Mittwoch, 8. Oktober 2014

Ein Buch als einzige Erinnerung

Zehntausende Bücher geflohener und deportierter Juden finden sich in Beständen öffentlicher Bibliotheken. Erst in der jüngeren Vergangenheit wurde versucht, diese mit wissenschaftlichen Mitteln aufzuspüren. Solche Bemühungen waren in vielen Fällen erfolgreich, doch die Mehrzahl der ehemaligen Besitzer oder deren Nachkommen werden die geraubten Erinnerungsstücke trotzdem nie wiedersehen.


Mehr als 100.000 überprüfte Werke, etwa 10.000 verdächtige Exemplare - das ist die Bilanz einer bisher mehrjährigen Suche nach geraubten Büchern und Zeitschriften während der NS-Zeit. Dieses NS-Raubgut, wissenschaftlich als "NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut" bezeichnet, umfasst nicht nur Objekte, "die gewaltsam durch die Exekutivorgane des Dritten Reiches entwendet oder durch diskriminierende Gesetze enteignet wurden", sondern auch solche, die im Zuge einer Flucht vor dem Regime zu Schleuderpreisen verkauft werden mussten.

 Foto: Alexander Kitterer

Der Erfolg, die geraubten Werke ihren rechtmäßigen Besitzern bzw. deren Nachkommen zurückzugeben, variiert stark. Dies hängt zum einen von der Art und Weise der Enteignung ab. So kaufte zum Beispiel 1943 die Berliner Stadtbibliothek Bücher von der Städtischen Pfandleihanstalt, von denen 1.920 Exemplare in ein gesondertes Zugangsbuch "J" eingetragen wurden. Diese stammen ausschließlich aus dem Privatbesitz deportierter und ermordeter Berliner Juden und konnten so schnell klassifiziert werden. Bei vielen anderen Werken hilft nur eine genaue und sorgfältige Überprüfung von Widmungen, Anmerkungen oder Stempel weiter.

Die Identifizierung ist dabei jedoch nur der erste Schritt, die Suche oftmals ein langer Weg. So findet sich zum Beispiel im Bestand des Centrum Judaicums ein "Tagebuch u. Mappe für Lichtbilder" einer gewissen Ilse Hanna Hartbrodt. Ihre Personalien können genauso wie ihre Familie recherchiert werden, doch nach und nach verlieren sich die Spuren, ein öffentlicher Aufruf bleibt unbeantwortet.

Manche Exemplare sind Ausgaben zeitgenössischer Literatur, andere sind Bücher, die den fachlichen Hintergrund ihrer Besitzer widerspiegeln, weitere sind persönliche Aufzeichnungen. Um die Berliner Bibliotheken nach dem Krieg wieder aufzubauen, nutzte man damals alle verfügbaren Quellen. Dabei handelte es sich um Buchbestände aus zerstörten Häusern, von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, Behörden und aufgelösten Parteieinrichtungen. Diese beinhalteten oftmals geraubte Werke. Allein die Berliner Stadtbibliothek verzeichnete zwischen 1945 und 1950 mehr als 20.000 "geschenkte Bücher". Überwiegend handelt es sich dabei um Werke aus dem Besitz von Deportierten. 

 Foto: Alexander Kitterer

Die meisten der geraubten Bücher scheinen wertlos im Gegensatz zu teuer gehandelten Kunstwerken, Schmuck oder sonstigen Wertgegenständen. Doch für die Beraubten und vor allem deren Familien sind sie unschätzbare Erinnerungsstücke. Oft die einzigen, die übrig blieben. Nach der Deportation blieben sie zunächst zurück, wurden dann jedoch zusammen mit dem übrigen Hausrat beschlagnahmt und verwertet. Deutsche Bibliotheken profitierten unmittelbar von der systematischen Plünderung und nahmen die geraubten Stücke in ihre Bestände auf. Allein in der Berliner Landes- und Zentralbibliothek müssen mehr als 200.000 Bücher überprüft werden. 

Die Wanderausstellung "geraubt und genutzt. Bücher von verfolgten und ermordeten Juden in Berliner Bibliotheken" zeigt ausgewählte Geschichten der erfolgreichen Rückgabe, aber auch der erfolglosen Suche und beleuchtet damit ein recht unbekanntes, bzw. lange ignoriertes Kapitel der Judenverfolgung im Dritten Reich.

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