Sonntag, 3. Februar 2019

So viel kostet ein Krieg

Es gibt einige Studien, die sich mit den (finanziellen) Kosten von Kriegen beschäftigen. Ganz aktuell ist die Veröffentlichung des Projekts "Costs of War". In dieser geben die Wissenschaftler*innen die Aufwendungen der USA seit dem 11. September 2001 für den sog. Kampf gegen den Terror an. Und nennen dabei folgende Zahl:

5,9 Billionen US-Dollar

Das ist ungefähr das Doppelte des Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Oder das 17-fache der jährlichen Gesundheitsausgaben in Deutschland. Oder ein Drittel des gesamten BIP der USA. Bis 2023 sollen die Ausgaben weiter auf 6,7 Billionen US-Dollar ansteigen.

Interessant bei den Zahlen sind vor allem die Abweichungen zu den offiziellen Verlautbarungen des U.S.-Verteidigungsministeriums und zu welchen Ergebnissen, die hohen Ausgaben geführt haben:
"Annährend vier mal so viele Militante (mit einem sunnitischen Hintergrund) sind heute weltweit aktiv wie zum Zeitpunkt der Anschläge vom 11. September 2001. Daran haben fast zwei Jahrzehnte U.S.-geführter Militäroperationen, die Al-Qaida oder den Islamischen Staat zum Ziel hatten, nichts geändert."

Samstag, 2. Februar 2019

Krieg im Ohr

Bewegte Bilder sind in der Lage Kriege und Konflikte eindringlich einzufangen. Der neue Film von Peter Jackson "They Shall Not Grow Old" beweist das eindrucksvoll. Die restaurierten Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg vermitteln eine Unmittelbarkeit, die es bisher selten zu sehen gab.


Doch oftmals stoßen auch Bilder an Grenzen, dann nämlich, wenn das eigentliche Grauen außerhalb des Schlachtfelds liegt oder entgrenzte Konflikte ohne klaren Frontverlauf und ständige Scharmützel sich einer visuellen Darstellung entziehen. 
Im Folgenden ein paar Hinweise auf Hörstücke, die sich mit Kriegen, Konflikten und deren Akteuren beschäftigen. Viele sind dauerhaft bzw. langfristig verfügbar, manche nur begrenzt. Sie lassen sich aber downloaden und für ein späteres Anhören speichern.


Zum Wesen des Krieges 

Krieg für Anfänger
Ca. 54 Minuten - Aus Geschichten und Filmen weiß Henrik von Holtum, dass Krieg schrecklich ist, aber er hat keine Ahnung, wie Krieg zu verstehen ist. Um das zu ändern, legt er eine Uniform an, lässt sich Befehle geben, Vor- und Feindbilder zeigen und feuert eine Waffe ab.

Vietnam Tapes - die Tonaufnahmen eines jungen Soldaten
Ca. 45 Minuten - Vietnam Tapes - Die Kriegsaufzeichnungen des Michael A. Baronowski | Ein junger Soldat im Vietnamkrieg macht Tonbandaufnahmen, es sind akustische Briefe an seine Familie. Sie dokumentieren eindrücklich das Leben in Schützengräben, die Freundschaft mit Kameraden und Gefechtehtshandlungen.

Im Krieg und danach 
Ca. 50 Minuten - Ein Krieg beginnt lange vor dem ersten Schuss. Und er ist noch lange nicht vorbei, bloß weil die Waffen irgendwann wieder schweigen.

Zwei Kindersoldaten und der Internationale Strafgerichtshof - Zwei Opfer, ein Täter 
Ca. 52 Minuten - Zwei Jungen werden von einer ugandischen Miliz verschleppt und als Kindersoldaten rekrutiert. Jetzt steht der eine als Kriegsverbrecher vor dem Internationalen Strafgerichtshof - der andere arbeitet für die Institution.
 
Ca. 20 Minuten - Wer Krieg führt, versucht nicht nur die Schlachten auf dem realen Feld für sich zu entscheiden, sondern auch die auf dem Feld der Desinformation. Längst ist es Usus, die Informationspolitik in die Hände professioneller PR-Agenturen zu legen.

Kaputte Krieger
Ca. 54 Minuten - Soldaten der Bundeswehr, die von Auslandseinsätzen zurückkehren, leiden immer häufiger an einer "Posttraumtischen Belastungsstörung". Wie gehen Betroffene und Angehörige damit um?

Krieg im Kopf - Wenn US-Soldaten nach Hause kommen
Ca. 25 Minuten - Im Schnitt bringt sich in den USA fast jede Stunde ein Kriegsveteran um. Weit entfernt von Afghanistan, Irak oder Afrika können viele Rückkehrer mit ihrem neuen, ruhigen Leben in der sicheren Heimat keinen Frieden schließen. Betroffene Familien und gemeinnützige Organisationen suchen daher nach eigenen Wegen, der Soldatenseele wieder Ruhe zu geben.

Die zwei Welten des Otto Dix - Kriegstriptychon
Ca. 45 Minuten - 23-jährig zog Otto Dix in den Ersten Weltkrieg. Patriotismus trieb ihn weniger als Neugier. Was er sah, überstieg seine Fantasie - dennoch saß er stoisch im Schützengraben, skizzierte, aquarellierte sogar. Das berühmteste Resultat dieser Eindrücke ist das Triptychon "Der Krieg" 


Regionen
Ca. 25 Minuten - Ende Oktober stürmten in der Provinz Nangarhar afghanische Spezialeinheiten drei Häuser eines Dorfes: 14 Zivilisten starben, darunter Kinder. Razzien dieser Art häufen sich, teils auch durchgeführt von US-Soldaten. Die Folge: Hass und Radikalisierung. 

Kriegsreporter Carsten Stormer - "Das ganze Land Syrien ist kaputt!"
Ca. 40 Minuten - Carsten Stormer war in den vergangenen Jahren immer wieder in Syrien - als Kriegsreporter.  Dort hat er Traumatisches erlebt.

4 Jahre Krieg - Was geht uns der Jemen an?
Ca. 25 Minuten - Der Krieg im Jemen geht uns nichts an? Doch. Er geht uns etwas an. Denn dort sind deutsche Kriegswaffen im Einsatz. Trotz Exportverboten. Wie schafft die deutsche Rüstungsindustrie das?

Vergessen und verhungert - Was geht uns der Krieg im Jemen an?
Ca. 45 Minuten - Mit erschreckenden Bildern erreicht uns die humanitäre Katastrophe im Jemen. Seit Jahren kämpfen dort vom Iran unterstützte Milizen gegen von Saudi-Arabien gestützte Truppen. Leidtragende sind Millionen Kinder.

Die Drogenbarone von Mali - Ein Feature über Kriegstreiber und eine Friedensmission
Ca. 50 Minuten - Die UN-Mission in Mali ist die gefährlichste der Welt. Deutschland beteiligt sich daran mit bis zu 1000 deutschen Soldaten. Die Bundesregierung erklärt das Engagement mit der Notwendigkeit, gegen den internationalen Terrorismus und gegen Menschenschmuggel zu kämpfen. Trotz der internationalen Militärpräsenz und trotz eines Friedensabkommens hat sich die Sicherheitslage in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert und die Umsetzung des Friedensabkommens stockt. Kann eine UN-Mission tatsächlich erfolgreich sein, wenn sie zwar schießen, aber nicht gegen Kriminelle und Terroristen vorgehen darf, wenn die den Friedensprozess torpedieren?

Folterkammer Eritrea - Ein Feature über die Finanzierung einer Diktatur
Ca. 50 Minuten - Sie wollen von Afrika über das Mittelmeer nach Europa, zur Not mit Fischer- oder Schlauchboot. Oft endet ihre Flucht in einer Tragödie und die meisten Opfer stammen aus Eritrea. Das Land gilt als das "Nordkorea" Afrikas. (...) Die EU will die Regierung mit Millionenbeträgen unterstützen, um den Exodus zu stoppen. Aber das Regime profitiert selbst von der Massenflucht und die eigenen Militärs betätigen sich angeblich als Schlepper und Schmuggler. Warum finanziert Europa eine Diktatur?


Neue Kriege/Rüstung
 
Krieg mit autonomen Waffen
Ca. 25 Minuten - Autonome Kampfdrohnen oder Panzer - werden "selbst denkende" Maschinen bald Einzug halten in bewaffnete Konflikte? Sinkt damit die Schwelle zum nächsten Krieg?

Krieg der Roboter
Ca. 45 Minuten - Es diskutieren: Dr. Marcel Dickow - Forschungsgruppenleiter Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, Prof. Dr. Joachim Hertzberg - Universität Osnabrück, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Dr. Frank Sauer - Politikwissenschaftler, Universität der Bundeswehr, München.

Kosten des Krieges
3-teiliges Feature - In Irak, Syrien, Libyen, Mali, Afghanistan, Jemen, Somalia: Überall wo gekämpft wird, stellt sich die Frage, wo kommen die Waffen her und wie kamen sie dorthin? Wer bezahlt und wer kassiert? Woher haben Terrormilizen, Brigaden und marodierende Armeen die Mittel, sich Waffen zu kaufen?

Mein erster Cyberkrieg - Die Nato probt den Ernstfall
Ca. 53 Minuten - "Locked Shields" ist die größte Cyber-Kriegsübung der Welt. Nato-Staaten, Universitäten aber auch große Firmen nehmen teil. 2017 waren etwa 800 Menschen dabei - Soldaten, IT-Experten, Diplomaten, Juristen, aber auch Journalisten. Unter ihnen, der Autor.


Historisch
  
Ca. 50 Minuten - Vortrag von Jochen Oltmer über Kriegsgefangenschaft und ihre Auswirkungen auf die Soldaten. Diese waren nicht nur europaweit, sondern auch weltweit ein Thema - auch viele Jahre nach Beendigung der Kriegshandlungen.

Kriegspost einer rheinischen Großfamilie
Ca. 20 Minuten - Als der Erste Welt Weltkrieg begann, starteten zwei Kölner Brüder ein ungewöhnliches Projekt: Alle Briefe und Postkarten der Großfamilie wurden gesammelt, vervielfältigt und an alle Angehörigen verschickt - bis 1918. 

Über die Liebe im Krieg - Hoffentlich wirst Du von Gottes Hand beschützt!
Ca. 55 Minuten - Zwei Bauern müssen in den Krieg. Der Ältere verreckt in einem Schützengraben bei Spa. Sein Sohn brennt darauf, ihn zu rächen und meldet sich an die Westfront. – In ihrem Elternhaus findet die Autorin ein Päckchen mit der Aufschrift „Feldpost“ und liest die Kriegsgeschichte ihrer Familie.
 
Das Tal der Gefallenen
Ca. 45 Minuten - Die Verbrechen der spanischen Franco-Diktatur sind bis heute ungesühnt, die Täter straffrei wegen des Amnestiegesetzes von 1977. Doch inzwischen wird in Spanien über den Umgang mit der faschistischen Vergangenheit heftig gestritten.  
 
Liebesbriefe von NVA-Soldaten

Ca. 25 Minuten - Für NVA-Soldaten waren Briefe der einzige Kontakt zur Außenwelt. Sie erzählen von Freiheitsverlust, Heimweh und Drill. 
 
Vietnamkrieg: Das Massaker von My Lai
Ca. 35 Minuten - Am 16. März 1968 begehen US-Soldaten ein Massaker in dem vietnamesischen Dorf My Lai. Auf der Suche nach Kämpfern des Vietcong töten sie über 500 Zivilisten. 

Samstag, 29. Dezember 2018

Was Krieg bedeutet - Zum Tode von Amos Oz

Zum Tode von Amos Oz zeigt ARTE eine Dokumentation mit Zeitzeugnissen, die fast 50 Jahre von der "Zensur" zurückgehalten wurden: Der Schriftsteller begab sich 1967 nach dem Sechstagekrieg in die Kibbuze Israels und befragte Soldaten zu ihren Erlebnissen. Sie erzählten, was Krieg bedeutet - in einem universellen Sinne. Bis 2015 blieben sie unter Verschluss.

Bis 09. Januar 2019 in der Mediathek.


Freitag, 9. November 2018

Studie: 1000 Kilometer Mauer um Europa


"The Wall" - das Lieblingsprojekt von Donald Trump, ist mittlerweile auch hierzulande bekannt. Auch die Sperranlage zwischen Israel und den Palästinensischen Gebieten wird gerne genannt, wenn es darum geht den Trend zur Abschottung mit konkreten Beispielen zu belegen. Obwohl letzteres kaum taugt, um im Zuge von Flucht und Migration genannt zu werden. Weniger bekannt ist z.B. das milliardenschwere Grenzprojekt Saudi-Arabiens. Weitere mehr oder weniger bekannte Beispiele finden sich hier.

Kaum thematisiert sind aber die Mauern vor der "eigenen Haustür", nämlich in und um die Europäische Union. Eine aktuelle Studie zweier Wissenschaftler des Transnational Institute in Amsterdam mit dem Titel "MAUERN BAUEN - Politik der Angst und Abschottung in der Europäischen Union" schätzt, dass die Mitglieder der Europäischen Union und des Schengenraumes seit dem Ende des Kalten Krieges mittlerweile Mauern mit einer Länge von 1.000 Kilometer errichtet haben. Mauern, die in erster Linie Menschen den Zutritt versperren sollen. Mauern, die dem Gedanken der Personenfreizügigkeit und den humanitären Ansprüchen der Union entgegenstehen: Die Zahl der Mauern auf europäischem Boden ist von zwei in den 1990ern auf 15 im Jahr 2017 angestiegen, wobei allein im Jahr 2015 sieben neue Mauern entstanden. Zehn der 28 EU Mitgliedsstaaten (Spanien, Griechenland, Ungarn, Bulgarien, Österreich, Slowenien, Großbritannien, Lettland, Estland und Litauen), sowie Norwegen (welches zum Schengen-Raum gehört), haben an ihren Grenzen Mauern gegen Migration errichtet.

Quelle: Transnational Institute
Auch andere Zahlen belegen, dass Abschottung gegenwärtig ein treffender Begriff ist, um die Entwicklung an den Grenzen zu beschreiben. Denn gelingt es Menschen, die Hürden zu überwinden (und z.B. das Asylrecht in Anspruch zu nehmen), wird auch investiert, um eine Rückkehr zu erzwingen. Eine Analyse des Frontex-Budgets zeigt zum Beispiel, dass die Kosten für Abschiebungen von 83.000 Euro im Jahr 2005 auf 53 Millionen Euro 2017 gestiegen sind. Die Studie konstatiert auch einen Mentalitätswandel: "Das Narrativ der EU ist auf die Darstellung der Mobilität von Menschen als Sicherheitsproblem und der Wahrnehmung von Migrationsströmen als Gefahren ausgerichtet."

Letztlich seien auch interne Kontrollen im Schengenraum, die seit 2006 im Schengen-Grenzabkommen geregelt sind von der Ausnahme zur politischen Normalität avanciert: "Migration und politische Umstände stellen dabei die Hauptgründe für ihre Anwendung dar. Der Umstand, dass die Zahl der internen Kontrollen von drei im Jahr 2016 auf 20 im Jahr 2017 gestiegen ist, deutet auf eine Ausweitung von Maßnahmen hin, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken und überwachen."


Ob Mauer oder Zaun (wie hier Grenze die Grenze zwischen Spanien und Marokko bei Melilla): Migration wird zunehmend durch Abschottung und Kriminalisierung begegnet, auch wenn offensichtlich wird, dass am Ende keine Mauer hoch genug sein kann, um Migrationsströme zu steuern. Credits: Ongayo
Auch das EU-Programm Eurosur wird näher betrachtet: "Zusätzlich werden Programme und Werkzeuge geschaffen, um virtuelle Grenzen auszubauen, welche unsere Bewegungen überwachen. Doch die etablierten Methoden virtueller Grenzen tun mehr, als Systeme zur Bewegungskontrolle und Analyse aufzubauen. Sie errichten auch konzeptuelle Grenzen, welche die Dynamiken territorialer Machtverhältnisse reproduzieren. Länder, die entscheiden können, wer reinkommt, wer nicht und mit welcher Begründung, generieren Hierarchien in der Reisefreiheit. Das Geburtsland bestimmt über die Freiheit oder Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen. Diese Aspekte sind nicht neu, doch die modernen Grenzkontrollsysteme, die entwickelt werden, erfassen all unsere Bewegungen in viel umfassenderer Weise."

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Rohstoffe und Entwicklung: "Solange die Abgaben fließen, darf ein Konzern ziemlich unbehelligt wirtschaften"

"Das Gesetz sorgte für Verunsicherung bei Investoren." Ein Minengesetz in Namibia sah Quoten für Management und Besitzverhältnisse im Rohstoffsektor vor. Doch der Druck großer Unternehmen steht ganz offensichtlich gesellschaftlichem Ausgleich, sozialer Gerechtigkeit und Inklusion entgegen. 

Dabei ging es nur darum, dass 20 Prozent des Managements mit (schwarzen) Namibiern besetzt werden und 5 Prozent der Besitzanteile von Menschen aus Namibia (gleich welcher Hautfarbe) gehalten werden sollte. All das eine Reaktion auf die unrühmliche Geschichte von Vertreibung und Aneignung. Doch unter dem Druck von Außen brach die Regierung ein.


Quelle: NZZ

Natürlich sollten solche Regelungen nicht mit der Notwendigkeit von Investitionen kollidieren und diese unmöglich machen. Denn die sind - so machte es auch der "Afrika-Gipfel" der Bundesregierung deutlich - notwendig: "Lokales Unternehmertum muss durch die Regierungen selbst gestärkt werden", so zum Beispiel jedoch der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Robert Kappel, der sich als früherer Präsident des German Institute of Global and Area Studies in Hamburg viel mit den Gelingensfaktoren von Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit beschäftigt hat. Das heißt also, dass ein großer Faktor die Autonomie und auch die Unterstützung der Wirtschaftspolitik durch die Zivilgesellschaft darstellt.

Quelle: Deutschlandfunk

Das heißt Investitionen müssen zu einer Stärkung der Bevölkerung beitragen. Oft fehlt es natürlich an "Good Governance" und Geld versickert, bevor es in der Lebenswirklichkeit der Menschen ankommt. Doch genau hier spielen Investoren eine unrühmliche Rolle, in dem sie Korruption in Kauf nehmen oder sogar begünstigen. Oder eben eine Gesetzgebung, die für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist, am Ende aushebelen oder kippen. 

Und so gilt bisher (nicht nur im Rohstoffsektor) meist Folgendes: "Es gibt zwar überall Bergbaugesetze. Aber solange die Abgaben fließen, darf ein Konzern ziemlich unbehelligt wirtschaften, ohne sich um die Belange der Einheimischen zu kümmern."

Freitag, 12. Oktober 2018

Gesichtserkennung: Verhältnismäßigkeit ist nicht Teil der Debatte

"Die Ergebnisse zeigen, dass die Technik zur Gesichtserkennung unsere Polizistinnen und Polizisten im Alltag erheblich unterstützen kann. Die Systeme haben sich in beeindruckender Weise bewährt, so dass eine breite Einführung möglich ist. Wir können damit in bestimmten Bereichen die Polizeiarbeit noch effizienter und effektiver gestalten und damit die Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger verbessern."

So klingt es, wenn ein Minister ein Projekt der eigenen Verwaltung lobt. Hier ist es Innenminister Horst Seehofer nach Abschluss des Projekts "Sicherheitsbahnhof Berlin Südkreuz". Dort ging es um biometrische Gesichtserkennung und um die Frage, ob diese flächendeckend eingesetzt werden kann. Nach Meinung des Ministers und der Bundespolizei kann sie das jetzt. Nun kann man aber fragen: Warum sollte sie es?

Die Frage klingt naiv, und im Abschlussbericht der Bundespolizei steht dann auch: "Bei Vorliegen der - u. a. technischen - Voraussetzungen könnten biometrische Kamerasysteme auch zur Fahndung nach Terroristen und Gewalttätern u. a. auf dem Gebiet der Bahnanlagen der Eisenbahnen des Bundes (§ 3 BPolG) durch die Bundespolizei eingesetzt werden."


Überwachungskamera G03 der deutschen Bundespolizei zur Gesichtserkennung hinter dem linken Ausgang der Westhalle vom Bahnhof Berlin Südkreuz zum Hildegard-Knef-Platz. Foto: Membeth; unter Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

Terrorismus also - eine der "beliebtesten" sicherheitspolitischen Begründungen. Und eine, die kaum kritisch hinterfragt wird. Denn Terrorgefahr ist zumeist latent und in unterschiedlicher Ausprägung immer irgendwie da. Sie macht den meisten Menschen Angst und bleibt auf den "Spitzenplätzen", wenn es um die Frage geht, vor was sich die Deutschen fürchten. Manche Beobachter*innen argumentieren, dass es eben auch einen deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahren gegeben habe und sich "der Terror" nach Europa verlagere. Doch die Statistik der vergangenen 30 Jahre gibt das schlicht nicht her

In anderen Politikfeldern brauchen Entscheidungen und Anpassungen deutlich länger. Sie reifen, könnte man sagen. Bei der Frage des Brandschutzes zum Beispiel. Über Jahrzehnte wurde über die Einführung einer Pflicht für Rauchmelder diskutiert. Als sie schließlich (von den Ländern jeweils in Eigenregie) beschlossen wurde, wurden großzügige und lange Übergangsfristen eingeräumt. Gleichzeitig war die Entscheidung ein Beispiel, wie lange diskutiert und am Ende dennoch eine Entscheidung, deren wirklicher Mehrwert nicht ohne weiteres zu erkennen ist, gefällt wurde. Es las sich dann auch so oder so ähnlich, wenn über die neue Pflicht berichtet wurde:
Ich frage mich, ob hier noch die Verhältnismäßigkeit stimmt. 384 Brandopfer gab es 2012 in Deutschland. Halb so viele wie 1980. Offenbar geht es auch ohne Rauchmelder.
Dies ist bemerkenswert. Handelt es sich bei Feuer ja meist nicht um ein Naturereignis, sondern ist die Ursache technisches Versagen, Fahrlässigkeit oder kriminelle Energie. Dinge, gegen die man etwas tun kann und denen man nicht hilflos ausgesetzt ist. Dennoch wurde in diesem Kontext an vielen Stellen die Frage nach der Sinnhaftigkeit und der Verhältnismäßigkeit gestellt. Das lag auch daran, dass die Zahlen sinken, doch auch die Terrorgefahr ist ebenfalls nicht unverhältnismäßig stark gestiegen - im Gegenteil.

Dabei geht es nicht nur darum zu sagen: "Es ist viel wahrscheinlicher, dass man durch einen vergifteten Pilz stirbt als..." Doch festzustellen, dass sowohl Debatte als auch gesellschaftliche und politische Reaktionen am Ende dem nahe kommen, was Terroristen als eigene Zielvorstellung begreifen. 

Im sicherheitspolitischen Bereich scheint die Frage der Verhältnismäßigkeit noch zu oft unter den Tisch zu fallen. Technische Machbarkeit ist gegeben, die Gefahr eben unhinterfragt und -reflektiert da. Dabei geht es ja um die Frage, ob die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, zerstört werden sollte, um die Aufklärungsquote von Straftaten zu erhöhen. Die Abwendung einer unmittelbaren Gefahr dürfte trotz aller Beteuerungen sehr selten eine Rolle spielen. 

Während man bei Rauchmeldern also leidenschaftlich über Sinn und Form gestritten hat, droht bei der biometrischen Gesichtserkennung eine schnelle und viel zu wenig diskutierte Einführung. Woran sich dann die Frage anschließt: Kann die Technik denn wirklich, wie von Ministerium und Bundespolizei festgestellt, ohne weiteres eingesetzt werden? 

Dazu heißt es im Abschlussbericht:
Die Falschtrefferraten (z.B. System erkennt Person A, es handelt sich jedoch um Person B) liegen durchschnittlich bei unter 0,1%. Das bedeutet, dass bei 1000 Abgleichen auf einem Bahnhof lediglich ein einziger Abgleich durch das System fehlerhaft erkannt wird. Dieser Wert lässt sich aber durch Kombination verschiedener Systeme technisch auf bis zu 0,00018% und damit auf ein verschwindend geringes Maß reduzieren. Die Systeme haben sich damit für einen Einsatz im Polizeialltag bewährt.
Die erste Zahl muss man gar nicht in einen besonderen Kontext stellen, um die Bedrohung für die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger und ein völlig verändertes Gefühl gegenüber der Polizei vorauszusehen. Bei 1.000 Abgleichen ein Fehler - würde man den Bahnhof Berlin Alexanderplatz überwachen, käme man potentiell auf weit mehr als 300 Menschen, die Tag für Tag fälschlicherweise  - wegen schwerer und schwerster Straftaten - ins Visier der Polizei geraten. Denn täglich strömen mehr als 365.000 Menschen über den Alex

Nimmt man die zweite Zahl, die durch die Kombination verschiedener Systeme zustande kommt, kommt es laut Abschlussbericht auf einem Bahnhof mit 20 installierten Kameras und einer Benutzerfrequenz von 15.000 Personen pro Tag und Kamera im Durchschnitt zu 0,54 Falschtreffer an einem Tag. Damit würde also theoretisch jeden zweiten Tag eine Person unberechtigterweise mit einer gesuchten Person verwechselt.

Es erhöht auch nicht das Vertrauen, dass kein System allein in der Lage ist solche - je nach Wertung - akzeptablen Ergebnisse zu produzieren.

Nun kann man sich persönlich ausrechnen, ob der potentielle Sicherheitsgewinn eine solche Einführung rechtfertigt, oder man lieber weiterhin einigermaßen anonym in der Öffentlichkeit unterwegs wäre. Das Argument, dass man ja freiwillig das Smartphone in der Tasche trägt und so jegliche Anonymität zunichte macht, ist ernst zu nehmen und auch von Belang. Doch solange noch kein Chip unter der Haut implantiert ist, kann man es auch zu hause lassen und so der privaten Überwachung entgehen. Wie so oft, wird dies ohnehin nur der erste Schritt sein:
Mit Blick auf den hierdurch zu erzielenden Sicherheitsgewinn sollten Überlegungen angestellt werden, in welchen weiteren gesetzlichen Aufgabenbereichen der Bundespolizei die Möglichkeiten biometrischer Gesichtserkennung genutzt werden könnten.
Apropos private Überwachung:
Im Rahmen des gemeinsamen Pilotprojektes "Sicherheitsbahnhof Berlin Südkreuz" von Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Bundespolizei und Deutsche Bahn AG wird der Nutzen von intelligenter Videoanalysetechnik für polizeiliche und unternehmerische Zwecke erprobt. Das Bundeskriminalamt berät hierbei.
Ergänzung vom 16.10.2018: Der Chaos Computer Club erhebt schwere Vorwürfe zu den Ergebnissen des Berliner Tests zur biometrischen Videoüberwachung: Sie seien "manipuliert" worden. Und: Jürgen Hermes, Geschäftsführer am Institut für Digital Humanities an der Universität zu Köln, hat anhand der veröffentlichten Zahlen einige Beispielrechnungen durchgeführt und die Ergebnisse als recht katastrophal bezeichnet. Beide Links via heise.de.