Montag, 15. September 2014

Private Flüchtlingsrettung: Flucht vor der eigenen Ohnmacht

Betrachtet man die Bilder von Flüchtlingen auf überfüllten Booten, fragt man sich: Was kann ich tun angesichts der scheinbar nicht endenden Flüchtlingsströme? Angesichts der unhaltbaren Zustände in Aufnahmeeinrichtungen und Transitländern? Angesichts der schwierigen politischen Fragen, die sich mit Aufnahme und Integration schutzsuchender Menschen ergeben? Nichts, ist der erste Gedanke bei den meisten Menschen. Die Politik muss etwas ändern. Die ist in der Tat in der Pflicht, betrachtet man die vielen ungelösten Fragen auf allen Ebenen des Asylsystems. Doch da sich die Probleme an so vielen Orten bemerkbar machen, gibt es im Umkehrschluß auch viele Ansatzpunkte aktiv etwas zu tun.

Für Regina Catrambone und ihren Ehemann Christopher war es das, was direkt vor "ihrer Haustüre", vor der Insel Malta passiert. Sie wollten, "die Augen nicht mehr vor dem Leid verschließen", wie sie selbst sagen. Sie gründeten vor einigen Monaten die Organisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS), die versucht Flüchtlinge auf dem Meer aufzuspüren und deren Rettung zu gewährleisten. MOAS nennt die 40 Meter lange Phoenix ihr Eigen, ein Schiff, das zusätzlich über zwei Hubschrauberdrohnen verfügt. Damit versucht die Mannschaft in Seenot geratene Boote aufzuspüren und den Aktionsradius eines einzelnen Schiffes deutlich zu erweitern.




Anfang dieser Woche wurden innerhalb weniger Stunden 700 Flüchtlinge gerettet, insgesamt waren es innerhalb von zwei Wochen mehr als 1.500 Menschen. Insgesamt 60 Tage soll die Phoenix in den kommenden zwei Monaten auf See verbringen, was etwa 2 Millionen Euro kosten wird.

Hört man von MOAS ist es nahe liegend zu fragen: Was würde geschehen, wenn die Organisation diese Menschen nicht rettet? Was geschah bisher? Die Aktion der italienischen Marine Mare Nostrum nach der medial beachteten "Tragödie" vor Lampedusa wurde allseits begrüßt. Doch die Aktion stößt bereits an ihre Grenzen, Fachleute sehen schon wieder ein Abschwächen der Bemühungen. Dies bestätigte zum Beispiel der Direktor des italienischen Flüchtlingsrates CIR, Christopher Hein, in einer Anhörung des Bundestages Anfang Juli. 
 Mithilfe der UAVs kann MOAS große Gebiete überwachen. Doch wenn sie ein leeres Boot finden, wie auf dem Foto zu sehen, ist nicht klar, ob hier wie so oft Menschen bei der Überfahrt ertranken, gerettet werden konnten, oder Zuflucht auf einem anderen Boot fanden.

Deutlich wird: die Dunkelziffer ertrunkener Flüchtlinge dürfte sehr hoch sein. Vor Mare Nostrum gab es keine Kapazitäten, um ernsthaft gekenterte Boote aufzuspüren und die Insassen retten zu können. Seit Mare Nostrum gibt es sie und sie reichen nicht aus. Hier kommt einem immer wieder ein Auszug aus einem Bericht des französischen Geheimdienstes in den Sinn, nachdem jeder vierte Flüchtling bei der lebensgefährlichen Überfahrt ertrinken soll. MOAS füllt also eine Lücke, die bestand und weiterhin besteht.

Wie groß der Bedarf an privatem Flüchtlingsschutz ist, zeigen die bisherigen Missionen. Eigentlich wollte die Initiative vor allem Aufklärung und Nothilfe leisten und keine Flüchtlinge an Bord nehmen. Dies war aufgrund der Vielzahl an Hilfsbedürftigen jedoch nicht mehr möglich, so dass die Anfang der Woche geretteten Menschen eine Nacht auf dem Boot blieben. 

Die Koordinierungsstelle MRCC in Rom kündigte bereits nach wenigen Wochen seit dem Start eine engere Zusammenarbeit an. Dies verleiht dem privaten Engagement noch mehr Berechtigung, hinterlässt aber den oben angedeuteten Beigeschmack. Der Bedarf an Hilfe ist hoch, staatliche Institutionen leisten sie nur teilweise und die Politik scheut sich zahlreiche Probleme, wie die Möglichkeit eines Visumsantrags VOR einer Überfahrt, zu diskutieren und zu bearbeiten.


Interview mit Christian Peregin, MOAS Press Officer:

Alexander Kitterer: Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, speziell mit staatlichen Akteuren in Italien oder der EU? War es zu Anfang schwierig in diesem Umfeld zu arbeiten?

Christian Peregin: Wir hatten keine ernsthaften Probleme mit den Behörden. Unsere Mission ist eine, die offenbar jeder unterstützenswert findet: niemand verdient es auf See zu sterben. Jedes Schiff hat die Pflicht bei Such- und Rettungsmissionen Hilfe zu leisten. Der Unterschied zwischen MOAS und einem Fischerboot oder einem Frachter ist, dass dies der einzige Grund ist, warum wir auf dem Meer unterwegs sind. Um diese Verpflichtung zu erfüllen. Wir arbeiten sehr gut mit dem Maritime Rescue Coordination Centre in Rom zusammen, auch mit Mare Nostrum. Wir hatten gehofft, unser Schiff in Malta registrieren zu können, aber das dauerte einfach zu lange. In der Zwischenzeit starben Menschen bei der Überfahrt. Wir mussten diesen Prozess beschleunigen und haben uns deswegen für die Flagge von Belize entschieden. 

Glauben Sie wirklich, dass Ihr Ansatz die Wahrnehmung des Problems verändern und wirkliche Veränderungen für das ganze System nach sich ziehen kann? Oder fühlen Sie sich manchmal als Lückenbüßer und haben das Gefühl etwas zu tun, was eigentlich niemand sehen (und finanzieren) will?


Wir sind die erste NGO [Nichtregierungsorganisation, Anm. d. Interviewers], die sich speziell auf die maritime Suche und Rettung fokussiert hat. Hier liegt unsere Expertise. Wir versuchen nicht das Phänomen der Migration zu bearbeiten und diese Frage zu lösen. Was wir tun? Wir versuchen das Sterben auf See abzumildern. Wir wollen aber ebenfalls andere Menschen inspirieren. Wir glauben, dass mit der Frage der Migration positiv umgegangen werden sollte. Wir hoffen, dass unsere spür- und sichtbaren Aktionen die Leute zum Nachdenken bringen: Was kann ich tun, um zu helfen? Vielleicht spenden sie MOAS etwas, vielleicht bauen sie ihre eigenes Projekt auf und bringen ihre persönlichen Fähigkeiten auf ihre Art und Weise ein.


Zwischen August und Oktober werden Sie die Hauptrouten der Flüchtlingsboote überwachen. Was kommt danach? Sind Sie in der Lage, Ihre Arbeit im nächsten Jahr fortzusetzen? Gibt es Pläne die Aktivitäten auszuweiten?


In einer perfekten Welt werden Kriege enden und Flüchtlinge nicht länger ihr Leben aufs Spiel setzen, um sichere Zufluchtsorte zu erreichen. Die Realität ist, dass heute mehr Menschen auf der Flucht sind, als es nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war. Angesichts dieser Situation wollen wir unsere Arbeit fortsetzen. Unsere Gelder sind ausreichend, um für 60 Tage bis Ende Oktober auf See zu bleiben. Wir hoffen, dass bis dahin die Zahl der Überfahrten spürbar sinken wird. Trotzdem würden wir gerne unseren Aktionsradius in Zukunft ausweiten, vielleicht mit zusätzlichen Schiffen, vielleicht an anderen Orten, wie vor Australien oder in der Karibik. Dort gibt es ähnliche Probleme. Das Problem ist, dass diese Arbeit sehr teuer ist, so dass wir mehr Leute benötigen, die einen Beitrag für unsere Arbeit leisten. Wir bekommen bereits Spenden von anderen NGOs und Unternehmen, und wir sind aktiv auf der Suche nach weiteren Unterstützern und Spendern. Ist unsere Initiative erfolgreich, dann wird es auch weiter gehen. 


Vielen Dank! 



MOAS-Trailer über die eigene Arbeit:

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