Sonntag, 14. Januar 2018

Fail: Massenschlägerei in Sachsen im GIF

Schadenfreude ist die schönste Freude - ganz passt der Satz bei folgender Meldung nicht, schließlich wurden Menschen verletzt. Und auch die Sachlage ist noch etwas diffus. Aber in der ersten Darstellung der Polizei liest sich das ungefähr so. Ergebnis: "Bei der Schlägerei am Freitag wurden laut Polizei zwei Männer durch Messerstiche am Oberschenkel verletzt, ein weiterer durch einen Elektroschocker. Bei den dreien handelt es sich demnach um Deutsche. Drei Ausländer seien außerdem leicht verletzt worden."

Auslöser

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Noch unklar. Vielleicht auch der.

Beginn

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Etwa so. 

Weiterer Verlauf

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"Als sich die Gruppe der Ausländer in ihre Unterkunft zurückzog, seien ihr mehrere Einheimische gefolgt, hieß es weiter. Daraufhin sei die Auseinandersetzung eskaliert."

Ergebnis

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Mutmaßlich so. Sinnbildlich auch so.

Call of Duty-Trump

Er hat es wieder getan, so wie fast täglich oder zumindest wöchentlich. Die Flugzeuge, die US-Präsident Donald Trump im folgenden Video anpreist, existieren in der Realität nicht:



Oder wie Stephen Colbert es ausdrückte: "Of course Twitter isn´t Trump´s only tool for spreading confusion."



Wahrscheinlich war es wohl ein Versprecher, es ging um insgesamt 52 F-35 Flugzeuge. Bezeichnend ist jedoch, dass Trump am Ende wohl lieber die Entwicklung und den Bau von F-52 Kampfjets in Auftrag geben würde, als einen Fehler zuzugeben. Denn das Weiße Haus nahm "keine Stellung", anstatt den kleinen Versprecher zu korrigieren.

Und falls er doch mal eine F-52 ausprobieren will:


Mittwoch, 3. Januar 2018

Über was unterhalten sich IS-Anhänger?

Das "Program on Extremism" der George Washingon-Universität beschäftigt sich vor allem mit dem Online-Verhalten von IS-Anhängern. Folgende aktuelle Infografik gibt einen Überblick, wie sie organisiert sind und welche Themen vor allem eine Rolle spielen:

Quelle: Program on Extremism

Natürlich wäre es noch spannender, nicht nur die vorgefertigten Kategorien zu IS-Themen abzufragen, sondern auch zu erfassen, inwiefern Hinweise für den Lebenswandel gegeben werden, die Diskussion religiöser Inhalte überhaupt stattfindet und welche anderen Dinge für die radikalisierten oder sich radikalisierenden Mitglieder eine Rolle spielen. 

Zur Frage, wie diesen Inhalten begegnet werden kann, wird schnell klar, dass Telegram zunächst eine gute Möglichkeit bietet, anonym und unauffällig zu bleiben. Andererseits wollen die Extremisten auch explizit die öffentliche Meinung beeinflussen. Dazu nutzen sie dann zum Beispiel Twitter. Hier sind sie - trotz Gegenmaßnahmen - weiterhin recht erfolgreich. Eine aktuelle Studie kommt zum Schluss: "Die Politik von Twitter behindert zwar Sympathisanten auf der Plattform. Aber Anti-IS-Akteure sollten die Wirkung dieser Maßnahmen im Gesamtrahmen der Bekämpfung der Organisation nicht überschätzen."

Eine Untersuchung vom vergangenen Jahr der Universitäten Osnarbrück und Bielefeld kam zum Schluss, dass in den Chats zwar religiöse Themen eine große Rolle spielen, fundierte Kenntnisse aber kaum vorhanden sind:
Das Chat-Dokument enthält insgesamt 5.757 Postings von zeitweilig bis zu zwölf Gruppenmitgliedern. Die Postings zeigen die Kommunikation und Gruppendynamik unmittelbar vor einem geplanten Anschlag von jungen Menschen aus „normalen Verhältnissen“. Diese „natürlichen Daten“ vermitteln Informationen zu einer Vielzahl von Aspekten, die für die Radikalisierung wichtig sind: Die Gruppenstrukturen, ihre Hierarchie, die Dynamik und der Druck der Gruppe auf ihre Mitglieder, wie auch die Entwicklung einer so genannten „Lego“-Ideologie, die immer stärker die Gemeinsamkeiten und das Selbstbild der jungen Menschen prägt.

Die Studie des Forschungsnetzwerks Radikalisierung und Prävention (FNPR) der Universitäten Osnabrück und Bielefeld zeigt, dass die Gruppenmitglieder offenkundig nur über rudimentäre oder gar keine Islamkenntnisse verfügen. Selbst die Gestaltung einfachster ritueller Alltagshandlungen – wie zum Beispiel die Verrichtung des Pflichtgebets –  ist Teilen der Gruppenmitglieder nicht bekannt. „In Gänze betrachtet konstruiert die Gruppe nach dem Baustein-Prinzip einen Gruppenkult, der in all seinen zentralen Aussagen auf Willkür beruht und als krude und einfältig bezeichnet werden kann“, stellt Dr. Michael Kiefer von der Universität Osnabrück fest. Er und sein Kollege Bacem Dziri haben auf der Grundlage einer islamtheologischen Analyse gezeigt, wie zentrale Figuren in der Gruppe geschickt eine Copy-und-Paste-Ideologie aus Koranversen und Botschaften djihadistischer Führer zusammengeschnitten haben. Zentral dabei ist von Anfang an die Gewaltorientierung.
Die gesamte Studie wurde als Buch mit dem Titel „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“: Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe" veröffentlicht.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Krieg der Welten 2018

Warum zum Jahresende ein Post einer ARTE-Dokumentation über das von Orson Welles inszenierte und von H.G. Wells geschriebene Hörspiel "Krieg der Welten", welches 1938 im Radio ausgestrahlt wurde?

Kurz gesagt: Weil die Reaktionen, die der Film sammelt und darstellt, uns auch noch heute Einiges zu sagen haben. Die adaptierte Geschichte mit dem Originaltitel "The War of the Worlds" beschreibt eine Invasion vom Mars im ländlichen New Jersey. Welles inszenierte sie als Radiohörspiel in Form einer fiktiven Reportage, welche der amerikanische Radiosender CBS am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 ausstrahlte. Dazu wurde der ursprüngliche Handlungsort von England nach Grover’s Mill verlegt und die Geschichte entsprechend angepasst. Berichte über eine Massenpanik sind defintiv übertrieben, dennoch glaubte ein Drittel der fast drei Millionen Zuhörer an einen Angriff von Außerirdischen. 
 

Das Ereignis wird im kommenden Jahr 80 Jahre alt - und dennoch zeigen sich Muster, die wir auch heute noch beobachten können.

Die damals neue Form und massenhafte Verbreitung des Mediums gestaltete die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad um. Geschwindigkeit, Reichweite, Themen - die ZuhörerInnen wurden mit fremden Ereignissen in ungewohnter Machart konfrontiert. Viele Menschen fühlten sich davon überfordert. Es kam zu Gegenreaktionen in Form totaler Ablehnung und vernichtender Kritik, aber auch zu Euphorie und der umfassenden Einbindung des Mediums in den eigenen Alltag. Gilt dies für das Radio, hat das Internet unsere Gesellschaft deutlich tiefgreifender verändert.

"Die Amerikaner waren auf Krise gepolt", denn keine zehn Jahre vorher hatte die Wirtschaftskrise Millionen von Existenzen vernichtet. Im Verlauf des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, aber auch danach, wurde das Radio zum Krisenmedium. Eine Unterbrechung des Programms, heute würde man Eilmeldung sagen, führte zu Sondersendungen, heute würde man Liveblog sagen, die Expertinnen und Experten, Augenzeugen und politische u.ä. Akteure zu Wort kommen ließen.

Auch heute ist der annährende Zusammenbruch unseres Finanzsystems erst zehn Jahre her. Die Eindrücke von dieser sind zwar kaum noch Thema in der Öffentlichkeit, aber auch sie hat, verbunden mit der Geschwindigkeit von Globalisierungselementen, dazu geführt, dass die Angst vor dem Abstieg stets greifbar ist. Der Aufstieg Chinas, die Endlichkeit von Rohstoffen, Kosten des Klimawandels und der Energiewende, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, steigende Mieten - die Liste ist lang und vielfältig.

Eigene Erwartungen und Wahrnehmungen als Einfallstor
 
Die Invasion wurde 1938 geglaubt, weil sie in die eigenen Erwartungen und Wahrnehmungen der Welt passte. Auch heute geht es oftmals weniger um den Wahrheitsgehalt, sondern um das Abgleichen mit dem eigenen Realitätsrahmen.

Hinzu kommt, dass die mediale Auswahl und Aufbereitung (die auf dem Interesse des Pubilkums beruht) damasl wie heute negative Nachrichten bevorzugt. "Mord und Totschlag", Krieg und Leid, Staatsversagen und Elitenfehlverhalten verkaufen sich besser als gelungene Gesetzesvorhaben und Glücksseligkeit, auch wenn es eine Grenze gibt, welche die Aufmerksamkeitsspanne und das schwindende Interesse der Öffentlichkeit - je geringer die eigene (potentielle) Betroffenheit ist, desto uninteressanter für die Meisten - berücksichtigt. "Das Ganze war richtig spannend", stellte man schon vor 80 Jahren fest, und meinte damit das Gefühl wirklich dabei, stets auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch daran hat sich im Internetzeitalter wenig geändert.

"Und ständig war im Hintergrund dumpf die Kriegstrommel geschlagen worden" heißt es in der Doku, bei der Frage, warum das Hörspiel - welches zu Beginn eindeutig als ein solches angekündigt wurde und der Programmplatz eben einem solchen vorbehalten war - bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fiel. Es ist leicht, Parallelen ins Heute zu ziehen. Besonders dumpf sind die Trommeltöne dabei nicht, der Krieg gegen den Terrorismus wird heute sowohl an der Heimatfront als auch in entfernten Teilen der Welt geführt. Ein stetig wachsendes Gefühl der Unsicherheit, welches von der Politik mit verschärften Gesetzen und Freiheitseinschränkungen beantwortet wird, hat den Krieg zur Normalität werden lassen, auch wenn wir ihn nicht so nennen. Es sind Anti-Terror-Maßnahmen, es ist der eher undefinierte Kampf gegen DEN Extremismus oder die konkrete logistische Unterstützung für Verbündete. In der Summe bleibt bei vielen Menschen der Eindruck einer ungeordneten, gefährlichen und sich in Aufruhr befindlichen Welt zurück.

Zeit böser Vorahnungen
 
Auch die AmerikanerInnen damals, wollten eigentlich mit den Konflikten in Europa nichts zu tun haben, spürten aber, dass sie leicht hineingezogen werden könnten. Über diesen Punkt sind wir heute schon hinaus und dennoch gilt das Gleiche wie im Oktober Ende der 1940er-Jahre: "Es war eine Zeit nicht nur voller Ängste, sondern auch mit bösen Vorahnungen, was uns die Zukunft bringen mochte."

Der eindrücklichste Moment des Hörspiels ist, wenn der Reporter vor Ort verstummt und sich Stille im Äther breit macht. Eine Sekunde, zwei, drei - Welles zog die Pause unerbittlich in die Länge. Diese Pause würde auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen. Das hektische Klicken auf den Aktualisierungsbutton, die ausbleibenden Updates im Twitterstream - die Stille zerreißt uns auch heute. Denn mit ihr zerbricht auch die Illusion der Kontrolle, die der stetige Nachrichtenfluss aufbaut. Die Ereignisse verunsichern uns und bestätigen zugleich unsere Ängste. Sie legen angesichts ihrer Vielfalt und -zahl die Unmöglichkeit der Kontrolle nahe und vermitteln doch die Sicherheit, dass wenn sie nur gehört, gelesen, gesehen werden, sich in die gewohnten Strukturen einfügen lassen.

Ein aktueller ZEIT-Artikel von Nils Markwardt beschäftigt sich mit dem Ausmaß und der Wahrnehmung von "Krisen" in der Öffentlichkeit und deren gesellschaftlicher Funktion. Er schreibt: "Denn wenn im letzten Jahr, ach was, im letzten Jahrzehnt etwas konstant Konjunktur hatte, dann waren es eben: die Krisen. Dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in die Nachrichten oder der Gang in eine Buchhandlung: Ob Finanz-, Wirtschafts-, Euro-, Schulden-, Klima-, Flüchtlings- oder Staatskrise, ob Renten-, Bildungs- oder Wohnungskrise, ob die Krise des Westens, der Männlichkeit, des Glaubens, der Sexualität oder der Demokratie – Krisen sind nicht nur überall, sondern vor allem auch permanent."

Er arbeitet die Besonderheiten der aktuellen Krisenhaftigkeit bzw. die Wahrnehmung darüber überzeugend heraus. Doch so sehr sich die Mechanismen auch entwickelt und eine andere Gestalt angenommen haben, wichtige Aspekte kann man aus der Aufführung von "Krieg der Welten" weiter lernen. Zehn Schauspieler und ein 27-köpfiges Orchester reichten damals, um Tausende in (existenzielle) Angst und Schrecken zu versetzen. Heute bedarf es einer Pressekonferenz ("Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"), einer Gruppe von HackerInnen oder Trolle, die Falschmeldungen streuen ("Fall Lisa"). Beides löste keine Panik aus, doch einmal war es auch nur eine unglückliche Formulierung, das andere Mal der Versuch klandestin und subversiv den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen. Der Versuch der künstlich erzeugten Massenpanik steht hier (soweit bekannt) noch aus.

Anfälligkeit für Fake News kein neues Phänomen
 
Die Anfälligkeit für falsche Nachrichten oder extreme Interpretationen war also schon vor 80 Jahren festzustellen. Die naheliegende Annahme, dass mehr Informationen, eine größere Vielfalt von Informationsquellen oder eine besser mediale Bildung diese Anfälligkeit gesenkt haben, scheint nicht ohne weiteres zuzutreffen. Natürlich unterscheiden sich die heutigen Krisen schon aufgrund ihrer potentiellen Möglichwerdung. Wir lassen uns weniger von Invasion vom Mars erschrecken, stattdessen von der Flüchtlingswelle oder der Terror-Gefahr. Doch sind sie sich gleich, wenn es um den tatsächlichen Gefährdungsgrad geht. Welles sagte damals am Ende des Hörspiels:
Auf Wiederhören, und denken Sie an diese schreckliche Lektion: Der grinsende, glimmende runde Eindringling in ihrem Wohnzimmer ist ein Kürbis, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein Marsianer - es ist Halloween.
Heute könnte man schreiben:
Das wars für heute mit unserem Liveblog - vergessen Sie nie: Der grinsende, glimmende runde Eindringling auf ihren Bildschirmen ist ein Emoji, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein IS-Kämpfer, kein Russe und kein Flüchtling - es ist 2018.
Nach all den Fragen rund um die Aufmerksamkeitsökonomie, die Zweifel und Ängste einer Gesellschaft und von Fake News, bleibt die Hoffnung, dass trotz allem genug Zeit zum Nachdenken bleibt. Es scheint der einzige Schutz zu sein. Und es ist ja nicht so, dass sich dies nicht lohnen würde. Ein wenig mehr Ruhe, ein wenig mehr Objektivität, ein wenig mehr Raum zur Diskussion und die Dauerkrise könnte an Bedeutung verlieren. Markwardt dazu:  
Und es ist ja eben auch nicht so, dass es für aktuelle Krisen nicht genug Lösungsvorschläge gäbe. Wie eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft aussieht, wie Reichtum sozialer verteilt oder die Wirtschaft nachhaltiger organisiert werden kann, das alles wird seit Jahren und Jahrzehnten fortlaufend diskutiert. Würde man die Krisengeräusche für einen Moment herunterdimmen, könnte man sich diese Vorschläge sogar auch anhören.

Freitag, 29. Dezember 2017

Kandel: Tim K. und die Doppelmoral



Es ist ja mittlerweile Standard als "öffentliche Person" zu aktuellen Vorfällen Stellung zu beziehen. Til Schweiger macht das, Le Bron James, und so eben auch Tim K. Gut, dieser macht kaum etwas anderes als Das Weltgeschehen zu kommentieren und wer ihn nicht kennt, muss googeln. Seine mehr als 200.000 Fans auf Facebook wissen dabei aber genau wer er ist. Ein "aufrechter Mann", einer, der noch sagt, was Sache ist, ein Ex-Polizist, der weiß wie es läuft und für uns und unsere Familien kämpft (warum eigentlich?). Im oberen Bild und dem anschließenden gesamten Post bezieht er sich auf den mutmaßlichen Mord eines Mädchens durch einen 15-jährigen Afghanen im südpfälzischen Kandel.

Eine schlimme Tat, aber das festzustellen genügt ihm natürlich nicht. Da müssen dann schon alle "Wirtschaftsasylanten" herhalten, Christian Streich kriegt auch noch sein Fett ab (wagte es im vergangenen Jahr eine Straftat in einen Gesamtkontext zu stellen) und überhaupt, wenn das Rechtspopulismus sei, dann sei Tim K. eben stolz ein Rechtspopulist zu sein.

Nun kann man Herrn K. beruhigen, er ist kein Rechtspopulist, sondern ein unreflektierter, wütender und mit rassistischen Stereotypen beschlagener Mann, der Fragen stellt, wie: "Was ist aus diesem Land nur geworden? Wie tief sind wir gesunken?" Berechtigt, schließlich erhalten solche Posts auf Facebook doch 8.000 Likes, bzw. wütende Emojis (wobei für diese Art von Wut reichen die Standardsmileys eigentlich gar nicht mehr aus).

Haben Argumente noch eine Wirkung?

Ob man da noch argumentieren soll? Es noch kann? Die Tagesschau versucht es und versucht ihre Berichterstattung zu rechtfertigen. Sie argumentiert mit "Beziehungstat", mit Minderjährigkeit und die Polizei stehe eben auch noch "am Anfang ihrer Ermittlungen" - mit journalistischen Grundsätzen also. Doch die sind in den Sozialen Medien ja bekanntermaßen nicht ganz so gerne gesehen.

Man könnte ja auch inhaltlich anführen, dass Christian Streich seine Aussage eben so gemeint hat: es passiert pro Jahr circa 1 Mord (0,8) pro 100.000 Einwohner in Deutschland. Das Ganze also mal 800 dann hat man eine Gesamtzahl (und die ist natürlich schon zu hoch, da die 1 aufgerundet ist). Schaut man sich die Anteile an, dann sind Geflüchtete bei solchen Straftaten nicht überrepräsentiert. Das entschuldigt nichts, aber rückt es in den Kontext. Streich sagte damals, jetzt war es eben ein Afghane, in anderen Fällen ist es jemand anders.

Bleibt, dass Geflüchtete hierherkommen und dann in der Wahrnehmung der Empörten sozusagen das "Gastrecht" missbrauchen. Kann man so sehen, führt aber am Ende zu wenig, da es dieses Gastrecht nicht gibt und straffällige Geflüchtete auch heute schon abgeschoben werden. 

Tim K. will dann natürlich alle straffälligen Ausländer rauswerfen. Das heißt dann: "Werde ich beim Klauen erwischt, in einem Land, in dem ich zuhause, aber nicht dort geboren bin, dann muss ich raus!" Oder erst bei fahrlässiger Körperverletzung? Bei vorsätzlicher? Oder bei Mord? Entzieht man dann im nächsten Schritt jemandem den Pass, der gemordet hat? Das ist kein Whataboutism, sondern die Frage nach den Folgen für einen Rechtsstaat, in dem keine Willkür herrschen soll. 

Zudem sollte man sich eben ins Gedächtnis rufen - es gibt keine marodierenden Flüchtlingsmörderbanden, die durch Deutschland ziehen. Nochmal zur Statistik: 2000 gab es ca. 500 Morde - 2016 ca. 400 - trotz Flüchtlingen, ca. 150 Frauen pro Jahr werden regelmäßig von ihrem Partner/Ex-Partner ermordet.

Jeder Mord ist einer zuviel und jeder Fall ist tragisch, aber das alles zu vermischen, das Gesamtbild auszublenden, auf die Tränendrüse zu drücken (ohne wirklich Anteil an dem einzelnen Schicksal zu nehmen) und pauschal andere abzuwerten, kann man nicht anders als billig nennen und dient der bloßen Aufmerksamkeitserzeugung. 

Doppelmoral: So dreist, dass man fast schon Respekt haben muss

In dem Zusammenhang eben noch etwas zu Tim K. Auf dessen Webseite steht: "Willst Du Teil einer namenlosen Konsumherde sein, die ohne zu murren schnurstracks in den Abgrund trottet? Wenn nicht, dann solltest Du mein Buch „Kein Teil des Systems“ jetzt unbedingt vorbestellen!" So viel zur heuchlerischen Doppelmoral.

Quelle: Screenshot Webseite Tim K.

Denn das ist so dreist, dass man fast schon wieder Respekt haben muss. Also, wer kein Konsumopfer sein will, muss schnell dieses Buch kaufen! Nicht schlecht. Zur Beruhigung soll beitragen, dass an bedürftige Familien, Gewaltopfer, Kinderhospize und Tierheime gespendet wird. Alles mit dabei also. Ob von den mutmaßlichen zwei Cent (bei fünf Euro pro Buch, würde man das sicherlich offensiver bewerben) die Welt eine andere wird - wer weiß. Muss sie ja auch gar nicht, dafür gibt es das Gefolge von Tim K. Wie z.B. diese Kommentatorin:


Deren Post schwankt zwischen skurriler Abgrenzung und Zustimmung und einem Aufruf zur Gewalt. Wer sich mit solchen Menschen gemein machen will (Tim K. und die KommentatorInnen sind ja nur ein kleiner Teil der wütenden Empörungsmaschinerie), der sollte vielleicht wirklich das Buch kaufen. Versand ist inklusive.

*Anmerkung, 12. Januar 2018: In einem Facebook-Post von vorletzter Woche war von einem angeblichen Spendenbeitrag von fünf Euro die Rede. Allerdings für ein Tierheim und es geht nicht klar daraus hervor, ob dies für jedes verkaufte Exemplar gilt. Eigentlich sollten die Spenden ja an zahlreiche Bereihe gehen, die Tim K. mit "den Eigenen" in Verbindung bringt. Dass ihm da vor allem Tiere einfallen, mag mancher Ironie nennen, seine Selbstgefälligkeit ("Wer mich unterstützt und das gutheisst, ist natürlich willkommen und wer das mißbilligt und mich einen „Rechtspopulisten“ nennt, motiviert mich nur umso mehr und bestätigt mich, dass es das Richtige ist!") erschreckt aber vor allem, denn jede Auseinandersetzung in der Sache wird so im Keim erstickt.

Afghanistan-Dossier: Zwischen Hoffnung und Zerfall

"Für die Welt waren die letzten zehn Jahre die Dekade des Krieges, für uns war es die Dekade des Friedens."
Jan Dimog, Journalist, Drehbuchautor und PR-Texter

Wer Interesse daran hat, sich ein differenziertes Bild der Situation in Afghanistan zu machen, dem sei das Dossier von ARTE Info ans Herz gelegt. Auch die obige Aussage macht dabei nur Sinn im Kontext des gesamten Interviews mit Dimog und lässt sich nicht als Beweis für die sichere Lage gebrauchen. Aber genauso ist eben die gegensätzliche Einordnung als "failed state" richtig. Am Ende der Lektüre stellt sich eher die Frage, welche Ziele die internationale Gemeinschaft 2001 hatte, welche nach und nach entwickelt wurden und wo man heute steht und hin will. 


Diese Widersprüchlichkeit und offenen Fragen, aber auch Weiterentwicklungen sollten im Fokus der Betrachtung stehen, anstatt Pauschalisierungen und Einordnungen je nach politischem Geschmack.