wurde von offiziellen Stellen umgehend zurückgewiesen. Mehr als 40.000 Menschen flohen vor der Gewalt.

Zur politischen Dimension und zur Bedeutung der politischen Instabilität auch eine aktuelle Einschätzung des US-amerikanischen Think-Tanks Stratfor:


Montag, 25. Januar 2010

Zweites Massaker nahe Jos aufgedeckt - aktuelle Bilder zeigen Bewohner in Angst - Zahl der Toten steigt auf 550 - Religion als Flammenherd oder Brandbeschleuniger?


Mindestens 150 ermordete Menschen wurden in den vergangenen beiden Tagen in dem Dorf Kuru Jantar, etwa 30 Kilometer von Jos entdeckt. Ihre Körper waren in Brunnenschächte und Mauern "gestopft" worden. Bewohner berichteten von einer Jagd auf die muslimischen Bewohner, die mit Macheten, Äxten und Schusswaffen getötet, aber auch lebendig verbrannt wurden. Das Massaker hängt mit den Tötungen in Jos zusammen, wo sich christliche und muslimische Bewohner gewaltsame Auseinandersetzungen lieferten. Dorfbewohner sagten, auswärtige Christen hätten die Morde verübt. Eine genaue Untersuchung steht aber noch aus.


Guardian
 


Viele Bewohner fliehen aus Jos, wo eine massive Militärpräsenz ein Wiederaufflammen der Gewalt verhindern soll. Insgesamt sollen mindestens 492 Menschen getötet worden sein. In den vergangenen Jahren sind damit mehr als 2.500 Menschen Opfer der inter-religiösen Gewalt geworden. Extreme Unterschiede zwischen Arm und Reich, Diskriminierung und fehlende Partizipationsmöglichkeiten bestimmter ethnischer Gruppen erschweren eine Konfliktlösung zusätzlich.

Aktuelle Bilder:



Währenddessen hat die Armee ihre Soldaten angewiesen möglichst unauffällig zu agieren, um keine weitere Gewalt zu provozieren. Am Montag gaben verschiedene Quellen, darunter Human Rights Watch die Zahl der Toten mit mindestens 550 an. Mindestens 60 weitere Leichen, darunter manche enthauptet, wurden heute in und um Jos geborgen. Mehr als 300 Menschen wurden seit dem Ausbruch der Gewalt festgenommen.

Zum Auslöser der Gewalt schreibt Marc Engelhardt, der für "Neues Deutschland" aus Jos berichtet:
[Der christliche] Pfarrer Yamsat hingegen spricht von einem gezielten Angriff nach der Sonntagsmesse (17. Jan.). »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, so Yamsat. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.« Die Anspannung zeigt sich in einer Ankündigung Yamsats: »Je gewalttätiger die Muslime werden, desto gewalttätiger werden wir Christen.« Nicht alle teilen Yamsats Einschätzung. Der Muslim Shamaki Gad von der Menschenrechtsliga in Jos macht vor allem soziale Spannungen verantwortlich. »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet - deshalb gibt es ein Gefühl der Straflosigkeit«, so Gad. »Weil auch die versprochenen Reparationen vom Staat nie geflossen und die Leute arm und hoffnungslos sind, gehen sie aus Frust erneut auf die Straße.« Seine Analyse teilt Gad mit dem katholischen Erzbischof von Jos. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, so Ignatius Kaigama. »Religion wird hier instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.«
Damit werden auch solche Berichte in Frage gestellt, welche die scheinbar naheliegendste Erklärung wählen und die sich mit solchen Grafiken untermauern lassen:

 

 BBC

Folgende zeigt z.B. die Existenz des Scharia-Rechts in muslimisch-dominierten Staaten bzw. welche mit bedeutenden muslimischen Bevölkerungsanteilen. Die Nord-Süd-Linie ist klar erkennbar und auch Jos als Teil des "Plateau-State" an deren Grenze. Doch sagt dies eben erstmal noch nichts über die wirklichen Gründe für die Gewalt aus. Dies bedeutet nicht, dass eine religiöse Konfliktlinie Nigeria nicht bis zu einem gewissen Grad spalten würde. Doch inwiefern die Religion von bestimmten Kreisen als Machtinstrument gebraucht wird, geht daraus nicht hervor.
 



Die gesamte Entwicklung des Rechtssystems muss auch in einem historischen Kontext als Reaktion auf das vom Kolonialherren Großbritannien implementierte Rechtssystem verstanden werden. Außerdem im Zuge mehrerer Verfassungsdebatten, die auf die - ohne Zweifel bestehenden - religiösen Unterschiede zugespitzt wurden.  So schreibt der der Islamwissenschaftler Franz Kogelmann in der Zeitschrift "inamo":
Die Gründe für die Implementierung des islamischen Strafrechts in Nordnigeria seit 1999 mögen mannigfaltig sein – politische, soziale und/oder religiöse erscheinen plausibel. Auch haben sich im Laufe der knapp zwanzig Jahre seit der ersten nigerianischen Scharia-Debatte in den Jahren 1976-78 in zahlreichen muslimischen Staaten viele Veränderungen ergeben, die Auswirkungen auf Nigeria hatten und einem gedeihlichen Klima zwischen Christen und Muslimen nicht immer förderlich waren. Zweifelsohne nehmen in Staaten mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil vermeintlich religiöse Argumente in politischen Diskussionen heutzutage einen hohen Stellenwert ein, doch möglich geworden ist diese rechtliche Entwicklung in Nigeria offensichtlich durch die fehlerhafte Ausarbeitung des von christlichen Delegierten bekämpften Verfassungsentwurfes von 1979.
Der nigerianische Wirtschaftswissenschaftler Lamido Sanusi sagte schon 2005 in einem Interview:
Welche Erwartungen setzte die Bevölkerung in den nördlichen Staaten in die Einführung der Scharia?

Ende der 90er Jahre stand Nigeria kurz vor dem Zusammenbruch: Die Regierung war extrem korrupt; die Armut sehr hoch. Die Menschen im Norden hofften, die Scharia würde die Politiker ehrlich machen und für eine gute Regierung, bessere Schulen und eine anständige moralische Ordnung sorgen.

Hat die Scharia gehalten, was sich die Menschen von ihr versprochen haben?

Nein, die Hoffnungen der Leute wurden enttäuscht. Viele Nigerianer haben erkannt, dass nur die Armen und Frauen zu bestimmten Strafen verurteilt werden. Die Korruption ist immer noch hoch. Für die meisten ist das Leben durch die Scharia nicht besser geworden.

Gouverneure und andere Politiker der nördlichen Staaten nutzen die Scharia, um politische Vorteile zu gewinnen. Instrumentalisieren sie die Scharia, um die Regierung Olusegun Obasanjos, eines Südnigerianers, zu destabilisieren?

Einige der Gouverneure haben die Scharia zu einem gewissen Grad instrumentalisiert. Aber ich glaube nicht, dass das Ziel war, die Zentralregierung zu destabilisieren. Die Scharia ist hier ein wichtiges Mittel für die Gouverneure, eine solide politische Basis für sich zu gewinnen. Sie garantiert, dass die regionalen Politiker weiterhin Zugang zu politischer Macht haben. In diesem Zusammenhang wurde die Scharia ausgenutzt.
Trotzdem zeigen die regelmäßigen Gewaltausbrüche, dass in der Armut und Perspektivlosigkeit radikale religiöse Strömungen einen guten Nährboden finden und in dem Vorurteile und Gewaltbereitschaft ungestört wachsen können. Religion als effektiver Brandbeschleuniger. Sollte sich dies nicht ändern, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas wieder interreligiöse Kämpfe die Stabilität und den langsamen Demokratisierungsprozess gefährden werden und in der öffentlichen Wahrnehmung und dem Selbstbild der nigerianischen Gläubigen der "Clash of Religion" blutige Wahrheit wird.