Samstag, 25. März 2017

Wie man mit der AfD (fast) ins Gespräch kommen kann

Vorneweg, der folgende Whatsapp-Chat ist echt. Wer die Protagonisten sind, tut nicht wirklich etwas zur Sache, die Konversation könnte sich so oder so ähnlich in tausenden Whatsapp-Gruppen mit den Titeln "Peters Junggesellenabschied", "Biertastic" oder "Arbeit leider ungeil" abgespielt haben.

Gerne wird ja als Beispiel einer kontroversen politischen Auseinandersetzung im persönlicheren Rahmen das Weihnachtsessen genannt, wenn der betrunkene Onkel seine politisch inkorrekten bis rassistischen Tiraden loslässt. Aber weil ja das Fest des (Familien-)Friedens ist, ist man um eine sachliche Debatte bemüht. Insofern ist im digitalen Raum jeden Tag Weihnachten

Auslöser dieses Chats war der Anschlag von London, von dem im Laufe des 22. März nach und nach Einzelheiten bekannt wurden. Der Chat ist vom Donnerstagabend.



Meist bleiben solche Nachrichten oder Memes in dieser Gruppe unkommentiert, weder würde die Mehrheit der Gruppenmitglieder solchen Inhalten zustimmen, noch werden politische Inhalte dort regelmäßig besprochen. Zentrale Inhalte der Whatsappgruppe folgen eher diesem Schema:


Zurück zum Anschlag von London. Die erste Reaktion auf das Trauerbild und den "Witz" über Geflüchtete und Gutmenschen war relativ schlicht, schließlich handelte es sich nicht um einen Geflüchteten oder eine Geflüchtete, sondern der mutmaßliche Täter war ein 52-jähriger Mann, geboren in Kent:



Dennoch. Keine zwei Nachrichten später wird über Flucht und Grenzsicherung diskutiert, obwohl der Auslöser oder der eigentliche Diskussionsgegenstand nichts damit zu tun hat. Literaturtipps gibts auch noch oben drauf. Wobei es nicht darum geht das an sich ins Lächerliche zu ziehen. Fakten sind immer gut, Gedruckte besonders. Nur kann EIN Sachbuch nicht dafür herhalten einen solchen Gegenstand umfassend darzustellen. Ansonsten bewegt man sich auf dem wissenschaftlichen Niveau eines Thilo Sarrazin. 

Außerdem akzeptiert man bereits an diesem Punkt schon, dass Menschen als "Probleme" bezeichnet werden bzw. ignoriert es, weil sonst ein Gespräch kaum möglich scheint. Also weiter in der Sache:


Ein Klassiker. Natürlich ist das Beispiel ein Indiz und kein Beweis. Aber auch das wird konsequent in Zweifel gezogen und eingeschränkt, nach dem Motto: "Ausnahmen bestätigen die Regel".



Über die Humorschiene und das bloße Ranwanzen kommt man in solchen Fällen offenbar auch nicht sehr weit. Dann also der Versuch die Ideologie aus der Debatte zu ziehen:

Erfolgreich?


Hmm, Fake News also. Ein weiteres dickes Brett. Vielleicht benötigt man Zeugen, die als unverdächtig gelten?




Dass "Nationalökonom" Hans-Werner Sinn nicht die Bezeichnung "Spast" verdient hat - keine Diskussion. Ob seine Zahlen und Logik des Artikels wasserdicht sind - eher nicht. Aber es könnte ein Hinweis sein für die, die Einwanderung und alles Fremde als bloße Bedrohung ansehen: Seht her, die Sache ist nicht ganz so einfach.



Es ist schwierig bei diesem argumentativen Schattenboxen den Sarkasmus zurückzuhalten. Und irgendwann muss man sich doch verabschieden, wenn man von einem Terroranschlag in London bei der deutschen "Schulddebatte" landet:


Fin

Tja. Der "Wie diskutiere ich mit der AfD"-Guide sieht sicherlich anders aus (und AfD steht hier nur stellvertretend für BefürworterInnen einer Politik, die in Einwanderungsfragen bloß Abschottung propagiert, nationalstaatliche Lösungen als wirksam einschätzt und innenpolitische Debatten über globale Phänomen führt). 

Aber man kann ins Gespräch kommen. Auch wenn man sich von seinem ideologischen Standpunkt wegbewegen und rhetorisch anders agieren muss. Vielleicht bleibt beim Gegenüber der Eindruck hängen, dass miteinander Reden möglich ist. Im nächsten Schritt möglicherweise auch über die Sache selbst.

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