Posts mit dem Label Afghanistan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Afghanistan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 5. November 2020

Krieg ist langweilig!

Gefechte in und um Bergkarabach, der Einsatz von Drohnen, der Beschuss ziviler Wohnviertel - all das generiert Bilder, die zur Zeit in aller Munde und Augen sind. Doch gleichzeitig ist der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien überhaupt nicht neu. Oder kämpfen im Jemen seit fast einem Jahrzehnt Fraktionen gegeneinander. In Syrien fallen regelmäßig Bomben, obwohl der Konflikt schon länger in unseren Breiten als irgendwie befriedet betrachtet wird. 

Das zeigt: Krieg ist langweilig, oder wird langweilig und verursacht bei den Menschen nach und nach Überdruss. Zu viel schlechte Vibes, dabei ist doch alles im näheren Umfeld schon deprimierend genug (im echten Nahbereich meist nicht, doch dieser Widerspruch fällt Vielen hier gar nicht mehr auf). Dieses Nichtsehenwollen und auch eine Übersättigung was Konflikte und Elendsbilder angeht (auch wenn man argumentieren kann, dass es auf der anderen Seite viel zu wenig davon gibt, nur die Wenigsten irgendeine Vorstellung haben, wie schmutzig, wie erschreckend und herzzerreißend die Schicksale von Menschen im Krieg sind), ist ein Problem. Ein Problem, wenn es darum geht, Menschen für außenpolitische Entwicklungen zu interessieren und nicht erst Empörung, Empathie oder Interesse zu zeigen, wenn die Ausläufer globaler Phänomene z.B. auf einem Weihnachtsmarkt sichtbar werden.

Aus diesem Grund wagt das Portal The New Humanitarian einen Versuch: Berichte vom Frieden. Nachrichten aus Staaten, in denen Friedensprozesse laufen oder abgeschlossen wurden und die Waffen schweigen. Und weil man Frieden eben nicht nur als Abwesenheit von Krieg definieren kann, ergeben sich viele neue Lehren aus dieser Bertrachtungsweise. Außerdem - und so wären wir wieder beim Anfang - lassen sich positive Bilder generieren, die Fortschritt zeigen. Echten zivilisatorischen Fortschritt könnte man sagen, ein Fortschritt, der über technische Entwicklungen oder Wachstumszahlen hinausreicht und demonstriert, wie sich Zusammenleben entwickeln und besser gestalten lässt. Beispiele gibt es genug:

 

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Ob Myanmar oder Afghanistan, meistens werden von dort Tote vermeldet, Kämpfe mit Bildern unterlegt. Die Annäherung und Versöhnung geht eher unter, mehr als ein Vertragsschluss oder ein Nobelpreis schaffen es selten in die Berichterstattung, sie erzeugen schlicht keinen Nachrichtenwert mehr. Natürlich kann (und muss) man sagen, dass Afghanistan weit von einem dauerhaften und belastbaren Frieden entfernt ist.  

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Dennoch gibt es Versöhnungsprozesse und Akteure, die den Konfliktzustand nicht mehr hinnehmen wollen. Oft engagieren sie sich unter dem Einsatz ihres Lebens, denn - auch das lehrt Portal "Beyond the bang-bang: Reporting from the front lines of peace" -Friedens- und Versöhnungsprozesse sind fragil. Noch ein Grund mehr, ihnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Samstag, 18. Juli 2020

Kaputte Krieger

Posttraumatische Belastungsstörungen und andere Kriegsfolgen sind kein echtes Tabuthema mehr. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist gering und Soldat:innen selbst sprechen ungern darüber. Das Radiofeature "Kaputte Krieger" lässt Bundeswehr-Soldat:innen zu Wort kommen, Sie schildern eindringlich wie sie nach Kampfeinsätzen mit diesen Traumata (versuchen zu) leben.

Dienstag, 10. September 2019

Nicht vergessen, aber ungeliebt - Radio-Feature zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan

Der "Krieg" in Afghanistan ist kein Krieg - zumindest keiner, der im kollektiven Gedächtnis der deutschen Bevölkerung eine Rolle spielt. Diese Woche nahm man vielleicht zur Kenntnis, dass US-Präsident Trump per Tweet die Gespräche mit den Taliban aufkündigte, doch dies auch eher aus dem gleichen Interesse heraus, wie wenn Menschen am Unfallort langsamer fahren und mit dem man jede Handlung des Mannes, der kaum zwei Sätze am Stück fehlerfrei formulieren kann, verfolgt. 

Doch was aus deutscher Sicht noch relevanter und aktueller wäre - nämlich das Aussetzen der Mission der Bundespolizei, die im Zuge einer Anschlagsserie angegriffen wurde, dies bleibt Randnotiz. Ganz gut illustriert durch die Meldung beim ZDF - keine Details, keine politischen Stimmen, eine reine Agenturmeldung:

Quelle: Screenshot zdf.de

Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ebenfalls kaum Aufmerksamkeit erfahren. Mehr als zehn Milliarden Euro Einsatzkosten, 18 (!) Jahre vor Ort, doch kaum jemand daheim kennt Mission und Verlauf des Afghanistan-Einsatzes. Dabei wurden 58 deutsche Soldaten in den knapp zwei Jahrzehnten getötet, außerdem drei Polizisten. 

Politisch bleibt es dünn, die widersprüchliche und irrationalen Einlassungen Trumps werden dabei kaum helfen. Doch auch wenig Politikerinnen und Politiker in Deutschland wollen wirklich die Karten auf den Tisch legen. Deswegen:
Geblieben ist ein Einsatz ohne Ziel. Aber so sonderbar das klingen mag: Er fühlt sich zum ersten Mal realistisch an. All die hehren Nebenziele sind weg, die wenig mit diesem Land zu tun hatten, dafür viel mit dem guten Gewissen der Deutschen. Was jetzt noch bleibt? Wer im Camp Marmal nachfragt, was sie denn als sinnvolles Ziel gerne von der Politik gesetzt sähen, bekommt von allen Gesprächspartnern ungefähr die gleiche Antwort: „Die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde muss ein Interesse an einem stabilen Afghanistan haben.“ 
Eine neue Feature-Reihe macht aktuell aber wenigstens die Erlebnisse der Bundeswehr-Angehörigen sichtbar. "Killed in Action - Deutschland im Krieg" ist eine NDR-Produktion und fragt in sechs Teilen nach den Erfahrungen und Folgen des Einsatzes. Konkret geht es um ein Gefecht aus dem Jahre 2010, wo mehr als acht Stunden Fallschirmjäger aus Niedersachsen sich nahe Kundus ein Gefecht mit Taliban - das wohl schwerste in der Geschichte der Bundeswehr. 

Quelle: Screenshot NDR

Fast zehn Jahre danach, beschäftigen diese Ereignisse die Beteiligten noch immer. Eindrücklich schildern sie, wie sich Krieg anfühlt. Ein Krieg, den die meisten Bürgerinnen und Bürger nie als einen solchen gesehen haben, sondern lieber darauf dräng(t)en Afghanistan zum sicheren Herkunftsstaat zu erklären. Die Radio-Doku zeigt eine andere Sicht darauf - nämlich schlicht die Realität.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Afghanistan: Schlimmer geht immer

Vierteljährlich veröffentlicht der Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction seinen Bericht. Zumeist wird er von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Das liegt zum einen an der generellen Aufmerksamkeit in Sachen Afghanistan, zum anderen an dem Berichtszeitraum an dem sich weniger plakativ Entwicklungen deutlich machen lassen als bei Jahresberichten, die über 12 Monate Bilanz ziehen. 

Die Zahl der Menschen, die aufgrund der Gewalt im Land zur Flucht gezwungen wurden, ist ein "guter" Indikator um die Entwicklung im Land nachvollziehen zu können. Die Grafik zeigt deutlich, dass keinesfalls von einer Befriedung der Situation im Land in den vergangenen Jahres gesprochen werden kann. Auch wenn 2017 ein besseres Jahr war als 2016 ist der Trend eindeutig abzulesen. Quelle: SIGAR-Report 30.04.2018, S. 147.

Doch hier mal einige Punkte aus dem Bericht, den auch Foreign Policy etwas näher unter die Lupe genommen hat:
Die Wirtschaft Afghanistans hat - gemessen am Bruttoinlandsprodukt - im Jahr 2012 aufgehört zu wachsen und stagniert/sinkt seitdem. Auch etwa 126 Milliarden US-Dollar an wirtschaftlichen Hilfen haben daran nichts geändert.

Afghanistan steht auf Platz 183 des Index für Geschäftsbeziehungen. "Doing Business" in dem Land ist sowohl gefährlich als auch langsam, korruptionsanfällig oder leidet unter der Infrastruktur. Weniger als ein Drittel der Menschen in Afghanistan haben zum Beispiel elektrischen Strom.

Die Zahl an Bomben, welche die "westliche Koalition" über dem Land abgeworfen hat, war die Höchste seit dem Jahr 2013.

Selbstmordanschläge sind 2017 um 50 Prozent gestiegen. Opferzahlen aus solchen Attacken oder koordinieren bewaffneten Angriffen steigen kontinuierlich. Angriffe von religiösen militanten Gruppen haben sich 2017 verdreifacht. 

Die USA haben seit 2002 knapp neun Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die Produktion von Drogen einzudämmen. Doch der Opiumanbau wächst, allein 2017 gab es eine Erhöhung der Produktion um 63 Prozent. 

Nur etwa zwei Drittel der Menschen in Afghanistan leben unter Kontrolle der Regierung. Vor dem Hintergrund, dass knapp 80 Milliarden US-Dollar in den Aufbau der Sicherheitskräfte geflossen sind, ist dies eine erschreckend geringe Zahl, vor allem da sich laut Bericht die Entwicklung noch verstärkt hat: "Insgesamt bringen die Aufständischen immer größere Teile der Bevölkerung unter ihre Kontrolle", heißt es da. 

Insgesamt wurden mehr als 20.000 Militärangehörige der USA verwundet. 2017 waren es mehr Personen als 1015 oder 2016.

Die überall verbreitete Korruption lähmt das Land und verhindert die Entwicklung der Wirtschaft. Fälle werden nicht verfolgt, verurteilte Straftäter nicht verfolgt. Die USA sehen dafür den mangelnden politischen Willen der afghanischen Regierung als Ursache, doch auch die Ausgabepraxis trägt nicht zu einer wirksamen Strategie gegen Korruption bei.
Der Bericht kritisiert auch die grundsätzliche Ausrichtung und das Selbstverständnis der Akteure, die im Land tätig sind: "Wir haben Agenturen gefunden, aber nicht nur wir, auch der Generalinspekteur, die sehr viel Zeit dafür aufwenden den Input der Programme zu erfassen. Also die Höhe der Mittel, die verwendet werden, genauso wie den Output, zum Beispiel die Zahl von Klinken, die gebaut wurden. Doch zu wenig Aufmerksamkeit wird auf den Outcome und die Ergebnisse als Gradmesser des Erfolgs gerichtet."

Donnerstag, 15. März 2018

Die Bundeswehr im Bundestag: Zur aktuellen Debatte über Auslandeinsätze

Der Bundestag hat unmittelbar nach der Regierungsbildung die notwendige Verlängerung der Auslandseinsätze der Bundeswehr debattiert. Natürlich ist im neuen Bundestag nicht alles anders geworden, die Regierung gibt Schwierigkeiten zu und lobt ihr Engagement, die Opposition betont Schwierigkeiten und kritisiert das Regierungsengagement.

Durch die AfD hat sich die Stoßrichtung jedoch schon ein wenig verändert. Die Fragen von Flucht und Migration gewinnen bei Themen an Bedeutung, bei denen man denkt: "Hä, wtf?" Und spielen keine Rolle, bei Fragen, die sehr viel damit zu tun haben. Bei denen aber offenbar die innenpolitische Dimension fehlt. So sind es sehr wenige Menschen aus dem Südsudan, die nach Europa bzw. Deutschland kommen, also spielt die UNMISS-Mission keine große Rolle für die AfD. Afghanistan dagegen schon. Richtig neue Schwerpunkte wurden durch die Bundesregierung noch nicht gesetzt. Sollte sich die Politik der USA aber weiter verändern wie bisher, wird dies auch Auswirkungen auf die Mandate der Auslandseinsätze der Bundeswehr haben.

Ein kleiner Überblick über die Debatte in Tweets.




















Der Verlängerungsantrag zu Afghanistan und weitere Dokumente gibt es hier.


















Die Videos der Debatten (20. Sitzung, 14.03.18) gibt es hier. Ach ja, militärisch ging es auch in Aktuellen Stunde zu. Die hatte die FDP beantragt, doch geprägt wurde sie durch eine Äußerung des AfD-Parlamentariers Armin-Paulus Hampel:


Ralph Brinkhaus, CDU/CSU, erwiderte Hampel´s Äußerung:


 

Freitag, 29. Dezember 2017

Kandel: Tim K. und die Doppelmoral



Es ist ja mittlerweile Standard als "öffentliche Person" zu aktuellen Vorfällen Stellung zu beziehen. Til Schweiger macht das, Le Bron James, und so eben auch Tim K. Gut, dieser macht kaum etwas anderes als Das Weltgeschehen zu kommentieren und wer ihn nicht kennt, muss googeln. Seine mehr als 200.000 Fans auf Facebook wissen dabei aber genau wer er ist. Ein "aufrechter Mann", einer, der noch sagt, was Sache ist, ein Ex-Polizist, der weiß wie es läuft und für uns und unsere Familien kämpft (warum eigentlich?). Im oberen Bild und dem anschließenden gesamten Post bezieht er sich auf den mutmaßlichen Mord eines Mädchens durch einen 15-jährigen Afghanen im südpfälzischen Kandel.

Eine schlimme Tat, aber das festzustellen genügt ihm natürlich nicht. Da müssen dann schon alle "Wirtschaftsasylanten" herhalten, Christian Streich kriegt auch noch sein Fett ab (wagte es im vergangenen Jahr eine Straftat in einen Gesamtkontext zu stellen) und überhaupt, wenn das Rechtspopulismus sei, dann sei Tim K. eben stolz ein Rechtspopulist zu sein.

Nun kann man Herrn K. beruhigen, er ist kein Rechtspopulist, sondern ein unreflektierter, wütender und mit rassistischen Stereotypen beschlagener Mann, der Fragen stellt, wie: "Was ist aus diesem Land nur geworden? Wie tief sind wir gesunken?" Berechtigt, schließlich erhalten solche Posts auf Facebook doch 8.000 Likes, bzw. wütende Emojis (wobei für diese Art von Wut reichen die Standardsmileys eigentlich gar nicht mehr aus).

Haben Argumente noch eine Wirkung?

Ob man da noch argumentieren soll? Es noch kann? Die Tagesschau versucht es und versucht ihre Berichterstattung zu rechtfertigen. Sie argumentiert mit "Beziehungstat", mit Minderjährigkeit und die Polizei stehe eben auch noch "am Anfang ihrer Ermittlungen" - mit journalistischen Grundsätzen also. Doch die sind in den Sozialen Medien ja bekanntermaßen nicht ganz so gerne gesehen.

Man könnte ja auch inhaltlich anführen, dass Christian Streich seine Aussage eben so gemeint hat: es passiert pro Jahr circa 1 Mord (0,8) pro 100.000 Einwohner in Deutschland. Das Ganze also mal 800 dann hat man eine Gesamtzahl (und die ist natürlich schon zu hoch, da die 1 aufgerundet ist). Schaut man sich die Anteile an, dann sind Geflüchtete bei solchen Straftaten nicht überrepräsentiert. Das entschuldigt nichts, aber rückt es in den Kontext. Streich sagte damals, jetzt war es eben ein Afghane, in anderen Fällen ist es jemand anders.

Bleibt, dass Geflüchtete hierherkommen und dann in der Wahrnehmung der Empörten sozusagen das "Gastrecht" missbrauchen. Kann man so sehen, führt aber am Ende zu wenig, da es dieses Gastrecht nicht gibt und straffällige Geflüchtete auch heute schon abgeschoben werden. 

Tim K. will dann natürlich alle straffälligen Ausländer rauswerfen. Das heißt dann: "Werde ich beim Klauen erwischt, in einem Land, in dem ich zuhause, aber nicht dort geboren bin, dann muss ich raus!" Oder erst bei fahrlässiger Körperverletzung? Bei vorsätzlicher? Oder bei Mord? Entzieht man dann im nächsten Schritt jemandem den Pass, der gemordet hat? Das ist kein Whataboutism, sondern die Frage nach den Folgen für einen Rechtsstaat, in dem keine Willkür herrschen soll. 

Zudem sollte man sich eben ins Gedächtnis rufen - es gibt keine marodierenden Flüchtlingsmörderbanden, die durch Deutschland ziehen. Nochmal zur Statistik: 2000 gab es ca. 500 Morde - 2016 ca. 400 - trotz Flüchtlingen, ca. 150 Frauen pro Jahr werden regelmäßig von ihrem Partner/Ex-Partner ermordet.

Jeder Mord ist einer zuviel und jeder Fall ist tragisch, aber das alles zu vermischen, das Gesamtbild auszublenden, auf die Tränendrüse zu drücken (ohne wirklich Anteil an dem einzelnen Schicksal zu nehmen) und pauschal andere abzuwerten, kann man nicht anders als billig nennen und dient der bloßen Aufmerksamkeitserzeugung. 

Doppelmoral: So dreist, dass man fast schon Respekt haben muss

In dem Zusammenhang eben noch etwas zu Tim K. Auf dessen Webseite steht: "Willst Du Teil einer namenlosen Konsumherde sein, die ohne zu murren schnurstracks in den Abgrund trottet? Wenn nicht, dann solltest Du mein Buch „Kein Teil des Systems“ jetzt unbedingt vorbestellen!" So viel zur heuchlerischen Doppelmoral.

Quelle: Screenshot Webseite Tim K.

Denn das ist so dreist, dass man fast schon wieder Respekt haben muss. Also, wer kein Konsumopfer sein will, muss schnell dieses Buch kaufen! Nicht schlecht. Zur Beruhigung soll beitragen, dass an bedürftige Familien, Gewaltopfer, Kinderhospize und Tierheime gespendet wird. Alles mit dabei also. Ob von den mutmaßlichen zwei Cent (bei fünf Euro pro Buch, würde man das sicherlich offensiver bewerben) die Welt eine andere wird - wer weiß. Muss sie ja auch gar nicht, dafür gibt es das Gefolge von Tim K. Wie z.B. diese Kommentatorin:


Deren Post schwankt zwischen skurriler Abgrenzung und Zustimmung und einem Aufruf zur Gewalt. Wer sich mit solchen Menschen gemein machen will (Tim K. und die KommentatorInnen sind ja nur ein kleiner Teil der wütenden Empörungsmaschinerie), der sollte vielleicht wirklich das Buch kaufen. Versand ist inklusive.

*Anmerkung, 12. Januar 2018: In einem Facebook-Post von vorletzter Woche war von einem angeblichen Spendenbeitrag von fünf Euro die Rede. Allerdings für ein Tierheim und es geht nicht klar daraus hervor, ob dies für jedes verkaufte Exemplar gilt. Eigentlich sollten die Spenden ja an zahlreiche Bereihe gehen, die Tim K. mit "den Eigenen" in Verbindung bringt. Dass ihm da vor allem Tiere einfallen, mag mancher Ironie nennen, seine Selbstgefälligkeit ("Wer mich unterstützt und das gutheisst, ist natürlich willkommen und wer das mißbilligt und mich einen „Rechtspopulisten“ nennt, motiviert mich nur umso mehr und bestätigt mich, dass es das Richtige ist!") erschreckt aber vor allem, denn jede Auseinandersetzung in der Sache wird so im Keim erstickt.

Afghanistan-Dossier: Zwischen Hoffnung und Zerfall

"Für die Welt waren die letzten zehn Jahre die Dekade des Krieges, für uns war es die Dekade des Friedens."
Jan Dimog, Journalist, Drehbuchautor und PR-Texter

Wer Interesse daran hat, sich ein differenziertes Bild der Situation in Afghanistan zu machen, dem sei das Dossier von ARTE Info ans Herz gelegt. Auch die obige Aussage macht dabei nur Sinn im Kontext des gesamten Interviews mit Dimog und lässt sich nicht als Beweis für die sichere Lage gebrauchen. Aber genauso ist eben die gegensätzliche Einordnung als "failed state" richtig. Am Ende der Lektüre stellt sich eher die Frage, welche Ziele die internationale Gemeinschaft 2001 hatte, welche nach und nach entwickelt wurden und wo man heute steht und hin will. 


Diese Widersprüchlichkeit und offenen Fragen, aber auch Weiterentwicklungen sollten im Fokus der Betrachtung stehen, anstatt Pauschalisierungen und Einordnungen je nach politischem Geschmack.

Samstag, 14. Oktober 2017

Trump vs. Realität - Heute: Pakistan

Trump ist eben Trump ist eben Trump. Nach 266 Tagen, 17 Stunden und 1 Minute im Amt glaubt man sich daran gewöhnt zu haben. Aber oftmals gehen die eigentlichen Fragen hinter den "Entscheidungen" (bzw. die Auswirkungen, die sich oft erst zeigen, nachdem sich der Staub etwas gelegt hat) komplett unter, weil bereits die nächste Runde Trump vs. Reality wartet (Quote normalerweise 1000 vs. 1,001).

So auch bei Trumps Afghanistan-Strategie von Ende August, die Konsequenzen (trotz aller schwammigen Formulierungen) für die AfPak-Region, also auch Pakistan, trifft. Klar ist, dass Pakistan und vor allem Pakistans Geheimdienste eine unrühmliche Rolle in diesem Konflikt spielen und gespielt haben. Dies wurde benannt, in der gewohnt trampeligen Trump-Rhetorik. Doch das Land insgesamt nicht als politischen Verbündeten zu betrachten bzw. nicht die Kräfte zu identifizieren, die an einem Fortschritt in der Region interessiert sind, ist angesichts der Situation vor Ort fahrlässig. Eine Abwendung hätte Folgen.


Da kann man ja dann doch ein bisschen Diplomatie betreiben, wenn einem dies die Berater ungefähr 100-mal am Tag versuchen einzutrichtern. Per Twitter (siehe Bild). Herzerwärmend. Nur ist die Meinung in der pakistanischen Regierung derzeit Folgende: "Auf der einen Seite demütigt man uns und schätzt unsere Opfer im Kampf gegen den Terrorismus gering und gleichzeitig erwartet man, dass wir US-Delegationen unterhalten, wann immer diese das wünschen", machte eine pakistanische Quelle deutlich. Und:

"Das funktioniert nicht mehr."

Neben allen offiziellen Verlautbarungen gibt es neue "Rules of Engagement" im Verhältnis der USA und Pakistans. Das bedeutet, dass dann eben nur der Verteidigungsminister den Verteidigungsminister trifft, und die Staatssekretärin den Staatssekretär. Bisher erhielten VertreterInnen der US-Administration nahezu ungehinderten Zutritt zu pakistanischen Offiziellen und brachten MitarbeiterInnen des Pentagons oder Außenministeriums Minister auf Linie. Das ist nun erstmal vorbei. Trotz der "much better relationsip". Immerhin muss die ja erst entwickelt werden, ein Hoffnungsschimmer für eine Zurkenntnisnahme der Realität. Denn in der können beide Akteure nicht ohne einander.

Mittwoch, 27. September 2017

Der Demokratie eine Darmspiegelung verpassen - AfD-WählerInnen erzählen

Die ZEIT fragte: "Warum haben Sie AfD gewählt?" Das ist natürlich löblich, wenn auch etwas spät (naheliegende Alternative für 2021: vorher fragen). An dieser Stelle wurde bereits die Frage thematisiert, ob eben nicht diese große Aufmerksamkeit, die der Partei und nun den Wählerinnen und Wählern zukommt, auch zum Erfolg der Partei führte. Da ist sicherlich etwas dran. Doch im Rahmen der Nachwehen der Bundestagswahl und der Frage: "Was wird die AfD nun machen?" ist es schon interessant, was denn die Wählerinnen und Wähler eigentlich erwarten. Und die Sitze sind nun eben auch vergeben, da kommt es auf die eine oder andere Zeile auch nicht mehr an.

Schaut man sich die Antworten genauer an, dann sind sie oft abstrus, aber teilweise auch beängstigend und traurig. Und der Beweis dafür, dass die meisten Menschen keine Kommentare im Internet hinterlassen. Zumindest stirbt die Hoffnung darauf zuletzt. Auf jeden Fall später als als die meisten Abgeordneten der AfD. Denn die sind zu 88 (hihi) Prozent Männer, die ja bekanntlich nicht so alt werden wie Frauen. Zum Beispiel Lothar Maier mit 73 Jahren, Paul Viktor Podolay mit 71 Jahren, Albrecht Glaser mit 75 Jahren, Wilhelm von Gottberg mit 77 Jahren und nicht zu vergessen, Alexander Gauland mit 76 Jahren.

Im Folgenden nun einige ausgewählte Kommentare mit Erläuterungen:


Eigentlich löblich, wenn man von den eigenen Interessen abstrahiert. Warum aus dem Umgang mit dem Dieselskandal aber die Wahl der AfD wird? Das bleibt das Geheimnis von n00track. Genauso wie der Fehlschluss hinsichtlich der persönlichen Umstände von Alice Weidel. Einzelfälle und persönliche Erfahrungen ("Ich habe einen Nachbar, der..." oder "Ich habe nichts gegen XY, denn ich habe auch einen Freund, der...") taugen einfach nicht zur Erklärung allgemeiner Phänomene.

Deutlicher kann man nicht machen, dass man ein Parteiprogramm nicht gelesen hat. Haben natürlich 95 Prozent der anderen Wählerinnen und Wähler auch nicht. Im Bereich der recht sensiblen "Rechtsradikalität" könnte ein Blick aber lohnen, anstatt sich da auf andere zu verlassen...

Weder Asylrecht abschaffen, noch DM wieder einführen - ist ja schon mal lobenswert. Doch wo kommt diese Wahrnehmung des Linkrucks her? Vom Mindestlohn, von dem man nicht leben kann? Von der Regulierung des Finanzmarktes und des Bankensektors, die nur in Nuancen stattgefunden hat? Von der massiven Reduzierung der Flüchtlingszahlen durch Asylrechtsverschärfung innerhalb eines Jahres, obwohl die Zahlen weltweit weiter steigen? Oder doch am Schluss von der "Ehe für Alle?" Letztendlich ist es dann nach Schulzexpress mal wieder die Islamisierung, mit einem (falschen) Einzelbeispiel belegt. Da wählt man halt die "Schmuddelpartei". Empfehlung: Mal reale Politikergebnisse anschauen und mit den eigenen Erwartungen vergleichen. Da bekäme #dankemerkel für den User vermutlich eine ganz andere Bedeutung (da zufrieden). 

Plain and simple. Und irgendwie halt auch am Thema vorbei. Beziehungsweise: Ist ja ok, das nicht zu wollen. Aber ist eben auch nicht der Fall (und auch nicht auf dem Weg dahin. Auch nicht 2050.) 

Oha, keine Dumpfbacke. Sondern Broder und Tichy-Fan. Nun mag es böse Zungen geben, die bei dieser Argumentation nicht mitgehen. Aber geschenkt. Interesse für Religion ist auf jeden Fall vorhanden. Ob man aber islamwissenschaftliche Diskurse an bzw. in die Wahlurne tragen sollte? Und Ayn Rand? Die sagte mal: "This god, this one word: I." Selbstzentriert, man mag es gar narzistisch nennen, und die Verherrlichung des Individualismus als Lebensphilosophie? Mmh, das könnte wieder zur Wahlentscheidung passen. Wobei, da bleibt das Völkische eben auch auf der Strecke... Außenpolitische Gründe gibt es ja aber auch noch. Keine afghanischen Zustände in Deutschland - das würden sicherlich viele Menschen (87 Prozent?) unterschreiben. 



Bemerkenswert ist die durchgehende Medienkritik und die Formel: AfD-Bashing + Toleranz-Totalitarismus = Kreuz bei der AfD, um es der Lügenpresse mal so richtig zu zeigen.  Man kann nur staunen, angesichts dieser Herleitung. Denn eigentlich bedeutet ja Toleranz im ersten Schritt etwas abzulehnen. Etwas ablehnen zu dürfen. Um es dann im nächsten Schritt zu tolerieren. Was daran totalitär sein soll, können wohl nur wenige erklären. Klar, die "Juden der neuen Zeit" sehen wir hier (ob der Post noch online ist?), da muss noch der Appell hin: "Seht ihr denn gar nicht, was wirklich vor sich geht?" Ähm doch. Um das zu sehen, lohnt manchmal auch ein Klick auf Arte beispielsweise. Aber nein, das ist ja Propaganda und Kriegshetzerei. Statt Abschottung der EU wäre auch Abschaffung der GEZ als Hauptinhalt für den Wahlkampf ausreichend gewesen. Hätte vermutlich noch mehr Stimmen gebracht.

Kritik an der Energiewende? Ok, zurückdrehen wird zugegeben parteitechnisch schwierig. Abschwächen und Anpassen geht aber auch mit anderen Parteien. Klar, als Kernkraftbefürworter steht man ohnehin eher alleine da, da lohnt sich der Blick zur AfD. Offenbar haben weiße Männer zwischen 30 und 60 die größte Kernkraftaffinität. Muss man nicht verteufeln, wirklich progressiv ist es aber eben auch nicht. Eine Liste, die sich beliebig fortsetzen lässt, ist natürlich immer praktisch.

Aus Sicht von Hessin war die Diskussion um den "Nafri" also absurd. Doch worum ging es da nochmal? Darum, dass die Abkürzung für "Nordafrikanischer Intensivtäter“ steht und polizeiintern zum Beispiel im Funkverkehr genutzt wird. Menschen, die aus Nordafrika kommen als "Nafri" zu bezeichnen, setzt diese also pauschal mit Kriminellen gleich. Wer jetzt noch eine nähere Erläuterung braucht, warum das problematisch ist? Beziehungsweise, warum es übermäßige politische Korrektheit sein soll, eine Gruppe von Menschen nicht in Kollektivhaftung zu nehmen? Die Antwort darauf sollte eigentlich nicht so schwierig sein. Im Zusammenhang mit dem Wort "Kollektiv..." hat da ja auch die AfD eine ähnliche Position. Lehnt sie ab. Dann kommen Dinge, die man diskutieren kann. Aber eben nur, wenn man jemanden gegenübersteht, der oder die nicht von Anfang an die pc-Keule schwingt. Und dass Männer, die meinen Frauen seien reine Sexobjekte, nicht tolerierbar sind? Völlig richtig. Doch was hat das (ausschließlich) mit Integration zu tun?

Deutlicher kann man nicht werden: "Der Demokratie eine Darmspiegelung verpassen" - Positiv ist da sicher das Vertrauen in die Demokratie zu sehen. Fraglich aber, ob wirklich nur die Spiegelung gemeint ist? Bei vielen anderen Wählerinnen und Wählern vermutlich eher die Darmspülung, auch Einlauf oder Klistier genannt. Die kommt oft vor der Spiegelung. Der Effekt der "inneren Reinigung" ist dabei aber nur ein Gerücht. 

Ein Dank an die "Systempresse". Auch mal nett. Von jemandem, den die Einwanderungspolitik umtreibt. Der Klassiker sozusagen. "Wild West"-Einwanderung kann natürlich nicht im Sinne der Bürgerinnen und Bürger sein, zu dreckig, zu laut und zu wenig Stellplätze für Pferde. Witzig ist, dass hier Flucht und Migration "wild" vermischt wird. Eigentlich ein oft genannter Kritikpunkt der AfD-AnhängerInnen. Aber im Herzen ist Daniela_Mo ja auch eine Grüne. Hoffentlich für sie aus dem Wahlkreis von Boris Palmer.

Tim11 offenbar auch. Und auch ein Freund der Genfer Flüchtlingskonvention. Nur dann fängt man an zu lesen und fragt sich: "Ist ja alles gut und schön, aber DER Krieg (Syrien, Afghanistan zum Beispiel) ist ja eben noch nicht zu Ende." Und je nachdem dauert der Konflikt eben länger als man glaubt. Warum dann nicht beide Seiten von der unglücklichen Fluchtsituation profitieren lassen. Also Integration, Arbeit, usw. ermöglichen? Dass Strafffällige bereits regelmäßig abgeschoben werden? Egal, schließlich ist das Pinkelwohnzimmerbild so schön.

Man liest und liest und liest und denkt: "Ok, klare Kante, harte Formulierung, aber falsche Partei Alf." Ob eine Partei "heftig" sein soll, muss man mit einem Fragezeichen versehen, dass ein Wechsel Links der Mitte möglich ist, nicht. Aber lieber eine Partei wählen, mit der niemand koalieren will, wenn man einen Wechsel will? Aber klar, die AfD stand eben unter Feuer. Oder wie Alexander Gauland es mal formulierte: "Wenn die Granaten einschlagen, steht man zusammen." Was eben auch wieder demonstriert, dass man der AfD in der Sache möglichst nicht blind folgen sollte. Zur eigenen Sicherheit.


Kein Merkel-Fan, enttäuscht von der SPD, entfremdet von den Linken. Ok, etwas anders formuliert. Hart in der Sache eben, wie man so schön sagt. Warum die Linke ihren Klassenstandpunkt verloren haben soll? Vielleicht liegt die Krux in der Annahme, dass alle Menschen gleich sind. Das Medienversagen, tja, mag sein. Unglückliches Agieren auf jeden Fall. Aber das liegt vielleicht eher im Abfeiern jeden Satzes von AfD-Funktionären, denn im Verschweigen und Propaganda verbreiten. Und die Kritik ist ja auch schon formuliert. Aber wozu damit aufhalten, "Mittäterschaft" klingt halt besser. Das dritte Argument ist jedenfalls unschlagbar: "Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll." Muskote-Zigarettenpapier ist also auch an der Wahlurne unverzichtbarer Begleiter.

GEZ? Weg! Ansonsten eben ein demokratischer Neuanfang (dann ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk?) mit rechten Spinnern. Auch eine Sichtweise.



Immer gut: Mal etwas klar stellen, was eigentlich niemand in Frage stellt, wenn man nicht Anlass zum Zweifel gibt. Aber ok, ein Demokrat ist alex_hh. Da denkt man, man kriegt eine CDU-Kritik, doch drei Worte später ist man dann doch wieder bei den Asylanten. Und Rechtsextrem ist eben in Ordnung, die dürfen dann auch ins Parlament, wenn die Linksextremen in einem Haus sitzen dürfen (das dann irgendwann geräumt wird) und am 1. Mai (hauptsächlich) Randale (die Konsequenzen haben) veranstaltet werden. Da muss man eben wieder staunen und fast den Hut ziehen, wie leicht es gelingt Dinge zum Vergleich heranzuziehen, nur um dann völlig unterschiedliche Phänomene zu betrachten.


Was bleibt? Viel Kopfschütteln, auch wenn die Auswahl natürlich willkürlich und nicht repräsentativ war (mittlerweile sind mehr als 500 Kommentare gepostet worden) und die meisten Menschen Besseres zu tun haben als Onlinekommentarspalten aktiv zu bespielen. 

Gestern erschien an dieser Stelle ein Beitrag, der sich weniger Aufregung und ein wenig mehr Zurückhaltung wünscht. Die Kommentierung der Kommentare ist daher mit einem Augenzwinkern zu sehen und von der Überzeugung geprägt: Menschen sind keine Wölfe, keine Rassisten (wenn sie sich selbst reflektieren) und getrieben von eigenen Ängsten, die nichts entschuldigen, aber erklären. Daher zum Schluss vielleicht noch ein Beitrag, der ein wenig bestärkender ist und dennoch keinen Glückskekscharakter besitzt. Veröffentlicht hat ihn Nasser Ahmed, SPD-Stadrat in Nürnberg


Montag, 17. Juli 2017

Afghanistan: Mehr als 5.000 Tote und Verletzte im ersten Halbjahr 2017 - Ausgaben der USA haben 1 Billionen US-Dollar Grenze überschritten

“Die menschlichen Kosten dieses schrecklichen Konflikts in Afghanistan - der Verlust von Leben, Zerstörung und das immense Leid - sind viel zu hoch." Mit diesem Satz fasst Tadamichi Yamamoto, der UN Sondergesandte für Afghanistan und Chef der UN-Mission UNAMA die Situation in Afghanistan zusammen. Seit Beginn der Zählung durch die Verenten Nationen Anfang 2009 (also etwa acht Jahre nach Beginn des Einsatzes) wurden mehr als 26.500 Zivilisten in Afghanistan getötet und fast 49.000 weitere verletzt.

Eine Befriedung ist nicht in Sicht - im Gegenteil. Die Zahl ziviler Opfer hat im ersten Halbjahr 2017 einen neuen Höchststand erreicht. Zwischen Anfang Januar und Ende Juni wurden bei Gefechten und Anschlägen 1662 Zivilisten getötet und 3581 weitere verletzt. Etwa 40 Prozent der Opfer seien laut UNAMA bei Bombenanschlägen getötet worden, für die meisten Angriffe waren Extremistengruppen wie die Taliban oder die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verantwortlich.



Einzig die Zahl der getöteten Soldatinnen und Soldaten der Koalitionsstreitkräfte hat abgenommen. Deutlich abgenommen. Das liegt an einer veränderten Strategie, der Reduzierung der Truppenkontingente und der Verantwortung der afghanischen Nationalarmee, die nun zur Hauptzielscheibe geworden ist:

Quelle: icasualties.org

Wie viele afghanische Sicherheitskräfte getötet wurden, lässt sich kaum sagen. Es dürften aber weit über 25.000 Menschen sein, die seit Beginn des Krieges 2001 "im Dienst" ihr Leben ließen. Pro Monat dürfte es eine hohe dreistellige Zahl sein, wie Berichte nahe legen. Ach ja, allein die USA haben insgesamt mehr als eine Billionen Euro für den Krieg ausgegeben (andere Berechnung der Kosten hier).

Die Dokumentation "9/11 - Die Welt danach" auf ARTE zeigt auf eindrückliche Art und Weise die erschreckende Naivität, fahrlässige Gedankenlosigkeit und ideologische Verblendung, die zum Engagement in Afghanistan führte. Unter anderem geben Michael Hayden, Richard Perle und - besonders aufschlussreich - zahlreiche ehemalige Mitarbeiter von US-amerikanischen, britischen, französischen und israelischen Geheimdiensten Auskunft:


Montag, 19. Juni 2017

Während Du das hier liest, müssen 40 Menschen ihre Heimat verlassen

Die neuesten Zahlen des UNHCR, die heute veröffentlicht wurden, gehen davon aus, dass im Schnitt einer von 113 Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen ist. Wem das zu abstrakt ist und eine mögliche Bezugsgröße wie der Arbeitsplatz, Familie oder Verein nicht eingängig genug: 2016 musste alle drei Sekunden ein Mensch fliehen. 

Während man diesen kurzen Beitrag also komplett liest, mussten etwa 40 Menschen ihre Heimat verlassen. 



In Zahlen

- 65,6 Millionen Menschen sind von Flucht und Vertreibung betroffen

- Davon sind 22,5 Millionen Flüchtlinge, 40,3 Millionen Binnenvertriebene

- einer von drei Flüchtlingen (insgesamt 4,9 Millionen) wurde von den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt aufgenommen

- Zwölf Millionen Syrerinnen und Syrer (fast zwei Drittel der Gesamtbevölkerung) sind entweder Binnenvertriebene oder im Ausland als Flüchtlinge und Asylsuchende, danach kommen Kolumbien (7,7 Millionen - trotz Friedensprozess), Afghanistan (4,7 Millionen), Irak (4,2 Millionen) und Südsudan (weltweit mit 3,3 Millionen Betroffenen die am schnellsten wachsende Bevölkerung auf der Flucht) als größte Herkunftsländer

- Kinder machen die Hälfte der weltweiten Flüchtlingsbevölkerung aus

- 37 Staaten akzeptierten insgesamt 189.300 Flüchtlinge zur Aufnahme durch Resettlement. Rund eine halbe Million Flüchtlinge konnten in ihr Heimatland zurückkehren, zudem rund 6,5 Millionen Binnenvertriebene in ihre jeweiligen Heimatregionen

Was fällt auf?

Besonders bemerkenswert ist sicherlich die Situation in Kolumbien, da hier die Wahrnehmung vorherrscht, dass durch den Friedensprozess mit der FARC die Probleme des Landes gelöst sind. Richtig ist, dass sich die Menschenrechtssituation gebessert hat und vor allem die Chance besteht, dass sich dies auch so fortsetzt. Offen bleibt, wie andere Gruppen wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN) und andere reagieren. Demobilisierung oder Füllen des entstehenden Machtvakuums. Der Anschlag der vergangenen Woche zeigt, wie komplex die Situation weiterhin ist. Anwälte und Vertreterinnen und Vertreter indigener Gruppen sehen sich weiterhin Bedrohungen ausgesetzt, in vielen Regionen ist für die Geflüchteten an Rückkehr noch nicht zu denken.  

Auch die am schnellsten wachsende Geflüchtetengruppe im Südsudan verdient Aufmerksamkeit. Denn hier geht es nicht nur um Flucht und Vertreibung, sondern auch um extreme Nahrungsmittelunsicherheit und einen Konflikt, der fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit vor sich hin schwelt, hin und wieder eskaliert und stetig Menschen in die Flucht treibt. Kurze Zusammenfassung:



Und an dieser Stelle sollen auch noch beispielhaft Menschen erwähnt werden, die nicht in der executive summary auftauchen: Die Menschen im Jemen. Die Zahl an Geflüchteten ist dort relativ niedrig (wohin sollen sie auch gehen?), die der Binnenvertriebenen deutlich höher und die Zahl an Personen, die humantiäre Hilfe bedürfen extrem hoch:

Quelle: OCHA Yemen
Etwa 18 Millionen Menschen sind mittlerweile auf Hilfe angewiesen.