Dienstag, 20. Juni 2017

Bordernomics - Wer verdient an Migration und Abschottung?

Hier eine interessante Grafik zum Weltflüchtlingstag, in der viel drin steckt:


Quelle: Grafik: New Internationalist - https://twitter.com/newint/status/877057219807911937


Zunächst natürlich die RIESIGE Zahl von 17,5 Milliarden US-Dollar, die auf den Schmugglerrouten verdient wird. Aber: Über den Zeitraum von 16 Jahren, macht pro Jahr 1,1 Milliarden. Immer noch viel. Aber diese 1,1 Milliarden US-Dollar bilden so eine sehr viel bessere Vergleichsgröße zu 100 Millionen US-Dollar, die in Zäune investiert wurden, den jährlich etwa 1 Milliarde US-Dollar, die für Abschiebungen bezahlt werden, oder dem aktuellen Jahresbudget von Frontex über etwa 250 Millionen Euro.

Die Grafik lässt sich also nicht so einfach interpretieren. Auch die Zahlenbasis ist nicht einheitlich. Aber letztendlich zeigt sie eine interdependente, also voneinander abhängige Struktur, im Bereich von Flucht und Migration, die aktuell von Grenzsicherung und politischen Absprachen mit EU-Anrainerstaaten geprägt wird. Die Folge sind hohe Ausgaben u.a. auf europäischer Seite und hohe Gewinne für Akteure, die an der Migration verdienen.

So stellt sich schlicht die Frage, ob mehr legale Zuwanderungswege volkswirtschaftlich sinnvoller sind und die Abhängigkeit von politisch problematischen Staaten mindern können. 

Abgesehen von der Tatsache, dass weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken würden und sich die europäische (Werte-)Gemeinschaft deutlich weniger zwiespältig im Umgang mit dem eigenen Anspruch und der Wirklichkeit tun würde. Das erscheint in der aktuellen Debatte an mancher Stelle zwar schon Ausweis blinden Gutmenschentums zu sein, soll jedoch an diesem 20. Juni dennoch mal erwähnt werden.

Mehr als 1.700 Menschen sind in diesem Jahr ertrunken und auch wenn die absoluten Zahlen sinken, steigt die Mortalitätsrate.

Montag, 19. Juni 2017

Während Du das hier liest, müssen 40 Menschen ihre Heimat verlassen

Die neuesten Zahlen des UNHCR, die heute veröffentlicht wurden, gehen davon aus, dass im Schnitt einer von 113 Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen ist. Wem das zu abstrakt ist und eine mögliche Bezugsgröße wie der Arbeitsplatz, Familie oder Verein nicht eingängig genug: 2016 musste alle drei Sekunden ein Mensch fliehen. 

Während man diesen kurzen Beitrag also komplett liest, mussten etwa 40 Menschen ihre Heimat verlassen. 



In Zahlen

- 65,6 Millionen Menschen sind von Flucht und Vertreibung betroffen

- Davon sind 22,5 Millionen Flüchtlinge, 40,3 Millionen Binnenvertriebene

- einer von drei Flüchtlingen (insgesamt 4,9 Millionen) wurde von den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt aufgenommen

- Zwölf Millionen Syrerinnen und Syrer (fast zwei Drittel der Gesamtbevölkerung) sind entweder Binnenvertriebene oder im Ausland als Flüchtlinge und Asylsuchende, danach kommen Kolumbien (7,7 Millionen - trotz Friedensprozess), Afghanistan (4,7 Millionen), Irak (4,2 Millionen) und Südsudan (weltweit mit 3,3 Millionen Betroffenen die am schnellsten wachsende Bevölkerung auf der Flucht) als größte Herkunftsländer

- Kinder machen die Hälfte der weltweiten Flüchtlingsbevölkerung aus

- 37 Staaten akzeptierten insgesamt 189.300 Flüchtlinge zur Aufnahme durch Resettlement. Rund eine halbe Million Flüchtlinge konnten in ihr Heimatland zurückkehren, zudem rund 6,5 Millionen Binnenvertriebene in ihre jeweiligen Heimatregionen

Was fällt auf?

Besonders bemerkenswert ist sicherlich die Situation in Kolumbien, da hier die Wahrnehmung vorherrscht, dass durch den Friedensprozess mit der FARC die Probleme des Landes gelöst sind. Richtig ist, dass sich die Menschenrechtssituation gebessert hat und vor allem die Chance besteht, dass sich dies auch so fortsetzt. Offen bleibt, wie andere Gruppen wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN) und andere reagieren. Demobilisierung oder Füllen des entstehenden Machtvakuums. Der Anschlag der vergangenen Woche zeigt, wie komplex die Situation weiterhin ist. Anwälte und Vertreterinnen und Vertreter indigener Gruppen sehen sich weiterhin Bedrohungen ausgesetzt, in vielen Regionen ist für die Geflüchteten an Rückkehr noch nicht zu denken.  

Auch die am schnellsten wachsende Geflüchtetengruppe im Südsudan verdient Aufmerksamkeit. Denn hier geht es nicht nur um Flucht und Vertreibung, sondern auch um extreme Nahrungsmittelunsicherheit und einen Konflikt, der fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit vor sich hin schwelt, hin und wieder eskaliert und stetig Menschen in die Flucht treibt. Kurze Zusammenfassung:



Und an dieser Stelle sollen auch noch beispielhaft Menschen erwähnt werden, die nicht in der executive summary auftauchen: Die Menschen im Jemen. Die Zahl an Geflüchteten ist dort relativ niedrig (wohin sollen sie auch gehen?), die der Binnenvertriebenen deutlich höher und die Zahl an Personen, die humantiäre Hilfe bedürfen extrem hoch:

Quelle: OCHA Yemen
Etwa 18 Millionen Menschen sind mittlerweile auf Hilfe angewiesen.


Samstag, 10. Juni 2017

Kommentar zu Katar: Vergesst die WM

Eigentlich sollte es jedem Beobachter und jeder Beobachterin mit einem Funken Menschenverstand klar sein: Die gegenwärtige Krise im Nahen und Mittleren Osten lädt nicht dazu ein, Partei zu ergreifen. Eine Koalition aus Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegen Terrorismus? Kennt man die Geschichte des islamistischen Terrorismus dann wirkt das wenig glaubhaft. Doch auch wenn es tatsächlich darum geht terroristische Strukturen zu bekämpfen und nicht um ein "balancing" schiitischen Einflusses (v.a. durch den Iran) in der Region - eine Blockade und Isolation führen sicherlich nicht zum gewünschten Ergebnis. Letztendlich ist es grau - wie so oft. Die Schwarz-Weiß-Malerei wird der Realität nicht gerecht.

Katar bietet ein widersprüchliches Bild. Das steht außer Frage. Nun aber z.B. Al Jazeera als Propagandainstrument abzuurteilen und der Sicht Saudi-Arabiens auf Fragen von Medien und Pressefreiheit zu folgen, kann keine Option sein. Der Vorwurf im Zuge des Arabischen Frühlings ausschließlich die Muslimbrüder unterstützt zu haben, ist nicht haltbar und vergisst die komplizierte und bedauernswerte Situation in Ägypten, wo politische Gegner nach der Absetzung Mursis hart verfolgt werden. 

Im Fall Katar könnte man sogar die lächerlich wirkende Uneinigkeit zwischen US-Außenministerium und Trump bzw. dem Verteidigungsministerium als positives Signal sehen: Eine eindeutige Bewertung gibt es nicht, die Verhältnisse sind komplex und es gibt weder Helden noch Bösewichte. Die gewohnt dumbe Trump-Rhetorik ("So good to see the Saudi Arabia visit with the King and 50 countries already paying off. They said they would take a hard line on funding extremism, and all reference was pointing to Qatar. Perhaps this will be the beginning of the end to the horror of terrorism!") erinnert allerdings daran, wie Politik gedacht und gemacht wird im Weißen Haus. 


Ein ZEIT-Artikel von Michael Thumann macht deutlich, dass Zurückhaltung in der Wertung und Diplomatie wichtige Instrumente sein können - werden sie denn konsistent und kohärent eingesetzt. Heißt: Steter Tropfen höhlt den Stein und Glaubwürdigkeit ist das oberste Gut (da helfen dann eben Rüstungsexporte in die Region nicht weiter).

Ach ja, was bei der ganzen Debatte wirklich nur am Rande und nicht in jeder Einleitung und jedem Schlussteil auftauchen sollte: die Fußball-Weltmeisterschaft. Boykott-Forderungen von der Politik sollten getrost ignoriert werden. Warum? Die WM ist 2022, also in fünf Jahren. Es muss aber jetzt gehandelt werden. Außerdem ist eben Katar nicht der böse Bube und zum Beispiel die Ausbeutung der Arbeiter lange bekannt. Das macht es nicht besser, aber auch hier wieder die Stichworte Konsistenz und Kohärenz: Man kann die schlimmen Zustände nicht nur als Argument gebrauchen, wenn es gerade passt.

Zudem: Der WM eine solche Bedeutung zuzuschreiben, ist einfach unseriös angesichts der zahlreichen konkreten und drängenden außen- und sicherheitspolitischen Fragen in der Region. Da schrumpft die Symbolkraft eines solchen Turniers schnell dahin. Vielleicht mag dies uns in Deutschland so erscheinen - Stichwort: König Fussball. Aber das würde ja auch bedeuten, dass Deutschland als Nation an den Abgrund geraten würde, würde sich herausstellen, dass die WM im eigenen Land nur durch Korruption zustande... Oh, halt. Da war ja was. 

Also: Ausgleich und Mäßigung und deutliche Worte sind nun gefragt - ohne vorschnell zu urteilen. Da kann man nur den Worten Thumanns folgen: "Die eskalierende Krise fordert dreierlei: Erstens die Lage verstehen. Zweitens schlichten. Drittens keinen Unfug zur Unzeit fordern."

Mittwoch, 31. Mai 2017

Irak: 7000 Gründe innezuhalten

Vermutlich mehr als 80 Tote UND in der Nähe der deutschen Botschaft - der Anschlag in Kabul heute morgen taugt zum Aufmacher. Andere ähnliche Vorfälle eher nicht. Bei zwei Anschlägen in der irakischen Hauptstadt Bagdad wurden am Dienstag mindestens 27 Menschen getötet. 

Ein Attentäter sprengte sich vor einer Eisdiele in die Luft (manche Medien griffen die Schlagzeile "Anschlag auf Eissalon" auf, da nach deren Wahrnehmung ein solcher Ort besonders perfide ist - im Gegensatz zum Marktplatz oder auf irgend einer beliebigen Straße), später explodierte eine Autobombe. Die Meldungen verschwanden trotz Eis recht schnell von den Startseiten.

Quelle: Iraq Body Count

Dabei sollte man eine Zahl jedoch nicht vergessen: 7.257. So viele Menschen wurden bereits in diesem Jahr Opfer der Gewalt im Irak. Zivilisten wohlgemerkt. Und zu den mindestens 7.257 Toten kommen noch abertausende Verwundete. 

Die Opfer in Kabul haben jede Aufmerksamkeit verdient. Sie stehen aber leider nur stellvertretetend für Tausende andere Menschen in Afghanistan, Irak, Syrien, Südsudan, usw. usw., die in Konflikten getötet werden. 

Man sollte das kurze Innehalten nutzen, um auch die nicht zu vergessen.

Sonntag, 28. Mai 2017

Zu glücklich an diesem Sonntag? Hier gibt´s Abhilfe!

Falls man es kaum aushalten konnte den sonnigen Tag zu genießen, zu entspannen, lustzuwandeln, vielleicht zu grillen und Gott/Allah oder wer sonst gerade am Drücker ist einen guten Mann oder eine gute Frau sein zu lassen, dem sei folgender kurzer Artikel bzw. kurzes Video ans Herz gelegt:



In der Demokratischen Republik wurden 2016 mehr als 922.000 Menschen vertrieben, insgesamt sind es nun drei Millionen. Sieben Millionen Menschen sind auf humanitäre Hife angewiesen, doch weder reichen die Mittel, noch sind alle Regionen überhaupt zugänglich.

Fun Fact: Der 1999 ins Leben gerufene UN-Einsatz ist die am längsten andauernde und teuerste Friedensmission der Vereinten Nationen. Ohne politische Aufmerksamkeit und Aufbauhilfen werden aber auch weitere 18 Jahre kaum etwas an der Instabilität des Landes ändern können.