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Mittwoch, 6. November 2019

When cities are bombed...



Donnerstag, 28. März 2019

Eine überschätzte Spezies

Dem Menschen ist die Meisterleistung gelungen, die höchsten Gipfel der Erde und die tiefsten Ozeane zu verschmutzen, die Organismen zu schädigen und die Umgebung seines Planeten zu vermüllen.

Jede Minute schenkt er 250 Kindern das Leben und produziert 4000 Tonnen Müll. Jeden Tag stellt er 240.000 Autos her und vernichtet 400 lebende Arten. Jedes Jahr überlässt er fast neun Millionen Kinder unter fünf Jahren dem Tod und zerstört 13 Millionen Hektar Wald. 

Der Mensch scheint den Glauben dem Wissen vorzuziehen. Das Haben dem Sein. Das Bild vom Glück dem Glück selbst. Er meint alles zu beherrschen und beherrscht nicht einmal sich selbst. 

Er hat als einzige Art die Fähigkeit entwickelt seine eigene Umwelt zu zerstören - ohne die Weisheit zu entwickeln dies nicht zu tun. Der Mensch, unreif und unmündig, ist zum Besten wie zum Schlimmsten fähig. Wird er das Alter der Vernunft erreichen, bevor er sein eigenes Haus niedergebrannt hat?



Die Reihe "Überschätzte Spezies" stellt in zehn kurzen Filmen das Selbstverständnis der Menschheit in Frage. Die Sichtweise "überlegene Art" zu sein, gerät genauso ins Wanken, wie das Vertrauen darauf, künftige Herausforderungen einfach wie bisher zu meistern.

Die Filme legen offen, dass von Außen betrachtet, der Mensch eigentlich sich selbst und seine Umwelt bekämpft. Der sog. Naturzustand, in dem sich ideengeschichtlich ständig alle gegenseitig bedrohten, ist einer Ordnung gewichen, in der die Illusion von Gerechtigkeit und einer Logik der Angemessenheit einen fragilen zivilisatorischen Rahmen bildet, der es ermöglicht über die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen und Ausbeutung anderer hinwegzusehen. 

Samstag, 19. Mai 2018

Flüchtlinge und #RoyalWedding: Wie wir uns die Welt verzerren (lassen)

Blickten im Jahr 2006 noch etwa 30 Prozent der Menschen in Deutschland negativ in ihre Zukunft, waren es 2017 nur noch etwa knapp 20 Prozent. Fast drei Viertel der Befragten gaben an optimistisch nach vorne zu schauen. Wie geht das zusammen mit der "allgemeinen" Wahrnehmung, dass Konflikte weit weg aber auch vor der eigenen Haustür das Geschehen bestimmen, Populisten an die Macht drängen und Roboter uns die Arbeit wegnehmen werden? Nun muss man den persönlichen Lebensbereich immer von der Wahrnehmung der Welt trennen. So wird zum Beispiel die Zukunft der EU von fast drei Viertel der Befragten negativ gesehen.

Zudem sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Sie geben aber einen Hinweis darauf, dass wenige laute Akteure den Diskurs bestimmen oder zumindest stark mitbestimmen. Ein Beispiel sind KommentatorInnen von Onlineforen: Lediglich fünf Prozent der Accounts waren im Januar für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren verantwortlich.

Doch auch die Medien selbst machen fröhlich beim dystopischen Agenda-Setting mit, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Ein willkürliches Beispiel aus der tagesschau-App (Freitag, 18. Mai 2018 abends) zeigt, wie sowohl überzeugte #dankemerkel-HaterInnen sich bestätigt fühlen dürfen, aber auch eher unbedarfte NachrichtenkonsumentInnen den Eindruck gewinnen, dass man selbst und die Welt einer düsteren Zukunft entgegenblicken. Indem nämlich ein (kompliziertes) Thema eine solche Diskurshoheit gewinnt, dass andere Nachrichten hinten runter fallen, oder - und das ist wohl die eigentliche Problematik - entsprechend mit eingeordnet werden:



Mit der Klage ist der AfD Aufmerksamkeit garantiert. Standardmäßig muss mittlerweile erklärt werden, welchen Gehalt das Ganze hat. Das ist zwar notwendig und wichtig, rein quantitativ verstärkt es aber die Bedeutung. Es folgen in dieser Reihenfolge:



Die Flüchtlingspolitik wird beim Durchswipen (ungewollt) verknüpft mit der mutmaßlichen Bedrohung durch islamistische Gewalttäter und mit der BAMF-Meldung wird nochmal daran erinnert, dass sich einige Menschen womöglich nicht legal hier aufhalten. Man gewinnt den Eindruck, dass kein Thema wichtiger und drängender ist als die Frage der Einwanderungspolitik, wenn es die Hälfte des vorhandenen Raums einnimmt.


Und damit ist die Aufmerksamkeit für die "harten" Nachrichten auch vorbei. Vielleicht noch etwas zum Porsche-Rückruf oder der Krankenhausentlassung von Skripal, aber dann doch lieber der Schwenk zur royalen Hochzeit. Und am Ende zeigen nur die regionalen Nachrichten, was eine große Zahl von Menschen eigentlich beschäftigt und welche Sorgen wirklich deren Alltag bestimmen:


Solche Abfolgen von Nachrichten können negative Einstellungen der RezipientInnen verstärken und einen verzerrten Eindruck der Realität erzeugen. Denn die Sensibilität der Menschen sollte man dabei nicht unterschätzen. Fast 30 Prozent der Befragten gaben in einer Studie an, dass sie Nachrichten meiden, unter anderem weil sie eine negative Stimmung erzeugen.

Dieses Dilemma der Medien lässt sich nicht auflösen. Doch in einer Art Schweigespirale vor allem den Nachrichten Raum einzuräumen, die nach Auffassung einer Minderheit die größte Relevanz besitzen, verstärken Ressentiments und erschweren einen inhaltlichen Diskurs. Mehr Beiträge über den Konflikt im Jemen, die Bilanz zehn Jahre nach der Wirtschafts- und Finanzkrise oder die Perversionen des Immobilienmarktes hellen zwar nicht die Stimmung auf, rücken aber so manches gerade. Und ermöglichen es unter Umständen Themen in den politischen Diskurs einzuspeisen, die aktuell wegen der überschätzten Bedeutung anderer Politikfelder völlig unter den Tisch fallen.

Der 90-Minuten-Krieg: Wenn der Videoassistent den Nahostkonflikt entscheidet

Das kleine Fernsehspiel zeigte schon 2016 das erste Mal die Komödie "Der 90-Minuten-Krieg". Angesichts des Umzugs der US-Botschaft nach Jerusalem und des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israel bot sich eine Wiederholung aus Sicht der Programmverantwortlichen wohl an, Die Geschichte des Films ist schnell erzählt. Israelis und Palästinenser sind nach jahrzehntelangen Kämpfen und ständigen Verhandlungen müde, immer wieder ergebnislos auseinanderzugehen. Da kommen die "Erzfeinde" auf eine unkonventionelle Idee: Ein Fußballspiel soll den Nahostkonflikt endgültig beenden. Der Einsatz ist hoch: Wer verliert, muss das gelobte Wüstenland verlassen. Der Sieger bekommt alles, von Jaffa bis Jerusalem, von Galiläa bis Eilat. Kein Streit mehr, keine Kriege, endlich Ruhe.



Klingt nach bösem Klamauk und Fettnäpfchen am laufenden Band. Doch nach 80 Minuten hat man das Gefühl, man hätte tiefer in den Nahostkonflikt geblickt, als bei so mancher Dokumentation oder manchem Nachrichtenbeitrag. Positiv fällt sofort auf, dass mal Englisch, mal Hebräisch, mal Arabisch, mal Deutsch und oftmals alles durcheinander gesprochen wird. Jeweils mit Untertiteln, so dass beispielsweise die Selbstverständlichkeit in der sich die eigentlich feindlich gesinnten Seiten verständigen können, erhalten bleibt. Zudem merkt man sofort, dass der Regiesseur Eyal Halfon an Authentizität interessiert ist. Die Darstellung beider Seiten strotzt nicht vor Stereotypen, wie man es bei einem Film zu diesem Thema und einer Komödie vermuten könnte.

Nun ließe sich ausführlich darüber streiten, ob und wie die Asymmetrie des Konflikts eingefangen wird. Inwiefern die Darstellung der totalen Überlegenheit der israelischen Armee den Blick auf Angriffe der palästinensischen Seite verstellt. So ist an einer Stelle im Film von "Blechraketen" die Rede, das Tunnelsystem als zivile Lebensader des Gaza-Streifens dargestellt. Doch das grundsätzliche (Un-)Gleichgewicht aus der sich die unterschiedlichen Strategien der Akteure speisen, wird glaubhaft eingefangen. Immer wieder schimmern Ursachen für den Konflikt bzw. für dessen Beständigkeit durch. Und genau wie das Ende des Films, kommt in den meisten Szenen zum Ausdruck, dass beide Seiten gemeinsam in dem Konflikt gefangen sind. So sehr, dass manche wohl die Entscheidung eines Videoassistenten der Aussicht auf weitere Jahrzehnte des Konflikts vorziehen würden.

Leider zeigt das ZDF den (selbst mit produzierten) Film nur noch bis zum 21.05. in der Mediathek.

Dienstag, 6. März 2018

Big Data und Demokratie: Recht auf ein analoges Leben?

Eric Schmidt von Google hat eine klare Meinung: "Jeder darf von jedem alles wissen." Wer mit diesem Wissen Geld verdient, kann natürlich kaum zu einem anderen Schluss kommen. Für alle anderen stellt sich die Frage, inwiefern die massenhafte Erfassung, Verarbeitung und analytische Nutzung von Daten im eigenen Interesse ist und welche Auswirkungen das für eine Demokratie nach sich ziehen kann. Fukami, Mitglied im Chaos Computer Club (CCC e.V.), kommt zu einem eindeutigen Urteil:
Schreitet diese Tendenz so voran, muss man sich über eines im Klaren sein: Menschen, die die Kontrolle über die eigene Zukunft nicht verlieren möchten, werden nicht umhin kommen, sich bereits früh in ihrem Leben angepasst und möglichst unauffällig zu verhalten. Für eine Demokratie, die von der Offenheit und der Möglichkeit zur freien Entscheidung und Entfaltung lebt, ist ein Konflikt entstanden, dem Bürger, aber genauso der Gesetzgeber mittlerweile ziemlich hilflos gegenüber zu stehen scheinen. Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie jedenfalls als eine der beiden folgenden Gruppen in die Geschichtsbücher eingehen: Entweder als die erste Generation, die die Kontrolle verloren hat. Oder Ihr Leben wird als museale Attraktion betrachtet, die zeigt, wie leichtsinnig damals mit personenbezogenen Daten umgegangen wurde.
Im Rahmen der Bonner Gespräche 2018 wurde das Thema mit Hinblick auf die Möglichkeiten der politischen Bildung Einfluss zu nehmen diskutiert. Denn nur wer überhaupt über das entsprechende Wissen verfügt und das Geschäftsgebaren großer Unternehmen und Interessen staatlicher Stellen Bescheid weiß, kann die aktuellen Entwicklungen zu Big Data einordnen. Im Folgenden ein paar Eindrücke der Fachtagung:
















Gemeinsam ist allen Vorträgen, dass sie keinesfalls die technologische Entwicklung an sich kritisieren, sondern eine aktive Mitgestaltung der Gesellschaft fordern. Diese Forderungen gehen dabei über das simple "Die Politik ist in der Pflicht" hinaus, da Regulierung immer (oder meistens) erst im Nachhinein erfolgen kann. Genauso wenig sollen Politik und Verwaltung aber aus der Pflicht entlassen und alles auf die individuelle Ebene verlagert werden. Denn ähnlich wie beim Konsum, geraten hier die eigenen Handlungen schnell in Konflikt mit der Marktmacht von Unternehmen, mangelnden Alternativen und ganz schlicht, der eigenen Faulheit datensparsam zu leben. Denn bei dieser Frage wirken Plastikfasten, also die Vermeidung von Plastikmüll, oder der Verzicht auf Lebensmittel, die weit entfernt vom eigenen Wohnort produziert werden, wie ein Spaziergang.

Hinweis: Sobald die Videos der Veranstaltungsdoku online sind, wird hier der Link veröffentlicht.

Dienstag, 6. Februar 2018

Dystopie im Handtaschenformat

Lust auf eine kleine Dystopie im Handtaschenformat?

Der Titel der nach stehenden ARTE-Doku ist nicht besonders spektakulär und auch die Beispiele sind vordergründig vor allem auf die neuesten Entwicklungen im Bereich der Satellitentechnik bzw. der Daten, die durch sie erhoben werden, gerichtet.

 

ABER, egal, ob ForscherInnen sichere Routen für Schiffe durch die Antarktis entwickeln, Flüchtlingslager analyieren, Grundwasservorkommen untersuchen oder Megastädte genauer unter die Lupe nehmen - bei all diesen Beispielen zeigt sich, wie gedankenlos die Menscheit im Ganzen agiert und wie sehr wirtschaftliche Interessen die Deutungshoheit erlangt haben. Ressourcen schrumpfen innerhalb weniger Jahre, ohne dass sich dies rückgängig machen ließe. Die Doku wirft einen Blick auf zahlreiche krasse Beispiele, wie wir mit unserer Umwelt umgehen.

Bei der Frage der Gewinnung und Analyse von Daten ließe sich zudem die technisch-wissenschaftliche Community leicht mit Google, Facebook und Co oder staatlichen Institutionen ersetzen. Mit diesem gedanklichen Kniff zeigt sich auf erschreckende Art und Weise, welches Überwachungszeitalter uns bevor steht. Oder wir schon mitten drin sind. Denn je nachdem stehen vor allem Datenübertragungsraten und das in bestimmten Fällen noch nicht ausgereifte maschinelle Lernen einer umfassenden und tiefgreifenden Überwachung im Wege. Mehr nicht.

Die Reportage nimmt auf diese negativen Entwicklungen auch zum Teil Bezug, versteht sich aber in erster Linie als Update in Sachen Erdvermessung und Big Data. Manche Folgerungen, wie dass der Schutz der Antarktis am besten gelingt, wenn Schiffe möglichst sicher durch das (schmelzende) Eis geleitet werden, wirkt naiv. Aber auch hilflos und realistisch. Denn der Schutz wäre natürlich am besten gewährleistet, wenn die Durchfahrt verboten würde. Doch solche Interessen gegen reines Gewinnstreben durchzusetzen, ist aktuell reine Utopie.

Grundlegendes zu Big Data gibt es z.B. hier.

Sonntag, 14. Januar 2018

Fail: Massenschlägerei in Sachsen im GIF

Schadenfreude ist die schönste Freude - ganz passt der Satz bei folgender Meldung nicht, schließlich wurden Menschen verletzt. Und auch die Sachlage ist noch etwas diffus. Aber in der ersten Darstellung der Polizei liest sich das ungefähr so. Ergebnis: "Bei der Schlägerei am Freitag wurden laut Polizei zwei Männer durch Messerstiche am Oberschenkel verletzt, ein weiterer durch einen Elektroschocker. Bei den dreien handelt es sich demnach um Deutsche. Drei Ausländer seien außerdem leicht verletzt worden."

Auslöser

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Noch unklar. Vielleicht auch der.

Beginn

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Etwa so. 

Weiterer Verlauf

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"Als sich die Gruppe der Ausländer in ihre Unterkunft zurückzog, seien ihr mehrere Einheimische gefolgt, hieß es weiter. Daraufhin sei die Auseinandersetzung eskaliert."

Ergebnis

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Mutmaßlich so. Sinnbildlich auch so.

Call of Duty-Trump

Er hat es wieder getan, so wie fast täglich oder zumindest wöchentlich. Die Flugzeuge, die US-Präsident Donald Trump im folgenden Video anpreist, existieren in der Realität nicht:



Oder wie Stephen Colbert es ausdrückte: "Of course Twitter isn´t Trump´s only tool for spreading confusion."



Wahrscheinlich war es wohl ein Versprecher, es ging um insgesamt 52 F-35 Flugzeuge. Bezeichnend ist jedoch, dass Trump am Ende wohl lieber die Entwicklung und den Bau von F-52 Kampfjets in Auftrag geben würde, als einen Fehler zuzugeben. Denn das Weiße Haus nahm "keine Stellung", anstatt den kleinen Versprecher zu korrigieren.

Und falls er doch mal eine F-52 ausprobieren will:


Sonntag, 31. Dezember 2017

Krieg der Welten 2018

Warum zum Jahresende ein Post einer ARTE-Dokumentation über das von Orson Welles inszenierte und von H.G. Wells geschriebene Hörspiel "Krieg der Welten", welches 1938 im Radio ausgestrahlt wurde?

Kurz gesagt: Weil die Reaktionen, die der Film sammelt und darstellt, uns auch noch heute Einiges zu sagen haben. Die adaptierte Geschichte mit dem Originaltitel "The War of the Worlds" beschreibt eine Invasion vom Mars im ländlichen New Jersey. Welles inszenierte sie als Radiohörspiel in Form einer fiktiven Reportage, welche der amerikanische Radiosender CBS am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 ausstrahlte. Dazu wurde der ursprüngliche Handlungsort von England nach Grover’s Mill verlegt und die Geschichte entsprechend angepasst. Berichte über eine Massenpanik sind defintiv übertrieben, dennoch glaubte ein Drittel der fast drei Millionen Zuhörer an einen Angriff von Außerirdischen. 
 

Das Ereignis wird im kommenden Jahr 80 Jahre alt - und dennoch zeigen sich Muster, die wir auch heute noch beobachten können.

Die damals neue Form und massenhafte Verbreitung des Mediums gestaltete die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad um. Geschwindigkeit, Reichweite, Themen - die ZuhörerInnen wurden mit fremden Ereignissen in ungewohnter Machart konfrontiert. Viele Menschen fühlten sich davon überfordert. Es kam zu Gegenreaktionen in Form totaler Ablehnung und vernichtender Kritik, aber auch zu Euphorie und der umfassenden Einbindung des Mediums in den eigenen Alltag. Gilt dies für das Radio, hat das Internet unsere Gesellschaft deutlich tiefgreifender verändert.

"Die Amerikaner waren auf Krise gepolt", denn keine zehn Jahre vorher hatte die Wirtschaftskrise Millionen von Existenzen vernichtet. Im Verlauf des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, aber auch danach, wurde das Radio zum Krisenmedium. Eine Unterbrechung des Programms, heute würde man Eilmeldung sagen, führte zu Sondersendungen, heute würde man Liveblog sagen, die Expertinnen und Experten, Augenzeugen und politische u.ä. Akteure zu Wort kommen ließen.

Auch heute ist der annährende Zusammenbruch unseres Finanzsystems erst zehn Jahre her. Die Eindrücke von dieser sind zwar kaum noch Thema in der Öffentlichkeit, aber auch sie hat, verbunden mit der Geschwindigkeit von Globalisierungselementen, dazu geführt, dass die Angst vor dem Abstieg stets greifbar ist. Der Aufstieg Chinas, die Endlichkeit von Rohstoffen, Kosten des Klimawandels und der Energiewende, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, steigende Mieten - die Liste ist lang und vielfältig.

Eigene Erwartungen und Wahrnehmungen als Einfallstor
 
Die Invasion wurde 1938 geglaubt, weil sie in die eigenen Erwartungen und Wahrnehmungen der Welt passte. Auch heute geht es oftmals weniger um den Wahrheitsgehalt, sondern um das Abgleichen mit dem eigenen Realitätsrahmen.

Hinzu kommt, dass die mediale Auswahl und Aufbereitung (die auf dem Interesse des Pubilkums beruht) damasl wie heute negative Nachrichten bevorzugt. "Mord und Totschlag", Krieg und Leid, Staatsversagen und Elitenfehlverhalten verkaufen sich besser als gelungene Gesetzesvorhaben und Glücksseligkeit, auch wenn es eine Grenze gibt, welche die Aufmerksamkeitsspanne und das schwindende Interesse der Öffentlichkeit - je geringer die eigene (potentielle) Betroffenheit ist, desto uninteressanter für die Meisten - berücksichtigt. "Das Ganze war richtig spannend", stellte man schon vor 80 Jahren fest, und meinte damit das Gefühl wirklich dabei, stets auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch daran hat sich im Internetzeitalter wenig geändert.

"Und ständig war im Hintergrund dumpf die Kriegstrommel geschlagen worden" heißt es in der Doku, bei der Frage, warum das Hörspiel - welches zu Beginn eindeutig als ein solches angekündigt wurde und der Programmplatz eben einem solchen vorbehalten war - bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fiel. Es ist leicht, Parallelen ins Heute zu ziehen. Besonders dumpf sind die Trommeltöne dabei nicht, der Krieg gegen den Terrorismus wird heute sowohl an der Heimatfront als auch in entfernten Teilen der Welt geführt. Ein stetig wachsendes Gefühl der Unsicherheit, welches von der Politik mit verschärften Gesetzen und Freiheitseinschränkungen beantwortet wird, hat den Krieg zur Normalität werden lassen, auch wenn wir ihn nicht so nennen. Es sind Anti-Terror-Maßnahmen, es ist der eher undefinierte Kampf gegen DEN Extremismus oder die konkrete logistische Unterstützung für Verbündete. In der Summe bleibt bei vielen Menschen der Eindruck einer ungeordneten, gefährlichen und sich in Aufruhr befindlichen Welt zurück.

Zeit böser Vorahnungen
 
Auch die AmerikanerInnen damals, wollten eigentlich mit den Konflikten in Europa nichts zu tun haben, spürten aber, dass sie leicht hineingezogen werden könnten. Über diesen Punkt sind wir heute schon hinaus und dennoch gilt das Gleiche wie im Oktober Ende der 1940er-Jahre: "Es war eine Zeit nicht nur voller Ängste, sondern auch mit bösen Vorahnungen, was uns die Zukunft bringen mochte."

Der eindrücklichste Moment des Hörspiels ist, wenn der Reporter vor Ort verstummt und sich Stille im Äther breit macht. Eine Sekunde, zwei, drei - Welles zog die Pause unerbittlich in die Länge. Diese Pause würde auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen. Das hektische Klicken auf den Aktualisierungsbutton, die ausbleibenden Updates im Twitterstream - die Stille zerreißt uns auch heute. Denn mit ihr zerbricht auch die Illusion der Kontrolle, die der stetige Nachrichtenfluss aufbaut. Die Ereignisse verunsichern uns und bestätigen zugleich unsere Ängste. Sie legen angesichts ihrer Vielfalt und -zahl die Unmöglichkeit der Kontrolle nahe und vermitteln doch die Sicherheit, dass wenn sie nur gehört, gelesen, gesehen werden, sich in die gewohnten Strukturen einfügen lassen.

Ein aktueller ZEIT-Artikel von Nils Markwardt beschäftigt sich mit dem Ausmaß und der Wahrnehmung von "Krisen" in der Öffentlichkeit und deren gesellschaftlicher Funktion. Er schreibt: "Denn wenn im letzten Jahr, ach was, im letzten Jahrzehnt etwas konstant Konjunktur hatte, dann waren es eben: die Krisen. Dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in die Nachrichten oder der Gang in eine Buchhandlung: Ob Finanz-, Wirtschafts-, Euro-, Schulden-, Klima-, Flüchtlings- oder Staatskrise, ob Renten-, Bildungs- oder Wohnungskrise, ob die Krise des Westens, der Männlichkeit, des Glaubens, der Sexualität oder der Demokratie – Krisen sind nicht nur überall, sondern vor allem auch permanent."

Er arbeitet die Besonderheiten der aktuellen Krisenhaftigkeit bzw. die Wahrnehmung darüber überzeugend heraus. Doch so sehr sich die Mechanismen auch entwickelt und eine andere Gestalt angenommen haben, wichtige Aspekte kann man aus der Aufführung von "Krieg der Welten" weiter lernen. Zehn Schauspieler und ein 27-köpfiges Orchester reichten damals, um Tausende in (existenzielle) Angst und Schrecken zu versetzen. Heute bedarf es einer Pressekonferenz ("Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"), einer Gruppe von HackerInnen oder Trolle, die Falschmeldungen streuen ("Fall Lisa"). Beides löste keine Panik aus, doch einmal war es auch nur eine unglückliche Formulierung, das andere Mal der Versuch klandestin und subversiv den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen. Der Versuch der künstlich erzeugten Massenpanik steht hier (soweit bekannt) noch aus.

Anfälligkeit für Fake News kein neues Phänomen
 
Die Anfälligkeit für falsche Nachrichten oder extreme Interpretationen war also schon vor 80 Jahren festzustellen. Die naheliegende Annahme, dass mehr Informationen, eine größere Vielfalt von Informationsquellen oder eine besser mediale Bildung diese Anfälligkeit gesenkt haben, scheint nicht ohne weiteres zuzutreffen. Natürlich unterscheiden sich die heutigen Krisen schon aufgrund ihrer potentiellen Möglichwerdung. Wir lassen uns weniger von Invasion vom Mars erschrecken, stattdessen von der Flüchtlingswelle oder der Terror-Gefahr. Doch sind sie sich gleich, wenn es um den tatsächlichen Gefährdungsgrad geht. Welles sagte damals am Ende des Hörspiels:
Auf Wiederhören, und denken Sie an diese schreckliche Lektion: Der grinsende, glimmende runde Eindringling in ihrem Wohnzimmer ist ein Kürbis, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein Marsianer - es ist Halloween.
Heute könnte man schreiben:
Das wars für heute mit unserem Liveblog - vergessen Sie nie: Der grinsende, glimmende runde Eindringling auf ihren Bildschirmen ist ein Emoji, und wenn es klingelt und niemand ist da, war das kein IS-Kämpfer, kein Russe und kein Flüchtling - es ist 2018.
Nach all den Fragen rund um die Aufmerksamkeitsökonomie, die Zweifel und Ängste einer Gesellschaft und von Fake News, bleibt die Hoffnung, dass trotz allem genug Zeit zum Nachdenken bleibt. Es scheint der einzige Schutz zu sein. Und es ist ja nicht so, dass sich dies nicht lohnen würde. Ein wenig mehr Ruhe, ein wenig mehr Objektivität, ein wenig mehr Raum zur Diskussion und die Dauerkrise könnte an Bedeutung verlieren. Markwardt dazu:  
Und es ist ja eben auch nicht so, dass es für aktuelle Krisen nicht genug Lösungsvorschläge gäbe. Wie eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft aussieht, wie Reichtum sozialer verteilt oder die Wirtschaft nachhaltiger organisiert werden kann, das alles wird seit Jahren und Jahrzehnten fortlaufend diskutiert. Würde man die Krisengeräusche für einen Moment herunterdimmen, könnte man sich diese Vorschläge sogar auch anhören.

Montag, 27. November 2017

System Milch: Von moderner Landwirtschaft und alten Mythen

Was hat Milch mit Kriegen, Konflikten, Flucht und Migration zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, im Supermarktregal wird der Eindruck erweckt, es handle sich um ein Produkt, welches nahrhaft, gesund, regional und nachhaltig erzeugt wird. Die Milch macht´s eben. Schaut man genauer hin zeigen sich Milliardengewinne, verflochtene Wirtschaftsstrukturen und mächtige Konzerne. Aber auch deutlich sichtbare Effekte für Mensch, Tier und Umwelt, die am Ende dazu führen können, dass in ohnehin krisen- oder kriegsgebeutelten Regionen der Erde Lebensgrundlagen angegriffen oder zerstört und damit Perspektiven vernichtet und Ursachen von Flucht und Migration gelegt werden.



Der ganz große Bogen also. Den schlägt Grimme Preisträger Andreas Pichler glaubhaft und relativ geschmeidig, (neben vielen anderen Aspekten, die er betrachtet) was eben auch am Ende daran liegt, dass ein Glas Milch und der Tod im Mittelmeer mehr miteinander zu tun haben, als man bisher geglaubt hat. Denn das Stichwort und die Triebfeder im "System Milch" ist der globale Handel. Milch ist Rohstoff und Handelsware und Rücksicht auf kleinbäuerliche Strukturen und Abhängigkeiten sind in diesem System nicht vorgesehen.








Donnerstag, 23. November 2017

Stelen in Höckes Garten: Der Tag danach

Kleine Linksammlung zur aktuellen Aktion des Zentrum für Politische Schönheit.



Überraschend und ein wenig ärgerlich sind folgende Punkte: Niemand muss die Aktion gut finden, aber welche Forderungen bei der medialen Aufarbeitung an politische Aktionen/Kunst gestellt werden und welch schräger Kunstbegriff sichtbar wird, (Kunst muss..., Kunst darf nicht...) lässt schon staunen. Auch die Empörung und Instrumentalisierungsvorwürfe lassen schon fragen, ob das eigentliche Thema bewusst gemieden und das richtige Maß bei der Kritik gefunden wird (blickt man auf rechte Aktionen, die sich gegen linke AktivistInnen richten).


Quelle: ZfP - https://deine-stele.de/

ZEIT (kurz): http://www.zeit.de/…/zentrum-fuer-politische-schoenheit-hol…


Tagesspiegel (ausführlich): http://www.tagesspiegel.de/…/protest-gegen-re…/20616902.html


taz (Pro und Contra): https://www.taz.de/Pro-und-Contra-Kunstaktion-in-Bornhag…/…/


SZ-Kommentar (kurz und mit Unverständnis): http://www.sueddeutsche.de/…/kunstaktion-bei-bjoern-hoecke-…


Zündfunk-Kommentar (lang und mit Unverständnis): http://www.br.de/…/hat-das-zentrum-fuer-politische-schoenhe…


Hanning Voigts (Instrumentalisierungsvorwurf): https://twitter.com/hanvoi/status/933295705321504768


Telepolis-Kommentar (nahe am eigentlichen Thema): https://www.heise.de/…/Ein-Denkmal-geht-auf-Reisen-3899081.…


International:

Washington Post: https://www.washingtonpost.com/…/activists-build-a-mini-h…/…

Guardian: https://www.theguardian.com/…/protesters-holocaust-memorial…



Nicht von dieser Welt:

Philo-Workout (wirr): https://www.youtube.com/watch?v=tJxlkq_5Lt4

AfD-Statement (beleidigt): https://www.youtube.com/watch?v=IGG4ejAR0rY




Donnerstag, 26. Oktober 2017

Webserie: Warum ist die Bundeswehr in Mali?

Die Webserie "Mali" der Bundeswehr läuft seit knapp zwei Wochen. Auf Sinnhaftigkeit und Form wurden an dieser Stelle bereits eingegangen. Auch Thomas Wiegold hat sich für ZEIT Online Gedanken gemacht, was die Ziele (Rekrutierung, PR,...) und die Ergebnisse angeht:
Ohne ein positiveres Image der Streitkräfte dürfte die große Personaloffensive allerdings auf lange Sicht nichts werden. Deshalb setzt die Bundeswehr die Millionen für die Videos aus der malischen Wüste ein und deshalb freut sie sich auch schon über Kleinigkeiten: Die Diskussionen zu den Videos aus dem Mali-Einsatz, frohlockt die Sprecherin, seien doch deutlich inhaltsreicher als manches, was vergangenes Jahr in etlichen Kommentaren zu Die Rekruten zu lesen war.  
Das klingt ja schon mal viel versprechend, denn schließlich ist klar, dass ein paar Youtube-Videos nicht sofort mehr Rekruten zur Folge haben. Auch das Anstoßen einer öffentlichen Debatte und die Sichtbarmachung der Bundeswehr in der Öffentlichkeit sind legitime Ziele. Gleichzeitig muss gefragt werden, inwiefern die Serie nicht einen verzerrten, geschönten oder falschen Einblick in die MINUSMA-Mission bietet. Der politische Rahmen ist klar: Eine deutliche Mehrheit der Mitglieder des (alten) Bundestages unterstützt die UN-Mission:
Petra Ernstberger (SPD) bezeichnete die Aufrechterhaltung der Mission als "unerlässlich". Die staatlichen Strukturen im Land seien noch viel zu schwach, um dem Terror allein Einhalt zu gebieten. "Es kann keinen Frieden ohne diese militärische Flankierung geben." Henning Otte (CDU) ergänzte, der Einsatz sei nicht nur für Mali und die Stabilisierung der gesamten Sahel-Region von Bedeutung, sondern auch für Deutschland und Europa. Schließlich sei Westafrika eine wichtige Transitregion für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa und der Kampf gegen den Terror damit wichtig zur Verhinderung von Migrationsbewegungen. Für die Grünen stellte sich Agnieszka Brugger klar hinter den Einsatz. Zwar sei die Lage in Mali "alles andere als rosig" und die Beteiligten müssten mehr in den politischen Prozess investieren. Doch die Bundeswehr leiste mit ihren Aufklärungsfähigkeiten einen "unglaublich wichtigen Beitrag, um nachzuweisen, wer wann gegen das im Frühjahr 2015 unterzeichnete Friedensabkommen verstößt". Die Linksfraktion lehnte den Einsatz erneut geschlossen ab. "Die Parallelen zum Afghanistan-Einsatz sind erschreckend", urteilte Niema Movassat. Auch in Mali sei die Bundeswehr dabei, "sich in den nächsten langwierigen Krieg zu verstricken".
Die Schwierigkeiten übersieht niemand, auch nicht die Bundesregierung, die schreibt, dass "in Zentral- und Nordmali (...) die Gefährdung durch terroristische Anschläge und Angriffe gegen MINUSMA und die malischen Streitkräfte aufgrund der andauernden Präsenz islamistischer Terrorgruppen und krimineller Gruppierungen bestehen" bleibe. Zudem stünden "die malischen Streitkräfte (...) angesichts ihrer noch zu schwachen Strukturen stark unter Druck und müssen weiter gestärkt werden."

Wie also stellt die Bundeswehr die Mission in ihrer Webserie dar? Auffallend ist schon mal, dass es nicht einfach ist, das Publikumsinteresse auf die Hintergründe des Einsatzes zu lenken. Während die erste Folge mehr als 650.000 mal angeklickt wurde, schauten etwa 175.000 Menschen das Video "Warum ist die Bundeswehr in Mali?".



Dem Erklärstück ist nicht unbedingt die fehlende Tiefe vorzuwerfen ("Zwischen Europa und Mali liegen das Mittelmeer und zwei Länder."), schließlich wissen mutmaßlich die meisten Deutschen nicht, wo Mali liegt.

Ob MINUSMA aber tatsächlich "der zentrale Einsatz" auf dem afrikanischen Kontinent ist, sei einmal dahingestellt. Wenn man Stärke und Finanzmittel betrachtet eigentlich nicht. Ansonsten gibt es viele Bilder, die Soldatinnen und Soldaten mit der einheimischen Bevölkerung zeigen. Sie erinnern an Afghanistan. Dort wurde auch der Kontakt mit der Zivilbevölkerung als Beweis der Akzeptanz und Sinnhaftigkeit herangezogen - bis diese Bilder aufgrund der Sicherheitslage schlicht nicht mehr möglich waren.

Nach anderthalb Minuten scheinen schon die ersten "mittelbaren" Missionsziele durch. Also nicht Eigensicherung, Garantie von Sicherheit und Unterstützung des Einsatzes der malischen Armee, sondern den sicheren Zugang zu Wasser, Straßen, Jobs, und so weiter. Humanitäre Faktoren also, die letztlich das Phänomen der Migration adressieren. Die Bundeswehr soll aber insbesondere aufklären und stellt "die Drohne" der Mission. Gleichzeitig haben Frankreich und die USA Drohnen in der Region im Einsatz. Das ist erst einmal kein Kritikpunkt, zeigt aber, dass auch hier (wie so oft) unterschiedliche Missionen mit unterschiedlichen Zielen operieren. Dies kann dazu führen, dass die Akzeptanz eines Einsatzes von einer anderen Mission abhängt. Je nach Eskalationsstufe kann das die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten gefährden. Denn während im Bundeswehr-Video die Aufklärungsfähigkeiten der Heron-Drohne gelobt werden, könnten andere Drohnen tödlich sein. Diese Unterscheidung wird bei möglichen Opfern bzw. deren Angehörigen eine untergeordnete Rolle spielen.

Als Tiger-Hubschrauber untermalt mit schnittiger Musik gezeigt werden, wird natürlich die bisherige Einsatzhistorie nicht erwähnt: zwei Soldaten starben im Juli. Dennoch sei man "optimal ausgestattet", wie Oberstleutnant Paare ausführt. Dabei bezieht er sich vor allem auf die anderen Nationen. Aber da zahlreiche afrikanische Staaten, aber auch Länder wie Kambodscha oder Nepal Teil der Mission sind, verwundert es nicht, dass im Vergleich dazu die Bundeswehr sehr gut da steht.

Für die Webserie ist also klar, wie bedeutsam der Mali-Einsatz der Bundeswehr ist. Kritische Punkte werden nicht verschwiegen, aber etwas umschifft. Die Soldatinnen und Soldaten wirken zuversichtlich, das Mandat klar. Dass die Einsatzrealität meist komplizierter ist, wird nur angedeutet. Ob sie konkreter und greifbarer wird, glaubhaft in ihrer Einschätzung ist und die Risiken und Perspektiven nicht geschönt werden, müssen die weiteren Folgen zeigen.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Doku: Krieg und Spiele

Die Grenzen zwischen Spiel und Krieg verschwimmen. Weil Spielzeuge Technologien nutzen, die fürs Militär entwickelt wurden, aber auch weil das Militär auf Fähigkeiten und Ideen zurückgreift, die aus der Spieleindustrie stammen. Der Dokumentarfilm "Krieg und Spiele" spürt diesen und anderen Entwicklungen hinsichtlich Kriegsroboter und autonomer Waffensysteme nach.

Screenshot 3sat

Karin Jurschicks Film "Krieg und Spiele" über Drohnen, Roboter und künstliche Intelligenz zeigt neue Perspektiven auf diese komplexe, hochspannende Thematik auf und regt gleichzeitig eine ethische Debatte an, die wir führen sollten, bevor wir der Technik die Entscheidung in die Hand geben: Es geht schließlich um unsere zukünftige Stellung als Menschen in der Welt.   

Man sollte sich vom gemächlichen Tempo des Films nicht täuschen lassen. Karin Jurschick hat Zugang zu Rüstungsunternehmen und Ausbildungsstätten erhalten, die so bisher nur selten zu sehen waren. Ihr gelingt eine subtile und kreative Annährung an das Thema und überlasst den Zuschauern zumeist das Urteil, wohin der aufgezeigte Weg führt. Der Film ist noch bis zum 13.11. in der 3sat-Mediathek zu sehen.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Neue Bundeswehr-Webserie: Mal(i) sehen

Nach "Die Rekruten" hat in der kommenden Woche die neue Bundeswehr-Webserie "Mali" Premiere. "Bist Du bereit sie zu begleiten?" fragt der nicht sehr inhaltsschwere Trailer, der die "eingeschworene Gemeinschaft" hervorhebt und unterstreicht, dass sich die Soldatinnen und Soldaten gut vorbereitet hätten, "auf alles, was sie da draußen erwartet."



Nun könnte man an dieser Stelle die Frage aufwerfen, ob das auch für den Zustand der Tiger-Hubschrauber gilt. Oder Beispiele heranziehen, wie ähnlich der Mali-Einsatz in mancher Hinsicht dem in Afghanistan ist, wenn es um die Bewegungsfreiheit und die tatsächliche Kontrolle von Gebieten geht. Auch die Tatsache, dass eine perfekte Vorbereitung davon abhängig ist, ob und wie gut die Einsatzziele definiert sind (Spoiler: Der schwierigen Lage vor Ort angemessen schwammig, z.B. "Des Weiteren sollen die Sicherheit, Stabilisierung und der Schutz der Bevölkerung gefördert werden."), lässt einen die Augenbraue heben.

Mit Plakaten wirbt die Bundeswehr für ihre neue Webserie. Hier zum Beispiel im Berliner Hauptbahnhof. Credits: vergessene-kriege.blogspot.com

Und am Ende mag man sich völlig zu Recht darüber streiten, ob es nicht besser wäre, die Arbeit der Bundeswehr in einem nachrichtlichen und informationsdominierten Kontext zu diskutieren, anstatt einen Unterhaltungsfaktor zu kreieren und (sicherheitspolitische) Probleme, Hürden und Herausforderungen eines solchen Einsatzes hinter dramatischer Musik und kameradschaftlicher Wärme zu verbergen. Denn Kameradschaft mag gut und schön sein, doch Mandat, Unterstützung und Ausrüstung sind am Ende des Tages für die Soldatinnen und Soldaten die noch entscheidenderen Faktoren. Außerdem kann man natürlich das finanzielle Argument anführen, schon die Produktion von "Die Rekruten" kostete 1,7 Millionen Euro, die begleitende Kampagne nochmal 6,5 Millionen Euro.

Auch auf Instagram wirbt die Bundeswehr. Zielgruppengerecht mit MessengerBot für Telegram. Quelle: Screenshot Instagram

Gleichzeitig muss man sich jedoch die Frage stellen, ob und wann dieser Einsatz bzw. die Situation Malis schon mal so prominent "beworben" bzw. thematisiert wurde. Wenn groß das Wort "Mali" auf deutschen Bahnhöfen hängt, machen sich vielleicht ein paar Menschen mehr Gedanken darüber, was dort eigentlich los ist. Inwiefern das die Menschen in Deutschland betrifft. Dabei geht es ja nicht nur um die Frage der Terrorismusbekämpfung. Sondern auch um die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb Deutschlands oftmals fragil ist, Menschen in dauerhafter Unsicherheit leben und Konflikte ihre Versorgung, ihren Zugang zu Bildung, alle ihre Perspektiven bestimmen. Dies ist auch im Zuge der Debatte um Flucht und Migration wichtig zumindest anzuerkennen.

Man könnte also sagen, dass alles was dabei hilft die Bevölkerung für die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu sensibilisieren und eine Debatte über die Mission anzustoßen, wünschenswert ist. Denn gegenwärtig werden diese kaum zur Kenntnis genommen, egal ob Afghanistan, Sudan oder eben Mali.

Zu hoffen bleibt aber, dass eine solche Debatte nicht bei der Machart und den oben aufgeworfenen Fragen der angemessenen Darstellung stehen bleibt, sondern sich mit den Ursachen und Zielen von Auslandseinsätzen beschäftigt. Das hängt aber natürlich auch davon ab, wie viel Kontroverse, Zweifel und Aufrichtigkeit die Macher von "Mali" zulassen.