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Donnerstag, 5. November 2020

Krieg ist langweilig!

Gefechte in und um Bergkarabach, der Einsatz von Drohnen, der Beschuss ziviler Wohnviertel - all das generiert Bilder, die zur Zeit in aller Munde und Augen sind. Doch gleichzeitig ist der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien überhaupt nicht neu. Oder kämpfen im Jemen seit fast einem Jahrzehnt Fraktionen gegeneinander. In Syrien fallen regelmäßig Bomben, obwohl der Konflikt schon länger in unseren Breiten als irgendwie befriedet betrachtet wird. 

Das zeigt: Krieg ist langweilig, oder wird langweilig und verursacht bei den Menschen nach und nach Überdruss. Zu viel schlechte Vibes, dabei ist doch alles im näheren Umfeld schon deprimierend genug (im echten Nahbereich meist nicht, doch dieser Widerspruch fällt Vielen hier gar nicht mehr auf). Dieses Nichtsehenwollen und auch eine Übersättigung was Konflikte und Elendsbilder angeht (auch wenn man argumentieren kann, dass es auf der anderen Seite viel zu wenig davon gibt, nur die Wenigsten irgendeine Vorstellung haben, wie schmutzig, wie erschreckend und herzzerreißend die Schicksale von Menschen im Krieg sind), ist ein Problem. Ein Problem, wenn es darum geht, Menschen für außenpolitische Entwicklungen zu interessieren und nicht erst Empörung, Empathie oder Interesse zu zeigen, wenn die Ausläufer globaler Phänomene z.B. auf einem Weihnachtsmarkt sichtbar werden.

Aus diesem Grund wagt das Portal The New Humanitarian einen Versuch: Berichte vom Frieden. Nachrichten aus Staaten, in denen Friedensprozesse laufen oder abgeschlossen wurden und die Waffen schweigen. Und weil man Frieden eben nicht nur als Abwesenheit von Krieg definieren kann, ergeben sich viele neue Lehren aus dieser Bertrachtungsweise. Außerdem - und so wären wir wieder beim Anfang - lassen sich positive Bilder generieren, die Fortschritt zeigen. Echten zivilisatorischen Fortschritt könnte man sagen, ein Fortschritt, der über technische Entwicklungen oder Wachstumszahlen hinausreicht und demonstriert, wie sich Zusammenleben entwickeln und besser gestalten lässt. Beispiele gibt es genug:

 

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Ob Myanmar oder Afghanistan, meistens werden von dort Tote vermeldet, Kämpfe mit Bildern unterlegt. Die Annäherung und Versöhnung geht eher unter, mehr als ein Vertragsschluss oder ein Nobelpreis schaffen es selten in die Berichterstattung, sie erzeugen schlicht keinen Nachrichtenwert mehr. Natürlich kann (und muss) man sagen, dass Afghanistan weit von einem dauerhaften und belastbaren Frieden entfernt ist.  

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Dennoch gibt es Versöhnungsprozesse und Akteure, die den Konfliktzustand nicht mehr hinnehmen wollen. Oft engagieren sie sich unter dem Einsatz ihres Lebens, denn - auch das lehrt Portal "Beyond the bang-bang: Reporting from the front lines of peace" -Friedens- und Versöhnungsprozesse sind fragil. Noch ein Grund mehr, ihnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Freitag, 27. April 2018

Das Märchen vom kritischen digitalen Konsum

Der sogenannte Datenskandal bei und um Facebook klingt nur langsam ab. Dennoch sehen manche BeobachterInnen negative Folgen für das Unternehmen, gar eine Bedrohung der Existenz. Denn 90 Prozent der Menschen trauen Facebook nicht, jedoch: "Persönliche Konsequenzen ziehen daraus aber nur wenige Nutzer: Gerade einmal 2 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook aufgrund des Datenskandals gar nicht mehr, 12 Prozent gaben an, die Nutzung von Facebook einzuschränken. 27 Prozent wollen das Netzwerk unverändert weiter nutzen, 59 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook ohnehin nicht." Echte wirtschaftliche Konsequenzen sind also nicht in Sicht. Woher ich das weiß? Von einer Google-Suche.

In diesem einen Absatz zeigt sich das ganze Dilemma der durchschnittlichen InternetnutzerIn: Es gibt kaum einen Ausweg aus der Datenfalle. Bedroht ist man gerade laut der öffentlichen Debatte durch Facebook, doch ist das US-Unternehmen ja nur ein Akteur der "Internet Big Five". Sicherlich, der oben genannte Artikel hätte sich auch mit DuckDuckGo finden lassen. Ganz ohne Datenerhebung und Tracking. Doch stellt sich anhand dieses Beispiels die ganz grundsätzliche Frage, inwiefern verantwortungsvoller und kritischer Konsum im digitalen Raum möglich ist und wenn ja, ob er wirklich etwas verändern kann - auch für andere NutzerInnen.

Quelle: Screenshot sueddeutsche.de

Volker Bernhard scheint davon überzeugt zu sein, er schrieb vor einiger Zeit für die SZ folgende Zeilen über "bewussten Konsum im Netz":

Und dann liefert das Magazin Wired in seiner jüngsten Ausgabe eine Reportage mit gewaltiger Sprengkraft: Wer danach noch bei Facebook bleibt, ist selber schuld. Vielleicht aber taugt diese Ausgangssituation dazu, um eine Parallele zwischen der zarten ersten Digitalkrise und dem damaligen Bio-Erwachen zu ziehen. Könnten die aktuellen Fortschritte in der Wertschätzung von Bio-Produkten nicht auch als Blaupause für eine veränderte Konsumentenethik des Digitalen dienen?
Im Anschluss daran schildert er die Entwicklung von Bio-Läden, -Siegeln und die Entstehung einer breiten Bevölkerungsschicht, die Bio-Produkte und ökologische Erzeugnisse konsumiere. Dann schlägt er die Brücke zu Posteo oder Mailbox.org. Alles gut also? Das wird schon? Es braucht eben Zeit, bis sich ein Konsum, der nicht zerstörerisch wirkt (in diesem Fall für die Privatsphäre), entwickelt?


Die NutzerInnen als Superhelden der digitalen Welt, die mit ihren Konsumentscheidungen deren Struktur und Funktionsweise verändern? Quelle: alan9187

Schaut man auf unsere Ernährung löst sich allerdings schon die Ausgangsthese in Luft auf: Je nach Statistik schwanken die Zahlen leicht, doch wir reden heute über einen Bio-Anteil an den Gesamtverkaufserlösen aus der Landwirtschaft von fünf Prozent. Bei Eiern liegt der etwas Anteil höher, bei knapp zehn Prozent. Einem Produkt, das über lange Zeit Aushängeschild und exemplarisches Beispiel für bessere Bedingungen war und heute noch ist. Und zudem mit allerlei Skandalen zu kämpfen hatte. Doch trotz "Bio-Boom" und "Öko-Lifystyle" ist die nachhaltige und ökologisch verträgliche Erzeugung von Lebensmitteln ganz offenkundig ein Nischenmarkt. Fast 50 Jahre nach der Eröffnung der ersten Bio-Läden. Außerdem ist auch in der Bio-Landwirtschaft eine Flächenkonzentration zu beobachten, Ställe werden größer, der "Output" pro Betrieb steigt und entfernen sich - auch aus wirtschaftlichen Zwängen - weit vom Demeter-Gedanken.

Bernhard träumt in seinem Artikel davon, dass Facebook in naher Zukunft "dasselbe Ansehen wie zuletzt die Drogeriekette Schlecker" genießen könnte. Ein Schmuddelimage also, das am Ende das Ende des Unternehmens bedeutete (doch das beendete natürlich weder den Preiskampf noch die schlechten Arbeitsbedingungen in der Drogeriebranche). Auch die neue Datenschutzgrundverordnung könnte das Geschäftsmodell einschränken. Doch aktuell sind dies die Schlagzeilen:


Facebook: 49 Prozent mehr Umsatz trotz Datenaffäre

Mehrzahl der deutschen Nutzer Facebook treu

Skandal! Welcher Skandal?

Vor allem geht es ja wie erwähnt nicht nur um Facebook. Die großen Spieler des Plattform-Kapitalismus haben die NutzerInnen in der digitalen Welt gemeinsam fest im Griff. Und sind bereit in jede Bresche zu springen. Ob Amazon, das mit Echo/Alexa nun aus Unternehmenssicht endlich Standortdaten erhält, oder Google, das ein Drittel der weltweiten Werbeeinnahmen im Online-Markt generiert und zu einem immer wichtigeren Partner von Behörden bei der Aufklärung von Straftaten wird - es gibt kaum ein Entkommen.

Tipps für VerbraucherInnen? "Durch Zweithandy möglichst wenig Daten preisgeben", heißt es zum Beispiel. Dies illustriert fast schon die gesamte Hilflosigkeit und fehlende politische Regulierung. Laut Bernhard gebe es aber "für die meisten Dienstleistungen großer Technologiekonzerne [...] datenschutzverträgliche Alternativen." Was fehle, seien "die Überzeugungstäter, die wie bei den Anfängen der Bioläden im Freundes- und Bekanntenkreis vielleicht etwas militant wirken, aber sachlich ihre Befürchtungen darlegen. Außerdem fehlt der digitalen Konsumentenethik ein positives Image, das Zeigefingerpädagogik in annehmbare Vorschläge verwandelt." 

Das ist schlicht nicht wahr. Es gibt keinen Cloud-Dienst, der NutzerInnen die vergleichbare Funktionalität von Google Photos bietet, sich europäischen Datenschutzregelungen unterwirft und gegen Bezahlung keine Daten erfasst. Es gibt keine Spracherkennung, die Open Source ähnlich mächtig agiert, wie die von Google, Apple oder Amazon, selbst wenn Mozilla mit "Common Voice" daran arbeitet. Und die "Überzeugungstäter" in Sachen Bio haben in 50 Jahren fünf Prozent Marktanteil erzeugt, wenn man es polemisch ausdrücken will.

So bleibt ein fader Beigeschmack bei der Diskussion um die Existenz und die Wirkungen des bewussten Konsums. So wird kritischer Konsum, wo es ihn denn tatsächlich gibt, meistens überschätzt bzw. die Schwierigkeiten bei der Umsetzung ausgeblendet. Das illustriert das Buch "Tomaten - Recherchen auf dem globalisierten Nahrungsmittelmarkt" von Annemieke Hendriks. Sie zeigt eindrucksvoll am Beispiel eines scheinbar so simplen "Produkts" wie der Tomate, wie schwierig es selbst für aufgeklärte und bewusste Menschen ist, "kritisch zu konsumieren". Hendriks schreibt gegen Ende: "Wer wirklich etwas für das Wohl der Erde tun möchte, der isst also am besten nur Saisontomaten aus unbeheiztem Anbau, bio oder nicht (beide haben ja Umweltvorteile), und besorgt sich diese mit dem Fahrrad."

Sehr viele Informationen sind also nötig, unzählige Faktoren müssen beachtet, teilweise sich widersprechende Wirkungen müssen in Einklang gebracht werden und am Ende hilft meist nur der Verzicht. Ganz abgesehen, dass man die wirtschaftlichen Voraussetzungen mitbringen muss. Keine massentaugliche Strategie, so scheint es. Überträgt man dies aufs Digitale wird man auch dort eine Mischung aus Überforderung und Unwillen der KonsumentInnen prognostizieren müssen. Die Wirtschaftswoche schreibt in einem aktuellen Artikel zu mehr Sicherheit im Umgang mit Künstlicher Intelligenz:
Erfolg werden solche Industrieinitiativen ohnehin nur haben, wenn sich auch alle Nutzer des Internets der Dinge der Risiken einer hochgradig vernetzten Welt bewusst sind. Wenn sie nicht länger auf ihren Smartphones Schnüffeldienste zulassen und über x-beliebige Apps Auskunft darüber geben, wo – auf den Meter genau – sie sich gerade befinden. Michael Kranawetter, Leiter der Abteilung Sicherheit bei Microsoft Deutschland, fordert mehr Aufklärung. Die meisten Leute wüssten schlicht nicht, wie wichtig es sein kann, mit Daten sparsam zu sein, und wie sie im Alltag weniger Datenspuren hinterlassen können. Daher sollten „Grundprinzipien der Programmierung Einzug in die Stundenpläne der Schulen erhalten“. In einer vernetzten Welt sei nur derjenige ein mündiger Bürger, der weiß, welche Spuren er hinterlasse – und der verbergen könne, mit wem er wo zu Abend isst.
Die BürgerInnen werden also in Haftung genommen - damit freiwillige Unternehmensselbstverpflichtungen Wirkung zeigen können. Verpflichtungen, die maximal den kleinsten gemeinsamen Nenner zum Gegenstand haben. 

An dieser Stelle könnte man abwinken und das Konzept des kritischen Konsums für gescheitert erklären. Doch auch das greift zu kurz, in einer modernen Gesellschaft ist es durchaus in Ordnung die BürgerInnen an ihre eigene Verantwortung zu erinnern und sie dabei zu unterstützen dieser nachkommen zu können. Entwicklungsminister Gerd Müller hat gegenwärtig mal wieder den "Grünen Knopf" angekündigt. Ab 2019 soll das ein Siegel sein, bei dem man "zu 100 Prozent" sicher sein könne, dass die Kleidung fair produziert wurde. Das wäre ein guter und wichtiger Schritt. Aber die Ankündigung ist nicht neu und ohne gesetzliche Verpflichtung scheinen auch diesmal viele bzw. die meisten Hersteller nicht mitmachen zu wollen. Es ist wie bei der Ernährung: Bio ist gut und schön, doch ohne politische Vorgaben wird sich substantiell wenig an der Erzeugung von Lebensmitteln ändern.

Wieder aufs Digitale übertragen: Die Daten der Menschen lassen sich nicht durch Selbstverpflichtungen oder geändertes Nutzungsverhalten Einzelner schützen. Eine politische Regulierung muss her. Auch die Bloggerin und Netzexpertin Katharina Nocun kommt nach einem Selbstversuch mit Amazon, bei dem sie ihre dort gespeicherten Daten anforderte, zum Schluss:
Mehr Transparenz in Bezug auf Datensammlungen reicht deshalb nicht aus. Es braucht verbindliche Löschfristen und klare Verbote für Überwachung in besonders sensiblen Bereichen. Nutzer sollten zudem bei jedem Anbieter die Möglichkeit haben, auch "inkognito" zu recherchieren. Wenn die Politik keine Leitplanken einzieht, werden wir alle unweigerlich zu gläsernen Kunden.
Doch im digitalen Raum haben wie erwähnt auch staatliche Akteure Interessen, die über den Schutz der KonsumentInnen-Anliegen hinausgehen:
Der Hamburger Kriminologe Nils Zurawski befürchtet eine Vermengung von staatlichen und privaten Interessen durch die Kooperation von Tech-Konzernen und Strafverfolgungsbehörden. Im Interview sagt er: "Da Google und auch andere digitale Medien und Dienste zu unserem Alltag gehören, und wir allerlei Dinge damit tun, wäre die generelle Auskunft über unsere Aktivitäten eine Totalüberwachung. Das ist praktisch schon der Fall, wenn man bedenkt, dass alles, was wir tun, in irgendeiner Weise aufgezeichnet wird."
Die schon heute große Macht der Technologie-Konzerne,die Verlockungen der Datenerfassung für staatliche Stellen und naive Sichtweisen wie "Facebook wird das neue Schlecker", lassen demnach Schlimmes befürchten. Jedoch ist es nie zu spät, wirtschaftliche Interessen einzuhegen. Dazu braucht es nur eine Debatte, was denn gesellschaftliche Werte, die als unbedingt schützenswert erachtet werden, sind. Auch die diesjährige re:publica 18 fragt:
In welche Richtung entwickeln sich international Digital Democracy und Open Data-Ansätze? Und welche sozialen und legislativen Begleitprozesse braucht die immer stärker fortschreitende Automatisierung? Wo der menschliche Verstand zu versagen scheint, halten dort die Versprechen der Auslagerung von Prozessen in die “unbestechliche” Blockchain?
Und den politischen Willen, der bei den meisten Fragen (noch) fehlt und nur durch öffentlichen Druck verändert werden kann. 

Dort - im Rahmen eines ausgehandelten und regulierten digitalen Raums, wo kritischer Konsum kein Ausstieg bedeutet und für alle möglich ist - dürfen dann auch die NutzerInnen herausfordernd gefragt werden: "Ey, was treibst Du denn da eigentlich mit Deinen Daten?"  

Sonntag, 31. Dezember 2017

Krieg der Welten 2018

Warum zum Jahresende ein Post einer ARTE-Dokumentation über das von Orson Welles inszenierte und von H.G. Wells geschriebene Hörspiel "Krieg der Welten", welches 1938 im Radio ausgestrahlt wurde?

Kurz gesagt: Weil die Reaktionen, die der Film sammelt und darstellt, uns auch noch heute Einiges zu sagen haben. Die adaptierte Geschichte mit dem Originaltitel "The War of the Worlds" beschreibt eine Invasion vom Mars im ländlichen New Jersey. Welles inszenierte sie als Radiohörspiel in Form einer fiktiven Reportage, welche der amerikanische Radiosender CBS am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 ausstrahlte. Dazu wurde der ursprüngliche Handlungsort von England nach Grover’s Mill verlegt und die Geschichte entsprechend angepasst. Berichte über eine Massenpanik sind defintiv übertrieben, dennoch glaubte ein Drittel der fast drei Millionen Zuhörer an einen Angriff von Außerirdischen. 
 

Das Ereignis wird im kommenden Jahr 80 Jahre alt - und dennoch zeigen sich Muster, die wir auch heute noch beobachten können.

Die damals neue Form und massenhafte Verbreitung des Mediums gestaltete die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad um. Geschwindigkeit, Reichweite, Themen - die ZuhörerInnen wurden mit fremden Ereignissen in ungewohnter Machart konfrontiert. Viele Menschen fühlten sich davon überfordert. Es kam zu Gegenreaktionen in Form totaler Ablehnung und vernichtender Kritik, aber auch zu Euphorie und der umfassenden Einbindung des Mediums in den eigenen Alltag. Gilt dies für das Radio, hat das Internet unsere Gesellschaft deutlich tiefgreifender verändert.

"Die Amerikaner waren auf Krise gepolt", denn keine zehn Jahre vorher hatte die Wirtschaftskrise Millionen von Existenzen vernichtet. Im Verlauf des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, aber auch danach, wurde das Radio zum Krisenmedium. Eine Unterbrechung des Programms, heute würde man Eilmeldung sagen, führte zu Sondersendungen, heute würde man Liveblog sagen, die Expertinnen und Experten, Augenzeugen und politische u.ä. Akteure zu Wort kommen ließen.

Auch heute ist der annährende Zusammenbruch unseres Finanzsystems erst zehn Jahre her. Die Eindrücke von dieser sind zwar kaum noch Thema in der Öffentlichkeit, aber auch sie hat, verbunden mit der Geschwindigkeit von Globalisierungselementen, dazu geführt, dass die Angst vor dem Abstieg stets greifbar ist. Der Aufstieg Chinas, die Endlichkeit von Rohstoffen, Kosten des Klimawandels und der Energiewende, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, steigende Mieten - die Liste ist lang und vielfältig.

Eigene Erwartungen und Wahrnehmungen als Einfallstor
 
Die Invasion wurde 1938 geglaubt, weil sie in die eigenen Erwartungen und Wahrnehmungen der Welt passte. Auch heute geht es oftmals weniger um den Wahrheitsgehalt, sondern um das Abgleichen mit dem eigenen Realitätsrahmen.

Hinzu kommt, dass die mediale Auswahl und Aufbereitung (die auf dem Interesse des Pubilkums beruht) damasl wie heute negative Nachrichten bevorzugt. "Mord und Totschlag", Krieg und Leid, Staatsversagen und Elitenfehlverhalten verkaufen sich besser als gelungene Gesetzesvorhaben und Glücksseligkeit, auch wenn es eine Grenze gibt, welche die Aufmerksamkeitsspanne und das schwindende Interesse der Öffentlichkeit - je geringer die eigene (potentielle) Betroffenheit ist, desto uninteressanter für die Meisten - berücksichtigt. "Das Ganze war richtig spannend", stellte man schon vor 80 Jahren fest, und meinte damit das Gefühl wirklich dabei, stets auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch daran hat sich im Internetzeitalter wenig geändert.

"Und ständig war im Hintergrund dumpf die Kriegstrommel geschlagen worden" heißt es in der Doku, bei der Frage, warum das Hörspiel - welches zu Beginn eindeutig als ein solches angekündigt wurde und der Programmplatz eben einem solchen vorbehalten war - bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fiel. Es ist leicht, Parallelen ins Heute zu ziehen. Besonders dumpf sind die Trommeltöne dabei nicht, der Krieg gegen den Terrorismus wird heute sowohl an der Heimatfront als auch in entfernten Teilen der Welt geführt. Ein stetig wachsendes Gefühl der Unsicherheit, welches von der Politik mit verschärften Gesetzen und Freiheitseinschränkungen beantwortet wird, hat den Krieg zur Normalität werden lassen, auch wenn wir ihn nicht so nennen. Es sind Anti-Terror-Maßnahmen, es ist der eher undefinierte Kampf gegen DEN Extremismus oder die konkrete logistische Unterstützung für Verbündete. In der Summe bleibt bei vielen Menschen der Eindruck einer ungeordneten, gefährlichen und sich in Aufruhr befindlichen Welt zurück.

Zeit böser Vorahnungen
 
Auch die AmerikanerInnen damals, wollten eigentlich mit den Konflikten in Europa nichts zu tun haben, spürten aber, dass sie leicht hineingezogen werden könnten. Über diesen Punkt sind wir heute schon hinaus und dennoch gilt das Gleiche wie im Oktober Ende der 1940er-Jahre: "Es war eine Zeit nicht nur voller Ängste, sondern auch mit bösen Vorahnungen, was uns die Zukunft bringen mochte."

Der eindrücklichste Moment des Hörspiels ist, wenn der Reporter vor Ort verstummt und sich Stille im Äther breit macht. Eine Sekunde, zwei, drei - Welles zog die Pause unerbittlich in die Länge. Diese Pause würde auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen. Das hektische Klicken auf den Aktualisierungsbutton, die ausbleibenden Updates im Twitterstream - die Stille zerreißt uns auch heute. Denn mit ihr zerbricht auch die Illusion der Kontrolle, die der stetige Nachrichtenfluss aufbaut. Die Ereignisse verunsichern uns und bestätigen zugleich unsere Ängste. Sie legen angesichts ihrer Vielfalt und -zahl die Unmöglichkeit der Kontrolle nahe und vermitteln doch die Sicherheit, dass wenn sie nur gehört, gelesen, gesehen werden, sich in die gewohnten Strukturen einfügen lassen.

Ein aktueller ZEIT-Artikel von Nils Markwardt beschäftigt sich mit dem Ausmaß und der Wahrnehmung von "Krisen" in der Öffentlichkeit und deren gesellschaftlicher Funktion. Er schreibt: "Denn wenn im letzten Jahr, ach was, im letzten Jahrzehnt etwas konstant Konjunktur hatte, dann waren es eben: die Krisen. Dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in die Nachrichten oder der Gang in eine Buchhandlung: Ob Finanz-, Wirtschafts-, Euro-, Schulden-, Klima-, Flüchtlings- oder Staatskrise, ob Renten-, Bildungs- oder Wohnungskrise, ob die Krise des Westens, der Männlichkeit, des Glaubens, der Sexualität oder der Demokratie – Krisen sind nicht nur überall, sondern vor allem auch permanent."

Er arbeitet die Besonderheiten der aktuellen Krisenhaftigkeit bzw. die Wahrnehmung darüber überzeugend heraus. Doch so sehr sich die Mechanismen auch entwickelt und eine andere Gestalt angenommen haben, wichtige Aspekte kann man aus der Aufführung von "Krieg der Welten" weiter lernen. Zehn Schauspieler und ein 27-köpfiges Orchester reichten damals, um Tausende in (existenzielle) Angst und Schrecken zu versetzen. Heute bedarf es einer Pressekonferenz ("Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"), einer Gruppe von HackerInnen oder Trolle, die Falschmeldungen streuen ("Fall Lisa"). Beides löste keine Panik aus, doch einmal war es auch nur eine unglückliche Formulierung, das andere Mal der Versuch klandestin und subversiv den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen. Der Versuch der künstlich erzeugten Massenpanik steht hier (soweit bekannt) noch aus.

Anfälligkeit für Fake News kein neues Phänomen
 
Die Anfälligkeit für falsche Nachrichten oder extreme Interpretationen war also schon vor 80 Jahren festzustellen. Die naheliegende Annahme, dass mehr Informationen, eine größere Vielfalt von Informationsquellen oder eine besser mediale Bildung diese Anfälligkeit gesenkt haben, scheint nicht ohne weiteres zuzutreffen. Natürlich unterscheiden sich die heutigen Krisen schon aufgrund ihrer potentiellen Möglichwerdung. Wir lassen uns weniger von Invasion vom Mars erschrecken, stattdessen von der Flüchtlingswelle oder der Terror-Gefahr. Doch sind sie sich gleich, wenn es um den tatsächlichen Gefährdungsgrad geht. Welles sagte damals am Ende des Hörspiels:
Auf Wiederhören, und denken Sie an diese schreckliche Lektion: Der grinsende, glimmende runde Eindringling in ihrem Wohnzimmer ist ein Kürbis, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein Marsianer - es ist Halloween.
Heute könnte man schreiben:
Das wars für heute mit unserem Liveblog - vergessen Sie nie: Der grinsende, glimmende runde Eindringling auf ihren Bildschirmen ist ein Emoji, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein IS-Kämpfer, kein Russe und kein Flüchtling - es ist 2018.
Nach all den Fragen rund um die Aufmerksamkeitsökonomie, die Zweifel und Ängste einer Gesellschaft und von Fake News, bleibt die Hoffnung, dass trotz allem genug Zeit zum Nachdenken bleibt. Es scheint der einzige Schutz zu sein. Und es ist ja nicht so, dass sich dies nicht lohnen würde. Ein wenig mehr Ruhe, ein wenig mehr Objektivität, ein wenig mehr Raum zur Diskussion und die Dauerkrise könnte an Bedeutung verlieren. Markwardt dazu:  
Und es ist ja eben auch nicht so, dass es für aktuelle Krisen nicht genug Lösungsvorschläge gäbe. Wie eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft aussieht, wie Reichtum sozialer verteilt oder die Wirtschaft nachhaltiger organisiert werden kann, das alles wird seit Jahren und Jahrzehnten fortlaufend diskutiert. Würde man die Krisengeräusche für einen Moment herunterdimmen, könnte man sich diese Vorschläge sogar auch anhören.

Dienstag, 8. November 2016

Dann schick es doch nach Afrika...

Es ist schon fast ein geflügelter Satz. "Dann schick es doch nach Afrika..." Er wird gerne gesagt, wenn es darum geht auf die Verschwendung von Ressourcen hinzuweisen bzw. man selbst darauf hingewiesen wird.

Es ist ein geschickter Satz, ist es doch völlig richtig, dass die Reste auf dem Teller oder die abgelaufenen Lebensmittel im Kühlschrank Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, die von massiver Nahrungsmittelunsicherheit bedroht sind - oder schlicht hungern -, nicht helfen. Nimmt man ihn ernst und lässt die ihm innewohnende Gehässigkeit beiseite, ist es eine Frage der Logistik (ganz abgesehen von der ethischen Frage, inwiefern man den eigenen Müll oder in der eigenen Wahrnehmung nicht Genießebares anderen Menschen als "Hilfe" anbieten sollte).

Auch bei Wasser ist es richtig, dass die zunehmende Wasserproblematik in weiten Teilen der Welt nicht ohne weiteres durchs Wassersparen zuhause beseitigt werden kann. Dass Sparen von Wasser aber auch meist das Sparen von Energie bedeutet (niemand müsste seltener die Toilette spülen, beim Abspülen unter laufendem warmen Wasser sieht es anders aus) ist unbestritten. Außerdem geht es auch um die Frage, ob wir wirklich davon ausgehen sollten (z.B. aufgrund der Nitrat-Problematik), dass Wasser im Überfluss zur Verfügung steht.

Vor allem - und nun sind wir wieder beim eigentlichen Thema - bedeutet in einer globalisierten Welt der Konsum zuhause Auswirkungen anderswo.




Quelle: http://www.foodisfoundation.org/

Genau dies ist auf den beiden Grafiken zu sehen. Zunächst das Offensichtliche: wir schmeißen Dinge, die noch einen Wert hätten zunehmend weg. Weil uns das Aussehen nicht mehr gefällt, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, weil es doch nicht so schmeckt wie gedacht. Schon hier kommt Einiges zusammen.

Die eigentliche Problematik spielt sich aber "unter Wasser" ab. Der Verbrauch von Flächen, Emissionen, die Zerstörung von Artenvielfalt durch Monokulturen, die Abholzung von Wäldern,...

All das ist nicht neu. Und all das ist bekannt. Das kann sich dann so lesen: "Pro Tag wird für jeden Erdbewohner Nahrung mit dem Energiegehalt von 4.600 Kilokalorien geerntet. Davon werden nur ungefähr 2.000 Kilokalorien durchschnittlich auch verzehrt." Oder so: "Ein Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs wird für den Anbau von Lebensmitteln verwendet, die später auf den Müll geworfen werden."

Genau das macht es so schlimm, dass wir als Gesellschaft daran nichts ändern und macht es nötig diese schlichten Fakten öfters zu wiederholen. 

Denn all diese Tatsachen machen den obigen Satz im Kern zu einer ideologischen Aussage. Denn wer ihn sagt, weigert sich, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Es ist ein Satz für ein "Weiter so" und für ein "Es lässt sich doch eh nichts ändern". Es ist eine Art von Konservatismus, welcher die Zukunftsfähigkeit genauso gefährdet wie eine fehlende Reflexion über Grenzen des Wachstums.

Bezeichnend ist, dass ja eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Egal wie komplex die Zusammenhänge und wie winzig der eigene Anteil sind, die Interdependenz, also die tatsächlich bestehende Vernetzung, ist Teil unserer heutigen Welt. Damit macht auch das eigene Handeln einen Unterschied und den Satz zu einer schlechten Ausrede.

Dienstag, 29. März 2016

An der Bierfront

Die US-amerikanische Brauerei Dog Tag Brewing würdigt auf ihren Dosen gefallene Soldatinnen und Soldaten der US-Streitkräfte. Zusätzlich wurde eine Stiftung eingerichtet.

Bild via Reddit: http://i.imgur.com/E3IyR4v.jpg


Marketing-Gag oder ernsthaftes Engagement - die Aktion macht deutlich, wie selbstverständlich militärisches Handeln in den öffentlichen Umgang mit Gewalt und Krieg eingebunden werden kann. Mehr Offenheit und Ehrlichkeit würden in Deutschland der Debatte um den Einsatz der Bundeswehr im Ausland sicherlich gut tun. Ob die Namen von Soldaten, die in Afghanistan getötet wurden, auf der Bierflasche dabei helfen könnten, ist jedoch zumindest zweifelhaft. In den USA jedenfalls trägt diese Art des Erinnerns kaum dazu bei, die Sinnhaftigkeit und die Reichweite militärischen Handelns in Frage zu stellen. Im Gegenteil.

"Prost, auf Sgt Jeremy R Moqueary - War ein guter Mann. Tapfer, opferte sich und kämpfte für... Für was kämpfte er nochmal? - Für unsere Freiheit, gegen das Böse, Du weißt schon. Diese Terroristen. Ach, trink einfach. - Prost."

Konsequent wäre es, die gefallenen Soldaten anderer Nationen zu verewigen, oder zivile Opfer von Luftangriffen oder Artilleriebeschuss. Die Liste wäre deutlich länger - könnte aber den erfrischend patriotischen Schluck dann ein wenig vermiesen.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Anmerkungen zum Friedenswinter: Frieden ist, was Du draus machst

"Wir sind die neue Friedensbewegung" - dieser Satz hallt nach von der gestrigen Friedenswinter-Demonstration. Denn es ist nicht einfach, dieses "Wir" wirklich zu greifen. In manchen Artikeln, wie in einem des Tagesspiegels, da heißt es schlicht: "Verschwörungstheoretiker, Linke und Neonazis gegen Gauck" (Dass dort von 2000 Demonstranten die Rede ist, statt von 4000, welche die Polizei zählte ist verwunderlich, aber nebensächlich). Etwas differenzierter schreibt Steven Geyer in der Berliner Zeitung: "Das heißt, dass die Friedensbewegung entweder nicht gemerkt hat, dass ihr Anliegen gekapert wurde – oder dass es ihr egal ist." Auch der Blog Ruhrbarone äußert sich ähnlich.


 Verschwörungstheoretiker und Truther haben sich ebenfalls eingefunden. Photo Credits: Alexander Kitterer

Auch Geyer konzentriert sich in diesem Artikel darauf, dass tatsächlich obskure Montagsdemonstranten, 9/11-InsideJob-Anhänger und noch viel verschwurbeltere Gestalten unter den 4000 Menschen zu finden sind und der Veranstaltung offiziell einen Teil ihres Gesichts verleihen. Geyer betont die Rede des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen, dem tatsächlich ordentlich Raum geboten wird. Auf der Hauptbühne kommen auch andere Stimmen zu Wort, wie z.B. die Süddeutsche Zeitung anführt: 
"Und so ist es vor allem ein Satz auf der Friedenswinter-Demo, der hängenbleibt: "Die Debatte um Krieg und Frieden ist zu wichtig, um sie den Eliten zu überlassen, sie gehört ins Parlament, in die Gesellschaft und in die Friedensbewegung", heißt es in einem Grußwort der Journalistin Daniela Dahn, das auf der Bühne verlesen wird. Das ist richtig. Ganz egal, wie groß das gegenseitige Unverständnis manchmal auch ist."
Nun ist es ein schmaler Grat bei solchen Kundgebungen. Manche Teilnehmer von HoGeSa oder PEGIDA werden sicher auch für sich in Anspruch nehmen, dass sie doch nur ein persönliches Anliegen vertreten und sich von der Politik nicht ernstgenommen fühlen, wenn es darum geht, Flüchtlinge in ihrer Nähe unterzubringen. Doch der entscheidende Unterschied ist eben doch, dass die diffuse Angst gegen Islamisierung und Überfremdung nicht nur jeglichen empirischen Belegen widerspricht, sondern schlicht menschenverachtende Züge trägt. Da täuscht auch kein skandiertes: "Wir sind das Volk" darüber hinweg (dazu auch schön die Heute Show).


Bundespräsident Joachim Gauck steht im Zentrum der Kritik, aufgrund einiger Äußerungen. Seiner tatsächlichen Bedeutung für die Frage von Krieg und Frieden auf globaler Ebene, wird dies kaum gerecht. Photo Credits: Alexander Kitterer

Der Grundkonsens des Friedenswinters (Unterzeichner) ist es zunächst, weltweiten Frieden zu fordern. Nicht mehr. Verschweigen darf man nicht, dass die massive Kritik an Joachim Gauck, die Forderungen nach einem Austritt aus der NATO, einer Auflösung der Bundeswehr, oder die Kritik am "Zinssystem" sich bei vielen Teilnehmern und Gruppen unmittelbar anschließen. Bedenklicher noch sind anti-semitische Äußerungen und Tendenzen von "Mahnwachen"-Anhängern (offiziell gibt es dazu jedoch auch eine klare Position). 

Auch eine Pauschalkritik an den Massenmedien fehlt nicht. Bei der Abschlusskundgebung skandieren dann auch einige Dutzend: "Ami go home". Wahrscheinlich könnten sie selbst kaum sagen, worauf sich das bezieht. Irak? Afghanistan? Deutschland? Und wenn, dann wahrscheinlich untermauert mit sog. "Fakten" zur fortgesetzten Besatzung und fehlenden Souveränität Deutschlands. Insofern hat die Kritik Michael Müllers teilweise ihre Berechtigung, der in der Berliner Zeitung schreibt:
Nicht in ihrer Friedenssehnsucht finden sie [Linke und Organisatoren] zusammen – mit ihr könnten sie vor der russischen Botschaft auch Wladimir Putin konfrontieren –, sondern in ihrem Bestehen auf einem autoritären Politik- und Lebensentwurf, auf einem Freund-Feind-Denken, das besonders in Deutschland nicht nur als inhuman, sondern als reaktionär erscheinen muss.
Problematisch ist es aber, die Heterogenität der Protestierenden entweder nicht zu beachten, oder als Argument für den Vorwurf "reaktionären" Denkens zu benutzen. Denn es sind doch zahlreiche "klassische" Friedensdemonstrations-Teilnehmer dabei. Nicht nur die offiziellen Bündnisse, wie GEW oder IPPNW zeigen ihre Banner. Auch Einzelpersonen, hier vor allem Ältere, aber auch junge Familien, die keine Äußerungen auf der Bühne beklatschen und skandieren, keine Schuhe in den Garten des Schlosses werfen, sondern schweigend ihren Protest gegen Krieg auf die Straße tragen. Dies kann natürlich nur ein absolut subjektiver Eindruck der Demonstration sein.

Nichtsdestotrotz handelt es sich offensichtlich um einen Protest gegen eine unübersichtliche und konfliktreiche internationale Ordnung, in der mehr als 50 Millionen Menschen in oder aus ihrer Heimat geflüchtet sind und das Gefühl vorherrscht, trotz all dieser Krisen gäbe es keine ernsthaften Versuche für eine zivile Konfliktbearbeitung (außer sie verbindet sich mit der militärischen Unterstützung einer Seite) und globaler Frieden sei eine Illusion.  

Natürlich ist das Argument "der beste Schutz gegen Gewalt und Krieg ist eine gerechte internationale Ordnung" eines der eher abstrakteren Sorte. Doch muss dies nicht heißen, dass es im Kern nicht tragfähig ist. Genau dieses Streben nach einer gerechten internationalen Ordnung vermissen offenbar viele Menschen in der aktuellen Außen- und Sicherheitspolitik. Oder zumindest die Anerkennung, dass das Fehlen einer solchen Konflikte mitverursacht oder befeuert. 

Die meisten Menschen, die so zurückhaltend und reflektiert denken (nämlich die Mehrheit der Bevölkerung), sind an diesem Samstag jedoch nicht auf die Straße gegangen. Ein Passant fragt einen vorüberziehenden Teilnehmer: "Wogegen demonstriert ihr denn?" "Für Frieden." "Schon wieder?"

Für manche Teilnehmer ist Bundespräsident Joachim Gauck die Symbolfigur für eine Abkehr von einer Friedenspolitik hin zu einer umfassenden Akzeptanz militärischer Mittel zur Durchsetzung sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Interessen. Photo Credits: Alexander Kitterer

Dies zeigt natürlich das Dilemma der Friedensbewegung: kaum Eine oder Einer geht heute noch auf die Straße. Zu weit weg erscheine das Meiste, wird oft als Argument benutzt. Dem steht entgegen, dass die gestiegenen Flüchtlingszahlen Krieg wieder "fühlbar" machen. Jedoch äußert sich dies dann offensichtlich eher in hohen Teilnehmerzahlen gegen eben solche Menschen, die vor Gewalt und Unterdrückung flüchten. Sicherlich mag es in den Ohren der meisten Menschen sehr dramatisch oder gar überdramatisch klingen, wenn der (ebenfalls nicht unumstrittene) Aktivist Eugen Drewermann auf der Hauptbühne Wolfgang Borchert zitiert:

„Mann an der Werkbank! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Töpfen Handgranaten und Kanonenrohre ziehen - Mann an der Werkbank, sag NEIN!

Und Mutter in Deutschland! Mutter in der Ukraine! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären: Mädchen als Krankenschwestern für die Spitäler, Jungen als Soldaten in den Schützengräben - Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, sag NEIN!

Und Pfarrer auf der Kanzel! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen - Pfarrer auf der Kanzel, sag NEIN.

Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wird alles wieder kommen.“
Doch Deutschland ist zum drittgrößten Waffenexporteur der Welt geworden. Eine Entwicklung, die fast 80 Prozent der Bevölkerung ablehnt. Hier seitens der Politik Sicherheitsinteressen vorzuschieben genügt als Argument den Meisten nicht mehr.

Was heißt dies nun für die Friedensbewegung? Gibt es sie überhaupt noch? Hat sie sich neu formiert, wie die Veranstalter des Friedenswinters für sich in Anspruch nehmen? Oder ist einfach unterwandert worden? Singt bald Xavier Naidoo auf Kundgebungen "Ein bisschen Frieden"?

Es bleibt kompliziert. Denn, solange Ken Jebsen für unabhängigen Journalismus werben darf, oder weltnetz.tv Hauptquelle für Informationen über die Kundgebungen ist, ist Kritik berechtigt und notwendig. Angenehm ist es trotzdem, wenn eine Zeitung nicht nur kritisiert, sondern die Frage stellt, wie in Zukunft mit einer solchen Bewegung umgegangen werden könnte.

Wer besorgt ist über die Zusammensetzung solcher Kundgebungen, könnte selbst hingehen und so das Verhältnis zwischen friedensbewegten "normalen" Bürgern und Teilnehmern mit einer parallelen kritikwürdigen Agenda verändern. Oder eigene Veranstaltungen und Bündnisse ins Leben rufen (bzw. zu neuem Leben zu erwecken), um sich klarer abzugrenzen. Denn so berechtigt die Kritik von Beobachtern am Friedenswinter ist, sie sollte nicht als Ausrede dienen einfach ganz zuhause zu bleiben. Nur um dann zu seufzen, wenn wieder einmal über den Abwurf von Fassbomben, harte Winter im Flüchtlingslager, oder Kollateralschäden bei Drohnenangriffen berichtet wird. Denn es gilt: Frieden ist, was Du daraus machst.

Montag, 13. Oktober 2014

(Neben-) Kriegsschauplätze (1)

Gewohnheit oder Platzmangel - viele Krisengebiete sind nur Nebenschauplätze. Diesmal: Zentralafrikanische Republik, Pakistan und Libyen.

Mindestens elf UN-Soldaten wurden in den vergangenen vier Tagen in der Zentralafrikanischen Republik getötet, mehrere wurden verletzt. Auch Zivilisten fielen den anhaltenden Unruhen und Kämpfen zum Opfer. Präsidentin Catherine Samba-Panza war im Januar angetreten, um die Gewalt zu beenden, die UN übernahm erste Mitte September die Mission von der Afrikanischen Union. Von 700.000 Muslimen sollen nur noch 90.000 im Land sein.

Die laufenden Operationen der pakistanischen Armee rufen ebenfalls kaum noch irgendeine Resonanz hervor. Auch der politische Konflikt in Karatschi mit regelmäßigen Todesopfern wird nur am Rande wahrgenommen. Dabei befindet sich das Land in einem andauernden Kriegszustand. Im Rahmen der Operation Zarb-e-Azb sind mehr als 30.000 Soldaten und Paramilitärs im Einsatz. Allein in dieser Woche wurden in Mohmand, Kyber, Waziristan und anderen Teilen des Landes mehr als 45 Menschen getötet, darunter auch Impfhelfer bei Anschlägen. Die präsentierten Erfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ohne einen politischen Prozess die Operation zum Scheitern verurteilt ist. Auch regional ist die Lage nicht stabil. Bei Gefechten zwischen indischen und pakistanischen Kräften wurden an der Waffenstillstandslinie mindestens 20 Menschen getötet und 70 verwundet, mehr als 20.000 sollen geflohen sein. Indien und Pakistan beschuldigen sich gegenseitig der Verletzung des Waffenstillstands. Alleine in dieser Woche gab es zudem acht Drohnenschläge im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet bei denen zwischen 21 und 35 Menschen getötet wurden. 

Auch Libyen hat die Gewalt weiterhin fest im Griff. Übers Wochenende wurden nach unterschiedlichen Angaben mindestens 21 Menschen bei Gefechten rund um Tripolis und Benghazi getötet. Rivalisierende Milizen bekämpfen sich seit 2011, doch nur in den vergangenen drei Wochen sind zwischen 100.000 und 150.000 Menschen vor den Kämpfen geflohen.