Samstag, 18. Juli 2020

Was wäre wenn... "Die Bombe über Berlin"

75 Jahre ist es her, dass die USA zwei Atombomben über Japan zündeten (zur historischen Debatte mehr hier). Doch insgesamt wurden zwischen 1945 und 1998 mehr als 2.000 Atomsprengköpfe gezündet (beeindruckend aufbereitet im unteren Video).


Zum "Ernstfall" kam es nicht mehr, doch vor allem nach 1962 nahmen die Tests massiv zu. Kaum jemand mag sich wirklich vorstellen, dass es nochmal zum Einsatz einer Atombombe kommen könnte. Doch die Verhandlungen mit Iran, oder die Diskussionen über den Ukraine-Konflikt zeigen (z.B. hier und hier), dass Atomwaffen weiterhin ein Teil der globalen Außen- und Sicherheitspolitik sind.

Ein "zeithistorischer Thriller" über einen Unfall in einem Atomwaffensilo der USA, der um ein Haar mehrere amerikanische Großstädte vernichtet hätte, zeigt wie groß das Risiko von nuklearen Waffen auch in sog. Friedenszeiten ist (auf ARTE ist das Video bis zum 18.09.2020 verfügbar):





Doch was würde eigentlich geschehen, wenn heute ein Atomsprengkopf über einer Metropole gezündet würde? Mit der Nukemap lässt sich das von Boston bis Tel Aviv grafisch darstellen. Welche Auswirkungen eine Bombe über Berlin hätte, zeigen folgende Bilder:

Nagasaki-Bombe: Tote von Mitte bis Schöneberg



Hier die Wirkung einer Bombe mit der Sprengkraft der Fat Man, der Bombe von Nagasaki. Mehr als 50.000 Tote und 170.000 Verletzte wären die Folge, Strahlungsschäden gäbe es von Mitte bis Schöneberg. 

"Standardbombe": Ähnlicher Radius - mehr Tote



Bei der Fat Man handelte es sich um einen relativ kleinen Sprengkopf, die "Standard-Bombe" im Arsenal der US-Armee hätte bei einem Abwurf über Berlin Mitte (Zündung in der Luft) schon mehr als 165.000 Tote zur Folge, mehr als eine weitere halbe Millionen Menschen würden zum Opfer eines solchen Sprengsatzes. Das zweite Bild zeigt auf der rechten Seite die Auswirkungen in den einzelen Zonen. 

H-Bomb: Zerstörung vom Reichstag bis Schloss Sanssouci



Nach der Entwicklung der ersten Atombombe, wurden schnell weitere Kernwaffen entwickelt. Die H-Bombe ist keine Waffe, die ausschließlich auf Kernspaltung basiert, sondern mit Hilfe der Kernfusion verstärkt wird. Eine hybride Bombe also. Ihre Wirkung wäre weit verheerender und würde ganz Berlin, Potsdam und Teile des Umlandes auslöschen. Hier würden nach der Kalkulation einer Explosion einer H-Bombe mit etwa 10 Megatonnen fast 2,5 Millionen Menschen den Tod finden, weitere eine Millionen Menschen verletzt werden. 

Mehr.

Kaputte Krieger

Posttraumatische Belastungsstörungen und andere Kriegsfolgen sind kein echtes Tabuthema mehr. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist gering und Soldat:innen selbst sprechen ungern darüber. Das Radiofeature "Kaputte Krieger" lässt Bundeswehr-Soldat:innen zu Wort kommen, Sie schildern eindringlich wie sie nach Kampfeinsätzen mit diesen Traumata (versuchen zu) leben.

Sonntag, 3. Mai 2020

Coronavisionen

Etwas off-topic, gleichzeitig natürlich nicht, denn gibt es noch etwas anderes als die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus? Also. Schon Anfang März und danach immer weiter zunehmend, was die Zahl der Artikel betrifft, haben sich allerlei Personen - Zukunftsforscher, Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Twittermenschen, Kolumnistinnen und viele andere - mit der Frage: "Was bleibt von Corona?" beschäftigt. 

Eine äußerst relevante Frage, nicht nur wenn es darum geht, wie man auf eine kommende Pandemie vorbereitet sein wird. Sondern auch bei der Suche nach Antworten, ob die Gesellschaft Lehren aus der aktuellen Situation ziehen wird. Auffällig dabei war, wie schnell viele den Holzhammer zur Hand hatten. "Alles wird anders", die Gesellschaft werde nicht mehr wiederzuerkennen sein, unser Wirtschaftssystem komplett umgebaut werden. Doch ist es so einfach? Ändern sich Dinge von selbst? Werden Pflegekräfte automatisch besser bezahlt, wenn alles vorüber ist? Das (angebliche) große Innehalten der Gesellschaft führt zwingend zu einem Reflektieren unserer Lebensführung? Einigen sich die betroffenen Staaten - also alle - darauf, dass Pandemieschutz wichtiger ist als Aufrüstung (um hier mal die inhaltliche Kurve zu kriegen)? 

Schon die Wirtschafts- und Finanzkrise, die teilweise ähnliche Herausforderungen geschaffen hat und ein Umdenken hätte nach sich ziehen können oder müssen, war schneller vergessen als uns lieb sein konnte. Auch die Phrase vom Ausnahmezustand der Normalzustand wird, ist angesichts von keinen acht Wochen, die mit einigen Einschränkungen einhergehen (die manche äußerst hart treffen, vielen völlig egal sein können), für eine realistische Bestandsaufnahme kaum hilfreich, um konkrete Veränderungen anzustoßen. Daher hier mal eine Sammlung mit Utopien, Dystopien, treffenden Zustandsbeschreibungen, blödsinningen Prognosen, interessanten Ideen und stumpfen Wiederholungen der ewig alten Phrasen, die nun eben mit dem Corona-Mäntelchen behängt werden.

Montag, 27. April 2020

Deutschland führt! (Bei Steigerung der Rüstungsausgaben)

Die Ausgaben für die Militärs steigen weiter. Das ist keine Überraschung. Bemerkenswert jedoch ist, dass keines "der führenden 15 Länder seine Militärausgaben prozentual so stark erhöht wie Deutschland". Insgesamt wurden 2019 fast 2 Billionen US-Dollar in Rüstungsgüter investiert. Deutschland liegt mit Frankreich auf Platz 6 und gab insgesamt 49,3 Milliarden US-Dollar aus. 

Quelle: SIPRI

Nun kann man sagen, dass Deutschland damit immer noch deutlich unter dem sog. "Zwei Prozent-Ziel" liege und auch Russland seine Rüstungsausgaben steigere (bzw. es versucht). Aber es zeigt auch, dass offenbar kein Land es versucht oder für nötig hält die Logik einer stetigen Aufrüstung zu durchbrechen. Diese Tatsache ist gut erklär- und nachvollziehbar: "Im Falle der angespannten Situation zwischen den USA und China wissen wir beispielsweise nicht, ob es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommen wird. Aber die Militärs dieser beiden Länder planen für diesen Fall und sind in ihrer Lobbyarbeit sehr erfolgreich." Hoffnungsvoll stimmt dies allerdings nicht, und lässt die Frage offen, ob es sich nicht lohnen würde Anstrengungen zu unternehmen diese Spirale zu stoppen und sich um Abrüstung zu bemühen. Daneben wäre es ein wichtiger Schritt die Entwicklung und und den Einsatz KI-gesteuerter (autonomer) Waffensysteme zu regulieren.

Dazu aktuell "iHuman" (bis 19.07.2020):




Dienstag, 18. Februar 2020

Überwachungskapitalismus: It's really this generation's 'Das Kapital'


Die Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff stellt viele Fragen. Grundlegende Fragen

"Erhebungen und Analysen von Daten verändern die Funktionsweise von Wirtschaft. Aber sind diese Veränderungen so grundlegend, dass sie zur Entstehung einer neuen Form des Kapitalismus geführt haben – dem Überwachungskapitalismus? 

Wenn das Verhalten von Menschen immer transparenter wird, welche Bedeutung kommt Vertrauen dann zu? 

Sind Individuen nur ein Anhängsel der digitalen Maschine, Objekte neuer Mechanismen, die nach den Bestimmungen des Privatkapitals belohnen und bestrafen? 

Wie wirkt sich der soziale Zusammenhalt aus, wenn Menschen als Arbeitskräfte überflüssig werden, während ihre Daten weiterhin als Wert-Quelle in lukrativen neuen Märkten fungieren, die mit Prognosen des menschlichen Verhaltens handeln? 

Wie können wir das kontrollieren, was wir noch nicht verstehen?"

Und versucht sich einige Antworten hinsichtlich der Zukunft des Menschen als Individuum und der Gesellschaft an sich zu formulieren: 


Donnerstag, 9. Januar 2020

Die AFD und die Bundeswehr

In der Dezember-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik beschäftigte sich Klaus Naumann mit dem Verhältnis der AfD zur Bundeswehr. 



Den gesamten sehr aufschlussreichen Artikel gibt es hier, im Folgenden einige Zitate (eigene Hervorhebungen):

"Wird die AfD die neue Soldaten-Partei?“, titelte die „Bild“-Zeitung kürzlich. Verweisen konnte sie auf den relativ hohen Anteil von geschätzten 2100 Soldaten unter den 35 000 Parteimitgliedern, das entspricht sechs Prozent."

"Geht es um die angestammte „Soldatenpartei“, wurde früher ohne Umschweife auf die Union verwiesen. Inzwischen ist das Urteil zögerlich; auf die „Altparteien“ möchte man sich nicht mehr automatisch festlegen. Dadurch ist ein Vakuum entstanden. Das grassierende Gefühl, in Politik und Öffentlichkeit nicht genügend anerkannt zu werden und die Dauerklagen über Fehlstände in den Streitkräften und das Missverhältnis von Auftrag, Mitteln und Kräften suchen nach einem neuen Adressaten. Hier bietet sich die AfD an."


"Das AfD-Wehrprogramm präsentiert sich als ein konservatives Dokument. Darin ist von einem „Wiederaufbau“ der Streitkräfte die Rede, aber bei näherer Lektüre zeigt sich, dass damit nicht allein ein Zurück zur bundesrepublikanischen Wehrpflichtigenarmee gemeint ist, sondern vielmehr eine grundlegende Absage an Eckwerte der Sicherheitspolitik und der Wehrverfassung des Grundgesetzes."

"Mit dem Angriff auf die Grundlagen der Parlamentshoheit hat die AfD ein großes Rad gedreht. Man fragt sich unwillkürlich, ob die Verfasser dieser Programmschrift eigentlich wissen, dass sie den „neuralgischen Punkt“ (Hans Mommsen) des deutschen Parlamentarismus tangiert haben. Der Verfassungskonflikt um die politische Wehrhoheit reicht zurück bis in die preußische Vergangenheit der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, als der preußische König Wilhelm I. im Verein mit Kanzler Bismarck dem Landtag das Budgetrecht über den Kriegshaushalt verwehrte."

"Im Zentrum der Überlegungen steht die Aufhebung der Trennung von äußerer und innerer Sicherheit. Dafür sieht die AfD drei Maßnahmen vor: [...]"

"Irritierend ist ferner, dass die Rechtspopulisten vor allem das Loblied der soldatischen Tugenden, des „unerbittlichen Kampfes“ und des „robusten Vorgehens“ anstimmen, für die veränderten Unterstützungsleistungen der Streitkräfte bei den absehbaren Großgefahren aber kein Sensorium entwickelt haben. Das Motiv ist leicht zu ergründen; die Partei appelliert damit vor allem an die Stimmungslage bei den Kampftruppen, speziell beim Kommando Spezialkräfte (KSK)." 

"Sie gehen davon aus, dass ihre Adressaten bereit sind, vieles aufs Spiel zu setzen, wenn sie nur den politisch Verantwortlichen einen kräftigen Strafbescheid ausstellen können. In der Projektion der Rechtspopulisten erscheint die Komplexität der multilateralen Welt als Zumutung „der Politik“; das unentschiedene, zögerliche und inkonsequente Manövrieren der „Eliten“ (beispielsweise in der Sicherheitspolitik) und die nimmermüde Rhetorik der „Alternativlosigkeit“ bieten den Anlass für Überdruss."

"Mit dem Stichwort „Unerbittlichkeit“ kommen „Töne des Unbedingten“ (Peter Carstens) zu Gehör, die seit den Endkämpfen der Wehrmacht meist gemieden wurden."

"Umso merkwürdiger, dass die Eigentradition der Bundeswehr, auf die der neue Traditionserlass von 2017 großen Wert legt, keinerlei Aufmerksamkeit erfährt. Das alles atmet den Geist des ewigen Soldatentums und appelliert an die Stimmung, von „oben“ in Ruhe gelassen zu werden."

"Das Wehrprogramm der AfD-Fraktion bedient eine nationalradikale Auffassung, aber es ist keine Handreichung für Militante. Ungeachtet des rechtskonservativen Profils, um das sich die Autoren bemühen, werden jedoch Gesinnungsprämien ausgelobt, die der, der zu lesen versteht, leicht einstreichen kann."

Gegenstimmen aus der Bundeswehr bzw. von ehemaligen Soldaten ließen nicht lange auf sich warten: "[...], Soldaten müssten für den "unerbittlichen Kampf" im Gefecht befähigt werden. "Unerbittlich bedeutet ja so etwas wie gnadenlos, unbarmherzig, ohne jede Rücksicht. Und das widerspricht doch eklatant der heutigen Führungsphilosophie in der Bundeswehr", sagte Lahl. "Dort sind etwa die Achtung der Menschenwürde und die Verhältnismäßigkeit des Handelns doch ganz oben angesiedelt. Und wenn man das mit unerbittlich überlagern möchte, dann offenbart man schon - definitiv - eine bedenkliche Geisteshaltung", so Generalleutnant a.D. Kersten Lahl.

Die FAZ sieht das grundsätzlich natürlich anders, Wolf Poulet, ein Oberst a.D. des Generalstabsdiensts der Bundeswehr und "Geschäftsführender Direktor einer Internationalen Beratungsfirma" darf in einem Gastbeitrag schreiben: "Das AfD-Papier lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass die Arbeitsgruppe Verteidigung der Partei ohne Einschränkung zum konservativen Teil der AfD gerechnet werden kann und damit auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht." Wie er zu diesem Schluss kommt - manches sei ja ein "Unding" - lässt er aber dann doch offen.