Samstag, 19. Mai 2018

Der 90-Minuten-Krieg: Wenn der Videoassistent den Nahostkonflikt entscheidet

Das kleine Fernsehspiel zeigte schon 2016 das erste Mal die Komödie "Der 90-Minuten-Krieg". Angesichts des Umzugs der US-Botschaft nach Jerusalem und des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israel bot sich eine Wiederholung aus Sicht der Programmverantwortlichen wohl an, Die Geschichte des Films ist schnell erzählt. Israelis und Palästinenser sind nach jahrzehntelangen Kämpfen und ständigen Verhandlungen müde, immer wieder ergebnislos auseinanderzugehen. Da kommen die "Erzfeinde" auf eine unkonventionelle Idee: Ein Fußballspiel soll den Nahostkonflikt endgültig beenden. Der Einsatz ist hoch: Wer verliert, muss das gelobte Wüstenland verlassen. Der Sieger bekommt alles, von Jaffa bis Jerusalem, von Galiläa bis Eilat. Kein Streit mehr, keine Kriege, endlich Ruhe.



Klingt nach bösem Klamauk und Fettnäpfchen am laufenden Band. Doch nach 80 Minuten hat man das Gefühl, man hätte tiefer in den Nahostkonflikt geblickt, als bei so mancher Dokumentation oder manchem Nachrichtenbeitrag. Positiv fällt sofort auf, dass mal Englisch, mal Hebräisch, mal Arabisch, mal Deutsch und oftmals alles durcheinander gesprochen wird. Jeweils mit Untertiteln, so dass beispielsweise die Selbstverständlichkeit in der sich die eigentlich feindlich gesinnten Seiten verständigen können, erhalten bleibt. Zudem merkt man sofort, dass der Regiesseur Eyal Halfon an Authentizität interessiert ist. Die Darstellung beider Seiten strotzt nicht vor Stereotypen, wie man es bei einem Film zu diesem Thema und einer Komödie vermuten könnte.

Nun ließe sich ausführlich darüber streiten, ob und wie die Asymmetrie des Konflikts eingefangen wird. Inwiefern die Darstellung der totalen Überlegenheit der israelischen Armee den Blick auf Angriffe der palästinensischen Seite verstellt. So ist an einer Stelle im Film von "Blechraketen" die Rede, das Tunnelsystem als zivile Lebensader des Gaza-Streifens dargestellt. Doch das grundsätzliche (Un-)Gleichgewicht aus der sich die unterschiedlichen Strategien der Akteure speisen, wird glaubhaft eingefangen. Immer wieder schimmern Ursachen für den Konflikt bzw. für dessen Beständigkeit durch. Und genau wie das Ende des Films, kommt in den meisten Szenen zum Ausdruck, dass beide Seiten gemeinsam in dem Konflikt gefangen sind. So sehr, dass manche wohl die Entscheidung eines Videoassistenten der Aussicht auf weitere Jahrzehnte des Konflikts vorziehen würden.

Leider zeigt das ZDF den (selbst mit produzierten) Film nur noch bis zum 21.05. in der Mediathek.

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