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Samstag, 27. Februar 2016

Krieg ohne Grenzen

"Es herrscht Krieg. In gigantischen Raumschiffen werden die Soldaten mit Lichtgeschwindigkeit von einem Gefecht zum anderen befördert. Doch während diese Gefechte für sie nur einige Monate dauern, vergehen auf der Erde Jahrhunderte, und bei ihrer Rückkehr in die Heimat stoßen sie auf eine völlig fremde Welt…"
Der Roman "Der ewige Krieg" von Joe Haldeman kombiniert gekonnt die Realität des Schlachtfelds, die durchdringende Propaganda und die schleichenden Veränderungen einer ganzen Gesellschaft während des Vietnam-Kriegs mit der Dystopie einer Welt im fortwährenden Kriegszustand und der Frage, wie sich die Entfremdung der Bevölkerung vom tatsächlichen Kriegsgeschehen auf den Umgang mit Konflikten auswirkt.

Das Buch zeigt sich zunächst im Gewand einer klassischen Science-Fiction Geschichte. Haldeman legt Wert auf technische Details und eine glaubhafte Umgebung. Doch schnell wird deutlich, dass die Details eng verknüpft sind mit seinen eigenen Erfahrungen und ein ganz konkreter Anspruch dahinter steckt:
"Er wollte einen Roman für Teenager schreiben, in dem er darstellte, wie es in Vietnam wirklich aussah - weil wir noch immer Teenager einzogen und sie nach Vietnam schickten, um dort zu töten und getötet zu werden."
Wie bei vielen Science-Fiction Büchern basiert der Roman auf Kurzgeschichten, die nach und nach in "Fachzeitschriften" erschienen, deren Leserinnen und Leser zu den Fans des Genres gehören. Doch nach und nach gibt das Buch sein eigentliches Anliegen preis: Die Schilderung der Absurdität des Krieges aus Sicht der einfachen Soldatinnen und Soldaten (die von der Öffentlichkeit zumindest erahnt werden könnte).

"Und da waren wir nun, hundert Männer und Frauen mit einem Intelligenzquotient über 130 und ausnehmend gesunden und kräftigen Körpern, die elitär durch den Dreck und Schneematsch von Missouri schlurften und darüber nachdachten, was uns unsere Kenntnisse im Brückenbau auf Welten nutzten, die bestenfalls über ein paar stehende Pfützen flüssigen Heliums verfügten."

Von Beginn an fallen postulierte Ziele und deren Umsetzung weit auseinander. Es dauert nicht lange, da ist der ursprüngliche Kriegsgrund in den Hintergrund gerückt und es dominieren Scharmützel und die Umsetzung der strategischen Ziele, ohne dass sich jemand die Mühe macht zu fragen, ob diese denn noch den aktuellen Gegebenheiten entsprechen. Es ist nicht schwierig, eine solche Analyse auch auf andere Kriegsschauplätze zu übertragen.

Pragmatismus und die Annäherung von verfeindeten Fraktionen demonstrieren - auch wenn diese zu begrüßen sind, um einen Konflikt zu beenden - immer wieder, dass sich nicht logisch erklären lässt, warum nun ein Waffenstillstand oder Friedensschluss möglich sein soll, Monate oder Jahre zuvor jedoch nicht. Gespräche mit Syriens Präsident Assad oder den Taliban sind dabei wahllos herausgegriffene Beispiele. Haldemans Buch schafft es darüber hinaus, einen pathosfreien Blick ins Innere der "kämpfenden Truppe" zu werfen: 

"Ich legte ihr die Hand aufs Knie, aber die Bewegung erzeugte ein klickendes Geräusch, Plastik auf Plastik, und ich zog hastig die Finger wieder zurück. [...] So war jeder von uns in seiner Plastikwelt gefangen."

Mit wechselnden Partnern bekämpfen die Männer und Frauen die Langeweile und das sichere Wissen um den eigenen Tod oder - falls man überlebt - die Rückkehr in eine Welt, die unbekannt, unerbittlich gegenüber den Erlebnissen der Veteranen und in ihrer Entwicklung weit fortgeschritten ist. Der Hauptprotagonist William Mandella und seine Kameradin Marygay Potter schaffen es, tiefere Gefühle füreinander zu entwickeln. Während beide immer weiter in der Hierarchie aufsteigen und Teil der Militärmaschinerie bleiben (müssen), träumen sie von einem Leben nach dem Krieg.

"Ich stolperte immer wieder über den '20. März 2307' am Ende des Organisationsplans. Ich diente also seit zehn Jahren in der Armee, auch wenn es nach subjektivem Empfinden weniger als zwei waren. Die Zeitdilatation, natürlich. Trotz der Kollapsar-Sprünge frisst das Reisen von Stern zu Stern den Kalender."

Die Ausführungen zum relativen Zeitverlauf lassen sich dabei immer wieder nicht nur als Beschreibung eines physikalischen Phänomens verstehen, sondern als Kommentar zum Fühlen und Denken von Menschen, deren Maßstab für Zeit und Raum im Alltag des Krieges verloren geht. 

Ein interessanter Punkt ist die Wahl Haldemans, den Krieg auf relativ wenige Personen zu beschränken. Aufwendig ausgebildete, technisch hochgerüstete Elite-Einheiten bestreiten den Konflikt, unterstützt von automatisierten Waffensystemen. Verluste werden dadurch minimiert, die Kosten des Krieges werden durch die Bevölkerung nicht in Menschenleben bezahlt. Auch hier lassen sich Parallelen ziehen, wie sich die Kriegsführung entwickelt hat oder nach dem Willen militärischer Planer entwickeln soll. Haldeman zieht den pessimistischen Schluss, den er schon im Titel zum Ausdruck bringt, dass eine solche Entwicklung potentiell nicht endend wollende Konflikte nach sich zieht, Kriege unbegrenzt von Zeit und Raum. 

Die Verhältnisse auf der Erde macht Haldeman ebenfalls immer wieder zum Thema, wechseln sich Dystopie und Utopie ab und mal treibt der Krieg dort die Entwicklung  an, mal zerstört er alle Errungenschaften. Unkontrollierbar, von den meisten nie gewollt, doch allgegenwärtig.

Für William Mandella kann der Krieg nicht ohne weiteres als Zivilist enden. Zwangsverpflichtet wird er erneut befördert und er und Potter wissen, dass durch die Zeitsprünge ein Wiedersehen unmöglich scheint:

"Zweimal setzte ich zum Sprung in die Tiefe an. Dass ich den Plan aufgab, hatte nichts mit der Angst vor Schmerzen oder dem Verlust des Lebens zu tun. Der Schmerz wäre nicht mehr als ein heller Funke gewesen, und der Verlust hätte letzten Endes nur die Armee betroffen. Aber es wäre ihr endgültiger Triumph über mich gewesen - mir nun auch den Tod aufzuzwingen, nachdem sie mein Leben so lange beherrscht hatte. Diesen Sieg wollte ich ihr nicht gönnen. So viel war ich dem Feind schuldig"

Im vierten und letzten Teil des Buches bewegt sich Mandella in einem Zeitraum von mehr als 600 Erdenjahren zwischen den Welten, seiner eigenen Wahrnehmung beraubt: "Natürlich konnte man nicht ausschließen, dass wir irgendwann in den sieben Jahrhunderten einen entscheidenden Vorteil errungen hatten. Vielleicht befinden wir uns auf dem Weg zum Sieg." Fragen von Gut und Böse, Krieg und Frieden und von Sieg oder Niederlage entpuppen sich zum Schluss als obsolet, die Antworten entziehen sich seiner Erfahrungswelt. 

Die Sprache ist schnörkellos, doch die Geschichte bleibt an jedem Punkt so spannend, dass man das Schicksal Mandellas bis zum Ende verfolgen will. Die technischen Beschreibungen bleiben dabei so zurückhaltend, dass sie den eigentliche Inhalt nicht überlagern und Krieg in all seinen Facetten hervortreten lassen. Ein Krieg, der von den meisten ignoriert und weit weg gehalten werden kann, für die er nur Wirtschaftsfaktor, Ärgernis am Küchentisch oder Hintergrundrauschen bleibt. Doch muss es eben welche geben, die in seinem schmutzigen Inneren sitzen.

"Verzweifelter Lebensgenuss [...] Wir waren erstaunlich robuste Opfer einer unheilbaren Krankheit und gaben uns alle Mühe die Freuden eines ganzen Lebens in ein halbes Jahr zu stopfen."

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Ein Buch als einzige Erinnerung

Zehntausende Bücher geflohener und deportierter Juden finden sich in Beständen öffentlicher Bibliotheken. Erst in der jüngeren Vergangenheit wurde versucht, diese mit wissenschaftlichen Mitteln aufzuspüren. Solche Bemühungen waren in vielen Fällen erfolgreich, doch die Mehrzahl der ehemaligen Besitzer oder deren Nachkommen werden die geraubten Erinnerungsstücke trotzdem nie wiedersehen.


Mehr als 100.000 überprüfte Werke, etwa 10.000 verdächtige Exemplare - das ist die Bilanz einer bisher mehrjährigen Suche nach geraubten Büchern und Zeitschriften während der NS-Zeit. Dieses NS-Raubgut, wissenschaftlich als "NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut" bezeichnet, umfasst nicht nur Objekte, "die gewaltsam durch die Exekutivorgane des Dritten Reiches entwendet oder durch diskriminierende Gesetze enteignet wurden", sondern auch solche, die im Zuge einer Flucht vor dem Regime zu Schleuderpreisen verkauft werden mussten.

 Foto: Alexander Kitterer

Der Erfolg, die geraubten Werke ihren rechtmäßigen Besitzern bzw. deren Nachkommen zurückzugeben, variiert stark. Dies hängt zum einen von der Art und Weise der Enteignung ab. So kaufte zum Beispiel 1943 die Berliner Stadtbibliothek Bücher von der Städtischen Pfandleihanstalt, von denen 1.920 Exemplare in ein gesondertes Zugangsbuch "J" eingetragen wurden. Diese stammen ausschließlich aus dem Privatbesitz deportierter und ermordeter Berliner Juden und konnten so schnell klassifiziert werden. Bei vielen anderen Werken hilft nur eine genaue und sorgfältige Überprüfung von Widmungen, Anmerkungen oder Stempel weiter.

Die Identifizierung ist dabei jedoch nur der erste Schritt, die Suche oftmals ein langer Weg. So findet sich zum Beispiel im Bestand des Centrum Judaicums ein "Tagebuch u. Mappe für Lichtbilder" einer gewissen Ilse Hanna Hartbrodt. Ihre Personalien können genauso wie ihre Familie recherchiert werden, doch nach und nach verlieren sich die Spuren, ein öffentlicher Aufruf bleibt unbeantwortet.

Manche Exemplare sind Ausgaben zeitgenössischer Literatur, andere sind Bücher, die den fachlichen Hintergrund ihrer Besitzer widerspiegeln, weitere sind persönliche Aufzeichnungen. Um die Berliner Bibliotheken nach dem Krieg wieder aufzubauen, nutzte man damals alle verfügbaren Quellen. Dabei handelte es sich um Buchbestände aus zerstörten Häusern, von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, Behörden und aufgelösten Parteieinrichtungen. Diese beinhalteten oftmals geraubte Werke. Allein die Berliner Stadtbibliothek verzeichnete zwischen 1945 und 1950 mehr als 20.000 "geschenkte Bücher". Überwiegend handelt es sich dabei um Werke aus dem Besitz von Deportierten. 

 Foto: Alexander Kitterer

Die meisten der geraubten Bücher scheinen wertlos im Gegensatz zu teuer gehandelten Kunstwerken, Schmuck oder sonstigen Wertgegenständen. Doch für die Beraubten und vor allem deren Familien sind sie unschätzbare Erinnerungsstücke. Oft die einzigen, die übrig blieben. Nach der Deportation blieben sie zunächst zurück, wurden dann jedoch zusammen mit dem übrigen Hausrat beschlagnahmt und verwertet. Deutsche Bibliotheken profitierten unmittelbar von der systematischen Plünderung und nahmen die geraubten Stücke in ihre Bestände auf. Allein in der Berliner Landes- und Zentralbibliothek müssen mehr als 200.000 Bücher überprüft werden. 

Die Wanderausstellung "geraubt und genutzt. Bücher von verfolgten und ermordeten Juden in Berliner Bibliotheken" zeigt ausgewählte Geschichten der erfolgreichen Rückgabe, aber auch der erfolglosen Suche und beleuchtet damit ein recht unbekanntes, bzw. lange ignoriertes Kapitel der Judenverfolgung im Dritten Reich.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Die Geister des Ersten Weltkriegs

"Glaubst Du an Geister?" - "Nein." 

In dem dunklen Ausstellungsraum kommt das gar nicht so leicht über die Lippen. Zwischen Glaskästen mit halb geöffneten Türen dringen Stimmen aus Lautsprechern, flackern unscharfe Bilder an der Wand. Die Stimmen erzählen von Heimat und Familie, sie singen Lieder in einer fremden Sprache, im Hintergrund hört man oft ein leises Murmeln.


Das Tieranatomische Theater ist das älteste erhaltene akademische Lehrgebäude Berlins und wurde 1789/1790 erbaut. Seit Oktober 2012 wird es nach der Sanierung als Ausstellungs- und Veranstaltungsort genutzt. Photocredits: Alexander Kitterer

Die Ausstellung, besser die Installation - sie füllt nur einen Raum im Erdgeschoss des Tieranatomischen Theaters der Humboldt-Universität auf dem Campus Nord -  "The Making Of... Ghosts" basiert auf den Recherchen des Filmemachers Philip Scheffner zum Film „The Halfmoon Files“ und den Forschungen der Kulturwissenschaftlerin Britta Lange zu wissenschaftlichen Untersuchungen an Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg.

So trafen in einem Gefangenenlager nördlich von Berlin, genauer in Wünsdorf, während des Ersten Weltkriegs deutsche Forscher auf internierte Soldaten, die vor allem aus Indien und aus Nordafrika stammten. Darum wurde das Lager auch "Halbmondlager" genannt. 



Auch wenn die Ausstellung nur einen Raum füllt, in den atmosphärischen Mauern des Theaters entfalten sich die Geister der Vergangenheit auf besondere Art und Weise. Photocredits: Alexander Kitterer

Scheffner und Lange komponieren aus Tondokumenten, Bildern, Filmen und Texten, die sie in den Archiven fanden ein audiovisuelles Netz von Geschichten über die Verflechtungen von Kolonialismus, Krieg, Medien, Politik, Unterhaltungskultur und Wissenschaft. Die Aufnahmen stammen aus dem Lautarchiv der HU, dessen Grundstock aus 1.650 Grammophonaufnahmen aus dieser Zeit besteht.
 

Eigentlich sollten die gefangenen muslimischen Soldaten zum Aufstand gegen ihre Kolonialherren bewegt werden, die Erfolge dieser Versuche waren aber kaum der Rede wert. Doch die Wissenschaft beschäftigte sich eben intensiv mit diesen "exotischen" Kriegsgefangenen. So werden Sprach- und
Gesangsaufnahmen der Gefangenen von der "Königlich Preußische Phonographische Kommission" angefertigt. 1915 gegründet, vereint sie über 30 Wissenschaftler aus den Bereichen Anthropologie und Sprach-, sowie Musikwissenschaft. Ziel ist die systematische Aufnahme der verschiedenen Sprachen und der Musik von in deutschen Lagern befindlichen Kriegsgefangenen. 


Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg.
Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er möchte nach Indien zurückkehren. Wenn Gott gnädig ist, wird er bald Frieden machen. Dann wird dieser Mann von hier fortgehen.

 Mall Singh, aufgenommen am 11. Dezember 1916 in Wünsdorf


Restaurierter Vorlesungssaal des Tieranatomischen Theaters: Auch wenn die Installation sicher nicht stundenlang fesselt, so ist allein die Stimmung etwas Besonders. Auch auch das Gebäude an sich versetzt den oder die BetrachterIn zurück in die Zeit vor 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg begann. Photocredits: Alexander Kitterer 

Die Frage vom Anfang wird in einem Filmausschnitt bei der Begehung des ehemaligen Lagers gestellt. Gespenstisch stehen die verfallenen Baracken jedenfalls da, auch wenn die Sonne scheint. Es gibt sicherlich fakten- und umfangreichere Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg in diesem Jahr. Doch ein paar Punkte geben auf jeden Fall Stoff zum Nachdenken. Zum Beispiel die Tatsache, dass sicher in vielen Archiven noch wissenschaftliche Erzeugnisse aus Kriegszeiten liegen, mit denen der Umgang nicht leicht fällt. Oder die Dimension des Krieges, die daran deutlich wird, dass indische Männer in der brandenburgischen Provinz interniert wurden. 

Die Kulturwissenschaftlerin Nicole Wolf (Universität London) schreibt im Ausstellungsheft
Wenn also Archive ein Ort für Geister sind, könnte man ebenso annehmen, sie seien gefüllt mit einer Art Zeitlichkeit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kollabieren lässt. [...] Lassen wir uns darauf ein, werden wir selbst zu Geistern, schweifen umher, lassen uns ein auch auf das was nicht in seiner Gesamtheit verstanden werden will, könnten die verschiedensten Relationen zum Archiv belebt werden.
Die alten Mauern des Theaters jedenfalls bieten den passenden Rahmen dafür. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. August zu sehen.