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Dienstag, 18. Februar 2020

Überwachungskapitalismus: It's really this generation's 'Das Kapital'


Die Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff stellt viele Fragen. Grundlegende Fragen

"Erhebungen und Analysen von Daten verändern die Funktionsweise von Wirtschaft. Aber sind diese Veränderungen so grundlegend, dass sie zur Entstehung einer neuen Form des Kapitalismus geführt haben – dem Überwachungskapitalismus? 

Wenn das Verhalten von Menschen immer transparenter wird, welche Bedeutung kommt Vertrauen dann zu? 

Sind Individuen nur ein Anhängsel der digitalen Maschine, Objekte neuer Mechanismen, die nach den Bestimmungen des Privatkapitals belohnen und bestrafen? 

Wie wirkt sich der soziale Zusammenhalt aus, wenn Menschen als Arbeitskräfte überflüssig werden, während ihre Daten weiterhin als Wert-Quelle in lukrativen neuen Märkten fungieren, die mit Prognosen des menschlichen Verhaltens handeln? 

Wie können wir das kontrollieren, was wir noch nicht verstehen?"

Und versucht sich einige Antworten hinsichtlich der Zukunft des Menschen als Individuum und der Gesellschaft an sich zu formulieren: 


Freitag, 27. April 2018

Das Märchen vom kritischen digitalen Konsum

Der sogenannte Datenskandal bei und um Facebook klingt nur langsam ab. Dennoch sehen manche BeobachterInnen negative Folgen für das Unternehmen, gar eine Bedrohung der Existenz. Denn 90 Prozent der Menschen trauen Facebook nicht, jedoch: "Persönliche Konsequenzen ziehen daraus aber nur wenige Nutzer: Gerade einmal 2 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook aufgrund des Datenskandals gar nicht mehr, 12 Prozent gaben an, die Nutzung von Facebook einzuschränken. 27 Prozent wollen das Netzwerk unverändert weiter nutzen, 59 Prozent der befragten Internetnutzer nutzen Facebook ohnehin nicht." Echte wirtschaftliche Konsequenzen sind also nicht in Sicht. Woher ich das weiß? Von einer Google-Suche.

In diesem einen Absatz zeigt sich das ganze Dilemma der durchschnittlichen InternetnutzerIn: Es gibt kaum einen Ausweg aus der Datenfalle. Bedroht ist man gerade laut der öffentlichen Debatte durch Facebook, doch ist das US-Unternehmen ja nur ein Akteur der "Internet Big Five". Sicherlich, der oben genannte Artikel hätte sich auch mit DuckDuckGo finden lassen. Ganz ohne Datenerhebung und Tracking. Doch stellt sich anhand dieses Beispiels die ganz grundsätzliche Frage, inwiefern verantwortungsvoller und kritischer Konsum im digitalen Raum möglich ist und wenn ja, ob er wirklich etwas verändern kann - auch für andere NutzerInnen.

Quelle: Screenshot sueddeutsche.de

Volker Bernhard scheint davon überzeugt zu sein, er schrieb vor einiger Zeit für die SZ folgende Zeilen über "bewussten Konsum im Netz":

Und dann liefert das Magazin Wired in seiner jüngsten Ausgabe eine Reportage mit gewaltiger Sprengkraft: Wer danach noch bei Facebook bleibt, ist selber schuld. Vielleicht aber taugt diese Ausgangssituation dazu, um eine Parallele zwischen der zarten ersten Digitalkrise und dem damaligen Bio-Erwachen zu ziehen. Könnten die aktuellen Fortschritte in der Wertschätzung von Bio-Produkten nicht auch als Blaupause für eine veränderte Konsumentenethik des Digitalen dienen?
Im Anschluss daran schildert er die Entwicklung von Bio-Läden, -Siegeln und die Entstehung einer breiten Bevölkerungsschicht, die Bio-Produkte und ökologische Erzeugnisse konsumiere. Dann schlägt er die Brücke zu Posteo oder Mailbox.org. Alles gut also? Das wird schon? Es braucht eben Zeit, bis sich ein Konsum, der nicht zerstörerisch wirkt (in diesem Fall für die Privatsphäre), entwickelt?


Die NutzerInnen als Superhelden der digitalen Welt, die mit ihren Konsumentscheidungen deren Struktur und Funktionsweise verändern? Quelle: alan9187

Schaut man auf unsere Ernährung löst sich allerdings schon die Ausgangsthese in Luft auf: Je nach Statistik schwanken die Zahlen leicht, doch wir reden heute über einen Bio-Anteil an den Gesamtverkaufserlösen aus der Landwirtschaft von fünf Prozent. Bei Eiern liegt der etwas Anteil höher, bei knapp zehn Prozent. Einem Produkt, das über lange Zeit Aushängeschild und exemplarisches Beispiel für bessere Bedingungen war und heute noch ist. Und zudem mit allerlei Skandalen zu kämpfen hatte. Doch trotz "Bio-Boom" und "Öko-Lifystyle" ist die nachhaltige und ökologisch verträgliche Erzeugung von Lebensmitteln ganz offenkundig ein Nischenmarkt. Fast 50 Jahre nach der Eröffnung der ersten Bio-Läden. Außerdem ist auch in der Bio-Landwirtschaft eine Flächenkonzentration zu beobachten, Ställe werden größer, der "Output" pro Betrieb steigt und entfernen sich - auch aus wirtschaftlichen Zwängen - weit vom Demeter-Gedanken.

Bernhard träumt in seinem Artikel davon, dass Facebook in naher Zukunft "dasselbe Ansehen wie zuletzt die Drogeriekette Schlecker" genießen könnte. Ein Schmuddelimage also, das am Ende das Ende des Unternehmens bedeutete (doch das beendete natürlich weder den Preiskampf noch die schlechten Arbeitsbedingungen in der Drogeriebranche). Auch die neue Datenschutzgrundverordnung könnte das Geschäftsmodell einschränken. Doch aktuell sind dies die Schlagzeilen:


Facebook: 49 Prozent mehr Umsatz trotz Datenaffäre

Mehrzahl der deutschen Nutzer Facebook treu

Skandal! Welcher Skandal?

Vor allem geht es ja wie erwähnt nicht nur um Facebook. Die großen Spieler des Plattform-Kapitalismus haben die NutzerInnen in der digitalen Welt gemeinsam fest im Griff. Und sind bereit in jede Bresche zu springen. Ob Amazon, das mit Echo/Alexa nun aus Unternehmenssicht endlich Standortdaten erhält, oder Google, das ein Drittel der weltweiten Werbeeinnahmen im Online-Markt generiert und zu einem immer wichtigeren Partner von Behörden bei der Aufklärung von Straftaten wird - es gibt kaum ein Entkommen.

Tipps für VerbraucherInnen? "Durch Zweithandy möglichst wenig Daten preisgeben", heißt es zum Beispiel. Dies illustriert fast schon die gesamte Hilflosigkeit und fehlende politische Regulierung. Laut Bernhard gebe es aber "für die meisten Dienstleistungen großer Technologiekonzerne [...] datenschutzverträgliche Alternativen." Was fehle, seien "die Überzeugungstäter, die wie bei den Anfängen der Bioläden im Freundes- und Bekanntenkreis vielleicht etwas militant wirken, aber sachlich ihre Befürchtungen darlegen. Außerdem fehlt der digitalen Konsumentenethik ein positives Image, das Zeigefingerpädagogik in annehmbare Vorschläge verwandelt." 

Das ist schlicht nicht wahr. Es gibt keinen Cloud-Dienst, der NutzerInnen die vergleichbare Funktionalität von Google Photos bietet, sich europäischen Datenschutzregelungen unterwirft und gegen Bezahlung keine Daten erfasst. Es gibt keine Spracherkennung, die Open Source ähnlich mächtig agiert, wie die von Google, Apple oder Amazon, selbst wenn Mozilla mit "Common Voice" daran arbeitet. Und die "Überzeugungstäter" in Sachen Bio haben in 50 Jahren fünf Prozent Marktanteil erzeugt, wenn man es polemisch ausdrücken will.

So bleibt ein fader Beigeschmack bei der Diskussion um die Existenz und die Wirkungen des bewussten Konsums. So wird kritischer Konsum, wo es ihn denn tatsächlich gibt, meistens überschätzt bzw. die Schwierigkeiten bei der Umsetzung ausgeblendet. Das illustriert das Buch "Tomaten - Recherchen auf dem globalisierten Nahrungsmittelmarkt" von Annemieke Hendriks. Sie zeigt eindrucksvoll am Beispiel eines scheinbar so simplen "Produkts" wie der Tomate, wie schwierig es selbst für aufgeklärte und bewusste Menschen ist, "kritisch zu konsumieren". Hendriks schreibt gegen Ende: "Wer wirklich etwas für das Wohl der Erde tun möchte, der isst also am besten nur Saisontomaten aus unbeheiztem Anbau, bio oder nicht (beide haben ja Umweltvorteile), und besorgt sich diese mit dem Fahrrad."

Sehr viele Informationen sind also nötig, unzählige Faktoren müssen beachtet, teilweise sich widersprechende Wirkungen müssen in Einklang gebracht werden und am Ende hilft meist nur der Verzicht. Ganz abgesehen, dass man die wirtschaftlichen Voraussetzungen mitbringen muss. Keine massentaugliche Strategie, so scheint es. Überträgt man dies aufs Digitale wird man auch dort eine Mischung aus Überforderung und Unwillen der KonsumentInnen prognostizieren müssen. Die Wirtschaftswoche schreibt in einem aktuellen Artikel zu mehr Sicherheit im Umgang mit Künstlicher Intelligenz:
Erfolg werden solche Industrieinitiativen ohnehin nur haben, wenn sich auch alle Nutzer des Internets der Dinge der Risiken einer hochgradig vernetzten Welt bewusst sind. Wenn sie nicht länger auf ihren Smartphones Schnüffeldienste zulassen und über x-beliebige Apps Auskunft darüber geben, wo – auf den Meter genau – sie sich gerade befinden. Michael Kranawetter, Leiter der Abteilung Sicherheit bei Microsoft Deutschland, fordert mehr Aufklärung. Die meisten Leute wüssten schlicht nicht, wie wichtig es sein kann, mit Daten sparsam zu sein, und wie sie im Alltag weniger Datenspuren hinterlassen können. Daher sollten „Grundprinzipien der Programmierung Einzug in die Stundenpläne der Schulen erhalten“. In einer vernetzten Welt sei nur derjenige ein mündiger Bürger, der weiß, welche Spuren er hinterlasse – und der verbergen könne, mit wem er wo zu Abend isst.
Die BürgerInnen werden also in Haftung genommen - damit freiwillige Unternehmensselbstverpflichtungen Wirkung zeigen können. Verpflichtungen, die maximal den kleinsten gemeinsamen Nenner zum Gegenstand haben. 

An dieser Stelle könnte man abwinken und das Konzept des kritischen Konsums für gescheitert erklären. Doch auch das greift zu kurz, in einer modernen Gesellschaft ist es durchaus in Ordnung die BürgerInnen an ihre eigene Verantwortung zu erinnern und sie dabei zu unterstützen dieser nachkommen zu können. Entwicklungsminister Gerd Müller hat gegenwärtig mal wieder den "Grünen Knopf" angekündigt. Ab 2019 soll das ein Siegel sein, bei dem man "zu 100 Prozent" sicher sein könne, dass die Kleidung fair produziert wurde. Das wäre ein guter und wichtiger Schritt. Aber die Ankündigung ist nicht neu und ohne gesetzliche Verpflichtung scheinen auch diesmal viele bzw. die meisten Hersteller nicht mitmachen zu wollen. Es ist wie bei der Ernährung: Bio ist gut und schön, doch ohne politische Vorgaben wird sich substantiell wenig an der Erzeugung von Lebensmitteln ändern.

Wieder aufs Digitale übertragen: Die Daten der Menschen lassen sich nicht durch Selbstverpflichtungen oder geändertes Nutzungsverhalten Einzelner schützen. Eine politische Regulierung muss her. Auch die Bloggerin und Netzexpertin Katharina Nocun kommt nach einem Selbstversuch mit Amazon, bei dem sie ihre dort gespeicherten Daten anforderte, zum Schluss:
Mehr Transparenz in Bezug auf Datensammlungen reicht deshalb nicht aus. Es braucht verbindliche Löschfristen und klare Verbote für Überwachung in besonders sensiblen Bereichen. Nutzer sollten zudem bei jedem Anbieter die Möglichkeit haben, auch "inkognito" zu recherchieren. Wenn die Politik keine Leitplanken einzieht, werden wir alle unweigerlich zu gläsernen Kunden.
Doch im digitalen Raum haben wie erwähnt auch staatliche Akteure Interessen, die über den Schutz der KonsumentInnen-Anliegen hinausgehen:
Der Hamburger Kriminologe Nils Zurawski befürchtet eine Vermengung von staatlichen und privaten Interessen durch die Kooperation von Tech-Konzernen und Strafverfolgungsbehörden. Im Interview sagt er: "Da Google und auch andere digitale Medien und Dienste zu unserem Alltag gehören, und wir allerlei Dinge damit tun, wäre die generelle Auskunft über unsere Aktivitäten eine Totalüberwachung. Das ist praktisch schon der Fall, wenn man bedenkt, dass alles, was wir tun, in irgendeiner Weise aufgezeichnet wird."
Die schon heute große Macht der Technologie-Konzerne,die Verlockungen der Datenerfassung für staatliche Stellen und naive Sichtweisen wie "Facebook wird das neue Schlecker", lassen demnach Schlimmes befürchten. Jedoch ist es nie zu spät, wirtschaftliche Interessen einzuhegen. Dazu braucht es nur eine Debatte, was denn gesellschaftliche Werte, die als unbedingt schützenswert erachtet werden, sind. Auch die diesjährige re:publica 18 fragt:
In welche Richtung entwickeln sich international Digital Democracy und Open Data-Ansätze? Und welche sozialen und legislativen Begleitprozesse braucht die immer stärker fortschreitende Automatisierung? Wo der menschliche Verstand zu versagen scheint, halten dort die Versprechen der Auslagerung von Prozessen in die “unbestechliche” Blockchain?
Und den politischen Willen, der bei den meisten Fragen (noch) fehlt und nur durch öffentlichen Druck verändert werden kann. 

Dort - im Rahmen eines ausgehandelten und regulierten digitalen Raums, wo kritischer Konsum kein Ausstieg bedeutet und für alle möglich ist - dürfen dann auch die NutzerInnen herausfordernd gefragt werden: "Ey, was treibst Du denn da eigentlich mit Deinen Daten?"  

Dienstag, 6. März 2018

Big Data und Demokratie: Recht auf ein analoges Leben?

Eric Schmidt von Google hat eine klare Meinung: "Jeder darf von jedem alles wissen." Wer mit diesem Wissen Geld verdient, kann natürlich kaum zu einem anderen Schluss kommen. Für alle anderen stellt sich die Frage, inwiefern die massenhafte Erfassung, Verarbeitung und analytische Nutzung von Daten im eigenen Interesse ist und welche Auswirkungen das für eine Demokratie nach sich ziehen kann. Fukami, Mitglied im Chaos Computer Club (CCC e.V.), kommt zu einem eindeutigen Urteil:
Schreitet diese Tendenz so voran, muss man sich über eines im Klaren sein: Menschen, die die Kontrolle über die eigene Zukunft nicht verlieren möchten, werden nicht umhin kommen, sich bereits früh in ihrem Leben angepasst und möglichst unauffällig zu verhalten. Für eine Demokratie, die von der Offenheit und der Möglichkeit zur freien Entscheidung und Entfaltung lebt, ist ein Konflikt entstanden, dem Bürger, aber genauso der Gesetzgeber mittlerweile ziemlich hilflos gegenüber zu stehen scheinen. Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie jedenfalls als eine der beiden folgenden Gruppen in die Geschichtsbücher eingehen: Entweder als die erste Generation, die die Kontrolle verloren hat. Oder Ihr Leben wird als museale Attraktion betrachtet, die zeigt, wie leichtsinnig damals mit personenbezogenen Daten umgegangen wurde.
Im Rahmen der Bonner Gespräche 2018 wurde das Thema mit Hinblick auf die Möglichkeiten der politischen Bildung Einfluss zu nehmen diskutiert. Denn nur wer überhaupt über das entsprechende Wissen verfügt und das Geschäftsgebaren großer Unternehmen und Interessen staatlicher Stellen Bescheid weiß, kann die aktuellen Entwicklungen zu Big Data einordnen. Im Folgenden ein paar Eindrücke der Fachtagung:
















Gemeinsam ist allen Vorträgen, dass sie keinesfalls die technologische Entwicklung an sich kritisieren, sondern eine aktive Mitgestaltung der Gesellschaft fordern. Diese Forderungen gehen dabei über das simple "Die Politik ist in der Pflicht" hinaus, da Regulierung immer (oder meistens) erst im Nachhinein erfolgen kann. Genauso wenig sollen Politik und Verwaltung aber aus der Pflicht entlassen und alles auf die individuelle Ebene verlagert werden. Denn ähnlich wie beim Konsum, geraten hier die eigenen Handlungen schnell in Konflikt mit der Marktmacht von Unternehmen, mangelnden Alternativen und ganz schlicht, der eigenen Faulheit datensparsam zu leben. Denn bei dieser Frage wirken Plastikfasten, also die Vermeidung von Plastikmüll, oder der Verzicht auf Lebensmittel, die weit entfernt vom eigenen Wohnort produziert werden, wie ein Spaziergang.

Hinweis: Sobald die Videos der Veranstaltungsdoku online sind, wird hier der Link veröffentlicht.

Samstag, 28. Januar 2017

Auf einen Kaffee in die Filterblase

Hasskommentare und Filterblasen zu beklagen, ist ja so was von 2016 möchte man meinen. Offenbar ist es aber einfach ein Zustand, an den man sich gewöhnen sollte. Warum, das hat zum Beispiel Evgeny Morozov aufgeschrieben, Mario Sixtus sieht das ein wenig anders, hat aber auch gute Argumente.

Um das Ganze nicht zu theoretisch werden zu lassen und nachzusehen, worüber man denn da redet, reicht es die ausgetretenen Twitterpfade zu verlassen und sich einfach fallen zu lassen. In einen Teil der virtuellen Welt, der meinungsstark und hochpolitisch ist, dabei aber von Menschen bevölkert wird, die sich selbst als unpolitisch und ihre Meinung als gesellschaftlichen Minimalkonsens ansehen. Und die eine Art der Debatte prägen, die - hmm, sagen wir, die manchmal ratlos macht.

Da ist der "kleine Bürger", der eben mal per Tweet deutlich machen will, dass er mit "alldem" nicht einverstanden ist. Da sind Journalisten und Journalistinnen, die dafür retweetfähiges Material liefern und das auf eine Art und Weise, die kaum druckfähig wäre. Aber auch Politiker und Politikerinnen mögen da nicht zurückstehen, schließlich winken Reichweite und Aufmerksamkeit.

Also einen Kaffee eingeschenkt und auf in die Blase. Oder erst einmal hinaus, schließlich geben UNHCR, pri.org oder AdK-Berlin die eigene Richtung vor. Spoiler: Die Kommentarsektionen bei SPON oder ZEIT sind das reinste Vergnügen dagegen. Denn Meinungsstärke heißt hier zumeist: offensive Polemik, Vernachlässigung von Fakten und rücksichtslose Pflege des eigenen Weltbilds.

Katrin Albsteiger (CSU) ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages und eine der vier stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jungen Union. Als Reaktion auf ein Video der Grünen, dass eine Aussage Seehofers aufgreift und in eine Reihe mit der AfD stellt (definitiv zugespitzt und sicherlich auch kein Beitrag, der politischen Dialog unterstützt), postete Albsteiger ein Bild:



Quelle: Screenshot Twitter

#Linksliegenlassen, ein cooler Hashtag dazu und fertig ist der Content, der bereit ist seine virtuelle Reise anzutreten. Und die ist eine wilde Fahrt. Denn von solchen Posts ist es nur ein Katzensprung zu den "konservativen" Kommentatoren, die teils bei renommierten Medien angestellt sind. Doch bleiben wir noch in der Politik. Hier ein Beispiel, welche fatalen Signale es aussendet, wenn Akteure aus der Bundespolitik in solcher Form agieren. Die Basis macht natürlich gerne mit, hier z.B. ein Herr aus NRW, der sich selbst als "a young german politician, active in the International Commission on Foreign Affairs, Security and Europe. @JU_NRW", bezeichnet:


Quelle: Screenshot Twitter

Es ist schlicht erfunden. Macht ja nichts, unterstreicht den Punkt und passt halt so schön. Kosbab sieht sich sicherlich selbst in der Mitte gut aufgehoben, ein bisschen Polemik muss ja wohl drin sein (die Unterzeile unter "Die Europa-Rede" reißt es auch nicht mehr raus).

Neben dem Posten eigener Artikel und Scharmützel mit "Gutmenschen" tummeln sich viele Journalisten ebenfalls nah an der Basis. Da kommen dann Tweets dabei heraus, wie dieser der WELT-Journalistin Birgit Kelle.


Quelle: Screenshot Twitter

Dass der Erwerb einer Bahncard in Italien recht schwierig werden könnte, geschenkt. Würde man Kelle, die sich ansonsten eher mit "GenderGaga" auseinandersetzt, dafür kritisieren wollen, dass die Aussage angesichts der Schicksale vieler Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, zynisch und menschenverachtend ist, könnte sie sich locker darauf zurückziehen, dass es a) eine Tatsache ist, dass man "früher" zu Fuß gehen musste und b) die Bahncard ja nur stellvertretend für die Tatsache der Verfügbarkeit einer Zugverbindung steht. Also völlig neutral, ein Fakt und unproblematisch. Ob das Wörtchen "wenigstens" wertend ist und einen eher daran denken lässt, dass eine Urheberin eines solches Tweets nichts dagegen hätte, dass die natürliche Barriere für so manchen Geflüchteten unüberwindbar wäre (und wer es versucht, ist eben nach dieser Logik selbst schuld, wenn Kälte oder Lawinen der Flucht ein Ende machen), bleibt offen.

Bemerkenswert ist, dass es von Frau Albsteiger und Frau Kelle wirklich nicht weit ist zum Volkszorn, der alternative Fakten für eine logische Begriffsbildung und abweichende Meinungen als Beweis für die eigene bedrohte Existenz hält. Das Ganze sieht nach deren Meinung ungefähr so aus:


Quelle: Screenshot Twitter

Was auffällt sind die vielen Hinweise darauf keiner politischen Richtung anzugehören. #Nichtlinks #Nichtrechts. Oder: #GegenNazis #GegenNaziphobie - man sieht sich als Verfechter universaler Werte, die Demokratie ist da weit vorne. Die wird auf die Tatsache, dass das Volk entscheidet, reduziert. Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes werden dagegen recht frei interpretiert.

Mit dieser Wahrnehmung unpolitisch zu sein, wird man selbst zur Mitte, macht sich zur Mehrheit, schiebt andere an den politischen Rand und sieht seinen Wertekatalog als stellvertretend für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. GEZ soll natürlich nicht gezahlt werden, da #Zwangsgebühr, schließlich „alimentiert“ man so „Vaterlandsverrräter“ wie Jan Böhmermann.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: wir bewegen uns hier immer noch im Mainstream. Doch der Grad zwischen angeblichen liberalen oder konservativen Ansichten (Attribute, die in den sozialen Medien völlig entkernt und neu intepretiert werden) und Reaktionären ist eben schmal.

Bewohner und Bewohnerinnen dieser Ecke des Social Media-Universums wollen keine Dogmen und beklagen im nächsten Halbsatz die fehlende Meinungsfreiheit. Den Widerspruch zwischen dem Dogma „Es gibt keine Meinungsfreiheit“ und der Tatsache, dass ihre eigenen Worte hundert,-tausend-, oder millionenfach verstärkt in die Welt (und am Ende ins All, was wiederum ein tröstlicher Gedanke ist) geblasen werden, sehen sie nicht.

„Heimatverbunden“ ist man natürlich schon ganz gern, wer liebt nicht die grünen Auen und die goldenen Weizenfelder, die sich leicht im Wind wiegen. #KeineReligion klingt immer gut, so aufgeklärt, aber am Ende kann man da nicht so ganz konsequent sein, schließlich lassen sich mit christlichen Grundwerten ganz geschickt ausgrenzende und von Vorurteilen getriebene Meinungen bemänteln.

#Hellwach muss man sein heutzutage, denn wenn man nicht aufpasst, dann ist die Demokratie wenn man aufwacht keine mehr. Sucht man aber nach der sachlichen Auseinandersetzung, zum Beispiel zum Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit, der Frage, wie wirtschaftliche Prozesse reguliert oder welche außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen getroffen werden - man kann lange suchen.

#NoGenderQueer ist ein fester Kampfbegriff, genau so wie #FuckTerrorism die Schuldigen fest im Blick hat. Da wird dann der „ISlam“ gerne so geschrieben, wahrscheinlich aber nur ein Zufall.

Und zack, schon ist man beim Profil des Leiters des Onlineauftritts der Jungen Freiheit angekommen. Wie wenig Klicks dafür nötig sind, ist das Erschreckende. Und das Gegenargument für die, die ihre neutrale Haltung und Faktenliebe hervorheben, dabei aber nicht verstehen, dass Selektion eine Form der Wertung ist. Dies mag es im gesamten politischen Spektrum geben, doch nur hier drohen diese Wertungen hart erkämpfte und essentielle Grundlagen des Zusammenlebens aufzuweichen. Hier weichen sachliche Diskussionen dem Aufruf "es im Herbst denen da oben zu zeigen", was völlig in Ordnung ist, wenn es bedeutet zur Wahl gehen zu wollen. Es sollte aber auch das Eingeständnis beinhalten, dass man seine Stimme wahrscheinlich einer Kraft gibt, die nicht die Absicht hat zu gestalten, sondern zu spalten. Angesichts der vielen Herausforderungen unserer Zeit eine bedenkliche Haltung.

Der Kaffee ist leer, zurück in die eigene Filterblase, wo es so schön warm und gemütlich ist. Das gehört natürlich auch zur Wahrheit. Aber wenn sich alle mal einen Kaffee lang Zeit nehmen würden beim anderen vorbei zu schauen, wäre die ganze Sache vielleicht weniger bedrückend.

Sonntag, 14. August 2016

Die "Insel des Datenschutzes" und der steigende Meerespiegel

Offenbar planen Deutschland und Frankreich eine internationale Initiative zur Entschlüsselung verschlüsselter Kommunikation. Genaue Inhalte oder eine Stellungnahme gibt es von deutscher Seite nicht, doch der französische Innenminister äußerte sich überzeugt davon, dass es künftig zu dieser Koalition kommen werde:
Viele Nachrichten bei der Vorbereitung von Terrorattentaten seien verschlüsselt, sagte der französische Innenminister. Eine internationale Aktion sei erforderlich, da ein Land nicht allein die Initiative übernehmen könne. Frankreich habe bereits eine Reihe von Vorschlägen an die deutsche Regierung übersandt. Wie diese lauten, sagte er nicht. Islamistische Attentäter sollen zur Vorbereitung ihrer Taten in Frankreich unter anderem den Messengerdienst Telegram benutzt haben.
Deutschland gerierte sich bisher als eine "Insel des Datenschutzes" und nach der Digitalen Agenda er Bundesregierung, solle das Land "Verschlüsselungs-Standort Nr. 1 auf der Welt" werden. Wie passt das zusammen? Und noch wichtiger, adressiert diese Initiative die richtigen Fragen und macht am Schluss das Leben der Bürgerinnen und Bürger sicherer?

Unser Leben spielt sich mittlerweile zu großen Teilen in der digitalen bzw. virtuellen Welt ab. Fehlende Privatsphäre wird dadurch zu einem realen Teil unserer Existenz. Die Überwachung dort wirkt sich schon heute auf unser "echtes" Leben aus (es stellt sich die Frage, inwiefern diese Entscheidung überhaupt noch Sinn macht). Einschränkungen sollten also gut begründet werden. Bildquelle: Pixabay
Werfen wir einen Blick auf einen der vielen Kommentare nach den Anschlägen von Paris vom November des vergangenen Jahres. Dort kamen viele JournalistInnen oder ExpertInnen zu dem Schluss, die Attacke habe gezeigt, dass die Verschlüsselung ein zentrales Problem sei. Ein Beispiel aus dem WDR-Blog Digitalistan:
Längst ist bekannt, dass der IS den Messenger-Dienst Telegram nutzt, um seine Propaganda zu verteilen. Größte Qualität von Telegram: Man kann Nachrichten bequem und sicher verschlüsseln. Die Nachrichten werden Ende-zu-Ende-verschlüsselt, was sie praktisch abhörsicher macht. Ein Traum für Straftäter – ein Albtraum für Behörden. Dieser Tatsache muss man ins Auge schauen und sie auch so benennen.
Diese Meinung hat sich nach den anderen Terrorakten 2016 verfestigt. Es stimmt, diese Tools können auch für diese Zwecke benutzt werden. Doch klar ist auch, dass sie für eine umfassende Radikalisierung nicht geeignet sind. Vor allem sind die Wege zu vielfältig, auf denen mittlerweile miteinander kommuniziert werden kann. Auch wird das Ausmaß gerne übertrieben, ähnlich wie beim "Darknet".

Man kann die Sache ja auch mit dem Recht auf Waffen vergleichen. Es ist richtig, dass nicht die Waffe jemanden tötet, sondern der- oder diejenige, die abdrückt. Allerdings haben Waffen keinen anderen Zweck als zu töten oder ein Hobby für eine kleine Gruppe zu sein. Insofern bieten sich hier drastische Einschränkungen an, um das Problem zu adressieren. Bei der Kommunikation stellt sich dies völlig anders dar. Moderne Kommunikationsmittel sind die Grundlage für jede gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung und haben eine solche weitreichende und heterogene Bedeutung erlangt, die es notwendig macht jede Einschränkung detailliert zu rechtfertigen und auf Plausibilität (was die Wirksamkeit angeht) und Folgen zu untersuchen.

Deswegen greift der weitere Kommentar von Jörg Schieb sehr kurz, wenn er ein Verbot der Verschlüsselung als einzige Möglichkit für die Behörden Terrorismus effektiv zu bekämpfen, darstellt: 
Man kann es den Behörden wirklich nicht übel nehmen, dass sie das wünschen, denn anderenfalls sind ihnen komplett die Hände gebunden. Dass in einem höchst-richterlich angeordneten Fall die Verschlüsselung eines Anschlusses geknackt wird, ist zweifellos ein geringerer Eingriff in die Privatsphäre als eine anlasslose Massenüberwachung.
Kritisch ist auch, dass ein Verbot der Entschlüsselung gegen die Vorratsdatenspeicherung gestellt wird. Denn das Problematische ist ja, dass die Initiativen auf politischer Ebene hier Hand in Hand gehen. Das heißt ein Verbot verschlüsselter Kommunikation bei gleichzeitiger umfassender Speicherung.  

Nochmals an dieser Stelle: Es gibt schier unendliche Möglichkeiten auf andere Kanäle auszuweichen. Seien es Verabredungen in World of Warcraft, oder die Nutzung der Playstation 4. Oder eben direkte Anwerbungsversuche. Es ist eine Illusion zu glauben, dass es genügt Nachrichten von Telegram mitlesen zu können und damit Terror zu verhindern. Und diese langfristig zu speichern verhindert Anschläge erst recht nicht.  

Außerdem haben die vergangenen Monate gezeigt, dass aufgrund der Bereitschaft einzelner Personen oder kleiner Gruppen Anschläge zu begehen eine detaillierte Kommunikation nicht mehr unbedingt notwendig ist. Der sog. "Lonely Wolf" als Alptraum aller Sicherheitsbehörden ist zum Teil Realität geworden.

Was bedeutet das nun? Der Terrorismus hat gewonnen? Nein. Nicht, wenn die Vernunft und der Schutz der Bürger- und Freiheitsrechte dominieren. Die Niederlage droht, wenn Ängste und Sorgen der Bevölkerung als Realität aufgefasst und Versprechungen auf schnelle Lösungen gemacht werden.

Ja, Sicherheitsbehörden müssen Instrumente zu effektiven Terrorbekämpfung erhalten. Dies können (zertifizierte) Trojaner sein, die eine Erfassung von Kommunikation vor der Verschlüsselung zulassen, oder die Speicherung von Inhalten Einzelner nach richterlichem Beschluss über bestimmte Zeiträume. 

Aber nein, es ist höchst fraglich, ob der Abschied der Privatsphäre und die dauerhafte und massive Erfassung der Daten aller Bürgerinnen und Bürger (was ja bereits Realität ist und es eigentlich darum gehen sollte, diese Entwicklung zurückzudrehen) dazu notwendig sind. Denn nun sind wir bei der eigentlichen Kernfrage: Wie lässt sich Terror effektiv bekämpfen?
Even if ISIS loses all of its territory in Syria and Iraq, the global jihadi archipelago could continue to expand if the social and political conditions that have led to its emergence continue to persist.
Das schrieb Scott Atran in The New York Review of Books nach dem Anschlag in Nizza. Er wies darauf hin, dass eben in Frankreich (und auch Belgien) die sozialen Strukturen eine Radikalisierung und Rekrutierung besonders "leicht" machen. Und macht deutlich, wie Terrorgruppen wie der IS sich den Entwicklungen und Bemühungen nach 2001 eben einfach angepasst hätten. Vor allem - und hier kommt der entscheidende Teil der Debatte - weist er darauf hin, dass eine digitale Rekrutierung gar nicht notwendig sei. Sie erfolge zumindest teilweise autonom oder eben im Irak oder in Syrien. 

Es handelt sich also in erster Linie um eine (sicherheits-)politische Frage. Die Konflikte im Irak, in Syrien, aber auch in Libyen, Jemen, Somalia, im Kaukasus, oder sogar die Nachwirkungen scheinbar vergangener Konflikte, wie im Kosovo der Fall - sie alle sind ein entscheidender Teil des Problems. Nun ist man also bei den Konfliktursachen angekommen. Zusammen mit Fragen der Deprivation (siehe hier, Seite 128) ergibt sich die Notwendigkeit Lösungen für Konflikte zu suchen und künftige zu verhindern. Atran drückt das so aus:
Although military defeat in Iraq, Syria, and Libya could help make it more difficult for the group to recruit, we will not be able to defeat ISIS itself until we find a way to reconnect the neighborhoods, online communities, and other particularly susceptible social and political settings where attacks like what occurred in Nice continue to find inspiration and support.
Bevor nun der Vorwurf des "naiven Gutmenschentums" laut wird: eine Überprüfung des Verhältnisses zwischen technischen Möglichkeiten von Militär und Sicherheitsbehörden und der Zahl von Terroranschlägen würde interessante Ergebnisse liefern. Genauso wie die Frage, wie Konflikte und Anschlagszahl zusammenhängen. Die Warnungen von Nachrichtendiensten und Polizeien ernst zu nehmen, heißt, eine Außenpolitik voranzutreiben, die auf Ausgleich und globales wirtschaftliches Zusammenwachsen und nicht auf die einseitige Durchsetzung geostrategischer Interessen und Handel- und Finanzstrukturen, die nur wenigen nutzen, bedacht ist.

Wenn der digital Wandel weitergehen soll, dann kann er das vermutlich nur mit effektiver Verschlüsselung. Ansonsten sind eine Industrie 4.0 und voll vernetzte Smarthomes nur schwer vorstellbar. 

Das Bild der deutschen "Insel" was den Datenschutz angeht, mag im internationalen Vergleich sogar stimmen. Doch die Entwicklungen der vergangenen Monate zeigen auch, dass der "Klimawandel" nicht nur real ist, sondern der Meeresspiegel bereits steigt.

Mittwoch, 8. Juni 2016

NSA in Deutschland: Der Spion, der in die Kälte kam

Pack your bags. We're going on an adventure! Over the next few weeks, the SID Today page will feature SIGINT stories from your fellow employees from all over the world! It's unbelievable where SIGINT can take you. Keep logging on to the SID Today page and find out! 

So beginnt der SIDtoday-Newsletter vom 06. März 2003. SIDtoday ist der interne Newsletter der NSA. Viele Ausgaben wurden nach und nach via theintercept.com veröffentlicht. Neben Informationen zu neuen Tools und Personalien, gibt der Newsletter auch einen Einblick in das Selbstverständnis und die Arbeitsweise der NSA. Und natürlich stellt man - wie immer in solchen Kontexten - fest: Ups, auch bei NSA-Angestellten handelt es sich ja um normale Menschen. Menschen mit Wünschen, mit Familien und Kindern und mit Hobbies. 

Screenshot von theintercept.com

Hier ein Bericht eines Mitarbeiters (Namen werden keine genannt und grundsätzlich gilt für alle Artikel: "SIDtoday articles may not be republished or reposted outside NSANet without the consent of S0121 (DL sid comms)."), der in Deutschland Dienst tat. Genauer im European Technical Center der NSA in Wiesbaden. Er koordinierte dort die "technische Unterstützung" mit externen Akteuren in Europa und dem Nahen Osten. Seine Frau tat praktischerweise Dienst bei der NSA in Darmstadt. Die Kinder gingen in eine Schule getragen vom Verteidigungsministerium. Auch das Arbeitsklima war super: 

For a career Intelligence and Language Analyst, the most interesting and rewarding aspects of working at ETC were exposure to the engineering work that NSA does and to the superb group of people who carry it out. It was a pleasure, indeed, even an inspiration, to deal with the technical personnel who put SIGINT and related systems in place, to witness their expertise, and to gain greater awareness of technical support, maintenance, and logistics problems. The engineering and logistics friends I made in Wiesbaden are ones I would likely not have met in my regular career field back home, and I learned a lot from them.

Die Leute der Signals Intelligence, also der Fernmelde- und der elektronischen Aufklärung scheinen also nette Kolleginnen und Kollegen zu sein. Doch was wäre die Arbeit ohne den entsprechenden Freizeitausgleich? Auch hier ist Deutschland erste Wahl. Zentral gelegen, berichtet der Mitarbeiter, seien Reisen in ganz Europa kein Problem. Frankreich, Belgien, die Schweiz - alles nur ein paar Stunden Autofahrt. Speziell der Wintersport scheint es dem "Spion" angetan haben. Die Alpen sind ja auch nur "drei bis sieben Stunden" entfernt und auch in Tschechien, Ungarn, Slovenien, Kroatien und Italien gäbe es Berge, die leicht zu erreichen seien. Fliegen ist natürlich auch kein Problem von Frankfurt aus, "including low-cost air travel to many European destinations."

Neben der Spionagetätigkeit war offenbar auch genug Zeit für kulturelles Programm: 

It was a thrill to be able to visit sites of historical and cultural significance during our tour, and living in Germany has marked our children with a considerable appreciation for European history and culture. 

Auch landschaftlich hat die Rheinregion zwischen Wiesbaden und Koblenz einiges zu bieten und es ist leicht "German life" in sich aufzunehmen, besonders natürlich "gastronomic pleasures".  Guten Weißwein gibt es, der Rheingau, Rheinhessen und das Mosel-Gebiet laden zum Probieren ein: "Even lesser-known wine regions, like Franconia, are within reach." Die Küche ist wie beschrieben auch ein Highlight, "I have not had a bad German meal yet", schreibt der NSA-Mitarbeiter. Besonders Spargel habe es ihm angetan.  

Fazit:  

Working and living in the field is a great experience, and working at ETC and living in Germany was no exception. I'd do it again.

Nun soll der Ton hier nicht zu herablassend wirken. Zunächst ist ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin eines Nachrichtendienstes eben erst einmal nur ein Angestellter des Staates und diesem verpflichtet. Teil des Öffentlichen Dienstes also. Gepaart mit solch massiven strukturellen Problemen und Kontrolldefiziten wie bei der NSA ist es aber doch schwer zu vermeiden, diese netten Plaudereien, welche in der Form einer langen Urlaubspostkarte bei den NSA-Kolleginnen und -Kollegen ankommen, nicht doch aufs Korn zu nehmen. Denn sowohl der rechtliche Status, als auch die politischen Implikationen der nachrichtendienstlichen Tätigkeit auf dem Boden eines verbündeten Staates verleihen den Empfehlungen für die Arbeit in Deutschland dann doch eine unfreiwillige Komik.

Samstag, 30. April 2016

Per App öffentlich chatten - oder: Privatsphäre besteht ohnehin nur noch auf dem Papier

Finally!

Man musste schon befürchten, niemand schafft die Möglichkeit endlich die eigenen privaten Chats einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Dank der App "Talkshow" ist dies nun möglich.

"Soll ich noch was von Kaisers mitbringen?"
"Ja, die Butter ist alle."
"Ok, bis gleich."


"Hey, wie gehts?"
"Thx, gut. Und selbst?"
"Ach ja, passt."


Absolute Perlen.

Bedenken, dass dies ein weiteres Einfallstor zur Schwächung der virtuellen Privatsphäre sein könnte, lassen sich leicht mit dem Argument, dass dies ja ohnehin in der Kakophonie des Netzes untergeht, beiseite wischen.

Und letztlich sind solche Argumente auch stimmig. Zumindest wenn sie in den Kontext von eigenen Daten und Privatsphäre gesetzt werden. Denn dann zeigt sich, dass nicht problematisch ist, wenn manche Menschen per App ihrem digitalen Geltungsbedürfnis nachkommen und andere sich von solchen Chats unterhalten lassen wollen. 
 


Screenshot https://talkshow.im/

Sondern der Hintergrund, dass Unternehmen schon heute wie selbstverständlich alle unsere Chats speichern, auf die eine oder andere Art auswerten und wir nicht verhindern können (ohne den digitalen Tod zu sterben), dass nicht nur unsere Metadaten, sondern oftmals unsere konkreten Inhalte Gegenstand einer umfassenden Datenspeicherung und -analyse sind.

Eine solche App legt also eigentlich nur offen, was gegenwärtig 24/7 geschieht. Nur dass die Leserschaft in diesem bisherigen Zusammenhang ein etwas exklusiverer Kreis ist.