Samstag, 19. Mai 2018

Flüchtlinge und #RoyalWedding: Wie wir uns die Welt verzerren (lassen)

Blickten im Jahr 2006 noch etwa 30 Prozent der Menschen in Deutschland negativ in ihre Zukunft, waren es 2017 nur noch etwa knapp 20 Prozent. Fast drei Viertel der Befragten gaben an optimistisch nach vorne zu schauen. Wie geht das zusammen mit der "allgemeinen" Wahrnehmung, dass Konflikte weit weg aber auch vor der eigenen Haustür das Geschehen bestimmen, Populisten an die Macht drängen und Roboter uns die Arbeit wegnehmen werden? Nun muss man den persönlichen Lebensbereich immer von der Wahrnehmung der Welt trennen. So wird zum Beispiel die Zukunft der EU von fast drei Viertel der Befragten negativ gesehen.

Zudem sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Sie geben aber einen Hinweis darauf, dass wenige laute Akteure den Diskurs bestimmen oder zumindest stark mitbestimmen. Ein Beispiel sind KommentatorInnen von Onlineforen: Lediglich fünf Prozent der Accounts waren im Januar für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren verantwortlich.

Doch auch die Medien selbst machen fröhlich beim dystopischen Agenda-Setting mit, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Ein willkürliches Beispiel aus der tagesschau-App (Freitag, 18. Mai 2018 abends) zeigt, wie sowohl überzeugte #dankemerkel-HaterInnen sich bestätigt fühlen dürfen, aber auch eher unbedarfte NachrichtenkonsumentInnen den Eindruck gewinnen, dass man selbst und die Welt einer düsteren Zukunft entgegenblicken. Indem nämlich ein (kompliziertes) Thema eine solche Diskurshoheit gewinnt, dass andere Nachrichten hinten runter fallen, oder - und das ist wohl die eigentliche Problematik - entsprechend mit eingeordnet werden:



Mit der Klage ist der AfD Aufmerksamkeit garantiert. Standardmäßig muss mittlerweile erklärt werden, welchen Gehalt das Ganze hat. Das ist zwar notwendig und wichtig, rein quantitativ verstärkt es aber die Bedeutung. Es folgen in dieser Reihenfolge:



Die Flüchtlingspolitik wird beim Durchswipen (ungewollt) verknüpft mit der mutmaßlichen Bedrohung durch islamistische Gewalttäter und mit der BAMF-Meldung wird nochmal daran erinnert, dass sich einige Menschen womöglich nicht legal hier aufhalten. Man gewinnt den Eindruck, dass kein Thema wichtiger und drängender ist als die Frage der Einwanderungspolitik, wenn es die Hälfte des vorhandenen Raums einnimmt.


Und damit ist die Aufmerksamkeit für die "harten" Nachrichten auch vorbei. Vielleicht noch etwas zum Porsche-Rückruf oder der Krankenhausentlassung von Skripal, aber dann doch lieber der Schwenk zur royalen Hochzeit. Und am Ende zeigen nur die regionalen Nachrichten, was eine große Zahl von Menschen eigentlich beschäftigt und welche Sorgen wirklich deren Alltag bestimmen:


Solche Abfolgen von Nachrichten können negative Einstellungen der RezipientInnen verstärken und einen verzerrten Eindruck der Realität erzeugen. Denn die Sensibilität der Menschen sollte man dabei nicht unterschätzen. Fast 30 Prozent der Befragten gaben in einer Studie an, dass sie Nachrichten meiden, unter anderem weil sie eine negative Stimmung erzeugen.

Dieses Dilemma der Medien lässt sich nicht auflösen. Doch in einer Art Schweigespirale vor allem den Nachrichten Raum einzuräumen, die nach Auffassung einer Minderheit die größte Relevanz besitzen, verstärken Ressentiments und erschweren einen inhaltlichen Diskurs. Mehr Beiträge über den Konflikt im Jemen, die Bilanz zehn Jahre nach der Wirtschafts- und Finanzkrise oder die Perversionen des Immobilienmarktes hellen zwar nicht die Stimmung auf, rücken aber so manches gerade. Und ermöglichen es unter Umständen Themen in den politischen Diskurs einzuspeisen, die aktuell wegen der überschätzten Bedeutung anderer Politikfelder völlig unter den Tisch fallen.

Der 90-Minuten-Krieg: Wenn der Videoassistent den Nahostkonflikt entscheidet

Das kleine Fernsehspiel zeigte schon 2016 das erste Mal die Komödie "Der 90-Minuten-Krieg". Angesichts des Umzugs der US-Botschaft nach Jerusalem und des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israel bot sich eine Wiederholung aus Sicht der Programmverantwortlichen wohl an, Die Geschichte des Films ist schnell erzählt. Israelis und Palästinenser sind nach jahrzehntelangen Kämpfen und ständigen Verhandlungen müde, immer wieder ergebnislos auseinanderzugehen. Da kommen die "Erzfeinde" auf eine unkonventionelle Idee: Ein Fußballspiel soll den Nahostkonflikt endgültig beenden. Der Einsatz ist hoch: Wer verliert, muss das gelobte Wüstenland verlassen. Der Sieger bekommt alles, von Jaffa bis Jerusalem, von Galiläa bis Eilat. Kein Streit mehr, keine Kriege, endlich Ruhe.



Klingt nach bösem Klamauk und Fettnäpfchen am laufenden Band. Doch nach 80 Minuten hat man das Gefühl, man hätte tiefer in den Nahostkonflikt geblickt, als bei so mancher Dokumentation oder manchem Nachrichtenbeitrag. Positiv fällt sofort auf, dass mal Englisch, mal Hebräisch, mal Arabisch, mal Deutsch und oftmals alles durcheinander gesprochen wird. Jeweils mit Untertiteln, so dass beispielsweise die Selbstverständlichkeit in der sich die eigentlich feindlich gesinnten Seiten verständigen können, erhalten bleibt. Zudem merkt man sofort, dass der Regiesseur Eyal Halfon an Authentizität interessiert ist. Die Darstellung beider Seiten strotzt nicht vor Stereotypen, wie man es bei einem Film zu diesem Thema und einer Komödie vermuten könnte.

Nun ließe sich ausführlich darüber streiten, ob und wie die Asymmetrie des Konflikts eingefangen wird. Inwiefern die Darstellung der totalen Überlegenheit der israelischen Armee den Blick auf Angriffe der palästinensischen Seite verstellt. So ist an einer Stelle im Film von "Blechraketen" die Rede, das Tunnelsystem als zivile Lebensader des Gaza-Streifens dargestellt. Doch das grundsätzliche (Un-)Gleichgewicht aus der sich die unterschiedlichen Strategien der Akteure speisen, wird glaubhaft eingefangen. Immer wieder schimmern Ursachen für den Konflikt bzw. für dessen Beständigkeit durch. Und genau wie das Ende des Films, kommt in den meisten Szenen zum Ausdruck, dass beide Seiten gemeinsam in dem Konflikt gefangen sind. So sehr, dass manche wohl die Entscheidung eines Videoassistenten der Aussicht auf weitere Jahrzehnte des Konflikts vorziehen würden.

Leider zeigt das ZDF den (selbst mit produzierten) Film nur noch bis zum 21.05. in der Mediathek.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Afghanistan: Schlimmer geht immer

Vierteljährlich veröffentlicht der Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction seinen Bericht. Zumeist wird er von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Das liegt zum einen an der generellen Aufmerksamkeit in Sachen Afghanistan, zum anderen an dem Berichtszeitraum an dem sich weniger plakativ Entwicklungen deutlich machen lassen als bei Jahresberichten, die über 12 Monate Bilanz ziehen. 

Die Zahl der Menschen, die aufgrund der Gewalt im Land zur Flucht gezwungen wurden, ist ein "guter" Indikator um die Entwicklung im Land nachvollziehen zu können. Die Grafik zeigt deutlich, dass keinesfalls von einer Befriedung der Situation im Land in den vergangenen Jahres gesprochen werden kann. Auch wenn 2017 ein besseres Jahr war als 2016 ist der Trend eindeutig abzulesen. Quelle: SIGAR-Report 30.04.2018, S. 147.

Doch hier mal einige Punkte aus dem Bericht, den auch Foreign Policy etwas näher unter die Lupe genommen hat:
Die Wirtschaft Afghanistans hat - gemessen am Bruttoinlandsprodukt - im Jahr 2012 aufgehört zu wachsen und stagniert/sinkt seitdem. Auch etwa 126 Milliarden US-Dollar an wirtschaftlichen Hilfen haben daran nichts geändert.

Afghanistan steht auf Platz 183 des Index für Geschäftsbeziehungen. "Doing Business" in dem Land ist sowohl gefährlich als auch langsam, korruptionsanfällig oder leidet unter der Infrastruktur. Weniger als ein Drittel der Menschen in Afghanistan haben zum Beispiel elektrischen Strom.

Die Zahl an Bomben, welche die "westliche Koalition" über dem Land abgeworfen hat, war die Höchste seit dem Jahr 2013.

Selbstmordanschläge sind 2017 um 50 Prozent gestiegen. Opferzahlen aus solchen Attacken oder koordinieren bewaffneten Angriffen steigen kontinuierlich. Angriffe von religiösen militanten Gruppen haben sich 2017 verdreifacht. 

Die USA haben seit 2002 knapp neun Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die Produktion von Drogen einzudämmen. Doch der Opiumanbau wächst, allein 2017 gab es eine Erhöhung der Produktion um 63 Prozent. 

Nur etwa zwei Drittel der Menschen in Afghanistan leben unter Kontrolle der Regierung. Vor dem Hintergrund, dass knapp 80 Milliarden US-Dollar in den Aufbau der Sicherheitskräfte geflossen sind, ist dies eine erschreckend geringe Zahl, vor allem da sich laut Bericht die Entwicklung noch verstärkt hat: "Insgesamt bringen die Aufständischen immer größere Teile der Bevölkerung unter ihre Kontrolle", heißt es da. 

Insgesamt wurden mehr als 20.000 Militärangehörige der USA verwundet. 2017 waren es mehr Personen als 1015 oder 2016.

Die überall verbreitete Korruption lähmt das Land und verhindert die Entwicklung der Wirtschaft. Fälle werden nicht verfolgt, verurteilte Straftäter nicht verfolgt. Die USA sehen dafür den mangelnden politischen Willen der afghanischen Regierung als Ursache, doch auch die Ausgabepraxis trägt nicht zu einer wirksamen Strategie gegen Korruption bei.
Der Bericht kritisiert auch die grundsätzliche Ausrichtung und das Selbstverständnis der Akteure, die im Land tätig sind: "Wir haben Agenturen gefunden, aber nicht nur wir, auch der Generalinspekteur, die sehr viel Zeit dafür aufwenden den Input der Programme zu erfassen. Also die Höhe der Mittel, die verwendet werden, genauso wie den Output, zum Beispiel die Zahl von Klinken, die gebaut wurden. Doch zu wenig Aufmerksamkeit wird auf den Outcome und die Ergebnisse als Gradmesser des Erfolgs gerichtet."

Montag, 30. April 2018

Wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung? Saudi-Arabien erlaubt Frauen den Militärdienst

Seit der Machtübernahme durch den jungen saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman (im #-Zeitalter auch als MBS bekannt) gab es einige Meldungen aus dem Königreich, die Verbesserungen für Frauen in dem verschlossenen und patriarchalisch geprägten Land verkündeten. So wurde zum Beispiel Frauen das Autofahren erlaubt. Gleichzeitig bleibt die krasse Ungleichberechtigung in den meisten anderen Lebensbereichen bestehen, denn jegliche (mit ganz wenigen Ausnahmen) Wünsche oder Pläne, die ein amtliches Handeln erfordern, müssen weiterhin von einem männlichen Vormund, zum Beispiel durch den Vater oder den Bruder, abgesegnet werden.

Da erscheint die Meldung, dass Frauen nun im saudischen Militär Dienst tun dürfen, als weiterer und großer Schritt zu mehr Gleichberechtigung. Geht es hier doch um eine "Errungenschaft", die auch in scheinbar aufgeklärten und der Geschlechtergerechtigkeit verpflichteten Staaten nur sehr schleppend voran kommt. So sind in den USA 15 Prozent des militärischen Personals weiblich, in Großbritannien sind es etwa zehn Prozent. In Indien sind es dagegen nur fünf Prozent und in Afghanistan Vier. In Deutschland sind in der Bundeswehr etwa elf Prozent weibliche Soldatinnen, zieht man die ab, die vor allem im Sanitätsdienst und in der Verwaltung tätig sind, bleiben etwa vier Prozent. 

In den meisten Armeen der Welt dürfen Frauen mittlerweile Dienst tun. Oft vor allem in Unterstützungseinheiten und weniger in der "kämpfenden Truppe". Ob dies als Ausweis von progressiver Geschlechterpolitik zu werten ist, darf man aber in Frage stellen. Quelle: dimitrisvetsikas1969

Doch wichtiger als solche Zahlen ist die Frage, ob der Dienst an der Waffe wirklich ein Schritt zu mehr Gleichberechtigung ist. Ganz grundsätzlich und am Beispiel Saudi-Arabien. In den Krieg zu ziehen ist zweifellos eine Männerdomäne. Doch hier Gleichberechtigung zu fordern, läuft dem eigentlichen gesamtgesellschaftlichen Anliegen der zivilen Konfliktbearbeitung und des friedlichen Miteinanders zuwider. 

Man gerät bei dieser Frage also schnell in einen Zwiespalt. Schon 1978 setzte sich EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer, damals noch vor allem als Publizistin und Journalistin bekannt, mit dieser Frage auseinander und warnte die LeserInnen vor einem "ungewohnten und zunächst schockierenden" Gedankengang, bei der Frage, ob Soldatinnen Teil des Militärs sein sollten.

Armeen sollten Frauen natürlich offen stehen und ein entsprechender Kulturwandel angestoßen bzw. fortgeführt werden. Diese Frage zur Speerspitze des Feminismus auszubauen, hieße aber Gefahr zu laufen, den Zweck und Charakter des Militärs zu verkennen. Am Beispiel Saudi-Arabiens wird dies ganz deutlich. Dort werden Frauen im Militär am Ende dazu beitragen die patriarchalisch geprägte und männerdominierte Gesellschaft nach Außen (und je nachdem nach Innen) zu verteidigen. Unter anderem in einem mutmaßlich völkerrechtswidrigen und brutal geführten Krieg im Jemen. Für einen Herrscher, der weder echten politischen und gesellschaftlichen Wandel, noch zu einer Deeskalation des sunnitisch-schiitisch Konflikts beitragen will. Insofern sollten Frauen dort Soldatin werden dürfen - aber es im Idealfall nicht wollen oder gar müssen.

Freitag, 27. April 2018

Das Märchen vom kritischen digitalen Konsum

Der sogenannte Datenskandal bei und um Facebook klingt nur langsam ab. Dennoch sehen manche BeobachterInnen negative Folgen für das Unternehmen, gar eine Bedrohung der Existenz. Denn 90 Prozent der Menschen trauen Facebook nicht, jedoch: "Persönliche Konsequenzen ziehen daraus aber nur wenige Nutzer: Gerade einmal 2 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook aufgrund des Datenskandals gar nicht mehr, 12 Prozent gaben an, die Nutzung von Facebook einzuschränken. 27 Prozent wollen das Netzwerk unverändert weiter nutzen, 59 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook ohnehin nicht." Echte wirtschaftliche Konsequenzen sind also nicht in Sicht. Woher ich das weiß? Von einer Google-Suche.

In diesem einen Absatz zeigt sich das ganze Dilemma der durchschnittlichen InternetnutzerIn: Es gibt kaum einen Ausweg aus der Datenfalle. Bedroht ist man gerade laut der öffentlichen Debatte durch Facebook, doch ist das US-Unternehmen ja nur ein Akteur der "Internet Big Five". Sicherlich, der oben genannte Artikel hätte sich auch mit DuckDuckGo finden lassen. Ganz ohne Datenerhebung und Tracking. Doch stellt sich anhand dieses Beispiels die ganz grundsätzliche Frage, inwiefern verantwortungsvoller und kritischer Konsum im digitalen Raum möglich ist und wenn ja, ob er wirklich etwas verändern kann - auch für andere NutzerInnen.

Quelle: Screenshot sueddeutsche.de

Volker Bernhard scheint davon überzeugt zu sein, er schrieb vor einiger Zeit für die SZ folgende Zeilen über "bewussten Konsum im Netz":

Und dann liefert das Magazin Wired in seiner jüngsten Ausgabe eine Reportage mit gewaltiger Sprengkraft: Wer danach noch bei Facebook bleibt, ist selber schuld. Vielleicht aber taugt diese Ausgangssituation dazu, um eine Parallele zwischen der zarten ersten Digitalkrise und dem damaligen Bio-Erwachen zu ziehen. Könnten die aktuellen Fortschritte in der Wertschätzung von Bio-Produkten nicht auch als Blaupause für eine veränderte Konsumentenethik des Digitalen dienen?
Im Anschluss daran schildert er die Entwicklung von Bio-Läden, -Siegeln und die Entstehung einer breiten Bevölkerungsschicht, die Bio-Produkte und ökologische Erzeugnisse konsumiere. Dann schlägt er die Brücke zu Posteo oder Mailbox.org. Alles gut also? Das wird schon? Es braucht eben Zeit, bis sich ein Konsum, der nicht zerstörerisch wirkt (in diesem Fall für die Privatsphäre), entwickelt?


Die NutzerInnen als Superhelden der digitalen Welt, die mit ihren Konsumentscheidungen deren Struktur und Funktionsweise verändern? Quelle: alan9187

Schaut man auf unsere Ernährung löst sich allerdings schon die Ausgangsthese in Luft auf: Je nach Statistik schwanken die Zahlen leicht, doch wir reden heute über einen Bio-Anteil an den Gesamtverkaufserlösen aus der Landwirtschaft von fünf Prozent. Bei Eiern liegt der etwas Anteil höher, bei knapp zehn Prozent. Einem Produkt, das über lange Zeit Aushängeschild und exemplarisches Beispiel für bessere Bedingungen war und heute noch ist. Und zudem mit allerlei Skandalen zu kämpfen hatte. Doch trotz "Bio-Boom" und "Öko-Lifystyle" ist die nachhaltige und ökologisch verträgliche Erzeugung von Lebensmitteln ganz offenkundig ein Nischenmarkt. Fast 50 Jahre nach der Eröffnung der ersten Bio-Läden. Außerdem ist auch in der Bio-Landwirtschaft eine Flächenkonzentration zu beobachten, Ställe werden größer, der "Output" pro Betrieb steigt und entfernen sich - auch aus wirtschaftlichen Zwängen - weit vom Demeter-Gedanken.

Bernhard träumt in seinem Artikel davon, dass Facebook in naher Zukunft "dasselbe Ansehen wie zuletzt die Drogeriekette Schlecker" genießen könnte. Ein Schmuddelimage also, das am Ende das Ende des Unternehmens bedeutete (doch das beendete natürlich weder den Preiskampf noch die schlechten Arbeitsbedingungen in der Drogeriebranche). Auch die neue Datenschutzgrundverordnung könnte das Geschäftsmodell einschränken. Doch aktuell sind dies die Schlagzeilen:


Facebook: 49 Prozent mehr Umsatz trotz Datenaffäre

Mehrzahl der deutschen Nutzer Facebook treu

Skandal! Welcher Skandal?

Vor allem geht es ja wie erwähnt nicht nur um Facebook. Die großen Spieler des Plattform-Kapitalismus haben die NutzerInnen in der digitalen Welt gemeinsam fest im Griff. Und sind bereit in jede Bresche zu springen. Ob Amazon, das mit Echo/Alexa nun aus Unternehmenssicht endlich Standortdaten erhält, oder Google, das ein Drittel der weltweiten Werbeeinnahmen im Online-Markt generiert und zu einem immer wichtigeren Partner von Behörden bei der Aufklärung von Straftaten wird - es gibt kaum ein Entkommen.

Tipps für VerbraucherInnen? "Durch Zweithandy möglichst wenig Daten preisgeben", heißt es zum Beispiel. Dies illustriert fast schon die gesamte Hilflosigkeit und fehlende politische Regulierung. Laut Bernhard gebe es aber "für die meisten Dienstleistungen großer Technologiekonzerne [...] datenschutzverträgliche Alternativen." Was fehle, seien "die Überzeugungstäter, die wie bei den Anfängen der Bioläden im Freundes- und Bekanntenkreis vielleicht etwas militant wirken, aber sachlich ihre Befürchtungen darlegen. Außerdem fehlt der digitalen Konsumentenethik ein positives Image, das Zeigefingerpädagogik in annehmbare Vorschläge verwandelt." 

Das ist schlicht nicht wahr. Es gibt keinen Cloud-Dienst, der NutzerInnen die vergleichbare Funktionalität von Google Photos bietet, sich europäischen Datenschutzregelungen unterwirft und gegen Bezahlung keine Daten erfasst. Es gibt keine Spracherkennung, die Open Source ähnlich mächtig agiert, wie die von Google, Apple oder Amazon, selbst wenn Mozilla mit "Common Voice" daran arbeitet. Und die "Überzeugungstäter" in Sachen Bio haben in 50 Jahren fünf Prozent Marktanteil erzeugt, wenn man es polemisch ausdrücken will.

So bleibt ein fader Beigeschmack bei der Diskussion um die Existenz und die Wirkungen des bewussten Konsums. So wird kritischer Konsum, wo es ihn denn tatsächlich gibt, meistens überschätzt bzw. die Schwierigkeiten bei der Umsetzung ausgeblendet. Das illustriert das Buch "Tomaten - Recherchen auf dem globalisierten Nahrungsmittelmarkt" von Annemieke Hendriks. Sie zeigt eindrucksvoll am Beispiel eines scheinbar so simplen "Produkts" wie der Tomate, wie schwierig es selbst für aufgeklärte und bewusste Menschen ist, "kritisch zu konsumieren". Hendriks schreibt gegen Ende: "Wer wirklich etwas für das Wohl der Erde tun möchte, der isst also am besten nur Saisontomaten aus unbeheiztem Anbau, bio oder nicht (beide haben ja Umweltvorteile), und besorgt sich diese mit dem Fahrrad."

Sehr viele Informationen sind also nötig, unzählige Faktoren müssen beachtet, teilweise sich widersprechende Wirkungen müssen in Einklang gebracht werden und am Ende hilft meist nur der Verzicht. Ganz abgesehen, dass man die wirtschaftlichen Voraussetzungen mitbringen muss. Keine massentaugliche Strategie, so scheint es. Überträgt man dies aufs Digitale wird man auch dort eine Mischung aus Überforderung und Unwillen der KonsumentInnen prognostizieren müssen. Die Wirtschaftswoche schreibt in einem aktuellen Artikel zu mehr Sicherheit im Umgang mit Künstlicher Intelligenz:
Erfolg werden solche Industrieinitiativen ohnehin nur haben, wenn sich auch alle Nutzer des Internets der Dinge der Risiken einer hochgradig vernetzten Welt bewusst sind. Wenn sie nicht länger auf ihren Smartphones Schnüffeldienste zulassen und über x-beliebige Apps Auskunft darüber geben, wo – auf den Meter genau – sie sich gerade befinden. Michael Kranawetter, Leiter der Abteilung Sicherheit bei Microsoft Deutschland, fordert mehr Aufklärung. Die meisten Leute wüssten schlicht nicht, wie wichtig es sein kann, mit Daten sparsam zu sein, und wie sie im Alltag weniger Datenspuren hinterlassen können. Daher sollten „Grundprinzipien der Programmierung Einzug in die Stundenpläne der Schulen erhalten“. In einer vernetzten Welt sei nur derjenige ein mündiger Bürger, der weiß, welche Spuren er hinterlasse – und der verbergen könne, mit wem er wo zu Abend isst.
Die BürgerInnen werden also in Haftung genommen - damit freiwillige Unternehmensselbstverpflichtungen Wirkung zeigen können. Verpflichtungen, die maximal den kleinsten gemeinsamen Nenner zum Gegenstand haben. 

An dieser Stelle könnte man abwinken und das Konzept des kritischen Konsums für gescheitert erklären. Doch auch das greift zu kurz, in einer modernen Gesellschaft ist es durchaus in Ordnung die BürgerInnen an ihre eigene Verantwortung zu erinnern und sie dabei zu unterstützen dieser nachkommen zu können. Entwicklungsminister Gerd Müller hat gegenwärtig mal wieder den "Grünen Knopf" angekündigt. Ab 2019 soll das ein Siegel sein, bei dem man "zu 100 Prozent" sicher sein könne, dass die Kleidung fair produziert wurde. Das wäre ein guter und wichtiger Schritt. Aber die Ankündigung ist nicht neu und ohne gesetzliche Verpflichtung scheinen auch diesmal viele bzw. die meisten Hersteller nicht mitmachen zu wollen. Es ist wie bei der Ernährung: Bio ist gut und schön, doch ohne politische Vorgaben wird sich substantiell wenig an der Erzeugung von Lebensmitteln ändern.

Wieder aufs Digitale übertragen: Die Daten der Menschen lassen sich nicht durch Selbstverpflichtungen oder geändertes Nutzungsverhalten Einzelner schützen. Eine politische Regulierung muss her. Auch die Bloggerin und Netzexpertin Katharina Nocun kommt nach einem Selbstversuch mit Amazon, bei dem sie ihre dort gespeicherten Daten anforderte, zum Schluss:
Mehr Transparenz in Bezug auf Datensammlungen reicht deshalb nicht aus. Es braucht verbindliche Löschfristen und klare Verbote für Überwachung in besonders sensiblen Bereichen. Nutzer sollten zudem bei jedem Anbieter die Möglichkeit haben, auch "inkognito" zu recherchieren. Wenn die Politik keine Leitplanken einzieht, werden wir alle unweigerlich zu gläsernen Kunden.
Doch im digitalen Raum haben wie erwähnt auch staatliche Akteure Interessen, die über den Schutz der KonsumentInnen-Anliegen hinausgehen:
Der Hamburger Kriminologe Nils Zurawski befürchtet eine Vermengung von staatlichen und privaten Interessen durch die Kooperation von Tech-Konzernen und Strafverfolgungsbehörden. Im Interview sagt er: "Da Google und auch andere digitale Medien und Dienste zu unserem Alltag gehören, und wir allerlei Dinge damit tun, wäre die generelle Auskunft über unsere Aktivitäten eine Totalüberwachung. Das ist praktisch schon der Fall, wenn man bedenkt, dass alles, was wir tun, in irgendeiner Weise aufgezeichnet wird."
Die schon heute große Macht der Technologie-Konzerne,die Verlockungen der Datenerfassung für staatliche Stellen und naive Sichtweisen wie "Facebook wird das neue Schlecker", lassen demnach Schlimmes befürchten. Jedoch ist es nie zu spät, wirtschaftliche Interessen einzuhegen. Dazu braucht es nur eine Debatte, was denn gesellschaftliche Werte, die als unbedingt schützenswert erachtet werden, sind. Auch die diesjährige re:publica 18 fragt:
In welche Richtung entwickeln sich international Digital Democracy und Open Data-Ansätze? Und welche sozialen und legislativen Begleitprozesse braucht die immer stärker fortschreitende Automatisierung? Wo der menschliche Verstand zu versagen scheint, halten dort die Versprechen der Auslagerung von Prozessen in die “unbestechliche” Blockchain?
Und den politischen Willen, der bei den meisten Fragen (noch) fehlt und nur durch öffentlichen Druck verändert werden kann. 

Dort - im Rahmen eines ausgehandelten und regulierten digitalen Raums, wo kritischer Konsum kein Ausstieg bedeutet und für alle möglich ist - dürfen dann auch die NutzerInnen herausfordernd gefragt werden: "Ey, was treibst Du denn da eigentlich mit Deinen Daten?"  

Freitag, 30. März 2018

Jemen: Schlimmste humanitäre Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs

10.000 Todesopfer, 300.000 Umsiedlungen und zwei Millionen Flüchtlinge – so lautet nach drei Kriegsjahren in Jemen die schreckliche Bilanz. Den Vereinten Nationen zufolge erlebt der Staat im Süden der Arabischen Halbinsel zurzeit die schlimmste humanitäre Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. 

Die ARTE-Reportage zeigt seltene Bilder aus dem für JournalistInnen nur schwer zugänglichen Land. Und stellt die Frage, wie lange die Weltgemeinschaft noch zusieht. Diese Woche wurden zum Beispiel im Sicherheitsrat die mutmaßlichen Raketenangriffe der Houthi-Fraktion auf Saudi-Arabien verurteilt, die Luftangriffe der "internationalen Koalition" jedoch nicht.



Neben der Reportage gibt es ein neues Dossier mit Interviews, Grafik, Reportagen sowie ein Interview zum "vergessenen Krieg" im Jemen: