Dienstag, 22. September 2015

"Wie ein Virus": Suizide unter Soldaten

Selbstmorde bei aktiven Soldaten und Veteranen sind ein emotional diskutiertes und schwierig aufzuarbeitendes Thema. Ein direkter Zusammenhang zwischen aktivem Dienst im Kriegseinsatz und einer anschließenden Selbsttötung wird von den meisten Verantwortlichen immer noch verneint, auch eine offizielle geförderte US-Studie aus dem Jahr 2013 kommt zu diesem Schluss. Suizide unter Soldaten also als Randphänom? In der medialen Berichterstattung offenbar schon. In der Realität keineswegs.

Grundsätzlich gilt: Mittlerweile sterben mehr aktive Soldaten der U.S.-Armee durch die eigene Hand als in Kampfeinsätzen getötet werden. Für die Bundeswehr gilt ähnliches.  

Die Soldaten des 2. Batallions, 7. Regiment der Marines waren in Afghanistan besonders heftigen Kämpfen ausgesetzt. Die Selbstmordrate unter den Mitgliedern ist weit über dem Durchschnitt. Hier ein Soldat während eines Gefechts im Februar 2008. Photo Credits: DVIDSHUB, via flickr.com

Unter israelischen Soldaten hat sich beispielsweise die Zahl der Suizide von 2013 auf 2014 verdoppelt. Offizielle der Armee sehen keinen Zusammenhang mit dem vergangenen Gaza-Krieg. 

Offenbar muss trotz dieser verdächtigen Zahlen (und es lassen sich viele weitere Beispiele finden) differenziert werden, denn die psychische Belastung durch Einsätze scheint stark zu schwanken. Auslandseinsätze der Bundeswehr mit geringerem militärischem Risiko scheinen zum Beispiel einen relativ geringen Einfluss zu haben. Dennoch spielt auch bei diesen die Vorbereitung und die Betreuung der Soldaten eine wichtige Rolle. Dies hat vor allem im Zusammenhang mit den fehlenden Ressourcen bei der Nachbetreuung eine hohe Relevanz.

Eine aktuelle Reportage der New York Times wirft einen Blick auf das zweite Batallion des siebten Marine-Regiments. Sieben Jahre nach deren Einsätzen "verbreiten sich Selbstmorde wie ein Virus." Von 1.200 Marines brachten sich bereits 13 um. Die Suizid-Rate ist viermal höher als unter anderen jungen Veteranen und 14-mal höher als in der männlichen Gesamtbevölkerung. 



Zu den Umständen und Gründen führt die NYT die besonders traumatischen Erfahrungen, welche die Soldaten machen mussten, an:

The Marines were spread out in sandbag outposts, hours from reinforcements, and often outnumbered. With the Pentagon focused on the surge in Iraq, equipment was scant. There was no dedicated air support, few mine-sweeping trucks, often no refrigeration. The only reliable abundance was combat.

“Machine guns, mortars, rockets, RPGs, I.E.D.s, constant fighting. It was like the Wild West,” said Keith Branch of Austin, Tex., who was a 20-year-old rifleman who patrolled a village called Now Zad.

In that village alone, two Marine platoons fired more than 2,500 mortar rounds, called in 50,000 pounds of explosives from aircraft and killed 185 enemy fighters, battalion documents show.

Many of the Marines had deployed to Iraq just eight months before. At least two had been shot by snipers and one was hit by a grenade in Iraq, but they were redeployed to Afghanistan anyway. All three later killed themselves.
Auch zu weiblichen ehemaligen Armeeangehörigen gibt es Studien, die nahe legen, dass Kriegstraumata das Suizidrisiko erhöhen. Sie zeigen, dass die Selbstmordrate insgesamt sechsmal höher liegt als in der Zivilbevölkerung, in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren ist sie nahezu 12-mal so hoch. Dabei nähern sich die Raten sogar den männlichen Selbstmordraten an, obwohl das Risiko unter Männern sonst deutlich höher liegt.

So sehen sich die Soldaten, aber auch die ihre Führung, gerne selbst: fokussiert, professionell, unbeeindruckt. Doch die Selbstmordzahlen legen einen anderen Schluss nahe. Photo Credits: Marines, via flickr.com

Bemerkenswerte Ergebnisse, wenn man bedenkt, dass es sich um Angehörige von hochtechnisierten und relativ gut versorgten Armeen handelt. Akteure in asymmetrischen Konflikten, Mitglieder von Rebellen und Milizen oder Soldaten im Militär von Entwicklungs- und Schwellenländern stehen nicht nur im Schatten der Auseinandersetzung mit Krieg und Konflikt, sondern sind völlig dem Vergessen anheim gegeben. 

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