Freitag, 22. August 2014

Automatisierung des Krieges - Roboter im Militäreinsatz

Die Drohnendiskussion ist schon wieder abgeklungen, alles spricht zur Zeit dafür, dass sich dieses System international, aber auch in Deutschland (trotz der mehrheitlichen Ablehnung der Bevölkerung) durchsetzen wird. Aus Sicht der Soldaten, vor allem wenn es die Aufklärung betrifft, ist der Einsatz von Drohnen sicherlich sinnvoll. Auch bewaffnete Einsätze mindern das eigene Risiko im Einsatz. 

Das eigentliche Problem ist jedoch, wie diese Diskussion aktuell geführt wird: Grundlegende Argumente werden beiseite geschoben, nicht beachtet, die Debatte wird auf einen späteren Zeitpunkt vertagt oder es wird die Auffassung vertreten, dass eine Grundsatzdiskussion ohnehin überflüssig sei. Dies kommt auch in einem aktuellen Interview der ZEIT mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler zum Ausdruck. Der anerkannte Experte sagt zum Thema Drohnen folgendes: 
Es heißt, die Drohne sei eine feige Waffe, weil da einer mit der Zigarette im Mund und der Cola in der Hand – wenn man sich das obszön vorstellen will – am Joystick sitzt und über Leben und Tod entscheidet. Mag sein. Aber diese Kritik ist Kritik aus der Sicht einer heroischen Gesellschaft, geprägt von der Vorstellung eines Kampfes von Angesicht zu Angesicht und mit tendenziell gleichen Waffen. Wir sind nun mal eine postheroische Gesellschaft. Das heißt, wir haben nicht die Soldaten für solche Aktionen, und wir haben vor allen Dingen nicht mehr das religiöse Feuer, das den Opfergedanken anheizt. Also kann man in Abwandlung von Hegels Satz "Die Waffen sind das Wesen des Kämpfers" sagen: Die Drohne ist das Wesen der postheroischen Gesellschaft.
Dies bedeutet also, dass Drohnen die logische und notwendige Folge gesellschaftlicher Transformation sind? Könnte man nicht auch argumentieren, dass "postheroische" Gesellschaften postmilitaristische Gesellschaften sind bzw. sein wollen, die über jeden Einsatz von Waffen sorgsam und kritisch abwägen? Denn auch Münkler gibt im Verlauf des Gesprächs an:
Sicherlich wird man sagen müssen, dass die Technisierung des Krieges auch eine Enthemmung hervorgebracht hat.
Dies ist der entscheidende Punkt. Es ist nicht nur irgendein Punkt, sondern er entscheidet, ob eine Gesellschaft sich in eine Richtung bewegt, in welcher der Einsatz von Waffen leichter, unsichtbarer und damit wahrscheinlicher werden könnte. Es ist ein Punkt, der lohnt diskutiert zu werden. Ich habe vor vielen Monaten vom Heise-Verlag das Buch: "Kriegsmaschinen - Roboter im Militäreinsatz" zur Verfügung gestellt bekommen. Angesichts des aktuellen Zustands der Debatte halte ich es für lohnenswert, trotz des Erscheinungsdatums von 2012, auf den Inhalt an dieser Stelle näher einzugehen. 



Herausgeber Hans-Arthur Marsiske stellt schon zu Beginn die "Gretchenfrage" des Themenkomplexes: Wie intelligent, wie mächtig und wie unumkehrbar ist die Entwicklung von militärischen Robotersystemen? Drohnen sind nur der erste Schritt in einer Entwicklung, die längst unbemerkt von der Öffentlichkeit begonnen hat.

Gerade deswegen ist dieses Buch überaus wichtig, da es sich dem Thema viel grundsätzlicher nähert, als nur die Anschaffung von Drohnen und über deren mögliche Bewaffnung zu diskutieren. Mehrere Kurzgeschichten, darunter eine von Herbert W. Franke, geben eine Vorahnung auf fühlende Roboter und Thomas Tode verdeutlicht anhand der Betrachtung früher avantgardistischer Roboterfilme, wie schon vor hundert Jahren die Mechanisierung Hoffnungen und Befürchtungen weckte:
In den Schützengräben hatten Millionen die Unmenschlichkeit einer beschleunigten Technisierung erfahren müssen, die ungehemmte Entfesslung der Produktivkräfte, in Form von Gasgranaten, Panzern und Bombenflugzeugen. Der Weltkrieg hatte industrielles Töten mit Hilfe von Maschinen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß vorgeführt. Diese frühen Robotererzählungen und der Weltkrieg sind durch dieselben, eng verzahnten Motive bestimmt: bahnbrechende technische Erfindungen, die rapide wachsende Massengesellschaft und die selbstverschuldete Tragödie.
Das Buch liefert aber auch eindeutige Befunde für die heutige Wirklichkeit, etwa in dem Beitrag der Medienwissenschaftlerin Jutta Weber, die den kanadischen Journalisten Graeme Smith zitiert:
Brummende Roboter segeln durch den Himmel [Waziristans, Anm. d. Verf.], und niemand schläft. Arme Dorfbewohner geben ihr weniges Geld für Tabletten aus; nachts schlucken sie Beruhigungsmittel und am Morgen nehmen sie Antidepressiva. Sie fegen alle paar Stunden ihre Zimmer und Hinterhöfe im Versuch, ihre Häuser von Mikrochips zu säubern. (...) Jeder Faden ist suspekt, jeder kleine Staubhaufen. (...) So leben die Menschen in Stammesgebieten in Pakistan unter den starren Augen der US-Predator-Drohnen.
Weber spricht von einer "Abwertung und Banalisierung" des Menschlichen. Stephen Graham, Professor an der Universität Newcastle, geht in seinem Beitrag auf die Absichten der militärischen Entscheidungsträger bei der Automatisierung des Krieges ein. Die steigende Wahrscheinlichkeit zunehmend asymmetrischer Konflikte im urbanen Umfeld hat auch eine geografische Komponente, nämlich "die Entwicklung speziell auf die feinkörnigen Geografien südlicher Städte zugeschnittener Überwachungs-, Kommunikations-, und Zielerfassungssysteme". Der aktuelle Kampf gegen IS ist sicherlich nicht Teil eines Masterplans, aber er passt laut Graham in die grundsätzlichen Ambitionen des Militärs. Der Traum ist dabei folgender:
In diesem Szenario durchdringen Schwärme vernetzter Mikro- und Nanosensoren die Stadt und versorgen ganze Batterien automatischer Waffen kontinuierlich mit Zielinformationen. Zusammen erzeugen diese Systeme kontinuierliches Töten und Vernichtung von 'Zielen'. Bei dieser Art robotisierter Aufstandsbekämpfung bleibt für die US-Kommandanten und Soldaten nicht mehr viel zu tun, als die cyberorganisierten, miteinander verbundenen und zunehmend automatisierten Tötungssysteme aus sicherer Distanz zu beaufsichtigen.
Natürlich ist dies schon ein, ja mehrere Schritte weiter, als die Anschaffung von Drohnen und aktuelle Gegebenheiten auf dem Schlachtfeld. Aber der Öffentlichkeit sollte immer bewusst sein, dass diese Entwicklung nicht nur eine Frage der sichtbaren Hard-, sondern auch der verborgenen Software ist. Es ist schwierig tatsächlich zu durchdringen, zu was Waffensysteme schon Heute in der Lage sind. Graham gibt zu bedenken, dass in der aktuellen Diskussion eine "Entmenschlichung der Bewohner" zu beobachten ist und eine "Geopolitik der Entblößung und (Un-)Sichtbarkeit". 

Das Buch gibt aber auch den Befürwortern der Automatisierung Raum, zum Beispiel in Person des bekannten Robotikers Ron Arkin. Dieser berichtet von einer "Ethik-Architektur" von Kampfrobotern und hält Roboter für die besseren Soldaten:
Traditionell vertrauen wir mehr dem Menschen als der Maschine. Auf dem Schlachtfeld kann das aber gefährlich sein, denn hier reagieren Menschen anders als beim Ausfüllen eines Testformulars am Schreibtisch. Auf den Stress und das Chaos einer Kampfsituation kann man sie nur begrenzt vorbereiten. Roboter könnten besser dafür geeignet sein. Es ist nur eine Möglichkeit, aber sie könnte helfen Leben zu retten.
Arkin sagt in dem Interview aber auch, Roboter sollten erst zum Einsatz kommen, wenn sie "weniger Fehler machen als Menschen." Gleichzeitig wolle er Pazifisten auf aller Welt ermutigen, seine Arbeit überflüssig zu machen und gibt ebenfalls zu, dass solche Systeme die Schwelle zum Krieg senken könnten. Der Sammelband lässt zudem den Professor für Künstliche Intelligenz der HU Berlin, Hans-Dieter Burkhard, zu Wort kommen, der schlussfolgert:
Es scheint bisher noch so zu sein, dass Maschinen nicht vollständig autonom entscheiden, sondern dass immer noch ein Mensch die Entscheidungen beeinflussen kann. Bei genauerem Hinsehen ist das jedoch nicht immer der Fall. Bei Selbstschussanlagen und Minen ist die Entscheidung bereits auf die Technik übergegangen - mit den bekannten Folgen. Kampfroboter sind natürlich weitaus flexibler einsetzbar, und der außer Kontrolle geratene Killerroboter wurde in der Science-Fiction-Literatur hinlänglich beschrieben. Tatsächlich sind die Ängste nicht unbegründet, denn das vorschriftsmäßige Funktionieren lässt sich bei so komplexen Maschinen nicht garantieren. 
Direkt aus der Praxis berichtet Lora G. Weiss des GeorgiaTech Research Institute, Atlanta. Sie ist "erstaunt über das Tempo, mit dem das gesamte Feld voranschreitet. [...] Neue Durchbrüche werden praktisch jede Woche verkündet." Sie berichtet aber auch von zahlreichen Problemen, die beispielsweise bereits beim korrekten Erkennen eines Fahrzeugs auftreten. Darum sollten "Ratschläge, Hinweise und Meinungen menschlicher Nutzer" von autonomen Systemen berücksichtigt werden. 

Der Konfliktforscher Niklas Schörnig diskutiert detailliert die Anreize für die Anschaffung von unbemannten Systemen für die Politik. In seinem Beitrag "Die Verlockung des automatisierten Krieges" macht er deutlich, dass fiskalische Argumente genauso eine Rolle spielen, wie die Abneigung eigener Verluste. Dies korrespondiert mit der von Münkler beschriebenen "postheroischen Gesellschaft". Dabei zeigt Schörnig einen entscheidenden Punkt auf: "Im Bereich der Drohnenrüstung [...] zeigt sich, dass [...] bei aller generellen Befürwortung von Rüstungskontrolle bislang kein Engagement für diese Kontrolle in der Roboter-Rüstung zu erkennen ist." Für ihn stellen aus Sicht einer kritischen Forschung "unbemannte Kampfroboter, seien es Drohnen, Bodenfahrzeuge oder Schiffe ohne menschliche Besatzung, ein schwerwiegendes Problem dar." 

Dass die Technologie auch immer - wenn auch in deutlich geringerem Umfang und nicht so ausgereift - dem "Gegner" zur Verfügung steht, zeigt schließlich Florian Rötzer: "Dass Aufständische, Milizen, Terroristen oder Kriminelle Drohnen einsetzen werden, ist keine ferne Zukunft, sondern bereits geschehen. 2004 [!] hat die im Libanon befindliche Hisbollah bereits eine, wenn auch noch unbewaffnete Drohne über Israel fliegen lassen." Mikrodrohnen, die kaum zwei Kilo wiegen, könnten in weit entfernte Ziele gesteuert werden. Rötzer wundert sich eher über die Phantasielosigkeit der Öffentlichkeit, denn auch asymmetrische Konflikte sind von einem Wettrüsten gekennzeichnet. 

Der Physikprofessor und Mitbegründer des International Committee for Robot Arms Control (ICRAC), Jürgen Altmann, plädiert daher für eine konsequente Rüstungsbegrenzung- und regulierung dieser Waffen. Auch die Campaign to stop Killer Robots hat sich diesem Ziel verschrieben. Altmann schreibt von den zahlreichen Gefahren unbemannter Systeme, zum Beispiel in Bezug auf zivile Opfer und die Destabilisierung ganzer Regionen. Aus diesem Grund sollten bestehende Rüstungsprotokolle mindestens aktualisiert werden. Er plädiert für ein generelles Verbot, hält dies jedoch selbst für unwahrscheinlich. Zumindest sollte es seiner Auffassung nach aber Begrenzungen, was Reichweite, Nutzlast, Anzahl oder Neuentwicklungen angeht, geben.

Zusammen mit den anderen Beiträgen des Sammelbands stellt dieser eine lohnende Lektüre dar, um einer Diskussion über eine Automatisierung des Krieges überhaupt erst einmal den Weg zu bereiten. Denn das reflexhafte Verneinen jeglicher Neuerungen von unbemannten und autonomen Waffensysteme für die Kriegsführung geht, wie das Buch eindrucksvoll zeigt, an der Realität vorbei.

Auch das Internationale Rote Kreuz beschäftigt sich zunehmend mit der Entwicklung neuer Waffensysteme, wie der folgende kurze Videoausschnitt (ab 3:22) zeigt:

Keine Kommentare:

Kommentar posten