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Donnerstag, 5. November 2020

Krieg ist langweilig!

Gefechte in und um Bergkarabach, der Einsatz von Drohnen, der Beschuss ziviler Wohnviertel - all das generiert Bilder, die zur Zeit in aller Munde und Augen sind. Doch gleichzeitig ist der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien überhaupt nicht neu. Oder kämpfen im Jemen seit fast einem Jahrzehnt Fraktionen gegeneinander. In Syrien fallen regelmäßig Bomben, obwohl der Konflikt schon länger in unseren Breiten als irgendwie befriedet betrachtet wird. 

Das zeigt: Krieg ist langweilig, oder wird langweilig und verursacht bei den Menschen nach und nach Überdruss. Zu viel schlechte Vibes, dabei ist doch alles im näheren Umfeld schon deprimierend genug (im echten Nahbereich meist nicht, doch dieser Widerspruch fällt Vielen hier gar nicht mehr auf). Dieses Nichtsehenwollen und auch eine Übersättigung was Konflikte und Elendsbilder angeht (auch wenn man argumentieren kann, dass es auf der anderen Seite viel zu wenig davon gibt, nur die Wenigsten irgendeine Vorstellung haben, wie schmutzig, wie erschreckend und herzzerreißend die Schicksale von Menschen im Krieg sind), ist ein Problem. Ein Problem, wenn es darum geht, Menschen für außenpolitische Entwicklungen zu interessieren und nicht erst Empörung, Empathie oder Interesse zu zeigen, wenn die Ausläufer globaler Phänomene z.B. auf einem Weihnachtsmarkt sichtbar werden.

Aus diesem Grund wagt das Portal The New Humanitarian einen Versuch: Berichte vom Frieden. Nachrichten aus Staaten, in denen Friedensprozesse laufen oder abgeschlossen wurden und die Waffen schweigen. Und weil man Frieden eben nicht nur als Abwesenheit von Krieg definieren kann, ergeben sich viele neue Lehren aus dieser Bertrachtungsweise. Außerdem - und so wären wir wieder beim Anfang - lassen sich positive Bilder generieren, die Fortschritt zeigen. Echten zivilisatorischen Fortschritt könnte man sagen, ein Fortschritt, der über technische Entwicklungen oder Wachstumszahlen hinausreicht und demonstriert, wie sich Zusammenleben entwickeln und besser gestalten lässt. Beispiele gibt es genug:

 

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Ob Myanmar oder Afghanistan, meistens werden von dort Tote vermeldet, Kämpfe mit Bildern unterlegt. Die Annäherung und Versöhnung geht eher unter, mehr als ein Vertragsschluss oder ein Nobelpreis schaffen es selten in die Berichterstattung, sie erzeugen schlicht keinen Nachrichtenwert mehr. Natürlich kann (und muss) man sagen, dass Afghanistan weit von einem dauerhaften und belastbaren Frieden entfernt ist.  

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Dennoch gibt es Versöhnungsprozesse und Akteure, die den Konfliktzustand nicht mehr hinnehmen wollen. Oft engagieren sie sich unter dem Einsatz ihres Lebens, denn - auch das lehrt Portal "Beyond the bang-bang: Reporting from the front lines of peace" -Friedens- und Versöhnungsprozesse sind fragil. Noch ein Grund mehr, ihnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Infografik: Repräsentation von Konflikten in der medialen Berichterstattung

Infografiken sollen Big Data zugänglich und anschaulich machen. Es gibt Hunderte Beispiele gelungener Grafiken, ob die Folgende eins ist, sei mal dahingestellt.

Die Grafik soll jedenfalls auf Konflikte hinweisen, welche nicht vergessen, aber doch von den Medien in ihrer Bedeutung ignoriert werden. Denn auch wenn man von jedem Konfliktgebiet schon einmal etwas gehört hat, heißt dies nicht, dass es keine aktuellen und relevanten Nachrichten gäbe:
 

Der genaue Hintergrund ist folgender: auf conflictmap.org lassen sich aktuelle Konflikte darstellen und ein News-Feed dazu abrufen. Die Seite bewertet sowohl die Häufigkeit der Berichterstattung, als auch die Schwere des Konflikts (HIIK-Index). Bei allen oben dargestellten Länder lässt sich nach dieser Aufstellung eine Kluft zwischen Schwere des Konflikts und der medialen Aufmerksamkeit feststellen (Schwere "höher" als Berichterstattungshäufigkeit).

Der Iran nimmt mehr Raum in der Berichterstattung als alle anderen Konflikte zusammen

Um dies etwas standardisierter darzustellen, wurden alle Überschriften zum jeweiligen Konfliktgebiet vom 01. - 23. Januar 2013 erfasst und die Wörter gezählt. Auch wenn es natürlich kürzere oder längere Überschriften gibt und auch die Medienauswahl auf der Seite eine verzerrende Tendenz haben kann, lässt sich trotzdem ein Bild gewinnen.

Vergleicht man nämlich die Berichterstattung zu Mexiko, Syrien, Jemen, Nigeria, Südsudan, Darfur und Myanmar, so liegt die Gesamtzahl der Wörter in den im Untersuchungszeitraum erschienenen Überschriften unter der Anzahl der Artikelüberschriften zum Iran im selben Zeitraum. Während in allen anderen Gebieten nahezu täglich Menschen getötet werden, oder fliehen müssen, ist der Konflikt um das Atomprogramm Iran zwar kein unbedeutendes, aber eben auch kein heißes Thema (je nach Umfrage wären ca. 60 Prozent der Iraner ohnehin bereit das Programm zur eigenen Urananreicherung aufzugeben, um die internationalen Sanktionen zu beenden). 

Diese Gewichtung zeigt deutlich, dass zum einen der Neuigkeitswert (2011/2012: Syrien, Myanmar) eine Rolle spielt. Manche Konflikte werden schnell langweilig, da sie unübersichtlich sind, oder Phasen niedriger Konfliktintensität zeigen.

Zum anderen spielt die "Qualität" des Materials, im Sinne, ob es sich zuschauerfreundlich verwerten lässt, eine Rolle. Verstörende Bilder aus Pakistan von Bombenanschlägen sind nach einiger Zeit genauso schwierig zu verwerten (die Zuschauer mögen keine expliziten Gewaltdarstellungen, die Nachrichtenauswahl richtet sich danach), wie die dortigen komplexen Konfliktstrukturen. Denn die Auseinandersetzung lässt sich dort nicht nur im Rahmen der Terrorismusbekämpfung erklären, ethnische, religiöse, aber vor allem politische Faktoren spielen gemeinsam eine Rolle.

Alle Quellen auf der Seite sind englischsprachig, die Beobachtung lässt sich also für deutsche Medien nicht ohne weiteres verallgemeinern. Es ist jedoch unstrittig, dass trotz vorhandener politischer und sozialer Unterschieden hinsichtlich der Bedeutungszuschreibung für Meldungen, Medien in Demokratien überall denselben (u.a. wirtschaftlich gesteuerten) Mechanismen der Nachrichtenauswahl und -aufbereitung unterliegen.

Die Festlegung auf das Bild des Iran als Teil der Achse des Bösen und der politischen Führung als religiöse irrationale Hardliner, hat wahrscheinlich in den meisten westlichen Demokratien die Deutungshoheit erlangt.

40 Prozent aller Binnenvertriebenen stammen aus den untersuchten Ländern

Um weiter zu verdeutlichen, dass die Konfliktgebiete eine Rolle spielen (sollten), wurde der Anteil der Internally Displaced Persons (IDPs), also der Binnenvertriebenen, aus den dargestellten Ländern in Beziehung zur Gesamtzahl gesetzt. Ergebnis: In diesen acht Konfliktgebieten leben 40% aller IDPs.

Vollständig machen die Grafik einige wenige Informationen zu den jeweiligen Konfliktgebieten. Die Angaben zu Pakistan stammen aus dieser Quelle, zu Myanmar aus dieser, der Rest sind relativ bekannte Angaben oder UN-Statistiken.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Konflikt um Kachin: Im Schatten der Öffnung Myanmars entzündet sich nach 17 Jahren Waffenruhe ein Krieg aufs Neue


Die Dynamik der erhofften Öffnung Myanmars wird höchst unterschiedlich bewertet. Doch einig sind sich zahlreiche Beobachter bei den positiven Effekten für die Wirtschaft des Landes, zum Beispiel für den Tourismussektor. Die politische Öffnung dagegen macht deutlich geringere Fortschritte. Völlig aus dem Blick geraten ist dabei die Kachin-Frage. 

Der Kachin-Staat im Norden des Landes war bis 1994 faktisch für mehr als drei Jahrzehnte unabhängig. Im genannten Jahr begannen dann Militäroperationen. Ein Friedensschluss folgte. Doch die Kachin Independent Army (KIA) unter der Kachin Independence Organization (KIO) sträubte sich gegen dieses Ergebnis. Trotzdem blieb es bis 2011 für 17 Jahre ruhig in dem lange totalitär regierten Staat.



Die von der KIA ausgerufene Hauptstadt Laiza, welche in eine chinesische und eine birmanesische Seite gespalten ist. © 2011 Human Rights Watch


Vor einigen Monaten brachen erneute Kämpfe aus, die zunehmend brutaler werden. Zahlreiche zivile Opfer widersprechen zwar dem proklamierten Reformkurs des Präsidenten Thein Sein, doch der kann auf die weitgehende Ignoranz der internationalen Gemeinschaft vertrauen.

Angeblich wurden die Angriffe schon wieder gestoppt, tatsächlich gehen sie mit unverminderter Stärke weiter. Seit Juni 2011 gab es Tausende Opfer, genaue Zahlen gibt es keine. Etwa 100.000 Menschen sollen auf der Flucht sein vor den Kämpfen. Zahlreiche Berichte prangern sexuelle Gewalt von Regierungssoldaten gegenüber wehrlosen Zivilisten an.

Nicht nur die separatistischen Bestrebungen sind Teil des Konflikts, wirtschaftliche Fragen spielen eine mindestens genauso große Rolle. Die birmanesische Armee hat ihre Bemühungen um Gebiete mit Bodenschätzen zu kontrollieren stark intensiviert.

Am 27. September sprach Myanmars Präsident Thein vor der UN-Vollversammlung. Dort drückte er seinen Wunsch nach einer friedlichen Lösung aus. Gleichzeitig gab er den Kachin-Rebellen die Schuld an der Gewalt, ohne die Offensive der eigenen Armee zu erwähnen. Exilgruppen fordern einen politischen Dialog, auch in Myanmar selbst werden diese lauter. 

Ende September demonstrierten einige hundert Menschen in der birmanesischen Stadt Rangun und forderten das Regime, aber auch die Rebellen, auf die Kämpfe einzustellen. Gleichzeitig gehen die Menschenrechtsverletzungen aber weiter. Eine Human Rights Watch-Studie konstatiert:
Kachin civilians described to Human Rights Watch how Burmese army soldiers have attacked Kachin villages, razed homes, pillaged properties, and forced the displacement of tens of thousands of people. Troops have deliberately and indiscriminately fired on Kachin civilians with small arms and mortars. According to one 40-year-old Kachin woman, for example, soldiers on November 10, 2011, “shot mortars into our village three times.… So we fled.” A Burmese army deserter described how his battalion deliberately shelled Dingga village with 81 mm mortars so that inhabitants would run away. “It was intended that way,” he said.
In einem lesenswerten Artikel von bloomberg.com vom April diesen Jahres heißt es:
Myanmar’s parliamentary election, in which Aung San Suu Kyi and other members of her National League for Democracy party won seats, has led to a renewed push among Western nations to relax sanctions against the regime.
That would be a serious mistake. The election, involving a relative handful of seats in a powerless Parliament, was little more than a bone thrown by the Burmese government to the opposition and the international community. It was also a distraction, allowing the regime to continue business as usual across the country.
Lately, that business has included an assault on members of the Kachin ethnic minority living in Myanmar’s northernmost state. On June 9, 2011, the Burmese army began an offensive against the Kachin Independence Organization, which has controlled much of Kachin State for the past 50 years. Badly outnumbered, KIO troops have been forced to retreat to their core area, leaving many Kachin towns exposed.
Auch die Opposition in Gestalt von Aung San Suu Kyi wird in ihrer Haltung massiv kritisiert. Ein längerer Artikel der Malay Mail aus Sicht eines unmittelbaren Beobachters vom 10. Oktober 2012:
My respect for The Lady since then has never diminished. But I will never allow my love and admiration for her to hold me back from speaking my mind.
I believe strongly that I always have the right to scrutinise the arguments of the people with whom I share a common moral universe. I will never allow my respect for this hero to serve as an excuse for surrendering my critical faculties.
My long-awaited encounter with The Lady last week was no exception. During a dinner event in honour of Suu Kyi in Washington, I saw how my American friends were riveted by her speech. They were amazed to see her give her talk in impeccable English, without teleprompter or notes.
Yet I found the substance of her speech disappointing. She spent most of the time telling her audience about the work being done by her political party, the National League for Democracy, in the communities where it’s active.
But she didn’t have a single word to spare for the fate of some 70,000 ethnic Kachin people fleeing the war between the Myanmar army and Kachin rebels. The war has been going on since last year, when the government broke a 17-year ceasefire and launched an attack on the rebels.
Ohne internationalen Druck wird sich an der Situation kaum etwas ändern. Doch es scheint, dass die Öffnung des Landes ohne Einschränkung als Erfolg verstanden werden soll und vor allem die positive wirtschaftliche Entwicklung als Maßstab dient. Doch dies könnte sich als schwerer Fehler erweisen, wie ein Artikel der pakistanischen Zeitung The Nation andeutet:
The present danger in Myanmar is that the US and other Western nations have focused solely on the figures of Thein Sein and Suu Kyi, both of whom dominated the limelight during recent trips to the US. By contrast, ethnic minority groups, including the Chin, Kachin, Karen, Mon, and Shan, have received comparatively scarce attention and have generally been relegated to the margins of US and European engagement initiatives. Minority ethnic groups, most of which have been disempowered, oppressed and impoverished by a succession of repressive military regimes for the past six decades, now find themselves at a significant disadvantage in bringing critical facts to the fore. Part of their challenge is fear of being perceived as obstructionist in the eyes of the international community in light of recent conciliatory gestures offered by Thein Sein.
Trotz dieser Tatsache gibt es also kaum Hoffnung auf eine schnelle und nachhaltige Befriedung des Konflikts, außer, auch die politische Dimension der angestoßenen Reformen gewinnt unverhofft an Geschwindigkeit. 

Die Al-Jazeera-Reportage Blood and Gold: Inside Burma's Hidden War (Oktober 2012) beleuchtet die Hintergründe: