Sonntag, 11. Februar 2018

Warum sich UN-Friedensmissionen rechnen (und Trump falsch liegt)

Es gibt auch als objektiveR BeobachterIn des internationalen Geschehens genug Gründe UN-Friedensmissionen zu kritisieren. Historisch aufgrund des Versagens auf dem Balkan oder in Ruanda. Über die Zeit wegen der hohen Zahl an Missbrauchsfällen durch Soldaten der Missionen, oder aufgrund der behäbigen Kommandostrukturen und der hohen Kosten, die durch die langen Missionslaufzeiten anfallen.

Doch sollte bei aller Kritik auch immer jeweils die Frage gestellt werden: Wie sähe die Situation ohne UN-Mission aus und wie würde sich das auf die Stabilität in der Region und darüber hinaus auswirken? Vor allem: Würde ein einzelnes Land oder eine Koalition, deren Interessen nicht den eigenen nationalen Egoismen entspringen, eine solche Mission übernehmen?

Erstens: mutmaßlich schlechter und wahrscheinlich negativ.
Zweitens: Nein (Der Jemen ist dafür ein hochaktuelles Negativbeispiel).

Dennoch wird im Zuge der gegenwärtigen "Rückbesinnung" aufs Nationale die UN als rückständig, ineffektiv und teuer gebrandmarkt, die bestimmten Strömungen einen zu großen Raum einräumen würde. Beispiele seien Entscheidungen gegen Israel, oder die Hilflosigkeit gegenüber Staaten wie Russland, die Völkerrecht brechen, ohne dass dafür Konsequenzen drohen. Dies mag alles sein, doch liefern solche Beispiele nicht annähernd genug Munition, um die UN und ihre Friedensmissionen pauschal in Bausch und Bogen zu verdammen. Das stört einen Akteur wie US-Präsident Donald Trump natürlich nicht. Im Gegenteil, in solch diffizilen und komplexen Kontexten läuft er oft zu Hochform auf. Seine Strategie ist, natürlich, die Lüge. Den Ton setzt er selbst, auf seine eigene Art:
Das Problem bei Trump ist, dass selbst Kommentare zum Thema so wirr und inhaltsleer sind, dass es nicht immer leicht ist, daraus etwas wie "Politik" oder "Inhalte" abzuleiten. Wie hier:
In Wausau, Mr. Trump also turned his attention to the United Nations, warning that it could meet a fate similar to NATO under a Trump administration. “By the way, United Nations — same thing, smaller numbers,” he said, seeming to call for a pared-down version of the intergovernmental organization. “Where do you ever see the United Nations?” Mr. Trump continued. “Do they ever settle anything? It’s just like a political game. The United Nations — I mean the money we spend on the United Nations.”
Zusammenfassen lassen sich seine Äußerungen, u.a. auch aus seiner Rede vor den Vereinten Nationen, ungefähr so: Zu teuer, zu ineffektiv, zu wenig Nutzen für die USA.
The United States is one out of 193 countries in the United Nations, and yet we pay 22 percent of the entire budget and more. In fact, we pay far more than anybody realizes. The United States bears an unfair cost burden, but, to be fair, if it could actually accomplish all of its stated goals, especially the goal of peace, this investment would easily be well worth it.
Doch stimmt das? Denn andersherum ist die Rechnung, dass 78 Prozent der Ausgaben durch die anderen Mitglieder aufgebracht werden. Zum Ausbau und Aufrechterhaltung eines Systems, das unter Federführung der USA geschaffen wurde. Eines Systems, das den USA offensichtlich so wichtig ist, dass sie sich auch unilateral stark engagieren (dazu gleich mehr). Trump behauptet dabei ja immer gerne, er könne alles billiger und besser machen. Ein aktuelles Rechenbeispiel zeigt, dass er auch hier falsch liegt:

Quelle: GAO, via undispatch

Der kongresseigene Rechnungsof (GAO - Government Accountability Office of the United States) hat beispielhaft die UN-Friedensmission in der Zentralafrikanischen Republik durchgerechnet. Sie kostete seit 2014 etwa 2,4 Milliarden US-Dollar. Davon trugen die USA ihren Anteil, der knapp ein Viertel ausmachte. Hätten die USA alleine gehandelt, hätten sie aber nicht nur die gesamten Kosten von 2,4 Milliarden tragen müssen, sondern die Mission hätte fast sechs Milliarden Dollar gekostet. (Details zur Rechnung und den Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, gibt es hier).

Nun kann man fragen, ob die unilaterale US-Mission nicht wirksamer hätte sein können. Oder ob die USA überhaupt ein solch großes Interesse an einer Mission in der ZAR hätten. Schließlich sagte Trump ja auch vor der UN-Generalversammlung:
As President of the United States, I will always put America first, just like you, as the leaders of your countries will always, and should always, put your countries first. (Applause.) 
(Wer bei diesen Worten applaudierte, kann man sich leicht vorstellen.) Letzteres Argument lässt sich nicht halten, wirft man einen Blick auf das globale Engagement des US-Militärs. Ganz offensichtlich haben die USA ein Interesse an einer weltweiten Militärpräsenz und der Intervention in Konflikte, die regionale oder globale Auswirkungen haben können:

Quelle: visualcapitalist

Auch wenn Trump vor den Vereinten Nationen sagte: 
It is an eternal credit to the American character that even after we and our allies emerged victorious from the bloodiest war in history, we did not seek territorial expansion, or attempt to oppose and impose our way of life on others. Instead, we helped build institutions such as this one to defend the sovereignty, security, and prosperity for all.
Ein Blick auf die Karte - und in die Geschichte der US-Außenpolitik widerlegt dies ebenfalls. Dabei geht es nicht darum die USA als internationalen Akteur zu diskreditieren, sondern daran zu erinnern, dass multlilaterales Handeln auch den scheinbar Stärksten nützen kann. Und den Schwächeren signalisiert: Zusammenarbeit und friedliche Koexistenz sind möglich. Jede andere Botschaft wird Letztere dazu bringen, sich zu fragen, wie man die eigene Schwäche ausgleichen kann. Ein Land wie China kann darauf eine einfache Antwort finden: die USA überflügeln. Die Rüstungsspirale hat jedenfalls schon begonnen sich zu drehen.

Dienstag, 6. Februar 2018

Dystopie im Handtaschenformat

Lust auf eine kleine Dystopie im Handtaschenformat?

Der Titel der nach stehenden ARTE-Doku ist nicht besonders spektakulär und auch die Beispiele sind vordergründig vor allem auf die neuesten Entwicklungen im Bereich der Satellitentechnik bzw. der Daten, die durch sie erhoben werden, gerichtet.

 

ABER, egal, ob ForscherInnen sichere Routen für Schiffe durch die Antarktis entwickeln, Flüchtlingslager analyieren, Grundwasservorkommen untersuchen oder Megastädte genauer unter die Lupe nehmen - bei all diesen Beispielen zeigt sich, wie gedankenlos die Menscheit im Ganzen agiert und wie sehr wirtschaftliche Interessen die Deutungshoheit erlangt haben. Ressourcen schrumpfen innerhalb weniger Jahre, ohne dass sich dies rückgängig machen ließe. Die Doku wirft einen Blick auf zahlreiche krasse Beispiele, wie wir mit unserer Umwelt umgehen.

Bei der Frage der Gewinnung und Analyse von Daten ließe sich zudem die technisch-wissenschaftliche Community leicht mit Google, Facebook und Co oder staatlichen Institutionen ersetzen. Mit diesem gedanklichen Kniff zeigt sich auf erschreckende Art und Weise, welches Überwachungszeitalter uns bevor steht. Oder wir schon mitten drin sind. Denn je nachdem stehen vor allem Datenübertragungsraten und das in bestimmten Fällen noch nicht ausgereifte maschinelle Lernen einer umfassenden und tiefgreifenden Überwachung im Wege. Mehr nicht.

Die Reportage nimmt auf diese negativen Entwicklungen auch zum Teil Bezug, versteht sich aber in erster Linie als Update in Sachen Erdvermessung und Big Data. Manche Folgerungen, wie dass der Schutz der Antarktis am besten gelingt, wenn Schiffe möglichst sicher durch das (schmelzende) Eis geleitet werden, wirkt naiv. Aber auch hilflos und realistisch. Denn der Schutz wäre natürlich am besten gewährleistet, wenn die Durchfahrt verboten würde. Doch solche Interessen gegen reines Gewinnstreben durchzusetzen, ist aktuell reine Utopie.

Grundlegendes zu Big Data gibt es z.B. hier.

Sonntag, 28. Januar 2018

Vergessene Seite des Nahostkonflikts

Auch eine Seite des Nahostkonflikts: Die Stellung vieler PalästinenserInnen, teils vertrieben, mittlerweile in großer Zahl in "Flüchtlingslagern" geboren, in den Staaten der Region. Diese betonen gerne den "Stachel" des Konflikts, das Leiden der "Nakba"-Opfer und die Verantwortung Israels. Auf der anderen Seite zeigt ein Blick in den Libanon oder nach Syrien, wie gering das Interesse der dortigen Regierungen an den Menschen als Bevölkerungsgruppe ist. Marginalisierung und Exklusion anstatt Integration und die Schaffung von Perspektiven. 

Die Rechte der PalästinenserInnen bleiben stark eingeschränkt, sie werden als Ausländer betrachtet und haben nur begrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt. Zudem müssen die Meisten in den sog. "Flüchtlingslagern" (die Städte sind) leben - Grund oder Eigentum dürfen sie nämlich nicht besitzen. So sind sie politisch gesehen vor allem eine Belastung, aber auch ein Faustpfand. Gerade im Libanon, der von Fluchtbewegungen stark belastet ist, gerät die Minderheit auch in Konkurrenz mit den Hunderttausenden von syrischen Geflüchteten. Eine palästinensische Jugendliche, geflohen aus Syrien, braucht nicht viele Worte, um ihre Zukunft zu beschreiben: "Eigentlich sehe ich keine Zukunft für mich."

Die gesamte Reportage aus dem Libanon im Standard.

Samstag, 27. Januar 2018

Facebook und Gemeinwohl? Null Interesse!

Facebook wird immer zu mehr zu einer Betriebsweihnachtsfeier - kaum jemand mag sie, aber die meisten sind dennoch dort. Ein Grund Facebook nicht besonders zu mögen - neben Fragen, die die Privatsphäre betreffen - ist der sich ständig verändernde Algorithmus, der auswählt, was den NutzerInnen angezeigt wird, und was nicht.

Ab sofort lautet das Motto ja angeblich: Mehr Freunde, weniger Werbung. Denn Facebook-Chef Mark Zuckerberg will helfen "bedeutsamere soziale Beziehungen zu haben." Denn die seien wichtig für das eigene Wohlbefinden. Nun das ist das keine besonders deepe Einsicht, hat aber Auswirkungen für den Mikrokosmos FB: "Nutzer werden künftig mehr Beiträge von Freunden und Familie statt von Unternehmen, Medien und politischen Gruppen zu sehen bekommen." Klingt ja nicht schlecht. Erhöht am Ende aber den Druck auf die geringere Menge an Slots für andere Inhalte. Heißt: Werbung auf Facebook wird teurer.

Eine Facebook-Seite zu betreiben ist dabei schon seit Jahren kein besonderes Vergnügen mehr, was Fragen der Reichweite (wie sie Facebook versteht) angeht. Denn nachdem Facebook bezahlte Werbung im großen Maßstab und für alle zugänglich (aus FB-Sicht auch erschwinglich) einführte, hat sich die organische Reichweite massiv reduziert. UnternehmensvertreterInnen können da sagen was sie wollen, am Ende steht: Wer nicht zahlt, wird nicht gezeigt. In anderen Ländern ist das - mit unterschiedlichen Argumenten versehen - schon Realität. Natürlich immer nur im Interesse der NutzerInnen.  

Auch dieser Blog hat einen "Facebook-Ableger". Getreu dem Blogtitel nicht mit Tausenden von Fans, die jeden Tag nach den aktuellsten Konfliktgeschichten, die einen runterziehen, gieren. Je gieriger, desto wahrscheinlicher, dass ein neuer Beitrag einer gelikten Seite auch angezeigt wird. 

Im Schnitt wird auf der Seite bei jeden Tag ein Link gepostet. Artikel, Video, Blogbeitrag, oder Foto. Die Reichweite schwankt dabei organisch, bezahlt wird nie. Da zeigt sich dennoch schnell, dass Videos eine höhere Reichweite haben - wenn sie denn auf FB abspielbar sind. YouTube-Videos schneiden schlechter ab. Auch Artikel mit knackigen Überschriften werden öfter geklickt als die mit langweiligen - alles also ganz normal.

Skurril ist aber, dass manche Beiträge 0 Reichweite haben. Wirklich 0, zero, niemand hat diesen Post gesehen. Ein technischer Fehler? Eher die Mischung aus ohnehin geringer Reichweite und einem Algorithmus, der sagt: "Boah, selten haben ich etwas so uninteressantes und irrelevantes gesehen. Das kann ich wirklich keinem Deiner Fans anzeigen. Wirklich keinem. Sorry! Hast Du nicht jemand, der im Auto sitzt und einen Witz erzählt? Oder was über Life-Hacks?"

Antwort: "Vielleicht was mit Gemeinwohl? Der Frage, welche Verantwortung Unternehmen tragen und welche Form der Marktwirtschaft diesen Namen tatsächlich verdient?"


Antwort Facebook:


Als GIF.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Studie: Warum die Entwicklungszusammenarbeit an Grenzen stößt

Die Studie Green Innovation Centre in Zambia: Fighting Hunger through Corporate Supply Chains? analysiert den Ansatz und die Auswirkungen des Grünen Innovationszentrums (GI) in Sambia, das die GIZ im Auftrag der Bundesregierung umsetzt. Sie zeigt, dass auch gut gemeinte, über den Ansatz der bloßen Nothilfe oder der klassischen Entwicklungshilfe hinausgehende Ansätze, schnell an Grenzen stoßen. Dies liegt auch daran, dass große Risiken entstehen, wenn sich die Interessen der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit mit denen von Großkonzernen kreuzen.

Das aktuelle Projekt des deutschen Entwicklungsministeriums zielt darauf ab Kleinbauern in Lieferketten zu integrieren und auf diese Weise ihr Einkommen zu steigern. In den Bereichen Soja und Erdnuss arbeitet die GIZ mit den NGOs COMACO und Good Nature Agro zusammen, im Bereich Milch mit der holländischen Organisation SNV. Doch die ZEIT schreibt zur Studie:

"Die Projekte in Sambia erreichen nur einen kleinen Teil der bessergestellten Kleinbauern", sagt Benjamin Luig, Experte für Ernährungssouveränität der Stiftung. Problematisch sei, dass die geförderten Betriebe in nationale, regionale oder globale Lieferketten integriert würden – aber das zu schaffen, dazu sei eine Mehrheit der kleinen Bauern gar nicht in der Lage. Und die Landwirte, denen es gelinge, produzierten am Ende nicht für den lokalen Markt, sondern für Konzerne wie den Baumwoll- und Getreidehändler NWK Agri-Services, den Agrarhandelsriesen Cargill und den italienischen Molkereikonzern Parmalat. Höhere Preise als zuvor aber erzielten die Bauern in vielen Fällen nicht."
Der Staat setzt also bei der Entwicklungshilfe immer mehr auf die Privatwirtschaft bzw. den Umweg über Nichtregierungsorganisationen, die eng mit dieser zusammenarbeiten. Die Gefahr: Statt Armut zu bekämpfen, fördert man Abhängigkeiten von Großkonzernen, wie ein Dokumentarfilm von ARTE zeigt:
Durch den Ausbau von öffentlich-privaten Partnerschaften und industriell angelegte Strategien. Ansätze zur Förderung von lokal bewährten, traditionellen Anbaumethoden und Aspekte wie der Erhalt der Artenvielfalt und der Bodenfruchtbarkeit vor Ort spielen in dem Entwicklungsprogramm, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Zu den bekanntesten afrikanischen Kritikern des bestehenden Systems der staatlichen Entwicklungshilfe gehört die Ökonomin Dambisa Moyo. Sie stammt, wie Bäuerin Annie Mpere, aus Sambia. In ihrem viel beachteten Buch „Dead Aid“ geht die ehemalige Weltbank-Mitarbeiterin so weit, einen sofortigen Stopp der von den Industrieländern im großen Maßstab vergebenen Fördergelder zu empfehlen. Ihrer Analyse zufolge hat sich die soziale und ökologische Lage in den meisten Teilen Afrikas in den vergangenen Jahrzehnten eher verschlimmert als verbessert – trotz der vielen Milliarden, die reiche Länder für den Aufbau des Kontinents bereitstellten.
„Die Vorstellung, Entwicklungshilfe könne systematische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Millionen Afrikaner sind heute ärmer – nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe“, schreibt Moyo. Der „auf Mitleid und Almosen basierende Ansatz“ der westlichen Entwicklungshilfe untergrabe in Wahrheit Handel, Wachstum und Investitionen in Afrika, fördere korrupte Regierungen und verschärfe dadurch noch die Instabilität der Länder. „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die Menschen ermutigen, sich selbst zu helfen“, fordert Moyo. Für ihre Landsfrau Annie Mpere bedeutet dies wohl: besser Bäuerin bleiben – ohne Big Business.
Auch die aktuelle Studie benennt das grundlegende Problem: "Die Programme agieren in Sektoren, in denen wenige transnationale Konzerne dominieren und auf billige Agrarrohstoffe angewiesen sind." Dies erschwert nachhaltige und auskömmliche Strukturen für die lokalen Produzenten ungemein. Dies ist kein Versagen der Kleinbauern, und eben auch nicht des Entwicklungsministeriums. Aufgrund der Handels- und Wirtschaftsstrukturen ist die "Hilfe zur Selbsthilfe" schlicht stark begrenzt in der Wirkung.

Die komplette Studie gibt es online (English).

Dienstag, 23. Januar 2018

Wenn ein "Weiter so" ohne Alternative ist

Wer glaubt, Berichte aus Krisengebieten seien frustrierend und desillusioierend, der oder die sollte sich einmal den Wirtschaftsteilen überregionaler Medien widmen. Da muss es gar nicht die FAZ sein, oder auch die NZZ, beide mit einem eher wirtschaftsfreundlichen Profil versehen. Es genügt die Lektüre bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bei der ARD-Börse zum Beispiel wird äußerst ausführlich über wirtschaftliche Entwicklungen berichtet. Dabei wird deutlich, wie unhinterfragt das Subsystem Wirtschaft existiert und wie weit entfernt von einer echten Reflexion unserer Lebensverhältnisse wir mittlerweile sind.

Bei Konflikten wird (zumindest am Anfang, bevor sie aus dem öffentlichen Interesse verschwinden) oft nach den Ursachen, noch Strategien zur Lösung und den Wegen nach einem nachhaltigen Frieden gefragt. Geht es um Wirtschaftsthemen, stellt sich Berichterstattung meist so dar:



Themen dieser Art, egal ob Euro, Zinspolitik, Binnennachfrage, oder Exportorientierung sind so komplex, dass sie ohnehin für viele Menschen uninteressant sind. Und wenn sie behandelt und gelesen werden, dann geht es um einen eindeutig abgegrenzten Raum, in dem eine Kontroverse geführt wird.

Hier also: Was sagt der starke Euro aus? Ist der starke Euro eine Belastung? Wie reagieren die AnlegerInnen (zu denen man sich rein der Rhetorik der allgemeinen Berichterstattung und den Empfehlungen für die Altersvorsorge wohl zählen soll, angesichts der Tatsache, dass man ca. 14 Prozent der deutschen Bevölkerung dazuzählt (und dies noch stark sozial geprägt ist) aber zumeist nicht kann)?

Man liest weiter und stößt auf Absätze, die die wirtschaftliche Entwicklung scheinbar mit politischen und gesellschaftlichen Vorgängen in Beziehung setzen:


Doch die zeigen allzuoft, dass sich der Aktienmarkt völlig unbeeindruckt von (gesellschaftlichen) Negativentwicklungen gibt. Oder Gewinne nicht hoch genug ausfallen und der Kurs trotz Rekordzahlen sinkt.

Bei Berichten dieser Art ist kein Platz zu fragen: Wo sind die Grenzen des Wachstums? Wer profitiert eigentlich von Entwicklungen, die sich teilweise von der Realwirtschaft völlig abkoppeln? Widerspricht diese Form des Wirtschaftens nicht unseren ordnungspolitischen Vorstellungen und den Wünschen der Menschen nach einer gerechten und solidarischen Gesellschaft?

Nun muss nicht jeder Artikel das ganz große Rad drehen. Doch angesichts der Tatsache, dass diese Fragen ja keineswegs neu sind, sondern bereits von den "68ern" gestellt wurden, erscheint dieser blinde Fleck kaum nachvollziehbar. Die hohen Kosten eines primär technologisch gedachten Fortschritts und die Logik der Externalisierung von Kosten, welche die Folgen unseres Konsums verschleiern, sollten eigentlich auch Konsequenzen für die mediale Auseinandersetzung haben. 

Doch wenn nirgendwo der Kapitalismus grundsätzlich in Frage gestellt, noch "Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem in der Sprache kollektiver sozialer Rechte formuliert wird", wie Birgit Mankopf aktuell schreibt (S.88), dann läuft der Diskurs aus Sicht vieler Menschen ins Leere.

Das Klicken durch die Wirtschaftsmeldungen offenbart dabei eine kaum zu ertragende Hilflosigkeit. Noch mehr als bei Kriegen und Krisen irgendwo auf der Welt, ist man unmittelbarer Teil des Systems (nicht, dass wir nicht auch bei Kriegen und Krisen aufgrund unserer interdependenten Welt eine Rolle spielen, sie ist aber weniger sichtbar). Man kauft, man verkauft, man ärgert sich über "die da oben", würde aber doch auch gerne dazugehören. Man lehnt die Absurdität des Aktienmarktes ab und versucht doch selbst davon zu profitieren. Bitcoins kritisiert man, weil man sie nur halb versteht und sowieso keine besitzt.



Man macht also mehr oder weniger fröhlich mit, auch wenn die Bauchschmerzen stärker werden. Am Ende lassen einen solche Berichte auch mit ein wenig Angst zurück. Was, wenn China uns dauerhaft überholt hat, was wenn der Euroraum wieder einbricht?

Hilflosigkeit, Angst und Überforderung - als Ergebnis ist das sicherlich kaum gewollt. Gerade ARD-Börse versucht an vielen Stellen Dinge ausführlich zu erklären und herunterzubrechen. Doch auch die JournalistInnen dort können nicht verhindern, dass ein schaler Nachgeschmack bleibt. 

Die Hoffnung auf eine andere Zukunft und die Einsicht bei einer großen Zahl von Menschen, dass die Menschheit anders agieren müsste, um auch den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, bildet sich nicht ab.

Kann sich nicht abbilden. Denn die gesellschaftlichen Diskurse dazu fehlen. Wie oben geschrieben, ein Artikel über die Stärke des Euro kann nicht dazu dienen, Kapitalismuskritik zu formulieren oder eine Debatte über die Grenzen der Kapitalakkumulation anzustoßen. Doch ihr Fehlen wird eben dort sehr deutlich. So kann es keine Verweis auf grundsätzliche Fragen geben, sondern muss bei der bloßen Analyse der Wertentwicklung einer Währung bleiben. Doch sind eben schon die Begriffe bzw. Dinge wie Währung, Wertentwicklung oder Konjunktur erklärungsbedürftig. Nicht in ihrem eigentlichen Wortsinn, sondern in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Gerade in den vergangenen Wochen wurde die Wendung "Es darf kein 'Weiter so' geben" überstrapaziert. Viele Menschen würden sagen, dies trifft auch auf die Wirtschaft zu. Nach der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise war dies zumindest Teil einer öffentlichen Debatte. Doch die ist schneller eingeschlafen als jede Diskussion über den Jemen oder den Südsudan. 

Vielmehr wurde deutlich, dass es keine andere Botschaft als "Weiter so!" geben wird, da die Alternativen fehlen und auch zu wenig diskutiert werden. So sollte es nicht wundern, dass viele Menschen der Politik die Steuerungsfähigkeit absprechen und Wirtschaft so sehen:


Quelle: Statista

Auch diese Statistik zeigt das Dilemma. Denn diejenigen, die keine gute Meinung haben, können mutmaßlich nicht ohne weiteres eine Alternative formulieren. 

So haben es Akteure leicht, die den Blick weg von der überkomplexen und hoch dynamischen Wirtschaft auf Themen lenken, die sich scheinbar leichter durchdringen, viel stärker emotionalisieren und damit am Ende leicht instrumentalisieren lassen.