Posts mit dem Label 0Allgemeines werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 0Allgemeines werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 21. Februar 2022

Was es hier (noch) zu finden gibt

Mehr als zehn Jahre nach dem Start des Blogs hat sich nicht nur das Konzept des Bloggens, sondern auch der thematische Schwerpunkt ein wenig überlebt. Nicht, weil es weniger Konflikte gibt, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, sondern weil sich - glücklicherweise - immer mehr lokale Aktivist:innen, Wissenschaftlter:innen und andere Akteure detailreich (und mit Hilfe von sozialen Medien auch teilweise öffentlichkeitswirksam) mit diesen Konflikten auseinandersetzen. 

Dennoch finden sich hier vielleicht weiterhin ein paar interessante weiterführende Links, haben die Artikel in der Gesamtschau eine Art Archivfunktion und bieten ein paar Beiträge immer noch ein paar vertiefte Einblicke in Konflikte aller Art.

Dienstag, 13. April 2021

"Kein Mensch hat je verstanden, was Krieg wirklich ist"

"Der Krieg war immer gegenwärtig und medial präsent. Als Dokumentation des Geschehens in mehr oder weniger fernen Ländern, in journalistischer Berichterstattung und umfassenden Dokumentationen. Als Erinnerungs- und Trauerarbeit zur eigenen Militärgeschichte in Spielfilmen und Serien. Aber auch als heroisches Spiel und Propaganda. Kritik und schmutzig-blutiger Realismus als Mahnung zum Frieden auf der einen Seite und auf der anderen militaristischer Glamour und Mythologie von Heldentum und Bewährung. Und vieles dazwischen. Was wäre ein richtiges Bild vom Krieg? Und gibt es das überhaupt?" 

Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Feature "Kriegsbilder - Über Narrative des Kriegs im Film" des Deutschlandfunks und greift einen Aspekt des Krieges auf, der in dem Zitat Ryszard Kapuściński´s, welches für alle Beiträge in diesem Blog immer ein rhetorischer Fixpunkt war, zum Ausdruck kommt:

Die Welt beobachtet den Schauplatz von Kampf und Tod, den sie sich im übrigen nur schwer vorstellen kann, denn das Bild des Krieges ist kaum zu vermitteln. Nicht mit der Feder, der Stimme, oder der Kamera. Der Krieg ist nur für jene eine Wirklichkeit, die in seinem blutigen, abstoßenden, schmutzigen Inneren sitzen.


Donnerstag, 19. November 2020

Krieg im Ohr - Podcasts und Hörstücke über Orte, Formen und Schicksale von Konflikten

Bewegte Bilder sind in der Lage Kriege und Konflikte eindringlich einzufangen. Der neue Film von Peter Jackson "They Shall Not Grow Old" beweist das eindrucksvoll. Die restaurierten Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg vermitteln eine Unmittelbarkeit, die es bisher selten zu sehen gab.

<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/6KC21B4YWdU" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>

Doch oftmals stoßen auch Bilder an Grenzen, dann nämlich, wenn das eigentliche Grauen außerhalb des Schlachtfelds liegt oder entgrenzte Konflikte ohne klaren Frontverlauf und ständige Scharmützel sich einer visuellen Darstellung entziehen.

Im Folgenden ein paar Hinweise auf Hörstücke, die sich mit Kriegen, Konflikten und deren Akteuren beschäftigen. Viele sind dauerhaft bzw. langfristig verfügbar, manche nur begrenzt. Sie lassen sich aber downloaden und für ein späteres Anhören speichern.


Zum Wesen des Krieges 

Krieg für Anfänger
Ca. 54 Minuten - Aus Geschichten und Filmen weiß Henrik von Holtum, dass Krieg schrecklich ist, aber er hat keine Ahnung, wie Krieg zu verstehen ist. Um das zu ändern, legt er eine Uniform an, lässt sich Befehle geben, Vor- und Feindbilder zeigen und feuert eine Waffe ab.
 
Kein Mensch hat je verstanden, was Krieg wirklich ist. Aber fast jeder hat Meinungen, Modelle, Erklärungen, Diskurse, Bilder, Narrative vom Krieg und sogar Erfahrungen damit. Unsere Vorstellungen sind dabei stark geprägt von Filmen und Fotos – und damit auch von Propaganda und Zeitgeist.
 
4 Folgen á 40 Minuten - Karfreitag 2010: Über acht Stunden lang liefern sich Fallschirmjäger aus Niedersachsen nahe Kundus ein Gefecht mit Taliban - das wohl schwerste in der Geschichte der Bundeswehr. Drei Deutsche sterben, acht werden verletzt. Die Bundesregierung spricht erstmals von Krieg. Kämpfen und Töten, Verwundung und Sterben gehören nun zur Bundeswehr. Die Ex-Korrespondenten Christoph Heinzle und Kai Küstner erzählen die Lebensgeschichten Beteiligter und zeichnen den grundlegenden Wandel der Bundeswehr in einer vierstündigen Serie nach.
 
Guter Krieg, böser Krieg - Grenzen außenpolitischer Einmischung
48 Minuten - Wo liegen die Grenzen der Einmischung, wenn in Afrika, im Nahen Osten oder in Europa ein bewaffneter Konflikt tobt? Mal setzen wir aufs Militär, mal auf Dialog. Dossier Politik hinterfragt den Stellenwert von Krisendiplomatie u.a. in Zeiten von Trump, Putin und Co.

Vietnam Tapes - die Tonaufnahmen eines jungen Soldaten
Ca. 45 Minuten - Vietnam Tapes - Die Kriegsaufzeichnungen des Michael A. Baronowski | Ein junger Soldat im Vietnamkrieg macht Tonbandaufnahmen, es sind akustische Briefe an seine Familie. Sie dokumentieren eindrücklich das Leben in Schützengräben, die Freundschaft mit Kameraden und Gefechtehtshandlungen.

Im Krieg und danach 
Ca. 50 Minuten - Ein Krieg beginnt lange vor dem ersten Schuss. Und er ist noch lange nicht vorbei, bloß weil die Waffen irgendwann wieder schweigen.

Zwei Kindersoldaten und der Internationale Strafgerichtshof - Zwei Opfer, ein Täter 
Ca. 52 Minuten - Zwei Jungen werden von einer ugandischen Miliz verschleppt und als Kindersoldaten rekrutiert. Jetzt steht der eine als Kriegsverbrecher vor dem Internationalen Strafgerichtshof - der andere arbeitet für die Institution.
 
Ca. 20 Minuten - Wer Krieg führt, versucht nicht nur die Schlachten auf dem realen Feld für sich zu entscheiden, sondern auch die auf dem Feld der Desinformation. Längst ist es Usus, die Informationspolitik in die Hände professioneller PR-Agenturen zu legen.

Kaputte Krieger
Ca. 54 Minuten - Soldaten der Bundeswehr, die von Auslandseinsätzen zurückkehren, leiden immer häufiger an einer "Posttraumtischen Belastungsstörung". Wie gehen Betroffene und Angehörige damit um?

Krieg im Kopf - Wenn US-Soldaten nach Hause kommen
Ca. 25 Minuten - Im Schnitt bringt sich in den USA fast jede Stunde ein Kriegsveteran um. Weit entfernt von Afghanistan, Irak oder Afrika können viele Rückkehrer mit ihrem neuen, ruhigen Leben in der sicheren Heimat keinen Frieden schließen. Betroffene Familien und gemeinnützige Organisationen suchen daher nach eigenen Wegen, der Soldatenseele wieder Ruhe zu geben.

Die zwei Welten des Otto Dix - Kriegstriptychon
Ca. 45 Minuten - 23-jährig zog Otto Dix in den Ersten Weltkrieg. Patriotismus trieb ihn weniger als Neugier. Was er sah, überstieg seine Fantasie - dennoch saß er stoisch im Schützengraben, skizzierte, aquarellierte sogar. Das berühmteste Resultat dieser Eindrücke ist das Triptychon "Der Krieg" 


Regionen
54 Minuten - Der junge deutsch-vietnamesische Filmemacher Duc Ngo Ngoc gewinnt bei einer Pressereise des vietnamesischen Militärs ungewöhnliche Einblicke in den Umgang mit den umstrittenen Spratly-Inseln. Der schwelende Konflikt im südchinesischen Meer gilt seit Jahren als einer der gefährlichsten der Region. Insgesamt sechs Staaten erheben Besitzansprüche. Allen voran China und Vietnam. Es geht um Handelsrouten, mögliche Ölquellen und die militärische Vormachtstellung. Für die Soldaten sind die Spratly-Inseln eine Einöde. Sie erwarten Krieg.
 
Ca. 25 Minuten - Ende Oktober stürmten in der Provinz Nangarhar afghanische Spezialeinheiten drei Häuser eines Dorfes: 14 Zivilisten starben, darunter Kinder. Razzien dieser Art häufen sich, teils auch durchgeführt von US-Soldaten. Die Folge: Hass und Radikalisierung. 

Kriegsreporter Carsten Stormer - "Das ganze Land Syrien ist kaputt!"
Ca. 40 Minuten - Carsten Stormer war in den vergangenen Jahren immer wieder in Syrien - als Kriegsreporter.  Dort hat er Traumatisches erlebt.

4 Jahre Krieg - Was geht uns der Jemen an?
Ca. 25 Minuten - Der Krieg im Jemen geht uns nichts an? Doch. Er geht uns etwas an. Denn dort sind deutsche Kriegswaffen im Einsatz. Trotz Exportverboten. Wie schafft die deutsche Rüstungsindustrie das?

Vergessen und verhungert - Was geht uns der Krieg im Jemen an?
Ca. 45 Minuten - Mit erschreckenden Bildern erreicht uns die humanitäre Katastrophe im Jemen. Seit Jahren kämpfen dort vom Iran unterstützte Milizen gegen von Saudi-Arabien gestützte Truppen. Leidtragende sind Millionen Kinder.

Die Drogenbarone von Mali - Ein Feature über Kriegstreiber und eine Friedensmission
Ca. 50 Minuten - Die UN-Mission in Mali ist die gefährlichste der Welt. Deutschland beteiligt sich daran mit bis zu 1000 deutschen Soldaten. Die Bundesregierung erklärt das Engagement mit der Notwendigkeit, gegen den internationalen Terrorismus und gegen Menschenschmuggel zu kämpfen. Trotz der internationalen Militärpräsenz und trotz eines Friedensabkommens hat sich die Sicherheitslage in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert und die Umsetzung des Friedensabkommens stockt. Kann eine UN-Mission tatsächlich erfolgreich sein, wenn sie zwar schießen, aber nicht gegen Kriminelle und Terroristen vorgehen darf, wenn die den Friedensprozess torpedieren?

Folterkammer Eritrea - Ein Feature über die Finanzierung einer Diktatur
Ca. 50 Minuten - Sie wollen von Afrika über das Mittelmeer nach Europa, zur Not mit Fischer- oder Schlauchboot. Oft endet ihre Flucht in einer Tragödie und die meisten Opfer stammen aus Eritrea. Das Land gilt als das "Nordkorea" Afrikas. (...) Die EU will die Regierung mit Millionenbeträgen unterstützen, um den Exodus zu stoppen. Aber das Regime profitiert selbst von der Massenflucht und die eigenen Militärs betätigen sich angeblich als Schlepper und Schmuggler. Warum finanziert Europa eine Diktatur?


Neue Kriege/Rüstung

Krieg der Welten 2050 - realistische Vision vom Krieg der Zukunft
52 Minuten - Die Zukunftsforscher George Friedman und Karlheinz Steinmüller stellen Thesen für ein Kriegsszenario der Zukunft auf. Flankiert werden die von den Visionen des Autors Stanislaw Lem. Es entsteht eine Weltkriegsgeschichte, die morgen schon wahr sein könnte.
 
Krieg mit autonomen Waffen
Ca. 25 Minuten - Autonome Kampfdrohnen oder Panzer - werden "selbst denkende" Maschinen bald Einzug halten in bewaffnete Konflikte? Sinkt damit die Schwelle zum nächsten Krieg?

Krieg der Roboter
Ca. 45 Minuten - Es diskutieren: Dr. Marcel Dickow - Forschungsgruppenleiter Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, Prof. Dr. Joachim Hertzberg - Universität Osnabrück, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Dr. Frank Sauer - Politikwissenschaftler, Universität der Bundeswehr, München.

Kosten des Krieges
3-teiliges Feature - In Irak, Syrien, Libyen, Mali, Afghanistan, Jemen, Somalia: Überall wo gekämpft wird, stellt sich die Frage, wo kommen die Waffen her und wie kamen sie dorthin? Wer bezahlt und wer kassiert? Woher haben Terrormilizen, Brigaden und marodierende Armeen die Mittel, sich Waffen zu kaufen?

Mein erster Cyberkrieg - Die Nato probt den Ernstfall
Ca. 53 Minuten - "Locked Shields" ist die größte Cyber-Kriegsübung der Welt. Nato-Staaten, Universitäten aber auch große Firmen nehmen teil. 2017 waren etwa 800 Menschen dabei - Soldaten, IT-Experten, Diplomaten, Juristen, aber auch Journalisten. Unter ihnen, der Autor.


Historisch
  
Ca. 50 Minuten - Vortrag von Jochen Oltmer über Kriegsgefangenschaft und ihre Auswirkungen auf die Soldaten. Diese waren nicht nur europaweit, sondern auch weltweit ein Thema - auch viele Jahre nach Beendigung der Kriegshandlungen.

Kriegspost einer rheinischen Großfamilie
Ca. 20 Minuten - Als der Erste Welt Weltkrieg begann, starteten zwei Kölner Brüder ein ungewöhnliches Projekt: Alle Briefe und Postkarten der Großfamilie wurden gesammelt, vervielfältigt und an alle Angehörigen verschickt - bis 1918. 

Über die Liebe im Krieg - Hoffentlich wirst Du von Gottes Hand beschützt!
Ca. 55 Minuten - Zwei Bauern müssen in den Krieg. Der Ältere verreckt in einem Schützengraben bei Spa. Sein Sohn brennt darauf, ihn zu rächen und meldet sich an die Westfront. – In ihrem Elternhaus findet die Autorin ein Päckchen mit der Aufschrift „Feldpost“ und liest die Kriegsgeschichte ihrer Familie.
 
Das Tal der Gefallenen
Ca. 45 Minuten - Die Verbrechen der spanischen Franco-Diktatur sind bis heute ungesühnt, die Täter straffrei wegen des Amnestiegesetzes von 1977. Doch inzwischen wird in Spanien über den Umgang mit der faschistischen Vergangenheit heftig gestritten.  
 
Liebesbriefe von NVA-Soldaten

Ca. 25 Minuten - Für NVA-Soldaten waren Briefe der einzige Kontakt zur Außenwelt. Sie erzählen von Freiheitsverlust, Heimweh und Drill. 
 
Vietnamkrieg: Das Massaker von My Lai
Ca. 35 Minuten - Am 16. März 1968 begehen US-Soldaten ein Massaker in dem vietnamesischen Dorf My Lai. Auf der Suche nach Kämpfern des Vietcong töten sie über 500 Zivilisten. 

Donnerstag, 5. November 2020

Krieg ist langweilig!

Gefechte in und um Bergkarabach, der Einsatz von Drohnen, der Beschuss ziviler Wohnviertel - all das generiert Bilder, die zur Zeit in aller Munde und Augen sind. Doch gleichzeitig ist der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien überhaupt nicht neu. Oder kämpfen im Jemen seit fast einem Jahrzehnt Fraktionen gegeneinander. In Syrien fallen regelmäßig Bomben, obwohl der Konflikt schon länger in unseren Breiten als irgendwie befriedet betrachtet wird. 

Das zeigt: Krieg ist langweilig, oder wird langweilig und verursacht bei den Menschen nach und nach Überdruss. Zu viel schlechte Vibes, dabei ist doch alles im näheren Umfeld schon deprimierend genug (im echten Nahbereich meist nicht, doch dieser Widerspruch fällt Vielen hier gar nicht mehr auf). Dieses Nichtsehenwollen und auch eine Übersättigung was Konflikte und Elendsbilder angeht (auch wenn man argumentieren kann, dass es auf der anderen Seite viel zu wenig davon gibt, nur die Wenigsten irgendeine Vorstellung haben, wie schmutzig, wie erschreckend und herzzerreißend die Schicksale von Menschen im Krieg sind), ist ein Problem. Ein Problem, wenn es darum geht, Menschen für außenpolitische Entwicklungen zu interessieren und nicht erst Empörung, Empathie oder Interesse zu zeigen, wenn die Ausläufer globaler Phänomene z.B. auf einem Weihnachtsmarkt sichtbar werden.

Aus diesem Grund wagt das Portal The New Humanitarian einen Versuch: Berichte vom Frieden. Nachrichten aus Staaten, in denen Friedensprozesse laufen oder abgeschlossen wurden und die Waffen schweigen. Und weil man Frieden eben nicht nur als Abwesenheit von Krieg definieren kann, ergeben sich viele neue Lehren aus dieser Bertrachtungsweise. Außerdem - und so wären wir wieder beim Anfang - lassen sich positive Bilder generieren, die Fortschritt zeigen. Echten zivilisatorischen Fortschritt könnte man sagen, ein Fortschritt, der über technische Entwicklungen oder Wachstumszahlen hinausreicht und demonstriert, wie sich Zusammenleben entwickeln und besser gestalten lässt. Beispiele gibt es genug:

 

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Ob Myanmar oder Afghanistan, meistens werden von dort Tote vermeldet, Kämpfe mit Bildern unterlegt. Die Annäherung und Versöhnung geht eher unter, mehr als ein Vertragsschluss oder ein Nobelpreis schaffen es selten in die Berichterstattung, sie erzeugen schlicht keinen Nachrichtenwert mehr. Natürlich kann (und muss) man sagen, dass Afghanistan weit von einem dauerhaften und belastbaren Frieden entfernt ist.  

Quelle: Screenshot The New Humanitarian
 

Dennoch gibt es Versöhnungsprozesse und Akteure, die den Konfliktzustand nicht mehr hinnehmen wollen. Oft engagieren sie sich unter dem Einsatz ihres Lebens, denn - auch das lehrt Portal "Beyond the bang-bang: Reporting from the front lines of peace" -Friedens- und Versöhnungsprozesse sind fragil. Noch ein Grund mehr, ihnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Samstag, 18. Juli 2020

Kaputte Krieger

Posttraumatische Belastungsstörungen und andere Kriegsfolgen sind kein echtes Tabuthema mehr. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist gering und Soldat:innen selbst sprechen ungern darüber. Das Radiofeature "Kaputte Krieger" lässt Bundeswehr-Soldat:innen zu Wort kommen, Sie schildern eindringlich wie sie nach Kampfeinsätzen mit diesen Traumata (versuchen zu) leben.

Sonntag, 3. Mai 2020

Coronavisionen

Etwas off-topic, gleichzeitig natürlich nicht, denn gibt es noch etwas anderes als die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus? Also. Schon Anfang März und danach immer weiter zunehmend, was die Zahl der Artikel betrifft, haben sich allerlei Personen - Zukunftsforscher, Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Twittermenschen, Kolumnistinnen und viele andere - mit der Frage: "Was bleibt von Corona?" beschäftigt. 

Eine äußerst relevante Frage, nicht nur wenn es darum geht, wie man auf eine kommende Pandemie vorbereitet sein wird. Sondern auch bei der Suche nach Antworten, ob die Gesellschaft Lehren aus der aktuellen Situation ziehen wird. Auffällig dabei war, wie schnell viele den Holzhammer zur Hand hatten. "Alles wird anders", die Gesellschaft werde nicht mehr wiederzuerkennen sein, unser Wirtschaftssystem komplett umgebaut werden. Doch ist es so einfach? Ändern sich Dinge von selbst? Werden Pflegekräfte automatisch besser bezahlt, wenn alles vorüber ist? Das (angebliche) große Innehalten der Gesellschaft führt zwingend zu einem Reflektieren unserer Lebensführung? Einigen sich die betroffenen Staaten - also alle - darauf, dass Pandemieschutz wichtiger ist als Aufrüstung (um hier mal die inhaltliche Kurve zu kriegen)? 

Schon die Wirtschafts- und Finanzkrise, die teilweise ähnliche Herausforderungen geschaffen hat und ein Umdenken hätte nach sich ziehen können oder müssen, war schneller vergessen als uns lieb sein konnte. Auch die Phrase vom Ausnahmezustand der Normalzustand wird, ist angesichts von keinen acht Wochen, die mit einigen Einschränkungen einhergehen (die manche äußerst hart treffen, vielen völlig egal sein können), für eine realistische Bestandsaufnahme kaum hilfreich, um konkrete Veränderungen anzustoßen. Daher hier mal eine Sammlung mit Utopien, Dystopien, treffenden Zustandsbeschreibungen, blödsinningen Prognosen, interessanten Ideen und stumpfen Wiederholungen der ewig alten Phrasen, die nun eben mit dem Corona-Mäntelchen behängt werden.

Dienstag, 18. Februar 2020

Überwachungskapitalismus: It's really this generation's 'Das Kapital'


Die Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff stellt viele Fragen. Grundlegende Fragen

"Erhebungen und Analysen von Daten verändern die Funktionsweise von Wirtschaft. Aber sind diese Veränderungen so grundlegend, dass sie zur Entstehung einer neuen Form des Kapitalismus geführt haben – dem Überwachungskapitalismus? 

Wenn das Verhalten von Menschen immer transparenter wird, welche Bedeutung kommt Vertrauen dann zu? 

Sind Individuen nur ein Anhängsel der digitalen Maschine, Objekte neuer Mechanismen, die nach den Bestimmungen des Privatkapitals belohnen und bestrafen? 

Wie wirkt sich der soziale Zusammenhalt aus, wenn Menschen als Arbeitskräfte überflüssig werden, während ihre Daten weiterhin als Wert-Quelle in lukrativen neuen Märkten fungieren, die mit Prognosen des menschlichen Verhaltens handeln? 

Wie können wir das kontrollieren, was wir noch nicht verstehen?"

Und versucht sich einige Antworten hinsichtlich der Zukunft des Menschen als Individuum und der Gesellschaft an sich zu formulieren: 


Donnerstag, 9. Januar 2020

Die AFD und die Bundeswehr

In der Dezember-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik beschäftigte sich Klaus Naumann mit dem Verhältnis der AfD zur Bundeswehr. 



Den gesamten sehr aufschlussreichen Artikel gibt es hier, im Folgenden einige Zitate (eigene Hervorhebungen):

"Wird die AfD die neue Soldaten-Partei?“, titelte die „Bild“-Zeitung kürzlich. Verweisen konnte sie auf den relativ hohen Anteil von geschätzten 2100 Soldaten unter den 35 000 Parteimitgliedern, das entspricht sechs Prozent."

"Geht es um die angestammte „Soldatenpartei“, wurde früher ohne Umschweife auf die Union verwiesen. Inzwischen ist das Urteil zögerlich; auf die „Altparteien“ möchte man sich nicht mehr automatisch festlegen. Dadurch ist ein Vakuum entstanden. Das grassierende Gefühl, in Politik und Öffentlichkeit nicht genügend anerkannt zu werden und die Dauerklagen über Fehlstände in den Streitkräften und das Missverhältnis von Auftrag, Mitteln und Kräften suchen nach einem neuen Adressaten. Hier bietet sich die AfD an."


"Das AfD-Wehrprogramm präsentiert sich als ein konservatives Dokument. Darin ist von einem „Wiederaufbau“ der Streitkräfte die Rede, aber bei näherer Lektüre zeigt sich, dass damit nicht allein ein Zurück zur bundesrepublikanischen Wehrpflichtigenarmee gemeint ist, sondern vielmehr eine grundlegende Absage an Eckwerte der Sicherheitspolitik und der Wehrverfassung des Grundgesetzes."

"Mit dem Angriff auf die Grundlagen der Parlamentshoheit hat die AfD ein großes Rad gedreht. Man fragt sich unwillkürlich, ob die Verfasser dieser Programmschrift eigentlich wissen, dass sie den „neuralgischen Punkt“ (Hans Mommsen) des deutschen Parlamentarismus tangiert haben. Der Verfassungskonflikt um die politische Wehrhoheit reicht zurück bis in die preußische Vergangenheit der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, als der preußische König Wilhelm I. im Verein mit Kanzler Bismarck dem Landtag das Budgetrecht über den Kriegshaushalt verwehrte."

"Im Zentrum der Überlegungen steht die Aufhebung der Trennung von äußerer und innerer Sicherheit. Dafür sieht die AfD drei Maßnahmen vor: [...]"

"Irritierend ist ferner, dass die Rechtspopulisten vor allem das Loblied der soldatischen Tugenden, des „unerbittlichen Kampfes“ und des „robusten Vorgehens“ anstimmen, für die veränderten Unterstützungsleistungen der Streitkräfte bei den absehbaren Großgefahren aber kein Sensorium entwickelt haben. Das Motiv ist leicht zu ergründen; die Partei appelliert damit vor allem an die Stimmungslage bei den Kampftruppen, speziell beim Kommando Spezialkräfte (KSK)." 

"Sie gehen davon aus, dass ihre Adressaten bereit sind, vieles aufs Spiel zu setzen, wenn sie nur den politisch Verantwortlichen einen kräftigen Strafbescheid ausstellen können. In der Projektion der Rechtspopulisten erscheint die Komplexität der multilateralen Welt als Zumutung „der Politik“; das unentschiedene, zögerliche und inkonsequente Manövrieren der „Eliten“ (beispielsweise in der Sicherheitspolitik) und die nimmermüde Rhetorik der „Alternativlosigkeit“ bieten den Anlass für Überdruss."

"Mit dem Stichwort „Unerbittlichkeit“ kommen „Töne des Unbedingten“ (Peter Carstens) zu Gehör, die seit den Endkämpfen der Wehrmacht meist gemieden wurden."

"Umso merkwürdiger, dass die Eigentradition der Bundeswehr, auf die der neue Traditionserlass von 2017 großen Wert legt, keinerlei Aufmerksamkeit erfährt. Das alles atmet den Geist des ewigen Soldatentums und appelliert an die Stimmung, von „oben“ in Ruhe gelassen zu werden."

"Das Wehrprogramm der AfD-Fraktion bedient eine nationalradikale Auffassung, aber es ist keine Handreichung für Militante. Ungeachtet des rechtskonservativen Profils, um das sich die Autoren bemühen, werden jedoch Gesinnungsprämien ausgelobt, die der, der zu lesen versteht, leicht einstreichen kann."

Gegenstimmen aus der Bundeswehr bzw. von ehemaligen Soldaten ließen nicht lange auf sich warten: "[...], Soldaten müssten für den "unerbittlichen Kampf" im Gefecht befähigt werden. "Unerbittlich bedeutet ja so etwas wie gnadenlos, unbarmherzig, ohne jede Rücksicht. Und das widerspricht doch eklatant der heutigen Führungsphilosophie in der Bundeswehr", sagte Lahl. "Dort sind etwa die Achtung der Menschenwürde und die Verhältnismäßigkeit des Handelns doch ganz oben angesiedelt. Und wenn man das mit unerbittlich überlagern möchte, dann offenbart man schon - definitiv - eine bedenkliche Geisteshaltung", so Generalleutnant a.D. Kersten Lahl.

Die FAZ sieht das grundsätzlich natürlich anders, Wolf Poulet, ein Oberst a.D. des Generalstabsdiensts der Bundeswehr und "Geschäftsführender Direktor einer Internationalen Beratungsfirma" darf in einem Gastbeitrag schreiben: "Das AfD-Papier lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass die Arbeitsgruppe Verteidigung der Partei ohne Einschränkung zum konservativen Teil der AfD gerechnet werden kann und damit auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht." Wie er zu diesem Schluss kommt - manches sei ja ein "Unding" - lässt er aber dann doch offen.

Montag, 24. Juni 2019

"Wer glaubt, ich bin ein Ni****, der braucht einen" - Was "I am not your Negro" über unseren eigenen Rassismus zu sagen hat

Der Dokumentarfilm "I am not your Negro" erzählt die Geschichte von James Baldwin und seinem Werk „Remember This House”. Baldwin schrieb nur knapp 30 Seiten, obwohl er 1979 mit dem Schreiben begann und erst acht Jahre später, im Jahr 1987, starb. Er wollte darin die Geschichte vom Leben und gewaltsamen Tod seiner Freunde Martin Luther King Jr., Medgar Evers und Malcolm X festhalten. Die Morde an den drei schwarzen Bürgerrechtlern traumatisierten eine ganze Generation und waren ein schwerer Schock für Baldwin. Raoul Peck machte 2015 aus dem unvollendeten Manuskript und Interviews seinen Film, in dem er zahlreiche Bezüge zum heutigen Amerika herstellt. Zu sehen ist er u.a. bei Netflix oder zur Zeit bei Arte.

Doch "I am not your Negro" sagt nicht nur etwas über den Konflikt und den Rassismus in den USA aus. Seine Zitate offenbaren vielmehr eine universelle Wahrheit über die Wurzeln, den Umgang und die Folgen von Rassismus.
Was mich in Amerika immer wieder erschüttert, ist eine so unfassbare Gefühlsarmut und eine so tiefe Furcht vor dem menschlichen Leben, vor menschlicher Berührung. So tief, dass kaum ein Amerikaner in der Lage zu sein scheint, eine tragfähige organische Verbindung zwischen seinem Auftreten in der Öffentlichkeit und seinem Privatleben zu entwickeln. 
Dieses Scheitern des Privatlebens hat von jeher eine verheerende Auswirkung auf das Verhalten der Amerikaner in der Öffentlichkeit gehabt - und auf die Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen. 
Würden sich die Amerikaner nicht so sehr vor ihrem Privaten selbst fürchten, wären sie nie so abhängig von dem geworden, was sie das „Negerproblem“ nennen.
Es drängt sich die Frage auf, ob sich daran etwas geändert hat. Persönliche Freiheiten, zum Beispiel das Recht auf Abtreibung, werden eingeschränkt. Minderheiten systematisch diskriminiert und der Gewalt und Willkür von Sicherheitsbehörden und Justiz ausgesetzt. Auch aufgrund von "moralischen" Werten, die vorgeblich im Persönlichen hochgehalten werden - aber auch dort nicht gelebt werden.

Wie sieht es zum Beispiel in Deutschland aus? Ist nicht auch hier zu fragen, wie sogenannte "besorgte Bürger" die von ihnen propagierten Werte und Normen konsequent missachten. Sie im Privaten vor sich her tragen und in der Öffentlichkeit davon abrücken. Und was das eigentlich über sie aussagt. 

Nächstenliebe, Respekt, Humanismus - alles Selbstverständlichkeiten, bekäme man zu hören. Doch loggt sich jemand bei Facebook ein oder stellt sich auf den Wiener Platz oder den Altmarkt in Dresden spielen die plötzlich keine Rolle mehr. Vielleicht auch, weil sie im Persönlichen eben doch nicht so gelebt werden?

Baldwin schreibt:
Dieses Problem, dass sie erfunden haben, um ihre Reinheit zu schützen, hat sie zu Verbrechern und Ungeheuern gemacht. Und es zerstört sie.
Und das nicht wegen irgendetwas, das Schwarze vielleicht tun oder nicht tun, sondern wegen der Rolle, die eine schuldige und beschränkte weiße Fantasie den Schwarzen zugewiesen hat.   

(dauerhaft abrufbar in der bpb-Mediathek)

Der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zur Reflektion, dem Umgang mit den eigenen Schwächen und Rassismus ist offensichtlich. Denn nur wer seine eigene Angst kennt und anerkennt, kann gegen sie angehen. Abstiegsängste und der Wunsch nach Anerkennung, Sehnsüchte und Sorgen - es ist so einfach die Frustrationen und Schwierigkeiten des eigenen Lebens auf einer anderen Gruppe abzuladen. Sich an ihr aufzurichten, Ungewolltes ihr zuzuschieben. Und schließlich wird der eigene Rassismus oftmals auch durch die Tatsache gespeist, dass man zu der Gruppe gehört, die davon profitiert (selbst wenn man persönlich gar nichts davon hat):
Ich bezeuge: Die Welt ist nicht weiß. Sie ist nie weiß gewesen. Kann nicht weiß sein. "Weiß" ist eine Metapher für Macht. Und das ist einfach eine Beschreibung der Chase Manhattan Bank."
Es geht also um Macht. Um die Frage, wer Entscheidungen dominiert und von ihnen profitiert. Dies ist kein besonderes Merkmal der USA. Auch die Schlussworte Baldwins besitzen eine universelle Gültigkeit. Der Umgang mit Minderheiten ist der Prüfstein einer Gesellschaft. Es ist kein bloßer Humanismus, sondern Selbsterhaltung, gegen die Marginalisierung und Diskriminierung Anderer einzutreten:
Ich kann kein Pessimist sein, denn ich bin am Leben. Pessimist sein bedeutet, das Leben als akademische Frage aufzufassen. Deshalb bin ich gezwungen, Optimist zu sein und zu glauben, wir können überleben, was immer wir überleben müssen. Aber die Schwarzen in diesem Land, die Zukunft der Schwarzen in diesem Land ist genauso hell oder so dunkel wie die Zukunft des Landes. Es liegt allein in der Hand der Amerikaner und unserer Politiker. Es liegt allein in der Hand der Amerikaner, ob sie dem Fremden, den sie so lange verleugnet haben, ins Gesicht sehen, sich mit ihm befassen und ihn einbeziehen.
Die Weißen müssen versuchen, in ihren eigenen Herzen zu finden, warum es überhaupt notwendig war einen Ni**** zu haben. Denn ich bin kein Ni****. Ich bin ein Mensch. Wer glaubt, ich bin ein Ni****, der braucht einen. Die Frage, die sich die weiße Bevölkerung im Land stellen muss [...]: Wenn ich hier nicht der Ni**** bin, und ihr ihn erfunden habt, wenn ihr, die Weißen, ihn erfunden habt, müsst ihr herausfinden, warum. Die Zukunft des Landes hängt davon ab, sich dies fragen zu können. 
Deutlicher kann man es nicht formulieren. Wenn wir als Gesellschaft nicht in der Lage sind uns mit unseren kritisch Haltungen auseinanderzusetzen, so Baldwin, dann wird diese Gesellschaft nicht überleben können. Rassisten würden an dieser Stelle applaudieren, und verstehen doch nicht, dass unser Menschsein davon abhängt: 
Die Geschichte ist nicht die Vergangenheit. Sie ist die Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte in uns. Wir sind unsere Geschichte. Wenn wir etwas anderes vorgeben, dann sind wir buchstäblich Verbrecher. 
Oder um es mit den Worten Angela Hermanns, Historikerin am NS-Dokumentationszentrum München, auszudrücken: "Wenn man eines aus der Geschichte lernen kann, dann ist es die Erkenntnis, dass sich Inhumanität zunächst gegen die Schwächsten richtet, bevor sie sich wie ein Flächenbrand ausbreitet."

Samstag, 29. Dezember 2018

Was Krieg bedeutet - Zum Tode von Amos Oz

Zum Tode von Amos Oz zeigt ARTE eine Dokumentation mit Zeitzeugnissen, die fast 50 Jahre von der "Zensur" zurückgehalten wurden: Der Schriftsteller begab sich 1967 nach dem Sechstagekrieg in die Kibbuze Israels und befragte Soldaten zu ihren Erlebnissen. Sie erzählten, was Krieg bedeutet - in einem universellen Sinne. Bis 2015 blieben sie unter Verschluss.

Bis 09. Januar 2019 in der Mediathek.


Samstag, 19. Mai 2018

Flüchtlinge und #RoyalWedding: Wie wir uns die Welt verzerren (lassen)

Blickten im Jahr 2006 noch etwa 30 Prozent der Menschen in Deutschland negativ in ihre Zukunft, waren es 2017 nur noch etwa knapp 20 Prozent. Fast drei Viertel der Befragten gaben an optimistisch nach vorne zu schauen. Wie geht das zusammen mit der "allgemeinen" Wahrnehmung, dass Konflikte weit weg aber auch vor der eigenen Haustür das Geschehen bestimmen, Populisten an die Macht drängen und Roboter uns die Arbeit wegnehmen werden? Nun muss man den persönlichen Lebensbereich immer von der Wahrnehmung der Welt trennen. So wird zum Beispiel die Zukunft der EU von fast drei Viertel der Befragten negativ gesehen.

Zudem sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Sie geben aber einen Hinweis darauf, dass wenige laute Akteure den Diskurs bestimmen oder zumindest stark mitbestimmen. Ein Beispiel sind KommentatorInnen von Onlineforen: Lediglich fünf Prozent der Accounts waren im Januar für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren verantwortlich.

Doch auch die Medien selbst machen fröhlich beim dystopischen Agenda-Setting mit, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Ein willkürliches Beispiel aus der tagesschau-App (Freitag, 18. Mai 2018 abends) zeigt, wie sowohl überzeugte #dankemerkel-HaterInnen sich bestätigt fühlen dürfen, aber auch eher unbedarfte NachrichtenkonsumentInnen den Eindruck gewinnen, dass man selbst und die Welt einer düsteren Zukunft entgegenblicken. Indem nämlich ein (kompliziertes) Thema eine solche Diskurshoheit gewinnt, dass andere Nachrichten hinten runter fallen, oder - und das ist wohl die eigentliche Problematik - entsprechend mit eingeordnet werden:



Mit der Klage ist der AfD Aufmerksamkeit garantiert. Standardmäßig muss mittlerweile erklärt werden, welchen Gehalt das Ganze hat. Das ist zwar notwendig und wichtig, rein quantitativ verstärkt es aber die Bedeutung. Es folgen in dieser Reihenfolge:



Die Flüchtlingspolitik wird beim Durchswipen (ungewollt) verknüpft mit der mutmaßlichen Bedrohung durch islamistische Gewalttäter und mit der BAMF-Meldung wird nochmal daran erinnert, dass sich einige Menschen womöglich nicht legal hier aufhalten. Man gewinnt den Eindruck, dass kein Thema wichtiger und drängender ist als die Frage der Einwanderungspolitik, wenn es die Hälfte des vorhandenen Raums einnimmt.


Und damit ist die Aufmerksamkeit für die "harten" Nachrichten auch vorbei. Vielleicht noch etwas zum Porsche-Rückruf oder der Krankenhausentlassung von Skripal, aber dann doch lieber der Schwenk zur royalen Hochzeit. Und am Ende zeigen nur die regionalen Nachrichten, was eine große Zahl von Menschen eigentlich beschäftigt und welche Sorgen wirklich deren Alltag bestimmen:


Solche Abfolgen von Nachrichten können negative Einstellungen der RezipientInnen verstärken und einen verzerrten Eindruck der Realität erzeugen. Denn die Sensibilität der Menschen sollte man dabei nicht unterschätzen. Fast 30 Prozent der Befragten gaben in einer Studie an, dass sie Nachrichten meiden, unter anderem weil sie eine negative Stimmung erzeugen.

Dieses Dilemma der Medien lässt sich nicht auflösen. Doch in einer Art Schweigespirale vor allem den Nachrichten Raum einzuräumen, die nach Auffassung einer Minderheit die größte Relevanz besitzen, verstärken Ressentiments und erschweren einen inhaltlichen Diskurs. Mehr Beiträge über den Konflikt im Jemen, die Bilanz zehn Jahre nach der Wirtschafts- und Finanzkrise oder die Perversionen des Immobilienmarktes hellen zwar nicht die Stimmung auf, rücken aber so manches gerade. Und ermöglichen es unter Umständen Themen in den politischen Diskurs einzuspeisen, die aktuell wegen der überschätzten Bedeutung anderer Politikfelder völlig unter den Tisch fallen.

Dienstag, 23. Januar 2018

Wenn ein "Weiter so" ohne Alternative ist

Wer glaubt, Berichte aus Krisengebieten seien frustrierend und desillusioierend, der oder die sollte sich einmal den Wirtschaftsteilen überregionaler Medien widmen. Da muss es gar nicht die FAZ sein, oder auch die NZZ, beide mit einem eher wirtschaftsfreundlichen Profil versehen. Es genügt die Lektüre bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bei der ARD-Börse zum Beispiel wird äußerst ausführlich über wirtschaftliche Entwicklungen berichtet. Dabei wird deutlich, wie unhinterfragt das Subsystem Wirtschaft existiert und wie weit entfernt von einer echten Reflexion unserer Lebensverhältnisse wir mittlerweile sind.

Bei Konflikten wird (zumindest am Anfang, bevor sie aus dem öffentlichen Interesse verschwinden) oft nach den Ursachen, noch Strategien zur Lösung und den Wegen nach einem nachhaltigen Frieden gefragt. Geht es um Wirtschaftsthemen, stellt sich Berichterstattung meist so dar:



Themen dieser Art, egal ob Euro, Zinspolitik, Binnennachfrage, oder Exportorientierung sind so komplex, dass sie ohnehin für viele Menschen uninteressant sind. Und wenn sie behandelt und gelesen werden, dann geht es um einen eindeutig abgegrenzten Raum, in dem eine Kontroverse geführt wird.

Hier also: Was sagt der starke Euro aus? Ist der starke Euro eine Belastung? Wie reagieren die AnlegerInnen (zu denen man sich rein der Rhetorik der allgemeinen Berichterstattung und den Empfehlungen für die Altersvorsorge wohl zählen soll, angesichts der Tatsache, dass man ca. 14 Prozent der deutschen Bevölkerung dazuzählt (und dies noch stark sozial geprägt ist) aber zumeist nicht kann)?

Man liest weiter und stößt auf Absätze, die die wirtschaftliche Entwicklung scheinbar mit politischen und gesellschaftlichen Vorgängen in Beziehung setzen:


Doch die zeigen allzuoft, dass sich der Aktienmarkt völlig unbeeindruckt von (gesellschaftlichen) Negativentwicklungen gibt. Oder Gewinne nicht hoch genug ausfallen und der Kurs trotz Rekordzahlen sinkt.

Bei Berichten dieser Art ist kein Platz zu fragen: Wo sind die Grenzen des Wachstums? Wer profitiert eigentlich von Entwicklungen, die sich teilweise von der Realwirtschaft völlig abkoppeln? Widerspricht diese Form des Wirtschaftens nicht unseren ordnungspolitischen Vorstellungen und den Wünschen der Menschen nach einer gerechten und solidarischen Gesellschaft?

Nun muss nicht jeder Artikel das ganz große Rad drehen. Doch angesichts der Tatsache, dass diese Fragen ja keineswegs neu sind, sondern bereits von den "68ern" gestellt wurden, erscheint dieser blinde Fleck kaum nachvollziehbar. Die hohen Kosten eines primär technologisch gedachten Fortschritts und die Logik der Externalisierung von Kosten, welche die Folgen unseres Konsums verschleiern, sollten eigentlich auch Konsequenzen für die mediale Auseinandersetzung haben. 

Doch wenn nirgendwo der Kapitalismus grundsätzlich in Frage gestellt, noch "Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem in der Sprache kollektiver sozialer Rechte formuliert wird", wie Birgit Mankopf aktuell schreibt (S.88), dann läuft der Diskurs aus Sicht vieler Menschen ins Leere.

Das Klicken durch die Wirtschaftsmeldungen offenbart dabei eine kaum zu ertragende Hilflosigkeit. Noch mehr als bei Kriegen und Krisen irgendwo auf der Welt, ist man unmittelbarer Teil des Systems (nicht, dass wir nicht auch bei Kriegen und Krisen aufgrund unserer interdependenten Welt eine Rolle spielen, sie ist aber weniger sichtbar). Man kauft, man verkauft, man ärgert sich über "die da oben", würde aber doch auch gerne dazugehören. Man lehnt die Absurdität des Aktienmarktes ab und versucht doch selbst davon zu profitieren. Bitcoins kritisiert man, weil man sie nur halb versteht und sowieso keine besitzt.



Man macht also mehr oder weniger fröhlich mit, auch wenn die Bauchschmerzen stärker werden. Am Ende lassen einen solche Berichte auch mit ein wenig Angst zurück. Was, wenn China uns dauerhaft überholt hat, was wenn der Euroraum wieder einbricht?

Hilflosigkeit, Angst und Überforderung - als Ergebnis ist das sicherlich kaum gewollt. Gerade ARD-Börse versucht an vielen Stellen Dinge ausführlich zu erklären und herunterzubrechen. Doch auch die JournalistInnen dort können nicht verhindern, dass ein schaler Nachgeschmack bleibt. 

Die Hoffnung auf eine andere Zukunft und die Einsicht bei einer großen Zahl von Menschen, dass die Menschheit anders agieren müsste, um auch den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, bildet sich nicht ab.

Kann sich nicht abbilden. Denn die gesellschaftlichen Diskurse dazu fehlen. Wie oben geschrieben, ein Artikel über die Stärke des Euro kann nicht dazu dienen, Kapitalismuskritik zu formulieren oder eine Debatte über die Grenzen der Kapitalakkumulation anzustoßen. Doch ihr Fehlen wird eben dort sehr deutlich. So kann es keine Verweis auf grundsätzliche Fragen geben, sondern muss bei der bloßen Analyse der Wertentwicklung einer Währung bleiben. Doch sind eben schon die Begriffe bzw. Dinge wie Währung, Wertentwicklung oder Konjunktur erklärungsbedürftig. Nicht in ihrem eigentlichen Wortsinn, sondern in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Gerade in den vergangenen Wochen wurde die Wendung "Es darf kein 'Weiter so' geben" überstrapaziert. Viele Menschen würden sagen, dies trifft auch auf die Wirtschaft zu. Nach der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise war dies zumindest Teil einer öffentlichen Debatte. Doch die ist schneller eingeschlafen als jede Diskussion über den Jemen oder den Südsudan. 

Vielmehr wurde deutlich, dass es keine andere Botschaft als "Weiter so!" geben wird, da die Alternativen fehlen und auch zu wenig diskutiert werden. So sollte es nicht wundern, dass viele Menschen der Politik die Steuerungsfähigkeit absprechen und Wirtschaft so sehen:


Quelle: Statista

Auch diese Statistik zeigt das Dilemma. Denn diejenigen, die keine gute Meinung haben, können mutmaßlich nicht ohne weiteres eine Alternative formulieren. 

So haben es Akteure leicht, die den Blick weg von der überkomplexen und hoch dynamischen Wirtschaft auf Themen lenken, die sich scheinbar leichter durchdringen, viel stärker emotionalisieren und damit am Ende leicht instrumentalisieren lassen.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Krieg der Welten 2018

Warum zum Jahresende ein Post einer ARTE-Dokumentation über das von Orson Welles inszenierte und von H.G. Wells geschriebene Hörspiel "Krieg der Welten", welches 1938 im Radio ausgestrahlt wurde?

Kurz gesagt: Weil die Reaktionen, die der Film sammelt und darstellt, uns auch noch heute Einiges zu sagen haben. Die adaptierte Geschichte mit dem Originaltitel "The War of the Worlds" beschreibt eine Invasion vom Mars im ländlichen New Jersey. Welles inszenierte sie als Radiohörspiel in Form einer fiktiven Reportage, welche der amerikanische Radiosender CBS am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 ausstrahlte. Dazu wurde der ursprüngliche Handlungsort von England nach Grover’s Mill verlegt und die Geschichte entsprechend angepasst. Berichte über eine Massenpanik sind defintiv übertrieben, dennoch glaubte ein Drittel der fast drei Millionen Zuhörer an einen Angriff von Außerirdischen. 
 

Das Ereignis wird im kommenden Jahr 80 Jahre alt - und dennoch zeigen sich Muster, die wir auch heute noch beobachten können.

Die damals neue Form und massenhafte Verbreitung des Mediums gestaltete die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad um. Geschwindigkeit, Reichweite, Themen - die ZuhörerInnen wurden mit fremden Ereignissen in ungewohnter Machart konfrontiert. Viele Menschen fühlten sich davon überfordert. Es kam zu Gegenreaktionen in Form totaler Ablehnung und vernichtender Kritik, aber auch zu Euphorie und der umfassenden Einbindung des Mediums in den eigenen Alltag. Gilt dies für das Radio, hat das Internet unsere Gesellschaft deutlich tiefgreifender verändert.

"Die Amerikaner waren auf Krise gepolt", denn keine zehn Jahre vorher hatte die Wirtschaftskrise Millionen von Existenzen vernichtet. Im Verlauf des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, aber auch danach, wurde das Radio zum Krisenmedium. Eine Unterbrechung des Programms, heute würde man Eilmeldung sagen, führte zu Sondersendungen, heute würde man Liveblog sagen, die Expertinnen und Experten, Augenzeugen und politische u.ä. Akteure zu Wort kommen ließen.

Auch heute ist der annährende Zusammenbruch unseres Finanzsystems erst zehn Jahre her. Die Eindrücke von dieser sind zwar kaum noch Thema in der Öffentlichkeit, aber auch sie hat, verbunden mit der Geschwindigkeit von Globalisierungselementen, dazu geführt, dass die Angst vor dem Abstieg stets greifbar ist. Der Aufstieg Chinas, die Endlichkeit von Rohstoffen, Kosten des Klimawandels und der Energiewende, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, steigende Mieten - die Liste ist lang und vielfältig.

Eigene Erwartungen und Wahrnehmungen als Einfallstor
 
Die Invasion wurde 1938 geglaubt, weil sie in die eigenen Erwartungen und Wahrnehmungen der Welt passte. Auch heute geht es oftmals weniger um den Wahrheitsgehalt, sondern um das Abgleichen mit dem eigenen Realitätsrahmen.

Hinzu kommt, dass die mediale Auswahl und Aufbereitung (die auf dem Interesse des Pubilkums beruht) damasl wie heute negative Nachrichten bevorzugt. "Mord und Totschlag", Krieg und Leid, Staatsversagen und Elitenfehlverhalten verkaufen sich besser als gelungene Gesetzesvorhaben und Glücksseligkeit, auch wenn es eine Grenze gibt, welche die Aufmerksamkeitsspanne und das schwindende Interesse der Öffentlichkeit - je geringer die eigene (potentielle) Betroffenheit ist, desto uninteressanter für die Meisten - berücksichtigt. "Das Ganze war richtig spannend", stellte man schon vor 80 Jahren fest, und meinte damit das Gefühl wirklich dabei, stets auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch daran hat sich im Internetzeitalter wenig geändert.

"Und ständig war im Hintergrund dumpf die Kriegstrommel geschlagen worden" heißt es in der Doku, bei der Frage, warum das Hörspiel - welches zu Beginn eindeutig als ein solches angekündigt wurde und der Programmplatz eben einem solchen vorbehalten war - bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fiel. Es ist leicht, Parallelen ins Heute zu ziehen. Besonders dumpf sind die Trommeltöne dabei nicht, der Krieg gegen den Terrorismus wird heute sowohl an der Heimatfront als auch in entfernten Teilen der Welt geführt. Ein stetig wachsendes Gefühl der Unsicherheit, welches von der Politik mit verschärften Gesetzen und Freiheitseinschränkungen beantwortet wird, hat den Krieg zur Normalität werden lassen, auch wenn wir ihn nicht so nennen. Es sind Anti-Terror-Maßnahmen, es ist der eher undefinierte Kampf gegen DEN Extremismus oder die konkrete logistische Unterstützung für Verbündete. In der Summe bleibt bei vielen Menschen der Eindruck einer ungeordneten, gefährlichen und sich in Aufruhr befindlichen Welt zurück.

Zeit böser Vorahnungen
 
Auch die AmerikanerInnen damals, wollten eigentlich mit den Konflikten in Europa nichts zu tun haben, spürten aber, dass sie leicht hineingezogen werden könnten. Über diesen Punkt sind wir heute schon hinaus und dennoch gilt das Gleiche wie im Oktober Ende der 1940er-Jahre: "Es war eine Zeit nicht nur voller Ängste, sondern auch mit bösen Vorahnungen, was uns die Zukunft bringen mochte."

Der eindrücklichste Moment des Hörspiels ist, wenn der Reporter vor Ort verstummt und sich Stille im Äther breit macht. Eine Sekunde, zwei, drei - Welles zog die Pause unerbittlich in die Länge. Diese Pause würde auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen. Das hektische Klicken auf den Aktualisierungsbutton, die ausbleibenden Updates im Twitterstream - die Stille zerreißt uns auch heute. Denn mit ihr zerbricht auch die Illusion der Kontrolle, die der stetige Nachrichtenfluss aufbaut. Die Ereignisse verunsichern uns und bestätigen zugleich unsere Ängste. Sie legen angesichts ihrer Vielfalt und -zahl die Unmöglichkeit der Kontrolle nahe und vermitteln doch die Sicherheit, dass wenn sie nur gehört, gelesen, gesehen werden, sich in die gewohnten Strukturen einfügen lassen.

Ein aktueller ZEIT-Artikel von Nils Markwardt beschäftigt sich mit dem Ausmaß und der Wahrnehmung von "Krisen" in der Öffentlichkeit und deren gesellschaftlicher Funktion. Er schreibt: "Denn wenn im letzten Jahr, ach was, im letzten Jahrzehnt etwas konstant Konjunktur hatte, dann waren es eben: die Krisen. Dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in die Nachrichten oder der Gang in eine Buchhandlung: Ob Finanz-, Wirtschafts-, Euro-, Schulden-, Klima-, Flüchtlings- oder Staatskrise, ob Renten-, Bildungs- oder Wohnungskrise, ob die Krise des Westens, der Männlichkeit, des Glaubens, der Sexualität oder der Demokratie – Krisen sind nicht nur überall, sondern vor allem auch permanent."

Er arbeitet die Besonderheiten der aktuellen Krisenhaftigkeit bzw. die Wahrnehmung darüber überzeugend heraus. Doch so sehr sich die Mechanismen auch entwickelt und eine andere Gestalt angenommen haben, wichtige Aspekte kann man aus der Aufführung von "Krieg der Welten" weiter lernen. Zehn Schauspieler und ein 27-köpfiges Orchester reichten damals, um Tausende in (existenzielle) Angst und Schrecken zu versetzen. Heute bedarf es einer Pressekonferenz ("Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"), einer Gruppe von HackerInnen oder Trolle, die Falschmeldungen streuen ("Fall Lisa"). Beides löste keine Panik aus, doch einmal war es auch nur eine unglückliche Formulierung, das andere Mal der Versuch klandestin und subversiv den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen. Der Versuch der künstlich erzeugten Massenpanik steht hier (soweit bekannt) noch aus.

Anfälligkeit für Fake News kein neues Phänomen
 
Die Anfälligkeit für falsche Nachrichten oder extreme Interpretationen war also schon vor 80 Jahren festzustellen. Die naheliegende Annahme, dass mehr Informationen, eine größere Vielfalt von Informationsquellen oder eine besser mediale Bildung diese Anfälligkeit gesenkt haben, scheint nicht ohne weiteres zuzutreffen. Natürlich unterscheiden sich die heutigen Krisen schon aufgrund ihrer potentiellen Möglichwerdung. Wir lassen uns weniger von Invasion vom Mars erschrecken, stattdessen von der Flüchtlingswelle oder der Terror-Gefahr. Doch sind sie sich gleich, wenn es um den tatsächlichen Gefährdungsgrad geht. Welles sagte damals am Ende des Hörspiels:
Auf Wiederhören, und denken Sie an diese schreckliche Lektion: Der grinsende, glimmende runde Eindringling in ihrem Wohnzimmer ist ein Kürbis, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein Marsianer - es ist Halloween.
Heute könnte man schreiben:
Das wars für heute mit unserem Liveblog - vergessen Sie nie: Der grinsende, glimmende runde Eindringling auf ihren Bildschirmen ist ein Emoji, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein IS-Kämpfer, kein Russe und kein Flüchtling - es ist 2018.
Nach all den Fragen rund um die Aufmerksamkeitsökonomie, die Zweifel und Ängste einer Gesellschaft und von Fake News, bleibt die Hoffnung, dass trotz allem genug Zeit zum Nachdenken bleibt. Es scheint der einzige Schutz zu sein. Und es ist ja nicht so, dass sich dies nicht lohnen würde. Ein wenig mehr Ruhe, ein wenig mehr Objektivität, ein wenig mehr Raum zur Diskussion und die Dauerkrise könnte an Bedeutung verlieren. Markwardt dazu:  
Und es ist ja eben auch nicht so, dass es für aktuelle Krisen nicht genug Lösungsvorschläge gäbe. Wie eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft aussieht, wie Reichtum sozialer verteilt oder die Wirtschaft nachhaltiger organisiert werden kann, das alles wird seit Jahren und Jahrzehnten fortlaufend diskutiert. Würde man die Krisengeräusche für einen Moment herunterdimmen, könnte man sich diese Vorschläge sogar auch anhören.

Montag, 27. November 2017

System Milch: Von moderner Landwirtschaft und alten Mythen

Was hat Milch mit Kriegen, Konflikten, Flucht und Migration zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, im Supermarktregal wird der Eindruck erweckt, es handle sich um ein Produkt, welches nahrhaft, gesund, regional und nachhaltig erzeugt wird. Die Milch macht´s eben. Schaut man genauer hin zeigen sich Milliardengewinne, verflochtene Wirtschaftsstrukturen und mächtige Konzerne. Aber auch deutlich sichtbare Effekte für Mensch, Tier und Umwelt, die am Ende dazu führen können, dass in ohnehin krisen- oder kriegsgebeutelten Regionen der Erde Lebensgrundlagen angegriffen oder zerstört und damit Perspektiven vernichtet und Ursachen von Flucht und Migration gelegt werden.



Der ganz große Bogen also. Den schlägt Grimme Preisträger Andreas Pichler glaubhaft und relativ geschmeidig, (neben vielen anderen Aspekten, die er betrachtet) was eben auch am Ende daran liegt, dass ein Glas Milch und der Tod im Mittelmeer mehr miteinander zu tun haben, als man bisher geglaubt hat. Denn das Stichwort und die Triebfeder im "System Milch" ist der globale Handel. Milch ist Rohstoff und Handelsware und Rücksicht auf kleinbäuerliche Strukturen und Abhängigkeiten sind in diesem System nicht vorgesehen.