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Donnerstag, 15. März 2018

Die Bundeswehr im Bundestag: Zur aktuellen Debatte über Auslandeinsätze

Der Bundestag hat unmittelbar nach der Regierungsbildung die notwendige Verlängerung der Auslandseinsätze der Bundeswehr debattiert. Natürlich ist im neuen Bundestag nicht alles anders geworden, die Regierung gibt Schwierigkeiten zu und lobt ihr Engagement, die Opposition betont Schwierigkeiten und kritisiert das Regierungsengagement.

Durch die AfD hat sich die Stoßrichtung jedoch schon ein wenig verändert. Die Fragen von Flucht und Migration gewinnen bei Themen an Bedeutung, bei denen man denkt: "Hä, wtf?" Und spielen keine Rolle, bei Fragen, die sehr viel damit zu tun haben. Bei denen aber offenbar die innenpolitische Dimension fehlt. So sind es sehr wenige Menschen aus dem Südsudan, die nach Europa bzw. Deutschland kommen, also spielt die UNMISS-Mission keine große Rolle für die AfD. Afghanistan dagegen schon. Richtig neue Schwerpunkte wurden durch die Bundesregierung noch nicht gesetzt. Sollte sich die Politik der USA aber weiter verändern wie bisher, wird dies auch Auswirkungen auf die Mandate der Auslandseinsätze der Bundeswehr haben.

Ein kleiner Überblick über die Debatte in Tweets.




















Der Verlängerungsantrag zu Afghanistan und weitere Dokumente gibt es hier.


















Die Videos der Debatten (20. Sitzung, 14.03.18) gibt es hier. Ach ja, militärisch ging es auch in Aktuellen Stunde zu. Die hatte die FDP beantragt, doch geprägt wurde sie durch eine Äußerung des AfD-Parlamentariers Armin-Paulus Hampel:


Ralph Brinkhaus, CDU/CSU, erwiderte Hampel´s Äußerung:


 

Donnerstag, 20. Juli 2017

Zerstörte Städte - Drohnenaufnahmen zeigen Folgen von Konflikten

Der Krieg ist in die Städte zurückgekehrt. Wurde Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts vor allem auf "freier Fläche" gekämpft (was nicht heißt, dass Städte keine Ziele z.B. von Luftschlägen, darstellten), sind heute urbane Gebiete auch am Boden hart umkämpft. 

Screenshot "I Saw My City Die"

Das Internationale Rote Kreuz sieht gegenwärtig die größten Gefahren für Zivilisten durch Kämpfe in und in der Umgebung von Städten (In dem Zusammenhang ist das eindrucksvolle Themenportal "I Saw My City Die" zu empfehlen, siehe hier). In Syrien und dem Irak wurden 70 Prozent der zivilen Opfer in urbanen Gebieten getötet. 
Nun mag man einwenden, dass dicht besiedelte Gebiete schon immer anfälliger waren für hohe Opferzahlen, allerdings zeigt die ICRC-Untersuchung, dass früher seltener in einer Stadt selbst gekämpft wurde und dass Waffen, die eigentlich für "offene Schlachten" entwickelt wurden, nun in engen Straßen und zwischen Häuserblocks eingesetzt werden.

Um einen Eindruck von den Folgen zu bekommen, liefern Drohnen eindrucksvolle und erschreckende Bilder. Sie können einen Beitrag leisten, um Krieg besser zu verstehen, auch wenn wir nicht "in seinem blutigen, abstossenden, schmutzigen Inneren sitzen."

Bilder aus Mossul (2017):



Bilder aus Aleppo (2016):



Bilder aus Donetsk (2015):


Bilder aus Gaza (2014):

Montag, 19. Juni 2017

Während Du das hier liest, müssen 40 Menschen ihre Heimat verlassen

Die neuesten Zahlen des UNHCR, die heute veröffentlicht wurden, gehen davon aus, dass im Schnitt einer von 113 Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen ist. Wem das zu abstrakt ist und eine mögliche Bezugsgröße wie der Arbeitsplatz, Familie oder Verein nicht eingängig genug: 2016 musste alle drei Sekunden ein Mensch fliehen. 

Während man diesen kurzen Beitrag also komplett liest, mussten etwa 40 Menschen ihre Heimat verlassen. 



In Zahlen

- 65,6 Millionen Menschen sind von Flucht und Vertreibung betroffen

- Davon sind 22,5 Millionen Flüchtlinge, 40,3 Millionen Binnenvertriebene

- einer von drei Flüchtlingen (insgesamt 4,9 Millionen) wurde von den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt aufgenommen

- Zwölf Millionen Syrerinnen und Syrer (fast zwei Drittel der Gesamtbevölkerung) sind entweder Binnenvertriebene oder im Ausland als Flüchtlinge und Asylsuchende, danach kommen Kolumbien (7,7 Millionen - trotz Friedensprozess), Afghanistan (4,7 Millionen), Irak (4,2 Millionen) und Südsudan (weltweit mit 3,3 Millionen Betroffenen die am schnellsten wachsende Bevölkerung auf der Flucht) als größte Herkunftsländer

- Kinder machen die Hälfte der weltweiten Flüchtlingsbevölkerung aus

- 37 Staaten akzeptierten insgesamt 189.300 Flüchtlinge zur Aufnahme durch Resettlement. Rund eine halbe Million Flüchtlinge konnten in ihr Heimatland zurückkehren, zudem rund 6,5 Millionen Binnenvertriebene in ihre jeweiligen Heimatregionen

Was fällt auf?

Besonders bemerkenswert ist sicherlich die Situation in Kolumbien, da hier die Wahrnehmung vorherrscht, dass durch den Friedensprozess mit der FARC die Probleme des Landes gelöst sind. Richtig ist, dass sich die Menschenrechtssituation gebessert hat und vor allem die Chance besteht, dass sich dies auch so fortsetzt. Offen bleibt, wie andere Gruppen wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN) und andere reagieren. Demobilisierung oder Füllen des entstehenden Machtvakuums. Der Anschlag der vergangenen Woche zeigt, wie komplex die Situation weiterhin ist. Anwälte und Vertreterinnen und Vertreter indigener Gruppen sehen sich weiterhin Bedrohungen ausgesetzt, in vielen Regionen ist für die Geflüchteten an Rückkehr noch nicht zu denken.  

Auch die am schnellsten wachsende Geflüchtetengruppe im Südsudan verdient Aufmerksamkeit. Denn hier geht es nicht nur um Flucht und Vertreibung, sondern auch um extreme Nahrungsmittelunsicherheit und einen Konflikt, der fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit vor sich hin schwelt, hin und wieder eskaliert und stetig Menschen in die Flucht treibt. Kurze Zusammenfassung:



Und an dieser Stelle sollen auch noch beispielhaft Menschen erwähnt werden, die nicht in der executive summary auftauchen: Die Menschen im Jemen. Die Zahl an Geflüchteten ist dort relativ niedrig (wohin sollen sie auch gehen?), die der Binnenvertriebenen deutlich höher und die Zahl an Personen, die humantiäre Hilfe bedürfen extrem hoch:

Quelle: OCHA Yemen
Etwa 18 Millionen Menschen sind mittlerweile auf Hilfe angewiesen.


Mittwoch, 31. Mai 2017

Irak: 7000 Gründe innezuhalten

Vermutlich mehr als 80 Tote UND in der Nähe der deutschen Botschaft - der Anschlag in Kabul heute morgen taugt zum Aufmacher. Andere ähnliche Vorfälle eher nicht. Bei zwei Anschlägen in der irakischen Hauptstadt Bagdad wurden am Dienstag mindestens 27 Menschen getötet. 

Ein Attentäter sprengte sich vor einer Eisdiele in die Luft (manche Medien griffen die Schlagzeile "Anschlag auf Eissalon" auf, da nach deren Wahrnehmung ein solcher Ort besonders perfide ist - im Gegensatz zum Marktplatz oder auf irgend einer beliebigen Straße), später explodierte eine Autobombe. Die Meldungen verschwanden trotz Eis recht schnell von den Startseiten.

Quelle: Iraq Body Count

Dabei sollte man eine Zahl jedoch nicht vergessen: 7.257. So viele Menschen wurden bereits in diesem Jahr Opfer der Gewalt im Irak. Zivilisten wohlgemerkt. Und zu den mindestens 7.257 Toten kommen noch abertausende Verwundete. 

Die Opfer in Kabul haben jede Aufmerksamkeit verdient. Sie stehen aber leider nur stellvertretetend für Tausende andere Menschen in Afghanistan, Irak, Syrien, Südsudan, usw. usw., die in Konflikten getötet werden. 

Man sollte das kurze Innehalten nutzen, um auch die nicht zu vergessen.

Mittwoch, 22. März 2017

Mehr als 400 Luftschläge in Syrien und Irak innerhalb einer Woche - Hunderte tote Zivilisten

"Krieg in Syrien" - diese Schlagzeile oder eher diese Begrifflichkeit ist nichts Neues, wir sind daran gewöhnt. Geht es um den Irak, sieht es schon wieder ein wenig anders aus. Der Kampf um Mossul wird aktuell stark beachtet, wobei sich sich viele Herausforderungen erst nach der "Schlacht" stellen. Umso wichtiger ist es nicht zu vergessen, was das Wort "Krieg" eigentlich tagtäglich bedeutet.

Die Initiative Airwars zum Beispiel versucht Luftschläge in Syrien, dem Irak und Libyen zu sammeln und aufzubereiten (und mit Quellen zu belegen). Schaut man sich diese Zahlen an zeigt sich, dass allein innerhalb der vergangenen Woche mehr als 440-mal Angriffe aus der Luft erfolgten. Offiziell auf militärische Ziele, inoffiziell zumeist mit zivilen Opfern. So könnten diese Woche mehr als 700 Zivilisten durch Luftangriffe getötet worden sein.   


Wer mag, kann sich hier einen genauen Überblick verschaffen. Geht man von Maximalzahlen aus bzw. wartet bis evtl. Untersuchungen (die selten vorkommen) abgeschlossen sind, könnten die Zahlen leicht vierstellig werden.  

Auch die Seite iraqbodycount.org versucht zivile Opfer (in diesem Fall von allen Seiten) aufzulisten. Hier zeigt sich ebenfalls, wie regelmäßig und verheerend Zivilisten von Kämpfen und Anschlägen betroffen sind.

Quelle: Datenbank iraqbodycount.org

Die Seite libyabodycount.org hat Ende 2016 ihre Arbeit eingestellt, sie listet zwischen 2014 und 2016 etwa 6.000 Opfer.

Dabei geht es nicht darum die unrealistische Forderung aufzustellen, dass jeder Vorfall Thema der Tagesschau sein müsste. Aber die Zahlen sind wichtig, um die Dimension der Konflikte und ihre Auswirkungen auf die Menschen in den betroffenen Ländern sich vergegenwärtigen und verstehen zu können.

Unter anderem auch, weil auch deutsche Soldaten Teil der regionalen Konflikte sind. Das wird aber zumeist nur thematisiert, wenn ihr Einsatz in einem größeren Kontext Verhandlungsgengenstand oder Politikum wird. Hier ein kleines Beispiel aus dem Alltag der Bundewehr:


Montag, 26. Dezember 2016

"2016 is a bitch": Wenn prominente Todesfälle unsere kollektive Wahrnehmung bestimmen

"2016 - fick Dich hart" - "2016 - Du Arsch" - "Wann ist 2016 endlich vorbei?" - "Was wenn 2016 nur die Vorband für 2017 ist?"

So oder so ähnlich kann man sich gerade durch Timelines und Kommentarspalten klicken. Der Tod von George Michael ist dabei natürlich nun besonders passend, stiller Jubel in mancher Redaktion über die Möglichkeit der "Last Christmas"-Wortspiele. 

Abgesehen davon, dass sich JedeR selbst ein Bild davon machen kann, dass tatsächlich jedes Jahr prominente Personen sterben (https://gestorben.am), stellt sich die Frage, ob diese Fixierung auf Einzelpersonen angesichts tausender Toter im Mittelmeer, Zehntausender in Syrien oder dem Jemen nicht etwas zynisch anmutet.

Nun funktioniert eine Mediengesellschaft eben immer auch im Rahmen dieser Mechanismen. Berühmte und schillernde Persönlichkeiten erregen mehr Aufmerksamkeit als normale Menschen. Das ist normal (aber kein Automatismus und Naturgesetz) und kein Grund das öffentliche Betrauern dieser Personen zu kritisieren.

Unpassend ist es am Ende aber diese Aufsummierung von angeblich besonders tragischen Todesfällen in den Kontext eines massenhaften Sterbens und einer "Bilanz des Todes" zu stellen. Denn nur weil David Bowie und Leonard Cohen das Zeitliche gesegnet haben, heißt das nicht, dass 2016 DAS tragische Jahr war. Viele Menschen wurden in Krisen- und Konfliktgebieten getötet, doch erst die prominente Unterstützung machen sie zu tragischen Opfern eines Schreckensjahres.

In Syrien sind bisher vermutlich etwa 500.000 Menschen durch direkte oder indirekte Wirkungen des Krieges gestorben. Möglicherweise 2011 mehr als in diesem Jahr. Oder in Somalia. Mitte Dezember wurden 30 Menschen bei einem Anschlag getötet. Niemand zählt mehr wirklich, wie viele Menschenleben der Konflikt in den zerfallen staatlichen Strukturen gekostet hat. Nach dieser Logik könnte 2014 besonders tragisch sein, blickt man auf die Opferzahlen im Irak. Garniert mit Udo Jürgens, Robin Williams, und Joe Cocker - 2014 worst year ever!

Das mag pedantisch und hypermoralisch erscheinen. Und Trauer lässt sich nicht verordnen. Jedoch drängt es zu einem solchen Zwischenruf, wenn die öffentlich zur Schau gestellte Trauer eine solch künstliche Dynamik erhält. Eine Dynamik, die sich nur an der Qualität einer Story, die sich eben besonders gut erzählen lässt, misst. Dafür passt es dann auch ganz gut, dass in diesem Jahr vermutlich so viele Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, wie noch nie. Doch erst durch die Flankierung dieser Tausenden Toten durch berühmte Persönlichkeiten wird das Massensterben im kollektiven Gedächtnis verankert. Das erscheint dann mindestens etwas scheinheilig.

Ein wenig weiter gefasst, kann man sich in dem Zusammenhang folgenden Spruch ins Gedächtnis rufen: "No one is free when others are oppressed." Das bedeutet letztlich, dass wir uns jeden Tag aufs Neue bewusst machen müssen, in was für einer Welt wir leben. Das kann dabei helfen, das was man hat mehr schätzen zu können. Oder auf der anderen Seite etwas dafür zu tun, dass andere Menschen nicht einfach als Kollateralschäden unserer Alltagswirklichkeit akzeptiert werden.

Das wäre dann fast ein wenig weihnachtlich. Und auch passend zum Gedenken an George Michael. Der hat schließlich mal gesagt: "There's no comfort in the truth, pain is all you'll find."

Dienstag, 1. November 2016

Kalter Kaffee - ganz frisch aufgewärmt

Medienkritik wird ja in der heutigen Zeit schnell zur Medienschelte. Das ist nur selten angebracht und kommt viel zu oft aus dem Lager der "17,50 Euro? Das ist ja Wahnsinn, diese Zwangsgebühr"-Vertreter*innen. Folgenden kleinen Schnipsel von SZ online kann man aber schon mal zum Nachdenken finden:


Eigentlich ist es ganz einfach. Es handelt sich um die falsche Zeitform. Was aber vermutlich kein Zufall, sondern eben mittlerweile fester Bestandteil des Online-Journalismus ist ("Die zehn wichtigsten Antworten auf unsere selbst gestellten Fragen", "Warum..xy.? Eine Erklärung.", "Diese 12 Dinge werden Dich dazu bringen..."). 

Der Islamische Staat WOLLTE 25.000 Zivilisten nach Mossul bringen, müsste es heißen. Die irakische Armee konnte das nämlich verhindern. Das kann natürlich auch eine Meldung sein, zeigt sie doch schließlich das Vorgehen, die Schlagkraft und die Gefährlichkeit des IS. Aber es ist hart an der Grenze, was man als Journalist lernt (essentiell für den Nachrichtenwert sind die Faktoren "Neuigkeit" bzw. "Aktualität"). Vor allem wäre es aber keine Meldung, die so oft angeklickt wird, wie eine, in der suggeriert wird, der IS sei gerade auf dem Weg nach Mossul und dieser worst case von 25.000 menschlichen Schutzschilden stehe unmittelbar bevor. 

Natürlich ist das nicht der Untergang des Journalismus und der schon der Teaser rückt das gerade. Warum dann in der Überschrift nicht anders getextet wird, erschließt sich jedoch nicht wirklich. Außer es würde darum gehen die Klickzahlen hoch zu treiben - aber das machen seriöse Onlinemedien ja nicht. 

Donnerstag, 30. Juni 2016

Looks like war - kleiner Einblick in die alltägliche Gewalt im Irak

Der Krieg im Irak wird hier kaum noch wahrgenommen. Es ist immer vom Nachkriegsirak die Rede, doch die Anschläge oder Schlachten um ganze Regionen und Städte zeigen etwas anderes. Aus diesem Grund hier eine Empfehlung für eine aktuelle Dokumentation (läuft u.a. auf Netflix):


Der australische Journalist Michael Ware zeigt vor allem selbst gedrehte Aufnahmen ab dem Zeitpunkt des Einmarsches der "Koalitions"-Truppen. Mehrere Jahre hält er sich im Irak auf und verliert zunehmend die Distanz zum Geschehen. Der Zuschauer erlebt, wie Kollegen von ihm getötet werden und die Aufmerksamkeit dennoch abnimmt. Er begleitet Kräfte von beiden (oder eher allen) Seiten an vorderster Fronst und ihm gelingen dadurch krasse Bilder. Bilder, die das zeigen, was Nachrichtensendungen sonst aus Rücksicht auf den Zuschauer zensieren. Es ist ein Stück Sensationslust dabei, die Jagd nach dem spektakulären Bild, das Grenzen überschreitet.

Ware thematisiert aber diesen Distanzverlust selbst und das rettet seine Dokumentation bzw. macht sie zu einem wichtigen Beitrag, um den Irakkrieg besser zu verstehen. Seine Bilder erlauben einen kleinen Einblick in den Alltag des Krieges. Was es heißt, wenn Granaten einschlagen, Autos explodieren, Schüsse fallen. Wenn Chaos und Panik die Gesichter der Menschen zeichnen und wenn statt den Genfer Konventionen und innerer Führung Angst und Hass auf den oft unsichtbaren Gegner das Denken und Fühlen der zumeist jungen Soldaten und Kämpfer dominieren.

In der Schlussszene lassen US-Soldaten einen Iraker verbluten, seine letzten schweren Atemzüge werden zum Vorwurf an Ware selbst, aber auch an die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die sind zwar nicht so unmittelbar Teil des Ganzen, doch jeden Tag selbst Beobachter, welche die eigene Verantwortung für das Sterben der vielen Namenlosen von sich schieben müssen. 

Es fehlen die politischen Hintergründe und eine Einordnung der Motivlage der zahlreichen Fraktionen. Dies kann und will der Film nicht leisten. Er hilft aber dennoch dabei manches zu verstehen. Warum Menschen aus dem Irak flüchten, wie verhärtet die Fronten zwischen den Gruppierungen sind und wie kompliziert sich die tatsächlichen Machtverhältnisse darstellen. Nach seiner Rückkehr hat sich daran kaum etwas geändert, wie folgende Grafik zeigt:

Screenshot von https://www.iraqbodycount.org/database/
Auch am Montag wurden bei einem Selbstmordanschlag mindestens zwölf Menschen getötet. Der Film hilft dabei die Bedeutung dieser wenigen Zeilen einer solchen Standardagenturmeldung besser zu erfassen.

Sonntag, 17. Januar 2016

Dokumentarfilm Iraqi Odyssey: Berührende Familiensaga und Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Region

Es ist nicht einfach zum Kern des Films Iraqi Odyssey vorzudringen. Ganz außen, da ist er einfach eine Familiensaga über einen Zeitraum von fast 100 Jahren und erzählt die Geschichte einer irakischen Familie der oberen Mittelklasse, die sich über die Zeit in alle Ecken der Welt verstreute.

Schält man diese erste Schicht ab, dann verbirgt sich darunter eine Geschichtsstunde, die von den Umwälzungen und Wendungen der irakischen Vergangenheit erzählt und zum Verständnis des Iraks in der Gegenwart beiträgt. 


Wenn man diesen Überzug aus Zahlen und Daten abkratzt, dann sieht man, dass der Film zudem eine vollkommen neue Perspektive dieser Geschichte offeriert. Mit seiner Erzählweise schafft er es, die bekannten und als gültig hingenommenen Narrative unserer europazentrierten (oder "westlichen") Analyse des Weltgeschehens aufzubrechen. 

Noch weiter im Inneren, da ist die Dokumentation von Regisseur Samir eine berührende Erzählung miteinander verwobener Schicksale von beschädigten Menschen, die ihr ganzes Leben mit den erlittenen Verletzungen hervorgerufen durch Flucht und Vertreibung, zerrissene Familien und enttäuschte Hoffnungen kämpfen.  

Im Kern ist der Film aber ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz. Die Geschichte der Familie des Regisseurs lässt einen mit einem ganzen Wust aus Gedanken zurück. Die Zufälligkeit der Ereignisse, welche die Familie über die ganze Welt verstreute, zeigt die riesige Zahl an Gründen, die Menschen zur Flucht zwingen. Sie zeigt, dass jeder zum Flüchtling werden kann und führt die mantrahaft wiederholten Sätze "besorgter" Menschen über angebliche Wirtschaftsflüchtlinge ad absurdum, weil es dieser Argumentation einzelne Geschichten entgegensetzt. 

Den einen Grund zur Flucht gibt es oft gar nicht. Das Beispiel des Irak zeigt, dass es eine Mischung aus repressiver Politik, Armut und Krieg sein kann. Eine Atmosphäre der Angst und Perspektivlosigkeit, die einen zermürbt und die niemand auf Dauer aushalten kann. Es zeigt, dass die Annahmen, wer denn hier zu uns kommt, in der zur Zeit debattierten Form kaum der Realität entsprechen. 

Vor etwas mehr als 50 Jahren schien der Irak auf der Schwelle zu einer modernen und säkularen Gesellschaft zu stehen, auch wenn viele Konflikte bereits damals brodelten. Die ganze Region war dennoch auf dem Sprung in die Moderne, doch unter anderem der Einfluss geopolitischer Interessen machte dem ein Ende. Über vier Millionen Iraker kehrten in dieser Zeit ihrer Heimat den Rücken, lebten ihr neues Leben im Ausland und blickten doch immer mit Wehmut zurück. Diese Wehmut durchzieht den gesamten Film.

Interessant war bei der Berlin-Premiere, wie die schweizerische Vertreterin der Produktionsfirma auch nicht umhin konnte, den Film in die aktuelle Debatte einzubetten. Ihrer Meinung nach illustriere der Film, wie offen und tolerant die Schweiz (stellvertretend für andere Länder Europas) mit geflüchteten Menschen umgehe und warb dafür, dass sie sich diese Haltung bewahren sollten. Es war gut zu sehen, dass der Regisseur zumindest am Rande den latenten Rassismus der Aufnahmegesellschaften und die schwierige "Assimilation" in diesen thematisierte und so die sicherlich gut gemeinten, aber nur zum Teil der Realität entsprechenden Worte relativierte. 

Iraqi Odyssey lebt von den Interviews seiner Protagonisten, deren Lebenswege den Film über die gesamten 163 Minuten tragen (die normale Kinoversion wird mit 96 Minuten deutlich kürzer sein).   



Kombiniert mit vielen zeitgenössischen Archivaufnahmen entsteht so ein plastisches Bildes des Irak, das weit über Kriege und Krisen hinausreicht (auch wenn diese sicherlich das Tempo und den Rahmen für die Entwicklung des Landes vorgegeben haben) und zeigt, dass die Welt facettenreicher ist als wir sie normalerweise wahrnehmen. 

Einer der Onkel des Regisseurs, Jamal, der bis heute an die Ideale der kommunistischen Revolution glaubt und mit bewundernswerter und dennoch tragischer Gleichmut diese Werte verteidigt, erzählt von seiner Flucht nach Moskau, von seiner großen Liebe, die ihn später bei seiner Rückkehr begleitete und mit der heute wieder in der russischen Hauptstadt lebt. Er musste mit ansehen, wie die Führung der Sowjetunion die verbündeten Kräfte der Revolution von 1958 verriet und den Boden für die folgenden Diktaturen bereitete. 

Da ist Onkel Sabah, der Augenarzt, der gerne Geschichten erzählt und dessen ausgeschmückte Erzählungen ein ums andere Mal von seinen Verwandten ins rechte Licht gerückt werden müssen. Und der dennoch ebenfalls auf ein bemerkenswertes Leben zurückblicken kann, der in Kuweit verhaftet wurde, in Westdeutschland arbeitete und nun in London lebt.

Auch die Geschichte des Vaters von Samir, der in der Schweiz nie richtig heimisch wurde und nach Jahren in den Irak zurückkehrte, endet tragisch. Der verheerende Krieg mit dem Nachbarn Iran, der eine Millionen Menschen das Leben kostete, holt den Rückkehrer ein und zerstört die in der Diaspora ersehnte Idylle. 

Die junge Halbschwester Souhair ist die jüngte Stimme der vorgestellten Familienmitglieder. Sie lebte bis vor wenigen Jahren in Bagdad und musste als Jugendliche mit ansehen, wie das Land nach 2003 in Chaos und Bürgerkrieg versank. Sie flüchtete in die USA und träumt dennoch täglich von einer Rückkehr. 

Es gibt nicht viele Filme, die es mit dieser Leichtigkeit schaffen einen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen und Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung aufzuarbeiten, ohne ein reines Werk der Krise zu sein. 

Die Beschäftigung mit dieser sensibel erzählten Familiengeschichte erlaubt einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und liefert einen sehenswerten Zugang zu einer Region, der in der aktuellen Betrachtung doch meist das Wort "Konflikt" vorangestellt wird.

Freitag, 20. November 2015

Bloße Empörung hilft nicht weiter

"Wer den Terror bekämpfen will, der muss verstehen: Man kann Terror nicht von Terror unterscheiden. Das war schon falsch nach 9/11, als Kommentatoren den kaltblütigen vielfachen Mord mit der Nahostpolitik der USA hinweg zu erklären versuchten. Das war falsch nach den Attentaten in Madrid und London, als der Irakkrieg als Erklärung herhalten musste. Das ist falsch in Paris und ebenso falsch in Tel Aviv und Jerusalem. Man kann die Nahostpolitik der Amerikaner für ebenso falsch halten wie den Irakkrieg oder die israelische Siedlungspolitik. Doch nichts rechtfertigt den Mord an Zivilisten. Nirgendwo.

Wollen wir Freiheit und Sicherheit bewahren, dann brauchen wir für die Bekämpfung des Terrors diese analytische und moralische Klarheit."

 Trauernde am Place de la République am 19. November. Foto: sébastien amiet;l, via flickr.com.

Das schreibt Judith Hart im Cicero. Schade. Sie analysiert in ihrem Kommentar zwei Dimensionen auf eine Art und Weise , dass am Schluss bloßer Betroffenheitsbrei übrig bleibt. Und das obwohl von ihr "analytische und moralische Klarheit" gefordert werden . Es ist richtig Terrorakte zu verurteilen. Es ist jedoch fahrlässig jegliche Frage nach möglichen Hintergründen von Terroranschlägen als Rechtfertigung für (Massen-)mord zu betrachten oder die Suche nach Kausalzusammenhängen als Legitimierung von Terror zu diffamieren.

Oper in Sydney: Ausdruck der Solidarität. Foto: Clint Budd, via flickr.com.

Wer den Umgang mit militanten Gruppen in Afghanistan und Pakistan nicht mit 9/11 in Verbindung bringt, wer das entstandene Machtvakuum im Irak (nun aber auch z.B. im Jemen, in Syrien, in Libyen oder in Somalia aufzufinden) nicht als gefährliche Existengrundlage terroristischer Gruppen begreift, wer den Verlauf des Konflikts mit den Palästinensern nicht als Bedrohung für Israel ansieht, der bleibt bei der Betrachtung des bloßen singulären Ereignisses stehen und vermag nicht viel mehr als Betroffenheit, Trauer, Wut und Angst auszudrücken. Diese Reaktionen haben ihre Berechtigung, helfen aber nicht bei der Bekämpfung des Terrors.

Dienstag, 17. November 2015

Opferzahlen zu ISIS

Immer wieder wird die Frage nach der Zahl der Opfer durch den Islamischen Staat gestellt. Schon im vergangenen Herbst wurde davon ausgegangen, dass mehr als 5.000 Menschen einer längeren Offensive der militanten Gruppe zum Opfer fielen. Unterschiedliche Zählweisen und große Unsicherheiten bei den Quellen über Massaker oder Kampfhandlungen führen dabei jedoch zu nur teilweise belastbaren Zahlen. Aktuellere Berichte gehen davon aus, dass mehr als 10.000 Menschen seit Juni 2014 durch ISIS (bei Exekutionen) getötet wurden.

Insgesamt dürften es also weit mehr Tote sein. So hieß es zum Beispiel in einem UN-Bericht, der den Zeitraum von Januar bis August 2014 abdeckte, dass im Irak mindestens 9.347 Zivilisten getötet und  17.386 verwundet wurden. Die Toten konnten nicht alle ISIS zugeordnet werden, es hieß jedoch, dass "ISIS als der Hauptverantwortliche identifiziert  wurde". The Daily Beast titelte schon im vergangenen Jahr: "ISIS Fighters Are Killing Faster than Statisticians Can Count". Der Artikel verdeutlicht aber vor allem die grundlegenden Probleme bei der Zählung von Opfern in Kriegsgebieten. 

Auch ein Feature der New York Times zeigt, dass von mehr als 200.000 Toten in Syrien nur etwa knapp die Hälfte zugeordnet werden konnte.   

Die Bestimmung der Zahl getöteter ISIS-Kämpfer ist genauso schwierig. 10.000 sollen es zwischen Herbst 2014 und Sommer 2015 innerhalb von neun Monaten gewesen sein. Anfang Oktober wurde die Zahl dann nach oben angepasst. 20.000 ISIS-Kämpfer sollen innerhalb eines Jahres durch die Koalitionskräfte v.a. mit Luftschlägen getötet worden sein. Hier zeigt sich, dass die gute alte Strategie des body count als Indikator für militärischen Erfolg keineswegs ausgedient hat (obwohl den meisten Akteuren sicherlich bewusst ist, wie wenig die Statistiken aussagen). Entweder stimmen die Zahlen nicht, die Stärke des Islamischen Staats wurde massiv unterschätzt, oder die Gruppe hat beeindruckende Rekrutierungsfähigkeiten, um solche Verluste 1:1 kompensieren zu können.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Warum Waffenlieferungen an die Kurden Ausdruck der Hilflosigkeit sind

Aktuelle Online-Publikationen verweisen ja gerne auf ihre Artikel in Fragen-Form. So auch beim SZ-Kommentar "Waffenlieferungen an die Kurden? Ja bitte!" mit dem Verweis "Warum Waffenlieferungen an die Kurden richtig sind". Der Artikel selbst - mutmaßlich kann er gar nichts dafür - folgt diesem Muster nur bedingt und ist weniger klar und platt als der Verweis und die Überschrift suggerieren. 

Die Flagge der Autonomen Region Kurdistans weht in der Hauptstadt Erbil. Photo Credits: Mustafa Khayat, via flickr.com

Dennoch schreibt Joachim Käppner Sätze, die zum Widerspruch auffordern. 
Im Verhältnis zur Bevölkerung dieses Gebiets wurden dort weit mehr Flüchtlinge aufgenommen als selbst in Deutschland.
Es geht um die kurdische Autonomieregion im Nordirak. In der leben tatsächlich viele Flüchtlinge. Käppner hat also Recht und vielleicht ist der Einwand auch kleinkariert, aber es gibt sehr viele Gebiete und Staaten, die mehr Flüchtlinge als Deutschland im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl aufgenommen haben. 2014 waren es in Europa zum Beispiel Schweden, Ungarn, Österreich, Malta, die Schweiz, Dänemark oder Norwegen, die mehr Asylbewerber aufnahmen. Weltweit reicht es bei Flüchtlingen für Deutschland nicht für die Topp 10, da waren der Libanon, Jordanien, der Tschad oder auch die Türkei deutlich weiter vorne. Warum dann die Formulierung "als selbst in Deutschland"? Weder ergibt sich aus der Aufnahme vieler Flüchtlinge eine besondere moralische Überlegenheit (denn es ist die Gewährung eines Menschenrechts), noch sollte suggeriert werden, dass niemand mehr Flüchtlinge aufnimmt als Deutschland. Das ist einfach falsch. Weiter heißt es:
Die Lieferung dieser Waffen an die Verteidiger Kurdistans ist alles andere als eine Militarisierung der Außenpolitik, wie Kritiker leichtfertig behaupten. Die irakischen Peschmerga haben in ihren Bergen vielen Eroberern widerstanden, selbst dem mörderischen Diktator Saddam Hussein, der ihre Dörfer mit Giftgas beschießen ließ.[...] Die Waffenlieferungen sind eine Nothilfe an die Bedrängten, wie sie etwa in den Dreißigerjahren die demokratischen Mächte Europas den Verteidigern der spanischen Republik gegen die Francofaschisten verweigerten.
Vergleiche in diesem Bereich sind immer schwierig, gerade über einen Zeitraum von fast 100 Jahren hinweg. Waffen sind aber immer Ausdruck einer Militarisierung. Dies kann und sollte auch völlig neutral so genannt werden. Waffenlieferungen gehen zu Lasten ziviler Konfiktbearbeitung und diplomatischer Bemühungen. Sie stehen (hoffentlich) am Ende einer langen Reihe von (fehlenden oder fehlgeschlagenen) Anstrengungen der Konfliktbearbeitung. Letztlich ist es ein Versagen der Außen- und Sicherheitspolitik, wenn Entwicklungen, die nicht erst seit gestern offenbar sind und selbst wenn sie in dieser radikalen und grausamen Form wie die der IS-Milizen daherkommen, nur noch mit der Lieferung von Waffen adressiert werden können.
Die Waffen stammen aus älteren Bundeswehrbeständen, die Kurden zahlen nicht dafür; insofern hat dies nichts mit der üblichen Politik des profitablen Waffenexportes zu tun.
Käppner vergleicht die Lieferungen mit dem Verkauf von Leopard 2-Panzern an Katar und hat völlig Recht, dass dieser eine andere Qualität und einen anderen Umfang hat. Aber Waffen werden produziert und verkauft, nun besteht eben wieder Bedarf "leer geräumte" Bundeswehrlager aufzufüllen und das mit Nachschub auf dem entsprechendem Stand der Technik. Insofern treibt die Proliferation und der Gebrauch von Waffen die Nachfrage, daran lässt sich leider nichts ändern. 
Die Waffenhilfe für die Kurden hat aber einen politischen Preis. Die Empfänger sind in Fraktionen zerstritten, die prowestlichen irakischen Kurden zudem tendenziell verfeindet mit der linken türkisch-syrischen PKK. Niemand kann garantieren, dass nicht Waffen in falsche Hände geraten.

Gut möglich auch, dass die Waffen einen Prozess vorantreiben, vor dem von der Leyen ausdrücklich warnte: den Zerfall des Staates Irak, indem sich das ölreiche Herrschaftsgebiet der Kurden von ihm löst. Berlin möchte das nicht, schon aus Rücksicht auf andere Staaten mit kurdischen Minderheiten: die Türkei, Iran, von Syrien ganz abgesehen. Das sind die Risiken der Militärhilfe. Aber sie ist allemal besser, als einfach wegzusehen, wenn ein Volk um sein Leben kämpft.
Ein guter Punkt des Kommentars. Allerdings bleibt es eine Randnotiz und läuft unter "Da kann man eben nichts machen". Es ist kein Argument es zu unterlassen oder Dinge grundsätzlich zu überdenken. Die Bewertung mag hier wahnsinnig schwierig sein, doch sollte immer klar sein, dass es ja nicht immer um Notsituationen geht und dass diese Situationen nicht aus dem Nichts entstehen. Sie sind die Folge eines langen Desinteresses und des Verfolgens eigener Interessen ohne einem Verständnis dafür, dass geostrategische Zusammenhänge zumeist komplexer sind als sie sich zunächst darstellen und eigene Handlungen unbeabsichtigte Folgen haben. 

Der Zerfall des Irak und die Spannungen waren in den vergangenen zehn Jahren ein Randthema, viele Akteure wollten sich einfach auf die Zusicherungen und die Mission accomplished-Haltung verlassen. Doch diese waren von Anfang falsch.

Der Kommentar hat sicherlich einige gute Punkte, aber zu sehr verfällt er in die Wahrnehmung, dass man eben hilflos angesichts solcher Entwicklungen und Militärhilfe in diesem Rahmen damit ein notwendiger, ja gar humanitärer Akt sei. Dies verkürzt die zeitliche und die politische Dimension erheblich und verkennt Ursachen und Wirkungen. Damit versperrt eine solche Wahrenehmung den Weg zu einer vorausausschauenderen Außen- und Sicherheitspolitik, die Waffenlieferungen als Ausdruck des eigenen Scheiterns und nicht als legitimes Mittel begreift.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Iraqi Odyssey: Alles hätte ganz anders sein können...

"Als ich geboren wurde, war die Welt noch in Ordnung." Vielen Menschen werden solche Worte in den Mund gelegt, oder sprechen sie selbst aus. Doch für Menschen, die im Irak geboren wurden oder deren Familien dort vor mehr als 50 Jahren lebten, klingt solch ein Satz wahrer als für die Meisten.

Wenn wir "Irak" hören, dann kommen einem sofort die Bilder von US-Soldaten, von Saddam Hussein und Selbstmordanschlägen in den Sinn. Dann denken wir an Milizen, die sich in Stadtvierteln gegenseitig bekriegen und an eine Zivilbevölkerung, die sich anhand religiöser Linien gespalten hat und unter dem ISIS-Terror leidet. 

Gestern wurden im Land 71 Menschen getötet. Am Dienstag waren es 42. Mehr als 220.000 Opfer gab es wohl seit dem Einmarsch von US-Truppen 2003. Im ersten Golfkrieg vor 25 Jahren waren es vermutlich weit über 300.000 Menschen, wenige Jahre später waren es im Zweiten etwa 50.000 Tote. 

Es ist nicht allzulange her, da war der Irak ein Land im Aufbrauch. Der Film Iraqi Odyssey erzählt die Geschichte einer irakischen Großfamilie, aus der bürgerlichen Mittelklasse stammt. Deren Mitglieder verließen seit den 50er Jahren nach und nach alle das Land und verstreuten sich über die ganze Welt. In Iraqi Odyssey richten sie ihren Blick auf ihre ehemalige Heimat.



Vor etwas mehr als 50 Jahren schien der Irak auf der Schwelle zu einer modernen und säkularen Gesellschaft zu stehen, auch wenn viele Konflikte bereits damals brodelten. Die ganze Region war dennoch auf dem Sprung in die Moderne, doch unter anderem der Einfluß geopolitischer Interessen machte dem ein Ende. Heute ist die Region ein Kriegsgebiet, die staatliche Ordnung weitgehend in Auflösung, Millionen Menschen auf der Flucht.

Junge Männer wurden damals ins Ausland geschickt um zu studieren und zurückzukehren. Doch ihr Plan zerschlug sich in politischen Wirren und Aufständen. So kam alles anders... 

Über vier Millionen Iraker kehrten in dieser Zeit nicht zurück, lebten ihr neues Leben im Ausland und blickten doch immer mit Wehmut zurück. Diese Wehmut durchzieht den gesamten Film.

Aus der offiziellen Beschreibung:
Der Film zeigt, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Er lässt uns die Region, die Menschen, ihre Kultur, aber auch ihre aktuellen Konflikte und unsere Verantwortung dafür mit völlig neuen Augen sehen. Deshalb ist IRAQI ODYSSEY gerade jetzt ein so wichtiger, hoffnungsvoller Beitrag zur öffentlich geführten Diskussion um die Themen Migration, Einwanderung und Miteinander der Kulturen in Deutschland. Darüber hinaus ist er faszinierende Unterhaltung, packend, dramatisch, spannend und nicht zuletzt auch mit Humor erzählt.

Der Film ist der Beitrag der Schweiz für die kommenden Oscar-Verleihungen. Aus diesem Grund wird er auch erst ab dem 14. Januar 2016 in die deutschen Kinos kommen. Der Regisseur Samir verbindet mit seinem Film ein persönliches Anliegen und viele Iraker, die diesen Film sahen, wurden an ihre eigene Geschichte erinnert. Samir rief dazu auf die eigenen Geschichten mit der Welt zu teilen - die Geschichten eines vergessenen Irak:


Es gibt nicht viele Filme, die es mit dieser Leichtigkeit schaffen einen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen und Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung aufzuarbeiten, ohne ein reines Werk der Krise zu sein. 

Die Beschäftigung mit dieser sensibel erzählten Familiengeschichte erlaubt einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und liefert einen sehenswerten Zugang zu einer Region, der in der aktuellen Betrachtung doch meist das Wort "Konflikt" vorangestellt wird.

Samstag, 18. April 2015

Mehr als 25.000 Kämpfer aus mehr als 100 Ländern schließen sich Dschihad an - Analyse der Ursachen kommt zu kurz

Nach neuesten Angaben haben sich seit Mitte 2014 mehr als 25.000 Männer und Frauen aus mehr als 100 Ländern zumeist militanten Gruppen im Irak, Syrien und Afghanistan angeschlossen. Dabei werden folgende (korrekte) Zahlen zitiert:

- Frankreich: 1.200 Personen
- Großbritannien: 500-600 Personen
- Deutschland: 500-600 Personen
- USA: ca. 100 Personen


Trotz dieser beunruhigenden Zahlen und individuell verstörenden Biographien macht diese Statistik auch klar, dass der Großteil der rekrutierten Kämpferinnen und Kämpfer aus der umkämpften Region stammt. Die meisten sog. "Dschihadisten" sind also aus dem Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika. 

Es ist ähnlich wie bei der Migration. Grundsätzlich geben die gestiegenen Zahlen bei uns einen Hinweis auf eine äußerst problematische Entwicklung und komplexe Ursachen, die sich auch hier spürbar auswirkt. Doch sie müssen in dem Kontext interpretiert werden, dass in der MENA-Region mehr als sechs Millionen Menschen auf der Flucht sind, zählt man die fünf Millionen palästinensischen Flüchtlinge hinzu, sind es mehr als zehn Millionen Menschen. Trotz aller Probleme hier, wir werden nur am Rande mit dem wahren Ausmaß tangiert. 

So ist es auch bei den ausländischen Kämpfern. Die Zahlen sind bedenklich, aber 90 Prozent der Menschen, die sich dem bewaffneten Kampf anschließen stammen aus nicht-westlichen Ländern. Vor allem darf der Fokus auf das rein quantitative Ausmaß nicht den Blick auf die Ursachen verstellen. Dazu einige Aussagen des Kulturtheoretikers Klaus Theweleit in einem aktuellen Interview mit der Zeitschrift "Das Milieu". Sie mögen naiv wirken, aber vielleicht sind sie deswegen erfrischender als die ständige Analyse von Zahlen und Bedrohungslage:
DAS MILIEU: Welche Rolle spielt die Ideologie bei der Rechtfertigung ihrer Taten?
Theweleit: Die jeweils herbeizitierten Ideologien erfüllen vor allem den Zweck, dass der einzelne Täter oder der Täterverbund sich als »schuldlos« empfinden kann. Man handelt im Namen einer höheren Religion, einer höheren Rasse etc., die einen zum Töten beauftragen. Ob man das im Namen des Islam tut oder im Namen des Christentums, im Namen einer überlegenen Arierrasse, im Namen einer überlegenen politischen »Klasse« oder im Namen einer überlegenen Hautfarbe: das ist austauschbar. Die Tötungslust ist unabhängig davon da.
DAS MILIEU: Wie geht man nun mit dieser Herausforderung einer mordlüsternen Bande um? Wie könnte man Ihrer Meinung nach dem islamistischen Terror den Nährboden entziehen und ihre Strategien unschädlich machen?

Theweleit: In den im Nahem Osten entstandenen Machtvakuen, wo der IS herrscht, wird es nur militärisch gehen. Das müssen aber die dortigen Einwohner bewerkstelligen, nicht der »Westen«, dem es dort vorwiegend um Öl geht und nicht um die (angebliche) »Demokratisierung«, die man von außen nicht verordnen kann. Bei uns, in den westlichen Ländern, geht es darum, soziale Bedingungen zu schaffen, in denen sich die Fremden hier, insbesondere die hier geborenen Kinder aus kulturell/religiös gemischten Familien, nicht ausgegrenzt fühlen, sondern Lebensperspektiven bekommen, die »ihr Herz höher schlagen lassen«; die ihre Lust, hier zu leben, befördern. Pegida ist das reine Gift dagegen: erzeugt ganz direkt Terrorpotentiale.

Montag, 9. Februar 2015

Neue Zahlen zu ISIS: Luftangriffe töten etwa 7.000 Kämpfer

Schon wieder neue Zahlen zum Thema ISIS. Diesmal verkündet durch Jordanien. Offizielle gaben an, dass seit Ende September die Luftschläge der Koalition u.a. bestehend aus Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA etwa 7.000 ISIS-Kämpfer getötet habe.
Nach der Verbrennung eines jordanischen Kampfpiloten kündigten die Verantwortlichen eine harte Reaktion an. Dabei gaben Sie sich mit der bisherigen Offensive zufrieden und machten deutlich, dass ein Ende der Angriffe nicht absehbar sei: “And this is not the end. This is the beginning.” Mit den aktuellen Anstrengungen soll etwa ein Fünftel der Waffen der Militanten vernichtet worden sein.

Eine Gesamtrechnung aus den unterschiedlichen Quellen bleibt schwierig. Das syrische Militär will mehr als 5.000 Kämpfer innerhalb von drei Monaten getötet haben. An anderer Stelle sollen mehr als 1.000 ISIS-Mitglieder bei der Schlacht um Kobane gefallen sein, zusätzlich etwa 450 kurdische Kämpfer und mehr als 30 Zivilisten.

Addiert man die Angaben der vergangenen Monate zusammen, so lautet die äußerst konservative Schätzung, dass mindestens 12.000 ISIS-Kämpfer und mindestens 10.000 Zivilisten getötet wurden. 

Freitag, 26. Dezember 2014

ISIS: Mehr als 6.000 Tote in drei Monaten

An dieser Stelle wurde schon mehrmals versucht, die Opferzahlen durch und auf Seiten von ISIS zu veröffentlichen. Die Zahlen legten nahe, dass von mehr als 10.000 Toten auf beiden Seiten, im Irak und in Syrien, von Kämpfern, Sicherheitskräften und Zivilisten, seit Beginn diesen Jahres ausgegangen werden muss. 

Explosionen sind nicht nur in der umkämpften Grenzstadt Kobane Alltag. Hier eine Aufnahme vom 8. Oktober 2014. Photo Credits: Karl-Ludwig Poggemann, via flickr.com

Nun gibt es neue Zahlen zu Syrien. Seit Beginn der Luftschläge der USA und von deren Partner, sollen mehr als 1.100 Kämpfer getötet worden sein. Hinzu kommen die Toten der Kämpfe am Boden. Eine Quelle der syrischen Armee gab an, dass die Streitkräfte des Regimes innerhalb von drei Monaten annähernd 5.000 ISIS-Kämpfer getötet hätten. Unter den Toten befinden sich naturgemäß zahlreiche Zivilisten. Die Vorwürfe zielen vor allem auf das syrische Regime, jedoch müssen auch die USA und ihre Verbündeten zivile Opfer in Kauf nehmen.

Allein am Donnerstag wurden mindestens 30 militante ISIS-Kämpfer getötet, drei kurdische Kämpfer verloren ebenfalls ihr Leben. Hinzu kamen 12 Tote durch Luftschläge. Die Zahlen geben eine kleine Ahnung der Dimension des täglichen Verlusts an Menschenleben in Syrien und im Irak - und über die Stärke von ISIS.

Montag, 3. November 2014

Neue ISIS-Opferzahlen - mehr als 1.000 zivile Tote im Oktober in Syrien

Trotz der militärischen Erfolge gegen die Militanten des Islamischen Staates, bleibt die Zahl der Opfer durch ISIS unvermindert hoch. Ein aktueller UN-Bericht geht von mindestens 10.000 zivilen Toten und 17.000 Verwundeten aus seit Anfang des Jahres aus. Dies sind aber nur die Fälle, die dokumentiert werden konnten und beziehen sich nur auf den Irak. Dies bestätigt die Einschätzung, dass weit mehr als 10.000 Tote zu beklagen sind, rechnet man Syrien hinzu. Ungezählt bleiben auch die Opfer auf Seiten von ISIS (zur Einordnung: nur heute am 3.11. wurden ca. 60 Kämpfer nahe Tikrit getötet). Realistisch dürfte so die Zahl von 20.000 Opfer durch und von ISIS sein. Ein Bericht von Human Rights Watch zeigt zudem, dass Massaker oft erst sehr viel später detailliert untersucht werden können. So wurden im Juni nach HRW-Angaben etwa 600 Schiiten durch ISIS-Kämpfer exekutiert.



In Syrien wurden im Oktober nach unterschiedlichen Angaben mindestens 1.000 Zivilisten Opfer von ISIS, insgesamt wurden in Syrien vermutlich mehr als 5.700 Menschen getötet. Am vergangenen Donnerstag, den 30.10. sollen an einzigem Tag mehr als 200 Menschen getötet worden sein.